Hier ist nun endlich der dritte Teil meiner Kritik zu dem 2025 neu erschienenen Fachbuch „Das tabuisierte eine Prozent“ von Prof. Klaus Beier und Maximilian von Heyden. Teil 1, eine Zusammenfassung des Inhalts, findet sich hier und Teil 2, eine ausführliche inhaltliche Kritik, hier.
Wer Teil 2 dieser kleinen Reihe gelesen hat, den wird es nicht wundern, dass ich keine hohe Meinung von dem Werk habe. Viele Aussagen haben mich beim Lesen des Buches irritiert und geärgert, zum einen, weil ich sie als äußerst stigmatisierend gegenüber pädophilen Menschen empfunden habe. Zum anderen aber auch, weil einige Aussagen schlicht falsch sind, oder sich zumindest nicht belegen lassen und dennoch als bewiesener Fakt dargestellt werden. Einige dieser falschen oder zumindest ungenauen Aussagen möchte ich in diesem abschließenden Teil der Reihe in Form eines Faktenchecks aufarbeiten.
Aussage 1: 40 - 50 % der Kindesmissbrauchstäter sind pädophil
Die Behauptung
Schließlich lässt sich nicht darüber hinwegsehen, dass 40 bis 50 % der Missbrauchshandlungen zum Nachteil von Kindern und vermutlich ein deutlich höherer Prozentsatz der Nutzung von Missbrauchsabbildungen auf Menschen zurückgeht, die eine solche pädophile Sexualpräferenz aufweisen (Vorwort: Ein Prozent kann sehr viel sein)
[…] obwohl empirische Befunde darauf hinweisen, dass nur etwa ein Viertel bis die Hälfte der Personen, die Kinder sexuell missbrauchen, eine pädophile Neigung aufweisen. (3.1 Gesellschaftliche Haltungen und Vorurteile: Stigmatisierung)
Korrektur
Diese Zahlen werden oft zitiert, gerade auch von Mitarbeitenden von Kein Täter Werden, sind aber zumindest mit starken Unsicherheiten verbunden. Ein großes methodisches Problem ist dabei die Frage, wie man überhaupt feststellen will, ob ein Täter pädophil ist. Man kann Täter natürlich einfach fragen, aber da ist davon auszugehen, dass schon aus Selbstschutz viele nicht die Wahrheit sagen werden. Aus diesem Grund sind im Laufe der Jahrzehnte die verschiedensten Methoden entwickelt worden, die angeblich feststellen sollen, ob ein Täter pädophil ist oder nicht. Die Bandbreite der Methoden reicht von diversen psychologischen Testverfahren bis hin zur Messung physischer Erregung direkt am Genital. Wie gut das funktioniert, ist fragwürdig, denn am Ende bleibt das fundamentale „Problem“, dass man den Leuten nur vor den Kopf schauen kann. Einen zuverlässigen „Pädo-Scanner“, der Pädophile auch erkennt, wenn sie sich verstecken wollen gibt es – zum Glück – bislang noch nicht.
Aus diesem Grund ist es auch nicht verwunderlich, dass sich in der Literatur eine sehr große Bandbreite an Zahlen für den Anteil Pädophiler an Missbrauchstätern findet. Die Bandbreite bewegt sich bei den mir bekannten Studien zwischen 2 % (Quelle: Sexueller Kindesmissbrauch durch Frauen) und 54 % (Quelle: How Common is Men’s Self-Reported Sexual Interest in Prepubescent Children?), wobei die meisten Werte deutlich unter 50 % sind. Wie schwammig die Erkenntnislage tatsächlich ist, zeigt sich vielleicht auch gerade daran, dass die Autoren selber in den oben genannten Zitaten zwei widersprüchliche Aussagen dazu in ihrem Buch machen.
Aussage 2: Phallometrie ist ein valides Diagnoseverfahren für Pädophilie
Die Behauptung
Bei manchen Fragestellungen kann eine phallometrische Untersuchung (Messung der penilen Reaktion auf sensorische Stimuli) zur Objektivierung der Diagnose beitragen. (5.3.5 Diagnostische Verfahren)
Korrektur
Phallometrische Untersuchungen sind Messungen der physischen Erregung bei Männern durch ein Messgerät, das direkt am Penis angebracht wird. Dem Testsubjekt werden dann verschiedene Stimuli vorgelegt, zum Beispiel Bilder nackter Erwachsener und nackter Kinder, während gleichzeitig Änderungen des Penisumfangs gemessen werden. Plump ausgedrückt: zeigen die Messungen, dass das Testsubjekt beim Anblick von Kindern einen Ständer bekommt, beim Anblick Erwachsener aber nicht so sehr, wird davon ausgegangen, dass er pädophil sein muss (die genauen Kriterien und Verfahrensdetails können je nach Studie variieren). Es gibt ähnliche Methoden auch für Frauen, bei denen zum Beispiel die vaginale Feuchtigkeit oder die Durchblutung der Schamlippen gemessen wird, diese sind aber deutlich weniger verbreitet.
Richtig ist, dass diese Verfahren vor allem in den USA und Kanada tatsächlich zur Diagnose von Pädophilie eingesetzt werden. Die Aussagekraft dieser Messungen ist allerdings höchst umstritten. Einige, darunter zum Beispiel der kanadische Wissenschaftler Michael M. Seto sehen in der Phallometrie den Goldstandard in der Diagnostik von Pädophilie und setzen das Verfahren regelmäßig ein. Andere weisen auf grundlegende Probleme hin. So stellte schon der Erfinder der Methode, Kurt Freund, fest, dass es sich keineswegs um ein absolut zuverlässiges Diagnoseinstrument handelt. Generell ist das Verfahren leicht zu manipulieren, sodass es oft nur von begrenzter Aussagekraft bei Menschen ist, die ihre sexuellen Präferenzen verbergen wollen – was aber gerade der Anwendungsbereich ist, wo eine Phallometrie überhaupt erst Sinn ergibt.
Noch problematischer sind aber die ethischen Aspekte und das Missbrauchspotenzial, das mit dieser Methode einhergeht. Phallometrie ist ein höchst invasives Verfahren, das tief in die Intimsphäre der Testsubjekte eingreift. In den USA wurden phallometrische Untersuchungen schon bei Kindern und Jugendlichen durchgeführt und mit Aversionstherapien kombiniert,1 um vermeintlich gefährliche potenzielle Sexualstraftäter zu erkennen und ihre „abartigen Perversionen“ frühzeitig auszutreiben.
In der EU wird der Einsatz solcher Verfahren höchst kritisch gesehen. Einst wurden phallometrische Tests in Tschechien eingesetzt, um herauszufinden, ob Asylbewerber:innen homosexuell sind. Die EU kritisierte das Verfahren 2011 daraufhin als unvereinbar mit der EU-Grundrechtscharta, die damalige EU-Kommissarin Cicilia Malmström bezeichnete die Phallometrie sogar als eine ernsthafte Verletzung der Menschenwürde.
Bedenkenswert ist ebenfalls die Geschichte der Phallometrie: als diese ursprünglich erfunden wurde, waren gleichgeschlechtliche Sexualkontakte vielerorts noch eine Straftat, und die Phallometrie wurde eingesetzt, um Homosexuelle zu identifizieren und von ihrer Krankheit zu „heilen“. Als Homosexualität mehr und mehr gesellschaftlich akzeptiert wurde, wandelte sich der Anwendungsbereich, und die Testungen wurden von nun an vor allem gegen Pädophile eingesetzt. All das macht den Einsatz dieser Methode unter ethischen, menschenrechtlichen und auch methodischen Aspekten höchst fragwürdig. Die ethischen Bedenken werden von den Autoren aber nicht erwähnt.
Aussage 3: Pädophile Frauen gibt es kaum
Die Behauptung
Die sexuelle Ansprechbarkeit für das kindliche oder frühpubertäre Körperschema findet sich nach aktuellen Erkenntnissen ganz überwiegend bei Männern, tritt bei Frauen hingegen nur selten auf. (Vorwort: Ein Prozent kann sehr viel sein)
Der gesamte Bereich der sexuellen Paraphilien scheint nach aktueller Literatur eine primär männliche Domäne zu sein, so auch im Bereich der Pädophilie und Hebephilie. (2.1 Prävalenz der Pädophilie in der Allgemeinbevölkerung)
Nur bei drei Frauen wurde ein nicht ausschließlicher Typus einer Pädophilie festgestellt. […] Diese Zahlen verdeutlichen ein Geschlechterverhältnis von etwa 1 : 78 bei den Kontaktaufnahmen. (2.1.3 Pädophilie und sexueller Kindesmissbrauch bei Frauen)
Sowohl die Daten aus dem Dunkelfeld als auch die offiziellen Kriminalstatistiken zeigen eindrücklich, dass die sexuelle Ansprechbarkeit für das kindliche Körperschema (im Sinne einer pädophilen Sexualpräferenz) bei Angehörigen des männlichen Geschlechts wesentlich häufiger vorkommt als bei Frauen. (2.1.3 Pädophilie und sexueller Kindesmissbrauch bei Frauen)
Korrektur:
Zunächst einmal: ist ein Geschlechterverhältnis von 1 : 78 bei den Kontaktaufnahmen für ein Projekt, das sich schon vom Namen her ausschließlich an Männer wendet, in Werbespots bisher nur Männer gezeigt hat, und in der öffentlichen Darstellung immer wieder zu der Marginalisierung pädophiler Frauen beiträgt wirklich verwunderlich? Aus dem Verhältnis der Anfragen bei KTW lässt sich jedenfalls nicht unmittelbar das Geschlechterverhältnis bei Pädophilen ableiten, da KTW-Interessenten vermutlich keinen repräsentativen Querschnitt durch die Gruppe der Pädophilen bildet.
Es gibt vereinzelte Studien zur Prävalenz von Pädophilie bei Frauen, die ein anderes Bild zeichnen, als es die Autoren vermitteln. Einige davon werden sogar in dem Fachbuch selber auch genannt, vor allem eine Untersuchung, laut der 0,8 % der Frauen angaben, im Laufe ihres Lebens sexuelle Fantasien zu Kindern zu haben. Das war zwar nur etwa halb so viel wie bei den Männern (dort waren es 1,8 %), aber nicht weit weg vom titelgebenden „einen Prozent“, was den Autoren zufolge eine gute Schätzung für den Anteil Pädophiler in der männlichen Bevölkerung darstellt. Die folgende, mit Sicherheit unvollständige Tabelle zeigt die Ergebnisse einiger Studien und Umfragen zur Prävalenz von Pädophilie unter Frauen im Vergleich zu Männern:
| Jahr | Autor:innen | Titel | Methode | Anteil Männer | Anteil Frauen |
|---|---|---|---|---|---|
| 2011 | Ahlers, Schaefer, Mundt, Roll, Englert, Willich, Beier | How Unusual are the Contents of Paraphilias? Paraphilia-Associated Sexual Arousal Patterns in a Community-Based Sample of Men | Sexualwissenschaftliche Fragebogenerhebung von 373 Männern und 108 Frauen | 6,0% | 2,8% |
| 2014 | Wurtele, Simons, Moreno | Sexual Interest in Children Among an Online Sample of Men and Women: Prevalence and Correlates | Internetumfrage mit 435 Teilnehmenden | 3,5% | 1,5% |
| 2015 | Joyal, Cossette & Lapierre | What Exactly Is an Unusual Sexual Fantasy? | Internetumfrage mit 1516 erwachsenen Teilnehmenden | 1,8% | 0,8% |
| 2015 | Abdullahi, Jafojo, Udofia | Paraphilia among undergraduates in a Nigerian university | Vor-Ort-Umfrage mit 841 Teilnehmenden | 0,2% | 0,8% |
| 2020 | Bártová, Androvičová, Krejčová, Weiss, Klapilová | The Prevalence of Paraphilic Interests in the Czech Population: Preference, Arousal, the Use of Pornography, Fantasy, and Behavior | Internetumfrage von etwa 10000 Tschechen | 2,3% | 0,4% |
| 2020 | Tozdan, Dekker, Neutze, Santtila, Briken | Sexual Interest in Children Among Women in Two Nonclinical and Nonrepresentative Online Samples | Internetumfrage von 1357 Frauen | - | 6,8% |
| 2023 | Aella | Fetish Tabooness and Popularity (v3) | Informelle Internetumfrage mit etwa 67000 Teilnehmenden | 6,0% | 4,8% |
| 2023 | Aella | The Personality and Childhoods Of Pedophiles | Informelle Internetumfrage mit etwa 600000 Teilnehmenden | 3,5% | 0,6% |
Die Kriterien, ab wann Studienteilnehmende als pädophil gelten, variieren (und einige Studien haben mehrere mögliche Indikatoren abgefragt). Wenn es mehrere mögliche Indikatoren gab, habe ich das Vorhandensein sexueller Fantasien zu Kindern als Indikator für Pädophilie genommen.
Wie man sieht, ist der Anteil bei Frauen fast immer geringer als bei Männern, aber dennoch ungefähr in der gleichen Größenordnung und oft sogar über den Wert von 1 %, den die Autoren für Pädophilie bei Männern annehmen. Und auch daraus, dass in den Studien Frauen generell seltener angaben, pädophil zu sein, darf man nicht unmittelbar schließen, dass es wirklich weniger pädophile Frauen gibt. Es existieren mehrere mögliche alternative Erklärungen dafür, dass Frauen seltener angeben, pädophil zu sein:
- Frauen identifizieren sich seltener als pädophil, weil der stereotypische Pädophile fast immer männlich ist;
- Gefühle der Zuneigung zu Kindern werden bei Männern gesellschaftlich eher problematisiert und mit Pädophilie in Verbindung gebracht, bei Frauen dagegen eher für normal befunden und sogar erwartet („Muttergefühle“);
- Eine möglicherweise höhere Tabuisierung von Pädophilie bei Frauen als bei Männern, was dazu führen kann, dass Frauen seltener zugeben, pädophil zu sein.
Am Ende könnte es sich um eine Art selbsterfüllende Prophezeiung handeln: wenn führende Experten verlauten lassen, Pädophilie sei eine „primär männliche Domäne“, gibt es dementsprechend ein geringeres Forschungsinteresse an pädophilen Frauen, während sich Frauen selber womöglich nicht angesprochen fühlen und damit auch nicht in Erscheinung treten. Jedenfalls gibt es deutlich weniger Forschung zu pädophilen Frauen als zu pädophilen Männern, was daran liegt, dass auch Wissenschaftler:innen davon ausgehen, dass es kaum Frauen gibt. Wo man nicht hinguckt, kann man auch nichts finden.
Zusammengefasst lässt die aktuelle Forschungslage jedenfalls kaum den Schluss zu, dass Pädophilie bei Frauen nur sehr selten vorkommt. Richtig wäre das, was die Kollegin der Autoren Dr. Anna Konrad in einem Interview in der ZEIT sagte: „Wie hoch der Anteil der pädophilen Frauen ist, wissen wir nicht, hierzu gibt es kaum Studien.“
Aussage 4: 15 % der pädophilen Jugendlichen haben eine Intelligenzminderung
Die Behauptung
Forschungsdaten aus dem Präventionsprojekt Jugendliche (PPJ) an der Charité Berlin zeigen, dass etwa 15 % der Jugendlichen mit pädophilen Tendenzen auch eine Intelligenzminderung aufweisen. […] Hochrechnungen legen nahe, dass in Deutschland zwischen dreihundert und dreitausend Jugendliche von dieser doppelten Problematik betroffen sein könnten. (5.5.1 Die unsichtbare Hochrisikogruppe)
Korrektur
Daraus, dass 15 % der jugendlichen PPJ-Klienten eine Intelligenzminderung haben, folgt nicht notwendigerweise, dass 15 % aller pädophilen Jugendlichen eine Intelligenzminderung haben. Ähnlich wie bei pädophilen Frauen scheinen die Autoren hier den Fehler zu machen und ihre persönlichen Erfahrungen in ihrer klinischen Arbeit auf Pädophile im Allgemeinen zu übertragen. Zudem handelt es sich bei einer Intelligenzminderung um ein weitestgehend stabiles Persönlichkeitsmerkmal. Wenn 15 % der pädophilen Jugendlichen intelligenzgemindert sind, müsste dies also auch auf etwa 15 % der pädophilen Erwachsenen zutreffen. In der Langzeitstudie von Beier et al. traf dies aber nur auf etwa 3 % der (erwachsenen) pädophilen Interessenten zu, die Kontakt mit KTW aufgenommen haben.
Auch hier gibt es alternative Erklärungen, die erklären könnten, warum es vielleicht nicht besonders viele pädophile Jugendliche mit Intelligenzminderung gibt, solche Jugendliche aber möglicherweise besonders häufig beim PPJ landen. Ungefähr 80 % der Klienten des PPJ werden von Bezugspersonen vermittelt. Eine mögliche Erklärung wäre also, dass es pädophilen Jugendlichen mit Intelligenzminderung besonders schwerfällt, ihre Pädophilie geheim zu halten, und sie nach einem (ungewollten) Outing sofort von ihrem Umfeld an das PPJ vermittelt werden.
Aussage 5: Bei der Therapie von Jugendlichen gibt es eine Informationspflicht an die Eltern
Die Behauptung:
Im Unterschied zur Erwachsenentherapie ist bei Jugendlichen die rechtliche und therapeutische Einbeziehung der Sorgeberechtigten vorgeschrieben, was zusätzliche Anforderungen an die Gestaltung des therapeutischen Prozesses stellt. (5.4.2 Therapeutische Rahmenbedingungen und Methodik)
Der Therapeut muss eine Balance finden zwischen dem Therapiegeheimnis, das für den Vertrauensaufbau unerlässlich ist, und der Informationspflicht gegenüber den Sorgeberechtigten. (5.4.3 Herausforderungen in der therapeutischen Beziehung)
Korrektur
Hier müssen wir differenzieren. Das Projekt „Du träumst von ihnen“ an der Charité Berlin richtet sich an Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren. Jugendliche, die als einsichts- und einwilligungsfähig gelten (in der Regel ab einem Alter von 14 Jahren), können grundsätzlich selber einer Behandlung zustimmen. Bei gesetzlich Versicherten können Jugendliche ab 15 Jahren eine Behandlung sogar anfangen, ohne dass die Sorgeberechtigten in die Behandlung zustimmen oder überhaupt davon wissen müssen. Es gibt in dem Fall keine gesetzlich vorgeschriebene Einbeziehungspflicht der Sorgeberechtigten. Lediglich bei nicht einwilligungsfähigen Jugendlichen müssen die Sorgeberechtigten der Behandlung zustimmen.
Grundsätzlich gilt bei der Therapie von Jugendlichen die ärztliche Schweigepflicht genauso wie bei Erwachsenen. Inhalte aus der Behandlung dürfen auch den Sorgeberechtigten nur in Ausnahmefällen, wenn es das Wohl des Klienten erfordert, oder bei voriger Entbindung von der Schweigepflicht weitergegeben werden. Es gibt keine Informationspflicht gegenüber Sorgeberechtigten, lediglich ein Informationsrecht, das sich aus dem elterlichen Sorgerecht ableitet, aber die Schweigepflicht nicht grundsätzlich außer Kraft setzt. Gerade bei älteren Jugendlichen greift dies aber nur in Ausnahmefällen.
Erwähnenswert ist schließlich noch, dass das Projekt „Du träumst von ihnen“ gegenüber Jugendlichen selber mit absoluter Verschwiegenheit wirbt, so heißt es dort: „Niemand erfährt von uns, dass du bei uns zu Gesprächen warst. Alles, was du uns erzählst, bleibt bei uns und wird absolut vertraulich behandelt.“
Aussage 6: Dank KTW setzt Deutschland als einziges Land EU-Recht zum Kinderschutz um
Die Behauptung
Damit ist Deutschland bislang das einzige EU-Land, das die EU-Richtlinie 2011/92 zum Schutz von Kindern vollständig umsetzt und verursacherbezogen präventiv im Dunkelfeld tätig wird. Nach dieser Direktive haben sich die Mitgliedstaaten verpflichtet, Personen mit pädophilen Neigungen Zugang zu wirksamen Interventionsprogrammen zu ermöglichen. (Grußwort von Brigitte Zypries)
Die Richtlinie 2011/92/EU zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs und der sexuellen Ausbeutung von Kindern legt einen umfassenden Rahmen fest, der einen starken Fokus auf Prävention legt. Die besondere Stärke des deutschen Ansatzes liegt in der Verzahnung von Strafandrohung (Generalprävention) mit individuellen Maßnahmen zur Rückfallvermeidung (Spezialprävention), ergänzt durch gesellschaftliche Aufklärung und niederschwellige Hilfsangebote für potenzielle Täter. Diese Kombination schafft ein Sicherheitsnetz, das sowohl abschreckend wirkt als auch konkrete Hilfestellung bietet und damit dem Schutzgedanken der europäischen Richtlinien in besonderem Maße gerecht wird. (2.3.2 Internationaler Vergleich)
Korrektur
Im Buch ist durchgängig von der Richtlinie 2011/92/EU die Rede, mit hoher Wahrscheinlichkeit geht es dabei aber eigentlich um die Richtlinie 2011/93/EU. Die Bezeichnung 2011/92/EU steht im Dokument der Richtlinie selber, was aber wohl an einem administrativen Fehler liegt. Im Dokumentensystem der EU ist das Gesetz unter der richtigen Dokumentennummer kategorisiert.
Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen zu untersuchen, ob und wie weit Deutschland diese Richtlinie tatsächlich umsetzt. Besonders betrachten möchte ich daher vor allem einen Artikel aus der Richtlinie, auf den sich die Autoren auch beziehen.
Artikel 22: Präventive Interventionsprogramme oder -maßnahmen. Die Mitgliedstaaten treffen die erforderlichen Maßnahmen, um sicherzustellen, dass Personen, die befürchten, dass sie eine der Straftaten nach den Artikeln 3 bis 7 begehen könnten, gegebenenfalls Zugang zu wirksamen Interventionsprogrammen oder -maßnahmen erhalten können, die dazu dienen, das Risiko möglicher Straftaten einzuschätzen und zu verhindern.
Die Aussage der Autoren ist also, dass Deutschland mit Kein Täter Werden ein bundesweit agierendes Präventionsangebot bereitstellt und dadurch den Artikel 22 voll erfüllt. Die Sache hat nur einen Haken: Artikel 22 spricht allgemein von Leuten, die befürchten, Straftaten im Bereich Kindesmissbrauch zu begehen. An keiner Stelle steht in der Richtlinie, dass sich die Interventionsprogramme nur an Menschen mit einer bestimmten Sexualität richten sollen. Kein Täter Werden wiederum spricht aber explizit nur pädophile Menschen an. Die Autoren des Buchs geben jedoch sogar selber zu, dass ein großer Teil der Täter gar nicht pädophil ist (siehe Aussage 1). Für Menschen, die befürchten derartige Straftaten zu begehen, die aber nicht pädophil sind, gibt es in Deutschland nach wie vor keine wirklichen Anlaufstellen. Es kann also keineswegs die Rede davon sein, dass Deutschland Artikel 22 vollumfänglich oder auch nur in besonderem Maße umsetzt – Interventionen für nicht-pädophile (potenzielle) Täter sind nach wie vor eine große Leerstelle in Deutschland.
Aussage 7: Kein Täter Werden bietet Unterstützung, bevor es zu Übergriffen kommt
Die Behauptung
In diesem Kontext sind Präventionsangebote wie das Dunkelfeld-Projekt »Kein Täter werden« zu sehen, die einen wichtigen Beitrag zum Kinderschutz leisten, indem sie Menschen mit pädophilen Neigungen Unterstützung anbieten, bevor es zu Übergriffen kommt. (2.3.3 Ethische Aspekte)
Das BEDIT-A arbeitet primär mit Jugendlichen aus dem sogenannten »juristischen Dunkelfeld«, also mit Personen, die noch keine Übergriffe begangen haben, aber aufgrund ihrer sexuellen Präferenz gefährdet sind. Diese präventive Ausrichtung unterscheidet das Programm von vielen anderen Interventionen, die erst nach einem Übergriff ansetzen. (5.4.1 Grundlegende Behandlungsprinzipien und Unterschiede zur Behandlung Erwachsener)
Korrektur
Im Buch heißt es an anderer Stelle, dass 43 % der Teilnehmer am Berliner Standort angaben, sexuellen Kindesmissbrauch begangen zu haben, während 71 % die Nutzung von Missbrauchsabbildungen zugaben. Bei Du träumst von ihnen berichteten 41 % der Jugendlichen, schon ein Kind sexuell missbraucht zu haben. Eine Langzeituntersuchung von Beier et. al. fand ähnliche Zahlen. Ein großer Teil der Klienten bei Kein Täter Werden und Du träumst von ihnen hat also bereits Übergriffe begangen, bevor sie in Therapie gingen. Bei KTW geht es also öfter um die Prävention von Rückfällen, statt der Verhinderung von Ersttaten.
Darüber hinaus ist es wissenschaftlich nicht gesichert, ob KTW überhaupt einen Beitrag zum Kinderschutz leistet. Zwar finden existierende Studien eher geringe Rückfallquoten bei Kindesmissbrauch unter KTW-Klienten, allerdings ist die Rückfallquote in dem Deliktbereich grundsätzlich auch bei nicht behandelten Tätern niedrig. Im Bereich Kinderpornografie konnten die bislang durchgeführten Studien überhaupt keinen Effekt zeigen, hier gilt: wer vor Beginn der Studie Kinderpornografie konsumiert, scheint dies nach Abschluss der Therapie meist immer noch (oder wieder) zu tun. Insgesamt ist die Studienlage zu der Frage lückenhaft und oft methodisch mangelhaft.
Aussage 8: 49–90 % der behandelten Personen sind rückfällig
Die Behauptung
Bei Personen, die ausschließlich wegen Straftaten im Zusammenhang mit dem Konsum von Missbrauchsabbildungen (strafrechtlich: Kinderpornografie) verurteilt wurden, lag die offizielle Rückfallrate nach sechs Jahren bei 5,7 % für die erneute Nutzung von Materialien, die den sexuellen Missbrauch von Kindern zeigen. Diese niedrigen offiziellen Rückfallraten stehen in dramatischem Kontrast zu den Selbstberichten im Dunkelfeld, wonach zwischen 49–90 % der behandelten Personen eine fortgesetzte Nutzung von Missbrauchsabbildungen berichten (Beier, Nentzl, von Heyden, Fishere u. Amelung, 2024). (5.1 Dunkelfeld und Hellfeld)
Korrektur
Die angegebene Spanne von 49 bis 90 % lässt sich in der zitierten Studie nicht finden. Die Rückfallquote bei Kinderpornografie-Konsumenten lag dort bei 89,1 % (Konfidenzintervall: 77,0 % - 95,3 %) während der Follow-Up-Untersuchung, die im Durchschnitt etwa 6 Jahre nach Therapieabschluss stattfand. Direkt nach der Therapie lag sie bei 76,1 % (Konfidenzintervall: 62,1 % - 86,1 %).
Die Autoren vergleichen hier außerdem Äpfel mit Birnen. Die „offizielle Rückfallrate“ bezieht sich auf justizbekannte Straftaten. Über 80 % der Konsumenten von Kinderpornografie aus der referenzierten Studie waren der Justiz aber nicht bekannt, wurden also auch nie verurteilt. Dass die Rückfallrate nach einer Verurteilung bei 6 % und nach einer Therapie bei 89 % liegt, sagt weniger über die Rückfallraten im Dunkelfeld aus, sondern ist in erster Linie ein Hinweis darauf, dass die Dunkelfeld-Therapie im Bereich Kinderpornografie kaum erfolgreich zu sein scheint.
Aussage 9: Pro-Contact-Einstellungen sind ein Risikofaktor für Übergriffe
Die Behauptung
Skala zur Erfassung kognitiver Verzerrungen bei Missbrauchern (KV-M). […] Erfassen Einstellungen, die sexuelle Übergriffe rechtfertigen/verharmlosen. (5.3.9 Verlauf und Langzeitbegleitung)
Kognitive Verzerrungen spielen eine zentrale Rolle bei der Überwindung innerer Hemmschwellen. Fehlwahrnehmungen bezüglich kindlicher Verhaltensweisen, etwa die Annahme, dass das Kind die sexuellen Handlungen genieße oder diese sogar provoziere, dienen als Rechtfertigungsstrategien und bauen Hemmungen ab. In der Therapie ist die Konfrontation mit diesen verzerrten Denkschemata ein wichtiger Interventionsansatz. (4.5.3 Individuelle psychologische Faktoren)
Korrektur
KV-M ist ein anderer Name für die Bumby-Molest-Skala, über die ich an anderer Stelle schon ausführlich geschrieben habe. Die Kurzfassung: die KV-M-Skala misst keine missbrauchsverharmlosende Einstellungen, und es gibt keinen empirischen Beweis, dass ein „schlechtes“ Ergebnis auf der Skala mit einem erhöhten Missbrauchsrisiko einhergeht. Allgemein steht der Zusammenhang zwischen Pro-Contact-Einstellungen bzw. „kognitiven Verzerrungen“ und einem erhöhten Missbrauchsrisiko wissenschaftlich auf eher wackeligen Füßen.
Aussage 10: Normalisierung von Nacktheit erhöht das Missbrauchsrisiko
Die Behauptung
Ein weiterer bedeutsamer Risikofaktor ist der Umgang mit Nacktheit zwischen Familienmitgliedern. Wenn es zwischen Vater und Tochter zur Normalität gehört, sich gegenseitig unbekleidet zu sehen, kann dies das Missbrauchsrisiko erhöhen. In diesem Kontext sind beispielsweise gemeinsames Baden oder Schlafen im selben Bett als potenziell problematische Praktiken zu betrachten, die Grenzverletzungen begünstigen können. (4.5.1 Sozioökologische Faktoren)
Korrektur
Es gibt zahlreiche Familien mit Kindern, die FKK praktizieren und in denen es also normal ist, dass sich die Familienmitglieder regelmäßig gegenseitig nackt sehen. Fast so lange, wie es diese Lebensform gibt wurde auch die Frage untersucht, ob es schädlich für Kinder ist, ihre Eltern nackt zu sehen. Die vielleicht größte Studie dieser Art untersuchte 200 Kinder über einen Zeitraum von 18 Jahren und konnte keine negativen Folgen bei den Kindern feststellen, die ihre Eltern regelmäßig nackt sahen. Auch andere Untersuchungen kamen zu demselben Schluss. In keiner Studie konnte gezeigt werden, dass Kinder in solchen Familien öfter missbraucht werden. Eltern-Kind-Beziehungen, bzw. vor allem Vater-Tochter-Beziehungen als Risikokontext zu framen kann außerdem für sich genommen schon schädliche Auswirkungen haben, indem es Väter im Umgang mit ihren Kindern verunsichert und sie aus Angst, falschen Verdächtigungen ausgesetzt zu werden distanzierter werden lässt.
Darüber hinaus gibt es eine handvoll Indizien dafür, dass ein normalisierter Umgang mit Nacktheit in der Familie nicht nur keine negativen, sondern sogar positive Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern haben könnte. Dennis C. Smith und William Sparks veröffentlichten 1986 in ihrem Buch The Naked Child: Growing Up Without Shame das Ergebnis einer Umfrage unter naturistisch lebenden Familien. Die interviewten Familien beschrieben überwiegend positive Folgen insbesondere für ihr Körper- und Schamgefühl, die der Umgang mit Nacktheit auf sie hatte. Marilyn Story war zuvor schon zu ähnlichen Ergebnissen gekommen: Sie fand in einer Studie heraus, dass ein ungezwungener Umgang mit Nacktheit in der Familie mit einer positiveren Einstellung zum eigenen Körper assoziiert war.
Aussage 11: Man kann sich nicht selbst trösten
Die Behauptung
Ebenso gilt übrigens, dass man sich nicht selbst trösten kann. (1.1 Prävention und sexuelle Gesundheit)
Korrektur
An der Aussage stimmt zumindest, dass der soziale und körperliche Kontakt zu Anderen tröstend wirkende Prozesse auslösen kann, die alleine nicht simuliert werden können. In schweren Lebenskrisen, bei tiefer Depression oder starker Einsamkeit ist der Beistand anderer Menschen unersetzlich. Aber dass es gar nicht möglich ist, sich selber zu trösten, stimmt in dieser Absolutheit trotzdem nicht. Hier ist zum Beispiel die Anleitung einer Krankenkasse zum selber trösten.
Mit ein paar Tricks ist es tatsächlich möglich, sich selber Trost zu spenden. Selbst Säuglinge können sich in begrenztem Umfang schon selber beruhigen, wenn sie zum Beispiel am Daumen nuckeln. Verwandt ist auch das Konzept des Selbstmitgefühls, das die Psychologin Kristin Neff eingeführt hat. Dabei geht es darum, sich selber zu akzeptieren und mit Empathie statt vernichtender Selbstkritik zu begegnen. Selbsttrost ist also in vielen Situationen nicht nur grundsätzlich durchaus möglich, sondern auch eine wichtige Fähigkeit, die in Therapien vermittelt wird.
Schlussworte
Einige dieser Falschaussagen lassen sich vielleicht als eine Form der Verfügbarkeitsheuristik erklären. Weil kaum pädophile Frauen zu KTW kommen, gehen die Autoren trotz gegenteiliger Beweise davon aus, dass es fast keine pädophilen Frauen geben muss. Weil 15 % der Jugendlichen in der täglichen klinischen Arbeit eine Intelligenzminderung haben, wird angenommen, dass dies auf pädophile Jugendliche allgemein zutreffen muss. Und dass die Autoren davon ausgehen, dass Nacktheit in der Familie gefährlich ist, obwohl alle verfügbaren Beweise auf das Gegenteil hindeuten, lässt sich vielleicht damit erklären, dass die Autoren nur in ihrer Arbeit bei der Therapie von Sexualstraftätern in Berührung mit naturistischen Familien kommen.
Hinter anderen Falschaussagen vermute ich eher ungünstig gewählte Formulierungen. Anders kann ich mir nicht erklären, dass Beier als Psychotherapeut behauptet, Selbsttrost sei unmöglich. Wieder andere Falschaussagen betreffen eigentlich das Projekt Kein Täter Werden als solches, dessen Außendarstellung nicht immer im Einklang mit den über das Projekt verfügbaren Daten ist. Viele davon sind schon so fester Teil der Narrativen rund um KTW geworden, dass sie kaum noch hinterfragt werden. In einem zukünftigen Beitrag möchte ich auf diesen Aspekt noch detaillierter eingehen.
KI-Transparenzhinweis
Für die Recherche dieses Beitrags habe ich zusätzlich zu manuellen Suchen außerdem KI-Werkzeuge eingesetzt. Alle verlinkten Quellen habe ich selber manuell gesichtet. Zur sprachlichen und inhaltlichen Überprüfung des ersten Entwurfs habe ich ebenfalls KI verwendet. Den Beitrag selber habe ich ohne Unterstützung von KI geschrieben. Alle Worte darin sind meine eigenen.
-
Zu sagen, dass 13-Jährige phallometrisch untersucht wurden, klingt viel zu harmlos. Vor dem Hintergrund, was solche Untersuchungen genau beinhalten, ist es deutlich treffender von institutionalisierter sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zu sprechen. ↩