Es gibt nur wenig Menschen, die etwas Nettes über Pädophile zu sagen haben, und die gesellschaftlichen Vorurteile gegen Pädophile als Missstand betrachten. Als Pädophiler ist es fast schon eine positive Erfahrung, nicht direkt beleidigt, beschimpft und angegriffen zu werden, wenn sich andere Menschen des Themas annehmen. Umso spannender wirkt zunächst der Aufsatz zur Situation Pädophiler in Deutschland, den der Heilpraktiker Wolfgang Wedler 2022 auf seiner Webseite veröffentlichte, und der auf den ersten, flüchtigen Blick tatsächlich ein wertvoller Beitrag gegen die Stigmatisierung pädophiler Menschen zu sein scheint.

Als der Aufsatz letztens Thema in einer Sitzung des P-Punkte-Chats war, wurde mir, nachdem ich mich kritisch geäußert hatte vorgeworfen, mich mit dem Text nicht ausführlich beschäftigt zu haben und ihn aus oberflächlichen Gründen abzulehnen. Da ich so etwas nicht gerne auf mir sitzen lassen möchte, folgt hier nun eine detaillierte Analyse des Aufsatzes, Abschnitt für Abschnitt, mit allen Problemen, die ich in dem Text sehe. Insbesondere möchte ich versuchen zu erklären, warum der Aufsatz meiner Meinung nach eine äußerst problematische Grundhaltung offenbart und daher zur Aufklärung über Pädophilie absolut nicht geeignet ist – sondern im Gegenteil sogar das Potenzial hat, das Stigma gegenüber Pädophilen noch zu verstärken und zu bestätigen und es daher auch nicht ausreicht, die weniger problematischen Teile zu zitieren und den Rest zu ignorieren.

Wer nur die Kurzfassung möchte, kann hier direkt zur abschließenden Bewertung springen.

Der Aufsatz

ICD 11

Der Aufsatz beginnt mit einer Diskussion der 11. Revision der von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebenen internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-11). Wedler kritisiert, dass dort Pädophilie weiterhin einen Eintrag hat, und fordert, dass analog zur Homosexualität auch Pädophilie aus dem Handbuch entfernt wird.

Dieser Forderung kann ich erst einmal grundsätzlich zustimmen. Ein Blick in die historische Entwicklung der Klassifizierung sexueller Präferenzstörungen lässt durchaus die Interpretation zu, dass die Frage, ob eine Sexualität laut WHO als „krank“ eingestuft wird eher ein Spiegel der jeweiligen gesellschaftlichen Vorurteile, und weniger medizinischen Fakten geschuldet ist. Die Existenz einer „pädophilen Störung“ im ICD kann stigmatisierende Vorurteile unterfüttern und damit gerade die Situation verschlimmern, die zu krankheitswertigen Belastungen bei pädophilen Menschen führen. Mehr dazu hatte ich vor zwei Jahren in einem Video ausgeführt.

Wedlers grundsätzlich nicht unberechtigte Kritik an der ICD-Einstufung leidet letzten Endes aber an einer ungenauen Darstellung. So ist unklar, woher genau die deutsche Fassung der „pädophilen Störung“ kommt, die er zitiert – sie entspricht jedenfalls nicht der aktuellen deutschen Entwurfsfassung und unterscheidet sich in einigen wesentlichen Punkten davon. Insbesondere ist laut offizieller Entwurfsfassung eine pädophile Störung diagnostizierbar, wenn die betroffene Person durch ihre Pädophile „stark belastet“ ist, während Wedler von „merklich betroffen“ spricht. Dies hat durchaus Auswirkungen: da Pädophilie ein Teil der eigenen Identität ist, dürfte so ziemlich jede:r Pädophile davon „merklich betroffen“ sein, aber nicht jeder ist dadurch notwendigerweise auch „stark belastet“. Nicht das WHO, sondern ausgerechnet Wedler macht damit jeden Pädophilen zu einem kranken Menschen, was das ICD derart pauschal nicht hergibt.

Absicht / Begriffsbestimmung

Ich bin der Ansicht, dass wir viele Unklarheiten, Missverständnisse und stigmatisierende Vorurteile aus dem Weg räumen könnten, wenn wir uns auf klar und sauber definierte Konzepte für bestimmte Begriffe einigen könnten. So hat es mich durchaus gefreut zu sehen, dass der Aufsatz mit einem Abschnitt zu Begriffsbestimmungen anfängt. Solche Definitionen ermöglichen es uns als Leser, konkret über Konzepte und Inhalte zu reden, ohne dass wir raten müssen, was mit bestimmten Begriffen gemeint sein könnte.

Zentral in dem Abschnitt zur Begriffsbestimmung ist die Definition von „Missbrauch“, den Wedler als sexuelle Übergriffe „durch Anwendung physischer oder psychischer Gewalt“ definiert. Leider wird der Begriff Gewalt, der mindestens genauso deutungsoffen ist wie der Begriff „Missbrauch“ nicht weiter definiert, sodass letzten Endes doch wieder offen bleibt, was der Definition zufolge genau unter dem Begriff fällt.

Interessanter als, was nach dieser Frage unter den Begriff Missbrauch subsumiert ist, ist aber vielleicht die Frage, was laut dieser Definition nicht (zwingend) darunter fällt. Dazu gehören insbesondere sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern, die durch emotionale Manipulation, Ausnutzen von Abhängigkeitsverhältnissen oder auf scheinbar freiwillige Initiative des Kindes zustande kommen. Dafür, dass sexuelle Kontakte zu Kindern auch dann problematisch sind, wenn sie scheinbar „von beiden Seiten gewollt“ sind, gibt es zahlreiche Argumente. In der Missbrauchsdefinition der Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung fallen daher auch Handlungen, in die Kinder aufgrund „körperlicher, seelischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen können“.

Auch wenn man sich die Definition der Missbrauchsbeauftragten nicht zu eigen macht, ist die völlige Abwesenheit dieser Kategorie an Handlungen in Wedlers Missbrauchsdefinition auffällig. Wie wir später sehen werden, handelt es sich dabei um eine bewusste Entscheidung, und nicht nur um einfache Unachtsamkeit. Für den Moment merken wir uns diese Definition – wir werden später darauf zurückkommen.

Auslöser

Im nächsten Abschnitt schreibt Wedler von seiner Motivation, die ihn zum Verfassen des Beitrags getrieben hat. Und hier dauert es nicht lange, bis seine eigentlichen Intentionen dem aufmerksamen Leser offenkundig werden.

Der Aufsatz trägt die Überschrift „zur Situation Pädophiler in Deutschland“. So wirkt es erst einmal irritierend, dass Wedler einen Absatz der therapeutischen Behandlung von Missbrauchsopfern widmet. Was hat das mit der Situation Pädophiler zu tun? Während er zunächst kritisiert, dass Opfer sexueller Übergriffe auf diese reduziert werden, beklagt er im nächsten Absatz, dass „bereichernde“ (sic!) sexuelle Kontakte von Kindern mit Erwachsenen nicht betrachtet würden. Und obwohl er selber erzählt, dass solche Kontakte „nicht gefunden“ werden (weil seiner Darstellung nach niemand danach sucht) und er dementsprechend keine Belege dafür nennen kann, steht für ihn trotzdem fest, dass solche Kontakte nicht grundsätzlich zu verurteilen sind.

Es entsteht der Eindruck, dass sexualisierte Kontakte zwischen
Erwachsenen und Kindern zwangsläufig problematisch sind. Das ist nicht der Fall.

Nicht nur enthält der Aufsatz keinerlei Belege für diese Aussage. Er geht außerdem nicht weiter darauf ein, dass auch Fälle, in denen solche Kontakte als „unwichtig oder bereichernd“ erfahren wurden nicht zwingend bedeuten, dass sie unproblematisch sind. Um einmal in aller Kürze darauf einzugehen: relevant ist vor allem, ob man im Vorfeld abschätzen kann, dass ein sexueller Kontakt unschädlich ist. Das ist aufgrund der fehlenden Reife von Kindern schlicht unmöglich. Fälle, in denen im Nachhinein kein Schaden entstanden ist, sind kein Gegenbeispiel dafür. Die Langfassung gibt's hier.

Spätestens hier ist klar, dass die Fälle von ich nenne sie mal „scheinbar einvernehmlichen“ sexuellen Kontakten nicht zufällig, sondern ganz bewusst aus der vorigen Missbrauchsdefinition ausgeklammert sind. Für die Interpretation des Aufsatzes ergibt sich damit ein grundsätzlich anderes Bild: auch wenn stellenweise eine objektive und sachliche Auseinandersetzung mit und die Entstigmatisierung von Pädophilie gefordert wird, ist das vornehmliche Ziel die gesellschaftliche Akzeptanz sexuell intimer Beziehungen zwischen Pädophilen und Kindern. Wir werden später noch weitere Beispiele dafür finden.

An dem Rest des Abschnitts ist ärgerlicherweise nicht allzu viel auszusetzen. Ärgerlicherweise deswegen, weil dadurch Teils wichtige und richtige Botschaften mit dem Werben für Akzeptanz von sexuell übergriffigen Handlungen gegenüber Kindern vermischt werden. So weist er korrekterweise darauf hin, dass die meisten Kindesmissbrauchstaten nicht von pädophilen Menschen begangen werden (dies gilt übrigens auch, wenn man die juristische Definition von „Missbrauch“ zugrunde legt), und dass es zu wenig Hilfsangebote für pädophile Menschen gibt, die gesellschaftliche Ausgrenzung erfahren. Ebenso kritisiert er korrekterweise den Hass, den pädophile Menschen tagtäglich erleben, wobei Kinder häufig als „Rechtfertigung für abscheuliche Beiträge“ herhalten müssen. Leider fehlt es dem Abschnitt allerdings an Belegen, welche diese Aussagen stützen.

Kinder als sexuelle Wesen

Ein Muster des Aufsatzes ist, dass auf jeden Absatz, der berechtigte Gesellschaftskritik enthält ein Absatz mit mindestens problematischen Aussagen folgt, die nicht zuletzt auch geeignet sind, das Misstrauen, die Angst und das Stigma gegenüber pädophilen Menschen weiter aufrechtzuerhalten.

Völlig haltlos behauptet Wedler nämlich als nächstes, dass Pädophilie die Frage nach sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Kindern aufwirft. Seiner Meinung nach „meinen“ viele, „diese sei beantwortet“ – womit er einerseits alle Erkenntnisse zu den Folgen sexuellen Missbrauchs als reine „Meinung“ entwertet, und andererseits impliziert, dass die landläufige Meinung (nämlich dass diese Kontakte nicht tolerierbar sind) falsch ist.

Da er auch hier auf jeden ernstzunehmenden Beleg verzichtet, greift er stattdessen auf einen umso absurderen Vergleich zurück. Ähnlich wie das „Klettern auf einen Baum […] als Gefahr oder als Lern- und Erfahrungsmöglichkeit“ gesehen werden kann, verhalte es sich auch mit Sexualität. Ob ein Kind einen Baum oder einen Erwachsenen besteigt, macht laut Wedler also keinen signifikanten Unterschied – beides sind schließlich Gelegenheiten, etwas fürs Leben zu lernen. Oder so ähnlich.

Ich meine, muss ich wirklich erklären, warum dieser Vergleich absurd ist? Vielleicht hilft folgender Gedanke: mit dieser Argumentation kann jede noch so riskante Aktion mit Kindern gerechtfertigt werden, solange irgendeine Chance besteht, dass das Kind etwas Positives daraus mitnehmen kann. Den Achtjährigen mit 200 Sachen über die Autobahn fahren lassen? Der Sechsjährigen den unbegrenzten Konsum von Alkohol ermöglichen, wenn sie dies wünscht? Dem Neunjährigen die 20 Meter hohe Steilküste erklimmen lassen, wenn ihm der Baum langweilig geworden ist? Warum nicht, aus all diesen Erfahrungen kann man ja was lernen. Und wenn es schiefgeht … was soll’s, man kann Kinder schließlich nicht vor allen Gefahren schützen.

Die Tatsache, dass Erziehung auch (teils äußerst schwierige) Nutzen-Risiko-Abwägungen bedeutet, heißt im Umkehrschluss nicht, dass jedes Risiko akzeptabel ist. Wedler scheint hier einer Art Falsches-Dilemma-Fehlschluss zu erliegen, nach der man nur entweder alle, oder gar keine Risiken im Leben von Kindern akzeptieren kann. Bei der Bewertung des Risikos sexueller Handlungen mit Kindern helfen vielleicht folgende Fragen: Wer profitiert von den Handlungen eigentlich am meisten? Was haben Kinder davon, wenn Erwachsenen sexuelle Intimitäten mit ihnen erlaubt werden? Und wer hat im Schadensfall die schlimmsten Folgen zu tragen?

Im weiteren Verlauf bedient sich Wedler einer geschickten Taktik: während er zuvor noch ausdrücklich (wir haben es gesehen) über Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern redete, schreibt er plötzlich, ohne den Übergang deutlich zu machen, von kindlicher Sexualität im Allgemeinen. So behauptet er, die Pädagogik würde fälschlicherweise das Kind nicht als sexuelles Wesen anerkennen und jegliches sexuelles Begehren bei Kindern leugnen.

Diese Behauptung wird häufig aufgestellt von Menschen, die für die Legalisierung von Kindesmissbrauch argumentieren. Weil Erwachsenen keine sexuellen Handlungen mit Kindern erlaubt werden, wird behauptet, dass Kinder als asexuelle Wesen gesehen werden, und jegliche sexuellen Gefühle bei Kindern zum Nachteil der Kinder geleugnet und unterdrückt werden. Das entspricht schlicht nicht der Wahrheit. Dass Kinder schon von Geburt an (und sogar vorher) sexuelle Wesen sind, hat längst den Weg in die Pädagogik und auch in Elternratgeber gefunden. Das habe sogar ich in einem Pädagogik-Grundkurs vor zehn Jahren gelernt, Wedler als „staatlich anerkannter Erzieher“ müsste dies also auch wissen. Seine Aussagen an dieser Stelle sind also entweder eine bewusste Irreführung, oder für ihn sind kindliche Körpererkundungsspiele und ähnliches keine richtige „Sexualität“ und die beginnt erst dann, wenn Kinder sexuelle Handlungen durch Erwachsene erfahren „dürfen“.

Aber warum reden wir überhaupt darüber, wenn es in dem Aufsatz doch eigentlich um die Situation Pädophiler in Deutschland geht? Genau das ist das Problematische an Wedlers Darstellung, dass die Frage nach sexuellen Handlungen mit Kindern im Kern der Frage steht, wie gesellschaftlich mit Pädophilen umgegangen werden soll. Am Ende stützt er damit nämlich die Stigmatisierung pädophiler Menschen, indem er die Vorurteile bestätigt, dass die Akzeptanz von Pädophilie gleichbedeutend ist mit der Akzeptanz von Kindesmissbrauch, und jegliche „Normalisierung“ von Pädophilie damit als Gefahr zu betrachten ist.

Kinder lieben / Kontakt zu Kinder

Eine weitere häufig verwendete Argumentationsstrategie von Befürwortern sexueller Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen ist es, dass Negativfolgen solcher Taten nicht durch den Kontakt selber zustande kommen, sondern durch die Reaktionen des Umfelds, wenn dieser Kontakt bekannt wird. So ist es nicht verwunderlich, dass auch Wedler genau in diese Kerbe schlägt. Wenn ein Pädophiler sich auf sexuelle Handlungen einlässt, würde dieser ihm zufolge dem Kind definitiv keinen Schaden zufügen. Ein Trauma würde ihm stattdessen durch „Eltern, Justiz und alle am Prozess beteiligten“ zugefügt werden. Diese Aussage wird ebenso wie alle anderen zentralen Aussagen des Aufsatzes ohne jeglichen Beleg stehen gelassen.

Und Wedler geht noch weiter. Nicht nur stellt er diese unbewiesene Behauptung als Fakt dar, er behauptet außerdem (wieder ohne jeglichen Beleg), „die meisten Pädophilen“ würden es auch so sehen.

Die meisten Pädophilen verzichten auf den sexuellen Kontakt. Nicht weil sie denken, dieser würde dem Kind schaden. Sie wissen, was dem Kind passiert, sollte es herauskommen.

Schenkt man dieser Aussage Glaube, gibt es also nur zwei Arten von Pädophilen: solche, die Kinder missbrauchen, und solche, die es gerne würden aber es aus Angst vor Entdeckung nicht tun. Das alleine sollte schon Beweis genug dafür sein, dass der Aufsatz absolut ungeeignet ist, um für die Entstigmatisierung des Themas Pädophilie zu werben, und eher selber noch zum Stigma beiträgt. Ich selber würde niemanden ein Kind anvertrauen, der so denkt – zu groß wäre mir die Gefahr, dass derjenige doch in eine Situation kommt, in der er das Risiko nicht entdeckt zu werden als vertretbar einschätzt. Ein nicht-Pädophiler, der Wedlers Worten Glauben schenkt und denkt, jeder Pädophile denkt so muss zu dem Schluss kommen, dass die Ausgrenzung Pädophiler zur Sicherheit von Kindern nicht nur gerechtfertigt, sondern auch notwendig ist.

Kinderpornografie

Der nächste Abschnitt beschäftigt sich mit dem Thema Kinderpornografie, und insbesondere den letzten Gesetzesverschärfungen. Auch wenn ich an dem Abschnitt, im Großen und Ganzen, nichts auszusetzen habe, irritieren dennoch einige fragwürdige Behauptungen.

Dass etwa die Straftat des gewerbsmäßigen Handelns mit Kinderpornografie schon erfüllt sein soll, wenn man ohne zu zahlen Kinderpornografie abruft, erscheint mir als juristischen Laien mehr als fragwürdig. Zunächst einmal bezieht sich der gewerbsmäßige Handel auf Herstellung und Verbreitung, nicht auf den Besitz. Und dass vor alleine die „Absicht, […] Geld sparen zu wollen“ für eine Gewerbsmäßigkeit ausreicht, scheint auch nicht der gängigen Definition zu entsprechen, wonach „Gewerbsmäßig handelt, wer sich aus wiederholter Tatbegehung eine nicht nur vorübergehende, nicht ganz unerhebliche Einnahmequelle verschaffen will“.

Darüber hinaus zieht Wedler auch hier problematische und stigmatisierende Querverbindungen zu Pädophilie. So soll eine nicht näher benannte russische Studie zu dem Ziel gekommen sein, dass „pädophile Nutzer von Kinderpornografie […] Wert auf Abbildungen [legen], die ohne Zwang oder Gewalt angefertigt wurden“. „Richtige“ Missbrauchsabbildungen würden von Menschen mit einem Gewaltproblem angesehen werden, nicht von Pädophilen. Dabei wird komplett unter den Tisch fallen gelassen, dass Abbildungen, bei denen kein Zwang oder Gewalt direkt zu sehen sind nicht notwendigerweise auch Abbildungen sind, für deren Erstellung kein Zwang oder Gewalt angewandt wurde.

Dass Kinderpornografie und Missbrauchsabbildungen nicht als synonyme Begriffe betrachtet werden sollten, habe ich an anderer Stelle selber argumentiert. Im Zusammenhang mit Wedlers zuvor deutlich gewordenen Ansichten, dass sexuelle Handlungen zwischen Pädophilen und Kindern grundsätzlich unschädlich sind, ergibt sich der Eindruck, dass er auch die Aufnahmen solcher Handlungen für grundsätzlich unproblematisch hält.

Ermittlungsbehörden / Normale Kinderbilder / Sexpuppen mit kindlichem Erscheinungsbild

Ich muss zugeben, dass ich mich auch schon gefragt habe, was die Ermittlungsarbeit im Bereich Kinderpornografie so belastend macht, dass regelmäßig Zulagen und Boni für die in dem Bereich eingesetzten Ermittler:innen verhandelt werden – gerade im Vergleich zu Arbeitsbereichen, in denen sie realer Gefahr für Leib und Leben oder direkt mit den Opfern von schweren Gewaltverbrechen konfrontiert werden. Zu fordern, dass diese Zulagen abgeschafft werden, wie Wedler es tut, scheint mir dennoch nicht sinnvoll zu sein und erweckt eher den Eindruck, dass er sich auf ein persönliches Feindbild eingeschossen hat, dem er unter allen Umständen alles Positive verwehren möchte.

Weiterhin behauptet er, das in den Foren im Umlauf befindliche kinderpornografische Material sei nicht nur „immer dasselbe“, sondern „überwiegend 15–25 Jahre alt.“ Diese überraschend spezifische Aussage wird erneut nicht belegt und ist zumindest fragwürdig, 2021 hat das NCMEC immerhin 1,4 Millionen digitale Fingerabdrücke bisher unbekannter kinderpornografischer Aufnahmen in ihre interne Referenzdatenbank neu aufgenommen. Auch das Argument, dass neues Material von Computerprogrammen nicht gefiltert werden könne, hält einer genaueren Betrachtung nicht stand. Erstens können Computerprogramme tatsächlich nicht alle entsprechenden Dateien filtern – unter anderem deswegen werden Ermittler:innen benötigt, welche die Festplatten von Verdächtigen am Ende manuell auswerten. Zweitens gibt es heutzutage bereits künstliche Intelligenz, die auch in der Lage ist, bisher unbekanntes Material zu erkennen. Das Ganze ist aber immer mit einer gewissen Fehlerquote behaftet, weshalb die manuelle Prüfung auch hier nicht wegfallen kann.

Der Abschnitt zu normalen Kinderbildern wiederum enthält einige berechtigte Kritik, die aber wieder durch die mangelhafte Quellenarbeit geschmälert wird: so wird die Folge irgendeiner Sendung für ihr unmenschliches Porträt eines gesetzestreu lebenden Pädophilen kritisiert, ohne dass die Folge oder zumindest die Sendung genannt wird.

Der Kritik des Verbots von Puppen mit kindlichem Aussehen kann ich mich größtenteils anschließen, schließlich war das auch hier schon öfter mal Thema. Aber auch hier fehlt es an dringend benötigten Belegen, Links und Quellenangaben, sodass der Abschnitt einen kritischen Leser eher nicht überzeugen können wird.

Kritische Betrachtung von „Kein Täter Werden“

Auch der Kritik an dem Präventionsnetzwerk „Kein Täter Werden“ (KTW) kann ich mich an einigen Stellen anschließen, ist an anderen Stellen aber deutlich zu platt. Richtig ist, dass der Name schon grundsätzlich ein Stigma in sich trägt. 2020 schrieb ich dazu anlässlich einer gerade neu veröffentlichen Studie: „Schon im Namen von KTW steckt die Ansicht drin, dass pädophile Menschen irgendwie Hilfe dabei brauchen, keine sexuellen Übergriffe zu begehen. […] Die Ansicht, die implizit dahinter steht: pädophile Menschen sind doch irgendwie immer eine Gefahr, tickende Zeitbomben quasi, die in Therapie gehören um dort mühsam zu lernen, keine Kinder zu missbrauchen.“

Ebenso ist die therapeutische Abdeckung für pädophile Menschen, die keine Angst haben Straftaten zu begehen aber unter Stigmatisierung, Ausgrenzung oder auch Liebeskummer leiden katastrophal (sprich: praktisch nicht vorhanden). Sinnvoll wäre es daher meiner Meinung nach, KTW für alle (auch nicht-pädophile) Menschen zu öffnen, die befürchten Übergriffe zu begehen, und gleichzeitig spezifische Hilfsangebote für Pädophile zu schaffen, die nicht unter dem Leitmotiv und Primärziel der Prävention stehen. Aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel.

Wedlers Behauptung, dass „eine Vielzahl der KTW Therapeuten“ Pädophile alleine auf ihren Sexualtrieb reduzieren würden, grenzt für mich aber schon an Verleumdung. Ich habe bei KTW sowohl positive als auch negative Erfahrungen gemacht und würde nicht so weit gehen, einer Mehrheit der in dem bundesweit agierenden Netzwerk agierenden Mitarbeiter:innen menschenverachtende Ansichten zu unterstellen.

Kritisch wird es auch, wenn Wedler davon spricht, dass Pädophile das gleiche Beziehungsideal wie die „Mehrheitsgesellschaft“ haben. Grundsätzlich stimmt es, dass pädophile Menschen im Allgemeinen die gleichen emotionalen und romantischen Bedürfnisse bezogen auf Kinder haben, wie nicht-pädophile Menschen auch. Aber Kinder sind eben keine Erwachsenen, und daraus ergibt sich dann doch die ein oder andere Besonderheit. Nicht nur, dass sexuelle Intimität mit Kindern nicht möglich ist, auch romantische Nähe, wie es nicht-pädophile Menschen erleben können, ist kaum realisierbar. Gemessen an vorigen Aussagen kommen hier durchaus Zweifel aus, ob sich Wedler dieser Unterschiede bewusst ist oder auch der Meinung ist, dass Pädophile grundsätzlich genauso Beziehungen zu Kindern führen können sollten, wie es nicht-pädophile mit Erwachsenen machen, mit allem, was dazu gehört. Das macht es unklar, ob sich hinter der auf den ersten Blick humanisierenden Aussage gegenüber Pädophilen nicht die stille Aufforderung zu Legalisierung sexueller Handlungen mit Kindern versteckt, und zeigt, warum selbst nur die scheinbar positiven Passagen aus dem Text zu zitieren nicht ohne Fallstricke ist.

Zum Schluss weist Wedler darauf hin, dass sich pädophile Klienten gegenüber Therapeuten in einer asymmetrischen Beziehung befinden, in der sie besonders verletzlich sind und sich zu Dingen überreden lassen könnten, deren Folgen sie „nicht annähernd begreifen“ können. Es ist bemerkenswert, dass Wedler diese Gefahr in der professionellen Beziehung zwischen Klient und Therapeut erkennt, aber im Kontext sexueller Beziehungen zwischen Pädophilen und Kindern nicht für auch nur erwähnenswert zu halten scheint.

Selbstbefriedigung

Weiter geht es mit einer historischen Abhandlung zur „Geschichte der Onanie“. Diese fördern laut Wedler Parallelen zutage, die „erschrecken“. Im Einzelnen sei dies die „Monodiagnostik“ vergangener Mediziner und Pädagogen, die Onanie als Ursache jeglichen körperlichen und geistigen Übels erkannt haben wollte, weil bei der Befragung von Erkrankten fast immer festgestellt wurde, dass diese sich in der Vergangenheit schonmal selbst befriedigt hatten.

Die Parallele in der Modernen liegt laut Wedler im Umgang mit Missbrauchsbetroffenen, deren Missbrauchserfahrungen als Ursache für jegliche Erkrankungen und Störungen konstruiert werden würden. Die Skepsis, dass sexuelle Erfahrungen mit Erwachsenen als Kind überhaupt negative Folgen haben können, trieft dabei förmlich aus jeder Zeile. Wissenschaftliche Erkenntnisse, die dieser Skepsis widersprechen, werden entsprechend denunziert – aber nicht durch das Zitieren von Arbeiten, die zu gegenteiligen Ergebnissen kommen, sondern indem einfach das Wort „wissenschaftlich“ in Anführungszeichen gesetzt wird. Dies soll wohl implizieren, dass alle Arbeiten, die einen dauerhaften Schaden nachweisen höchstens pseudowissenschaftlich sein können, freilich ohne, dass diese Kritik weiter unterfüttert oder substanziiert wird.

Laut Wedler sind die Opfer des Ganzen „vor allem Pädophile“. Was natürlich falsch ist: wenn überhaupt, sind die Opfer Pädophile, die ihre Sexualität ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen mit einem Kind ausleben wollen, und das sind bei weitem nicht alle Pädophile. Pädophile, die sexuelle Handlungen mit Kindern ablehnen – und zwar grundsätzlich und nicht nur aus Angst vor Konsequenzen – und diese nicht entkriminalisieren wollen, scheint es in Wedlers Welt nicht zu geben. Letzten Endes macht ihn das nicht viel besser als jemand, für den Pädophile allesamt Missbrauchstäter sind.

Opfer / Digitale Opfer

In diesen Abschnitt sehen wir nicht viel Neues, was wir nicht bereits gesehen haben. Wedler wehrt sich erneut dagegen, dass „sexuelle Erfahrungen mit einem Erwachsenen“ pauschal als Kindesmissbrauch gesehen werden und wiederholt die falsche Behauptung, dass es kein Problem darstellt, wenn ein Erwachsener sexuelle Handlungen vornimmt, weil Kinder ja grundsätzlich sexuelle Wesen seien. Von Links und Quellenangaben fehlt weiterhin jede Spur.

Besonders hässlich wird es allerdings, wenn er auf Opferverbände zu sprechen kommt. Es ist eine Sache, einzelne Kinderschutzorganisationen aufgrund ihres Vorgehens zu kritisieren. Ein gutes Beispiel ist die äußerst fragwürdige Organisation Bündnis Kinderschutz des Kampfsportlers und Hobbycholerikers Carsten Stahl, deren populistische Aktionen schon zur Retraumatisierung von Opfern und zum Freispruch mutmaßlicher Täter geführt haben. Ein weiteres Beispiel ist die Organisation Innocence in Danger, die unter Verwendung unseriöser Falschaussagen versuchen, gefährliche politische Forderungen durchzudrücken. Es ist also keineswegs so, dass alle Kinderschutzorganisationen über jegliche Kritik erhaben wären, und wie man an den verlinkten Artikeln sieht, findet diese Kritik auch durchaus statt.

Wedler geht aber noch weiter als nur bestimmte Organisationen wegen konkreten Verhaltens zu kritisieren: Er kritisiert pauschal und ohne konkrete Vorwürfe alle Opferverbände, indem er ihnen grundsätzlich und undifferenziert niedere Motive vorwirft. Diese würden bewusst Narrativen verbreiten, die auch Betroffenen schaden, um dadurch eigene finanzielle Interessen durchzusetzen. Ironischerweise wurden genau diese Vorwürfe vor kurzem gegen Wedlers eigene Zunft, den Heilpraktikern, erhoben, dort allerdings unterfüttert durch handfeste Recherchen des öffentlich-rechtlichen Recherchemagazins „Vollbild“.

Diese Vorwürfe gegen die Opferverbände wiederum werden, wenig überraschend, durch nichts belegt. Lediglich der Begriff „Seelenmord“ als Bezeichnung für sexuellen Missbrauch werde laut Wedler von den Verbänden bewusst eingesetzt, um die Debatte zu emotionalisieren und letzten Endes die Anzahl der Opfer (und damit ihre finanziellen Gewinne) künstlich nach oben zu treiben. Auf den Webseiten vieler Kinderschutzorganisationen wie dem Kinderschutzbund, Dunkelziffer oder Zartbitter, aber auch der Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten wird das Wort „Seelenmord“ allerdings überhaupt nicht erwähnt.

Öffentlichkeit / Anonymität / Pädophilie als Waffe / Die Sicht der Bürger auf Pädophilie

Die nächsten Absätze beschreiben wieder größtenteils korrekt die Situation, in der Pädophile aufgrund des hohen Stigmas leben. Letzten Endes wird man sich als pädophile:r Leser:in dort wiederfinden können, aber für Menschen, die nicht selber in dieser Situation leben, liefert der Absatz abgesehen von hypothetischen Szenarien und als wahr vorausgesetzten Aussagen wenig Überzeugendes.

Ersatztäter / Gewalt gegen Kinder

Es stimmt, dass die meisten Täter:innen von Kindesmissbrauch nicht pädophil sind. Je nach Studie und insbesondere der verwendeten Methodik liegt der Anteil zwischen 2 % und 50 %, wobei die meisten Zahlen eher unterhalb der 20 % liegen.

Wedler kritisiert darauf aufbauend die einfache und diskriminierende Darstellung „Pädophil = Böse, Hetero = Gut“, erliegt dabei aber einer ebenso vereinfachten Darstellung, nach der es ausschließlich die böse Gesellschaft ist, die Kindern Schaden zufügt – etwa indem sie Kindern, die „einvernehmliche“ Sexualkontakte zu Erwachsenen hatten ein Trauma einredet. Die Gesellschaft solle doch aufhören, voller Hysterie pädophilen Menschen die Freude am Geschlechtsverkehr mit Kindern zu nehmen, und stattdessen lieber mal an die armen hungernden Kinder in Afrika denken.

Zugegeben, ganz so platt formuliert er es nicht, aber doch relativ ähnlich. Kurz vor Schluss führt Wedler jedenfalls noch ein Paradebeispiel eines Whataboutisms vor – also einer Desinformationsstrategie, die von dem Fehlen eigener Argumente durch den Hinweis auf Missstände an anderer Stelle abzulenken versucht. In diesen Fall ist es Kinderarmut, die im Gegensatz zu sexuellem Kindesmissbrauch keine Aufmerksamkeit erfahren würde, wodurch Kinder in Armut keine Unterstützung und „keine Lobby“ hätten. Der Grund dafür sei, dass Armut „eben nicht sexy“ sei (Missbrauch aber schon?) – diese Darstellung stimmt selbstverständlich überhaupt nicht.

Fazit

Kommen wir (darf ich sagen, endlich?) zum Ende des Aufsatzes. Was ist also das Fazit der ganzen Geschichte? Ein paar gesellschaftskritische Aspekte werden hier genannt, die ich selber auch schon kritisiert habe – etwa, dass Pädophile gezielt aus der Gesellschaft und dem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen werden. Aber umrahmt werden diese Aspekte von einem ganz anderen Thema: nämlich, dass „dem Pädophilen zur Befriedigung seiner Wünsche nicht viel“ bleibt, und die Gesellschaft einen „entspannten Umgang mit Sexualität“ dringend benötigen würde. Im Kontext voriger Aussagen heißt das wohl, dass die Gesellschaft sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern nicht grundsätzlich verteufeln solle. Denn wir erinnern uns: laut Wedler sind diese „unentspannten“ Reaktionen des Umfeldes, wenn solche Kontakte bekannt werden der einzige Quell eventueller Negativfolgen beim Kind.

Quellen

Mehrfach bemängelt habe ich das Fehlen jeglicher Quellenverweise bei allen zentralen Aussagen des Aufsatzes. Zugegebenermaßen, die Kritik stimmt nicht so ganz: am Ende des Aufsatzes findet sich tatsächlich ein Quellenverzeichnis mit insgesamt zwölf Einträgen. Problem dabei ist, dass diese Liste ohne jeglichen Bezug zum Text des Aufsatzes steht. Dadurch ist völlig unklar, wofür genau die Einträge in dem Quellenverzeichnis ein Beleg sein sollen.

Einer der Quelleneinträge ist etwa einfach nur ein Link auf die Hauptseite von Kein Täter Werden. Wofür soll das nun eine Quelle sein? Welche Informationen der Webseite wurden für welche Passagen des Aufsatzes in welcher Form verwendet? Das bleibt unklar. Am Ende ist das ähnlich nichtssagend, als würde man eine 15-seitige Hausarbeit schreiben und am Ende in das Quellenverzeichnis einfach nur „https://wikipedia.org“ eintragen.

Ein paar Einträge aus dem Quellenverzeichnis verdienen aber dennoch eine besondere Erwähnung. Da wäre einmal das „Lexikon der Pädophilie Irrtümer“ von Felix Kaiser. Die meisten dieser „Irrtümer“ betreffen Argumente, die gegen sexuelle Kontakte mit Kindern vorgebracht werden. Damit ist diese Sammlung, anders als es der Titel impliziert, weniger eine Richtigstellung häufiger Falschannahmen über Pädophilie und mehr eine Sammlung von Scheinargumenten dafür, warum sexuelle Handlungen mit Kindern grundsätzlich akzeptabel seien.

Der zweite verlinkte Aufsatz des gleichen Autors mit dem Titel „1 Prozent - nicht 50 Prozent“ behandelt ebenfalls zwei Themen: ein vordergründiges und ein tatsächliches. Vordergründig befasst sich dieses Dokument mit der Frage, wie hoch der Anteil pädophiler Menschen unter Missbrauchstäter:innen ist. Tatsächlich geht es auch hier um die scheinbare „Ungerechtigkeit“ der gesellschaftlichen Ablehnung sexueller Handlungen zwischen Kindern und Erwachsener, die laut Autor „fälschlicherweise“ als Missbrauch gesehen werden. Zum Schluss zerfällt dieser Text in inkohärente Wutausbrüche, in denen Sexualwissenschaftler und KTW-Gründer Prof. Klaus Beier wegen einer Aussage als „dreckiger Lügner“ beschimpft wird, nach der kein Kind von einem pädophilen Mann sexuell angefasst werden möchte.

Mit Abstand am schlimmsten in der kurzen Liste ist jedoch Mark Norliks „Tabuzone“, eine fast 1200-seitige Kampfschrift für die Akzeptanz sexueller Handlungen an Kinder durch Erwachsene. Schon in dessen Einleitung findet sich das Plädoyer, dass die „Tatsache sexueller Übergriffe und Gewalt an Kindern kein Grund dafür sein darf, pädophiles Empfinden zu verurteilen und intime Begegnungen zwischen Kindern und Erwachsenen in jedem Fall als verletzend und schädigend aufzufassen.“ Bereits ein kurzes Überfliegen des Dokuments hat mich ziemlich schockiert und angewidert zurückgelassen. Selbst explizite Sexualpraktiken mit Kindern und schwerste Formen sexuellen Kindesmissbrauchs, einschließlich der analen Penetration von Kindern, werden teils im Detail beschrieben und vom Autor als positive Form freiwilliger sexueller Intimität beschönigt.

Dieses Dokument, ebenso wie die vorigen, sind auch auf Wedlers Themenseite über Pädophilie unter der Überschrift „Wertvolle Beiträge zum Thema“ verlinkt. Viele Gedanken aus dem Text finden sich, wenn auch in abgeschwächter und weniger expliziter Form, genauso in Wedlers Aufsatz.

Abschließende Bewertung

Keine Frage, die Situation Pädophiler in Deutschland ist aus humanistischer Sicht inakzeptabel. Der öffentliche Diskurs wird von Vorurteilen und Falschaussagen bestimmt, die von Medien weitergetragen werden und zur pauschalen Kriminalisierung pädophiler Menschen beitragen. Stigmatisierende Haltungen, Ablehnung und Hassbotschaften sind in der Allgemeinbevölkerung genauso omnipräsent wie unter Personen des öffentlichen Lebens sowie selbst bei Expert:innen. Gleichzeitig werden Pädophile aus dem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen und damit jegliche Möglichkeit genommen, sich gegen verhetzende Botschaften und falsche Anschuldigungen zu wehren. Politischer Opportunismus führt zu teils fragwürdigen Gesetzesänderungen, welche die bereits äußerst prekären psychischen Belastungen pädophiler Menschen potenziell weiter verschlimmern. Gleichzeitig gibt es Hilfsangebote und Anlaufstellen für pädophile Menschen nur im Kontext Prävention, wer nicht befürchtet Straftaten zu begehen ist im Wesentlichen auf sich alleine gestellt.

Bei aller Kritik an dem vorliegenden Aufsatz möchte ich noch einmal eines klarstellen: all dies sind reale existierende Missstände, die wir als Gesellschaft unbedingt angehen müssen. Der vorliegende Aufsatz ist nur überhaupt nicht geeignet dafür, diese Missstände tatsächlich sachlich anzuprangern.

Dies fängt schon auf der methodischen Ebene an. Die Quellenarbeit ist unsauber, zentrale Aussagen werden nicht belegt. Vieles ist schlecht recherchiert, falsch oder zumindest irreführend und oft mit wenig Aufwand widerlegbar. Und selbst Aussagen, die grundsätzlich richtig sind und die ich an anderen Stellen selbst auch schon ähnlich formuliert habe, werden zum Teil inkohärent und fragwürdig argumentiert.

Wenn dies alles wäre, würde es sich erst einmal nur um einen Aufsatz handeln, der dem Anliegen der Aufklärung über Pädophilie vielleicht nicht signifikant hilft, aber auch nicht groß schadet. Das eigentliche Problem geht aber noch viel weiter: so wird unter dem Deckmantel der Entstigmatisierung der Pädophilie ein ganz anderes Ziel verfolgt, nämlich die Entstigmatisierung sexueller Handlungen an Kindern durch Erwachsener. Neben Absätzen, die teils tatsächliche Missstände beschreiben finden sich immer wieder Absätze, die für die gesellschaftliche Akzeptanz solcher „Beziehungen“ werben. Und das macht den Aufsatz eben nicht nur methodisch fragwürdig, sondern auch inhaltlich gefährlich.

Schon zu Beginn stellt Wedler klar, dass für ihn sexuelle Handlungen von Pädophilen an Kindern nicht wirklich unter dem Begriff „Missbrauch“ fallen, zumindest wenn sie von einem Pädophilen im „Einverständnis“ des Kindes geschehen. Ein Schaden entstehe in diesen Fällen nur durch das Umfeld, wenn diese Handlungen bekannt werden. Dies ist eine weit verbreitete Ansicht unter Aktivisten, welche die Legalisierung sexueller Kontakte mit Kindern fordern.

Die Frage nach sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Menschen wird als eine der zentralen Fragen bei der Beschäftigung mit dem Thema präsentiert. Gleichzeitig gibt es für Wedler nur zwei Arten von Pädophilen: diejenigen, die sexuelle Handlungen an Kindern vornehmen, und diejenigen, die es gerne würden aber aus Angst vor Konsequenzen nicht tun. Das Anliegen der Entstigmatisierung von Pädophilie wird damit als untrennbar zu dem Anliegen der Akzeptanz sexueller Handlungen zwischen Pädophilen und Kindern präsentiert. Dadurch bestätigt er die Befürchtungen vieler Gegner einer rationaleren und vorurteilsfreien Betrachtung des Themas Pädophilie, wonach Bemühungen zur Aufklärung letzten Endes zur Akzeptanz von Sex mit Kindern führen müssen. Am Ende macht das diesen Aufsatz damit nicht viel besser als die zahlreichen Medienberichte, in denen Pädophile grundsätzlich als (potenzielle) Täter dargestellt werden.