Das Wichtigste in Kürze
- Der seinerzeit äußerst geachtete Sozialwissenschaftler Prof. Helmut Kentler brachte vermutlich Ende der 1960er Jahre mehrere heimatlose Minderjährige bei Männern unter, die mit Kentlers Segen sexualisierte Beziehungen mit den Pflegekindern eingingen. In den Medien wurde dies später als das „Kentler-Experiment“ bekannt, das meist beschrieben wird als ein Experiment, in dem Kinder bei Pädophilen untergebracht worden seien; diese Darstellung ist aber aus mehreren Gründen fragwürdig und problematisch.
- Das „Kentler-Experiment“ war kaum mehr als eine von Kentler gelegentlich anekdotisch erwähnte Sammlung von Fällen. Es handelte sich um kein echtes Experiment, das wissenschaftlichen Ansprüchen genügt hätte.
- Es gibt keinen Beleg dafür, dass die Pflegeväter aus Kentlers „Experiment“ pädophil waren. Bei den „Kindern“, die Kentler vermittelt haben soll, handelte es sich wahrscheinlich eher um Jugendliche. Aus einigen Texten Kentlers geht hervor, dass er vor allem nach schwulen Männern mit einer Präferenz für Jugendliche gesucht hat.
- Ziel von Kentlers „Experiment“ war es zu beweisen, dass verhaltensauffällige Jugendliche durch sexuelle Beziehungen zu älteren Mentoren „geheilt“ und wieder in die Gesellschaft integriert werden können.
- Mit seinem „Experiment“ wollte Kentler auch verbreitete Vorurteile gegen Schwule entkräften, nach denen diese die Jugend „verderben“ würden: Nicht nur wären Schwule genauso ungefährlich wie Heterosexuelle, laut Kentler würden Minderjährige sogar davon profitieren, wenn (unter bestimmten Umständen) ein schwuler Mann eine sexuelle Beziehung mit einem Jugendlichen eingeht.
- Kentler stellte Pädophilie im Wesentlichen mit Missbrauch gleich: Wenn er angab, über Pädophilie sprechen zu wollen, schrieb er in Wahrheit über sexuelle Handlungen mit Kindern, die er nicht grundsätzlich für schädlich hielt. Kentler war in mehrere Pro-C-Organisationen wie der AGPD und der AHS eingebunden, die eine ähnliche Sicht auf Pädophilie vertraten und sich teilweise dafür einsetzten, Sex mit Kindern zu legalisieren.
- Kentler selber äußerte sich vor allem in seinen späteren Jahren nur vage und widersprüchlich zu der Frage, ob sexuelle Handlungen mit Kindern legalisiert werden sollten. Einerseits lehnte er eine mögliche Straffreiheit ab, gleichzeitig stellte er die grundsätzliche Schädlichkeit sexueller Handlungen mit Kindern immer wieder infrage und postulierte in bestimmten Konstellationen sogar positive Folgen. Seine Argumente liefern dabei bis heute den ideologischen Unterbau für Pro-C-Aktivist:innen.
Inhaltshinweis
Im folgenden Text werden mehrere Fälle von Kindesmissbrauch beschrieben.
Gerade einmal 40 Sekunden dauerte es, bis in der Anfang Februar bei 3sat gesendeten Reportage „Das Kentler-Experiment – Staatlich finanzierter Kindesmissbrauch“ das Wort „pädophil“ fällt. Insgesamt achtmal wird in den folgenden 45 Minuten das sogenannte „Kentler-Experiment“ in den Zusammenhang mit Pädophilie gebracht: mal ist von „pädophilen Pflegevätern“ die Rede, in deren Obhut Kentler angeblich Kinder gesteckt habe, mal gar von einem ganzen „pädophilen Netzwerk“ rund um den verstorbenen Soziologieprofessor. Dabei wird kein Zweifel daran gelassen, dass die vermeintliche Verbindung zu Pädophilie das eigentlich Unfassbare und Schreckliche an Kentlers „Experiment“ gewesen sei – wie habe man es nur wagen können, Kinder in die Obhut von Pädophilen zu geben? (Schickling, 2026).
Dieses Framing ist in Medienbeiträgen zu Helmut Kentler und seinem „Experiment“ üblich. Vor lauter Empörung darüber, wie „pädophilenfreundlich“ (Soboczynski, 2013) Kentler angeblich gewesen sei, bleibt die Auseinandersetzung mit den Umständen von Kentlers „Experiment“ und seinen ideologischen Grundlagen häufig auf der Strecke. Stimmt dieses Framing überhaupt? Wer war Kentler eigentlich, was hatte es mit seinem „Experiment“ auf sich, und wie viel hatte es wirklich mit Pädophilie zu tun? Um diese Fragen zu beantworten und zu verstehen, was Kentler selber mit seinem „Experiment“ bezweckte, habe ich mich viel mit seinen Ansichten auseinandergesetzt, seine Bücher und Aufsätze gelesen und mir angeschaut, was Zeitgenossen und moderne Kritiker:innen zu ihm gesagt haben. Das Ergebnis dieser Recherchen habe ich im Folgenden aufgeschrieben. So viel vorweg: Was zunächst nach recht einfachen Fragen aussieht, erweist sich schnell als komplexes Unterfangen, und die Suche nach Antworten führt dabei oft in unerwartete Bereiche.
Das Experiment, das keins war
Fangen wir mit der einfachsten Frage an: Wer war Helmut Kentler eigentlich?
Kentler arbeitete unter anderem als Professor für Sozialpädagogik an der Universität Hannover, wo er sich vor allem als Experte für die pädagogische Arbeit mit Jugendlichen und Sexualpädagogik etablierte. 1970 formulierte er die Idee einer emanzipierenden Sexualerziehung, die sich gegen die zu der Zeit dominierende repressive Sexualpädagogik richtete, die auf die völlige Unterdrückung der Sexualität ausgerichtet war und lediglich den ehelichen Geschlechtsverkehr als einzig akzeptablen Ausdruck von Sexualität propagierte. Kentlers erklärtes Ziel war es, dass Menschen ihre sexuellen Bedürfnisse lustvoll und frei von gesellschaftlichen und sozialen Zwängen ausgestalten können (Kentler, 1970). Seine Ansichten zur Sexualität trugen dabei auch immer einen gesellschaftskritischen Teil, so sah er in der Sexualfeindlichkeit einen wesentlichen Faktor für den Aufstieg des Nationalsozialismus (Kentler, 1979/1980, S. 56; 1975/1981, S. 39), und in der Bejahung von Sexualität einen Ausweg aus autoritären gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen (Kentler, 1969).
Als Experte in diesen Themenbereichen wurde er gerne für Fernsehauftritte eingeladen, veröffentlichte Artikel in renommierten Zeitschriften wie der ZEIT (Kentler, 1969) und Psychologie heute (Kentler, 1979b) sowie mehrere populärwissenschaftliche Bücher, die zahlreich verkauft wurden. Noch zu seinem Tod im Jahr 2008 wurden er und seine Arbeit in diversen Nachrufen hochgelobt, so galt er in der taz als „einer der wichtigsten Interpreten des sexualaufklärerischen Zeitgeistes“ (Feddersen, 2008), und bei der Humanistischen Union als Vorkämpfer für „die humanistische Aufgabe einer aufklärerischen Sexualerziehung“ (Lautmann, 2008). Auch wenn Kentler und seine Ansichten vor allem aus dem feministischen Lager schon vorher stark kritisiert wurden (Ohne Autor, 1993), sollte es noch einmal ungefähr zehn Jahre dauern, bis sich die Meinungen zu Kentler fundamental wandelten und er die weitestgehend universelle Ablehnung erfuhr, welche den Diskurs zu ihm heute prägt. Ursache für diesen Sinneswandel und die Kritik an ihm ist vor allem sein sogenanntes „Experiment“, das erst Mitte der 2010er die Aufmerksamkeit einer breiteren Medienöffentlichkeit bekam.
Kentler begann sein „Experiment“ wohl ungefähr am Ende der 1960er Jahre. Zu der Zeit arbeitete er mit Jugendlichen, die als schwer vermittelbar galten. Kentler selber nannte sie „sekundärschwachsinnig“ und meinte damit, dass ihre geistige Entwicklung durch Vernachlässigung und prekäre Zustände in Heimen oder Pflegefamilien gestört worden sei (Kentler, 1980). Einige der Jugendlichen waren „Trebegänger“ ohne festen Wohnsitz, die sich ihren Lebensunterhalt damit verdienten, dass sie sich am Berliner Bahnhof Zoo homosexuellen Männern für Sex anboten. Die Jugendhilfen wiederum waren mit ihnen hoffnungslos überfordert und suchten händeringend nach Möglichkeiten, um sie von der Straße zu bekommen. Kentler selber versuchte, einen solchen 13-jährigen Jungen bei sich zu Hause aufzunehmen, gab aber schnell wieder auf, da er ihn in seinen eigenen Worten „nur kurze Zeit ertragen konnte“ (Kentler, 1980).
Was also tun mit diesen Systemsprengern, die nirgendwo so wirklich hineinzupassen schienen? Kentler hatte eine Idee: Warum sie nicht einfach zu den Männern geben, bei denen sie ohnehin schon oft waren, um sexuelle Gefälligkeiten gegen eine warme Mahlzeit und ein kurzzeitiges Dach über den Kopf einzutauschen? Somit richtete er (mindestens) drei Pflegestellen bei Männern ein, die zu den regulären „Kunden“ der Jungen vom Bahnhof Zoo gehörten. Ulrich – der Junge, den Kentler erfolglos versucht hatte bei sich aufzunehmen – war einer der Jugendlichen, die Kentler vermittelte. Ihn schickte er zu „Mutter Winter“, einem laut Kentler bei den minderjährigen Sexarbeitern gut bekannten Hausmeister (Kentler, 1980). In diesen Pflegeverhältnissen kam es daraufhin zu sexuellen Handlungen, was Kentler laut eigener Aussage wusste und sogar positiv bewertete (Kentler, 1989, S. 56). Dabei setzte er seine Autorität ein, um sicherzustellen, dass die Pflegestellen vor Kritik geschützt waren und trotz der dort stattfindenden sexuellen Übergriffe weitergeführt werden konnten.
Die Pflegestellen wurden unter dem Wissen und dem Segen des zuständigen Jugendamts eingerichtet, und auch die Senatsbeamtin war laut Kentler darüber informiert (Kentler, 1989, S. 55). Dieses „Experiment“ wird deshalb heute auch als eklatantes Behördenversagen gewertet, und inzwischen haben sich mehrere Studien damit beschäftigt, die damaligen Verhältnisse aufzuarbeiten und Verantwortliche ausfindig zu machen (M. Baader et al., 2024; M. S. Baader et al., 2020; Nentwig, 2019). Aufgrund lückenhafter Aktenführung gibt es trotzdem bis heute kein klares Bild, wer wie viel von dem „Experiment“ wusste und für die Bewilligung der Pflegestellen verantwortlich war (M. S. Baader et al., 2020). Es ist durchaus plausibel, dass Kentler bei der Beantragung der Pflegestellen den vollen Umfang seines „Experiments“, also den Teil mit den sexuellen Übergriffen, verschwiegen hat, auch weil er selber sich durchaus bewusst darüber war, dass er sich strafrechtlich auf dünnem Eis bewegte. „Ich kann diese Geschichte heute berichten, weil die Straftaten, die alle Beteiligten begingen, inzwischen verjährt sind“, schrieb er beiläufig einige Jahre später darüber (Kentler, 1980). Damals einflussreiche Mitarbeitende des Senats wiederum beteuerten Jahrzehnte später, dass sie das „Experiment“ niemals bewilligt hätten, wären ihnen alle Details damals klar gewesen (Apin & Geisler, 2013).
Diese fragwürdigen und schlecht dokumentierten Umstände zeigen eines ganz deutlich: Auch, wenn es heute üblich ist, vom „Kentler-Experiment“ zu reden, muss mit aller Deutlichkeit gesagt werden, dass Kentlers Vorgehen mit einem Experiment im wissenschaftlichen Sinne rein gar nichts zu tun hatte. Weder wurden die Fälle von Kentler lückenlos dokumentiert, noch publizierte er je eine wissenschaftliche Auswertung der Ergebnisse. Lediglich ein paar Erwähnungen des „Experiments“, das er selber auch gar nicht so nannte, finden sich in seinen Schriften (Kentler, 1979a, 1979b, 1980, 1989, 1994/1999). Dort beschrieb er seinen Ansatz als vollen Erfolg, ohne dies aber in irgendeiner Form überprüfbar zu begründen; teils sind seine Angaben zudem widersprüchlich. Genau dieses unwissenschaftliche Vorgehen macht es so schwer herauszufinden, was im Rahmen dieses „Experiments“ tatsächlich geschehen ist, und vermutlich werden wir dies im Detail gar nicht mehr rekonstruieren können. Es gibt zudem Hinweise darauf, dass Kentler sein „Experiment“ beschönigend darstellte und sich die Jugendlichen in Wahrheit überhaupt nicht so positiv entwickelt haben, wie er es selber gerne beschrieb (Apin & Geisler, 2013).
Das „Kentler-Experiment“ war also kaum mehr als eine lose Sammlung an Pflegefällen, die Kentler unter ethisch und moralisch fragwürdigen Bedingungen einrichtete und ein paar Mal eher anekdotisch erwähnte. Hier von einem Experiment zu reden, verleiht dem Ganzen einen Schein von Wissenschaftlichkeit, den es nicht verdient hat. Aus diesem Grund setze ich das Wort „Experiment“ in diesem Text bewusst durchgehend in Anführungszeichen.
Die ideologische Grundlage des „Kentler-Experiments“
Wer die Beschreibung des „Kentler-Experiments“ liest, dem stellt sich vermutlich sofort eine brennende Frage. Wie kam jemand wie Kentler überhaupt auf die aus heutiger Sicht unfassbar verantwortungslose Idee, Jugendliche in Pflegeverhältnisse unterzubringen, in denen sie sehr wahrscheinlich sexuellen Missbrauch erfahren würden? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir tiefer in die Werke von Kentler eintauchen und uns angucken, wie er selber sein „Experiment“ rechtfertigte. Dabei soll es nicht darum gehen, Kentlers Handlungen zu entschuldigen oder kleinzureden, oder seine Perspektive unkritisch zu übernehmen. Wie wir später genauer sehen werden, ist bei der Lektüre von Kentlers Werken generell eine gehörige Portion Skepsis angebracht. Um ein vollständiges Bild des „Experiments“ zu gewinnen gehört es aber dazu, zu verstehen, wie Kentler dies vor sich selber und vor anderen gerechtfertigt hat, und was er damit zu erreichen versuchte.
Der Weg zu einer Antwort auf die Frage führt zunächst zu einem anderen Mann, nämlich dem amerikanischen Psychologen Harry Harlow. Harlow wurde für Tierexperimente berühmt, die er an Rhesusaffen durchführte, wobei diese Experimente aus heutiger Sicht als höchst unethisch zu bewerten sind. In seinen Experimenten trennte er die Affen bei der Geburt von ihren Muttertieren und zog sie stattdessen in Isolationskammern mit Attrappen auf, wo sie zwar ausreichend gepflegt und gefüttert wurden, aber keine Nähe und keinen Körperkontakt zu ihrer Mutter bekamen. Harlow und sein Forschungsteam stellten fest, dass die so aufgezogenen Affen später im Leben eine Reihe von Verhaltensauffälligkeiten zeigten: Unter anderem waren die Affen nicht mehr in der Lage, adäquat auf sexuelle Annäherungsversuche von Artgenossen einzugehen, wenn sie später wieder mit diesen zusammengeführt wurden (Harlow & Suomi, 1971). Ihre von jeglicher Nähe beraubte Kindheit schien die Affen asexuell gemacht zu haben.
Harlows Forschung beeindruckte viele Psychologen und Pädagogen, darunter auch den Kinderarzt und Psychoanalytiker René A. Spitz. In einem Aufsatz, der 1973 und 1988 in zwei von Kentler herausgegebenen Sachbüchern abgedruckt wurde, beschrieb Spitz einen Zusammenhang, den er zwischen der Mutter-Kind-Beziehung beim Menschen und frühkindlicher Masturbation festgestellt hatte: je besser die Beziehung zwischen Mutter und Kind war, desto öfter würden die Kinder schon in ihrem ersten Lebensjahr an ihren Genitalien herumspielen. Aus Harlows Experimenten und seinen eigenen Beobachtungen zog Spitz die Schlussfolgerung, dass die Mutter-Kind-Beziehung maßgebend für die kindliche Sexualentwicklung sei. Gleichzeitig beobachtete er einen Zusammenhang zwischen der allgemeinen Entwicklung von Kindern und der sexuellen Entwicklung: Kinder, die sich in jeder Hinsicht überdurchschnittlich entwickelten spielten besonders früh mit ihren Genitalien, während das bei Kindern, die sich nicht gut entwickelten oder die als schwer gestört galten, nicht zu beobachten war (Spitz, 1973, 1988).
Was Spitz beschrieb, war eine von ihm beobachtete statistische Korrelation: schlechte Mutter-Kind-Beziehung, ausbleibende frühkindliche Masturbation und allgemeine Entwicklungsstörungen schienen statistisch oft zusammen aufzutreten. Für solche Korrelationen gibt es immer mehrere mögliche Erklärungen: Eine solche wäre zum Beispiel, dass die schlechte Mutter-Kind-Beziehung Ursache für die Entwicklungsstörungen ist, und Kinder, die viel Energie aufwenden müssen, um in einem prekären Umfeld zu überleben, gleichzeitig weniger Energie zur Erkundung ihres eigenen Körpers übrig haben. Kentler wiederum ordnete die Kausalitätskette aber etwas anders an. Für ihn waren die Ergebnisse von Harlow und Spitz von überragender Wichtigkeit, und er schloss daraus, dass es die frühkindlichen sexuellen Aktivitäten seien, welche die treibende Kraft für die positive Entwicklung von Kindern bilden, diese aber erst durch körperliche Nähe zur Mutter in Gang gebracht werden müssten. Er drückte dies an verschiedenen Stellen auf eine Weise aus, die aus heutiger Sicht äußerst befremdlich wirkt und leicht als Apologismus für inzestuösen Kindesmissbrauch verstanden werden kann: So müssten „Kinder sexuell gereizt werden […], damit bei ihnen die Sexualität entstehen und sich entwickeln kann“ (Kentler, 1994/1999, S. 200), und dabei sei es insbesondere der „zärtliche Umgang der Mutter mit ihrem Kind“, der „das Kind zu ersten sexuellen Handlungen ‚verführt‘“ (Kentler, 1979a).
Die sexuelle Entwicklung als Triebfeder für die Gesamtentwicklung des Kindes war für Kentler von derartiger Bedeutung, dass er zum Beispiel das erste Spiel mit dem Genital als deutlich bedeutsameren Meilenstein in der frühkindlichen Entwicklung ansah, als selbst das erste Lächeln eines Säuglings (Kentler, 1970, S. 132). Damit einher ging für ihn aber auch ein Problem. „Wie aber sieht das bei Kindern aus, die in einer sexuell sterilen Umgebung, beispielsweise in Heimen, aufwachsen?“, fragte er in einem Aufsatz, der 1979 in seinem Sachbuch Sexualwesen Mensch und in der Fachzeitschrift Psychologie heute veröffentlicht wurde (Kentler, 1979a, 1979b). Die zahlreichen Probleme, psychologische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten, die Jugendliche zeigen, die in instabilen Verhältnissen aufgewachsen sind – Jugendliche wie der dreizehnjährige Ulrich – führte Kentler auf einen „Sexualmangel“ in der Kindheit zurück, den er ihnen unterstellte (Kentler, 1979a, 1979b):
Die schweren Persönlichkeitsstörungen und -ausfälle, die wir bei diesen Kindern beobachten […], sind meines Erachtens Auswirkungen eines „Sexualmangels“, Folgeerscheinungen des völligen Entzugs sexueller Reize. Diesen Menschen wurden sexuelle Lernprozesse verwehrt. Mit ihrer Sexualität blieb auch ihre Sozialität und damit ihre Persönlichkeit unterentwickelt. (Kentler, 1979a)
Anders als bei Harlows Affen, deren Verhaltensstörungen ab einem gewissen Punkt für den Rest ihres Lebens nicht wieder rückgängig zu machen waren, sah Kentler beim Menschen aber eine Chance, die Versäumnisse aus der Kindheit zu heilen und verpasste Entwicklungsschritte nachzuholen. „Frustrationstoleranz und Leistungsfähigkeit können aber ‚nachgelernt‘ werden, wenn der Jugendliche sich in einer Liebesbeziehung gut aufgehoben weiß“, schrieb er 1989 in seinem Buch Leihväter und meinte damit eine Liebesbeziehung nicht zu einem Gleichaltrigen, sondern zu einem älteren Mann, der eine Mentorrolle im Leben der Jugendlichen einnehmen sollte (Kentler, 1989, S. 140). Diese Liebesbeziehung dürfe dabei nicht platonisch bleiben, sondern sie müsse, wie er es ausdrückte, „fleischlich lebendig“ sein (Kentler, 1980), also auch sexuelle Handlungen mit einschließen.
Genau diese These wollte er mit seinem „Experiment“ beweisen. Er brachte dafür schwer zu vermittelnde Jugendliche gezielt in Pflegeverhältnissen bei Männern unter, von denen er erwartete, dass sie sexuelle Handlungen mit ihren Pflegekindern eingehen würden, etwa weil sie vorher schon ein sexuelles Verhältnis zu ihnen hatten. Kentler glaubte, dass er so die psychologischen Störungen der Jugendlichen heilen und sie zu funktionierenden, integrierten Mitgliedern der Gesellschaft machen könne. Der Missbrauch, der in diesen Pflegeverhältnissen stattfand, war also kein Versehen oder das Resultat naiver Unbedarftheit, sondern fundamentaler Teil von Kentlers pädagogischen Konzept.
Kentler und die alten Griechen
Im Grunde handelt es sich bei Kentlers Konzept um die moderne Version einer jahrtausende alten Idee. Schon bei den Dorern, einer ethnischen Gruppe des antiken Griechenlands, war es zwischen dem 6. und 4. Jahrhundert v. Chr. in adligen Kreisen üblich, wenn auch gesamtgesellschaftlich nie unumstritten, dass pubertierende jugendliche Knaben zwischen 12 und 18 Jahren von erwachsenen Männern umworben wurden. Die Erwachsenen nahmen, ähnlich wie es Kentler für seine Pflegeväter vorsah, gleichzeitig die Rolle als Mentor und als Liebhaber ein, und sollten ihre jugendlichen Zöglinge „liebevoll“ in die Gesellschaft integrieren (Michelsen, 2015). Hierfür gibt es den etwas in die Jahre gekommenen Begriff der Päderastie, womit sexuelle Beziehungen zwischen erwachsenen Männern und pubertären Jungen nach Vorbild der antiken Griechen gemeint sind. Auch Kentler nutzte diesen Begriff, um die Beziehung zwischen seinen Pflegevätern und ihren Zöglingen zu beschreiben (Kentler, 1994/1999, S. 208f.). Oft wird dies in den Zusammenhang mit Pädophilie gestellt, treffender wäre es aber, von Ephebophilie (der Präferenz zu pubertären Jugendlichen) zu sprechen – sexuelle Beziehungen zu tatsächlich vorpubertären Kindern wurden im antiken Griechenland wahrscheinlich genauso stark geächtet, wie heute auch (Michelsen, 2015). In der Antike waren päderastische Beziehungen vor allem ein Mechanismus zur Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung und der bestehenden Herrschaftsverhältnisse, und außerdem für wohlhabende schwule Männer zu der Zeit die einzige sozialverträgliche Art, ihrer Neigung nachzugehen (Amendt, 1980). Später wurden diese Verhältnisse immer wieder verklärt und idealisiert, insbesondere in der frühen Schwulenbewegung (Hensel et al., 2014), und auch Kentler bezog sich stellenweise direkt auf die Antike (Kentler, 1982, S. 198). Die Idee, dass adoleszente Jungen „liebevoll“ durch sexualisierte Beziehungen mit älteren Mentoren gelenkt und in die Gesellschaft eingeführt werden, fand zudem unter dem Begriff des pädagogischen Eros eine gewisse Anhängerschaft (Hensel et al., 2014).
Kentlers Ansichten zur Pädophilie
Glaubt man der Medienberichterstattung und der wissenschaftlichen Aufarbeitung, war Kentler ein regelrechter Fürsprecher der Pädophilen. „Pädophilenfreundlich“ soll er gewesen sein (Apin & Geisler, 2013), und manche Wissenschaftler:innen sprechen im Zusammenhang mit Kentler gar anklagend von einem Netzwerk aus „pädophile[n] Personen, Mitwisser[n], Unterstützer[n] etc.“, die „Pädophilie tolerierten, akzeptierten oder mitunter auch dieser indifferent gegenüberstanden“ (M. Baader et al., 2024, S. 13f.). Auch in dem eingangs erwähnten 3sat-Beitrag ist von einem „pädophile[n] Täternetzwerk“ die Rede, in dem Kentler involviert gewesen sein soll (Schickling, 2026). Tatsächlich sind Kentlers Verbindungen und Ansichten zur Pädophilie deutlich komplexer und weniger eindeutig, als es uns diese Beiträge glauben machen wollen.
Die vielleicht relevanteste Quelle, wenn es um Kentlers Ansichten zur Pädophilie geht, ist sein 1982 veröffentlichtes Taschenlexikon Sexualität, ein Wörterbuch für sexuelle Begriffe von A wie „Abartigkeit“ bis Z wie „Zyklus“. Dort erklärt er den Begriff der Pädophilie wie folgt:
Pädophilie (gr. pais, paidos = Kind; philia = Liebe): Kinderliebe; die sexuelle Neigung von Erwachsenen zu Kindern unter 14 Jahren. Es gibt kaum eine sexuelle Orientierung, die derzeit umstrittener ist als die sexuell getönte und erst Recht die deutliche sexuelle Zuneigung zu Kindern. Das hat verschiedene Gründe:
Immer noch glauben viele Erwachsene an die „sexuelle Unschuld“ der Kinder, obwohl allenthalben bekannt sein sollte, daß Kinder sexuelle Bedürfnisse haben und sie auch zu befriedigen verstehen. Über sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern und deren Folgen bestehen meist völlig falsche Vorstellungen. Eine in unserer Gesellschaft akzeptierte (nichtsexuelle) Kinderliebe (z. B. die Liebe der Eltern zu ihrem Kind) und strafbare (sexuell getönte) Kindererotik kommen dicht nebeneinander vor, so daß nur ein mächtiges Tabu ihre scharfe Trennung sichern kann. Das Tabu wird unterstützt und abgesichert durch die Strafandrohungen der §§ 174 und 176 StGB. Aufgrund der vorliegenden Untersuchungen ist aber anzunehmen, daß ungefähr jedes dritte Kind irgendwelche sexuellen Erfahrungen mit Erwachsenen gemacht hat.
Die meisten pädophilen Handlungen gehen nicht vom fremden „bösen“ Onkel aus, der das Kind mit Bonbons an sich lockt, sondern von guten Bekannten des Kindes: von den eigenen Eltern, Geschwistern, nahen Verwandten, Nachbarn. Der Altersunterschied zwischen den Kindern und denjenigen, die einen sexuellen Kontakt zu ihnen suchen, ist nicht selten sehr klein: Ein Großteil der „Täter“ ist selbst noch im kindlichen oder jugendlichen Alter. In den weitaus meisten Fällen bleiben die sexuellen Aktivitäten im Rahmen von Spielereien oder des Pettings. Es ist ganz untypisch, dass Pädophile Gewalt anwenden (Kentler, 1982, S. 199f.).
Direkt ins Auge springt hier, dass Kentler unmittelbar den Bogen von der sexuellen Präferenz der Pädophilie zu sexuellen Handlungen mit Kindern spannt. Für Kentler schien zu gelten: Wer pädophil ist, hat entweder schon „Kindererotik“ praktiziert, oder würde das gerne und arbeitet daran, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dafür zu schaffen. Im Grunde waren für Kentler Pädophile somit – ähnlich wie für die meisten Menschen heute – vor allem Missbrauchstäter, mit dem Unterschied, dass Kentler in sexuellen Handlungen mit Kindern nicht grundsätzlich etwas eindeutig Schlechtes sah.
Somit hat Kentler also recht wenig zu Pädophilie im eigentlichen Wortsinn als die reine sexuelle Präferenz zu vorpubertären Kindern geschrieben. Und wenn, dann war er dabei alles andere als „pädophilenfreundlich“ und hat keineswegs daran gearbeitet, Pädophilie zu „normalisieren“. Auch für ihn waren Pädophile letztendlich auch vor allem gestörte Menschen mit „Persönlichkeitsschäden“ und einer „Fehleinstellung zur Sexualität“, deren eigene Sexualität „unreif“ und aufgrund einer „Entwicklungsbehinderung“, die er pauschal allen Pädophilen unterstellte, im Kindlichen stecken geblieben sei (Kentler, 1994/1999, S. 209f.). Meistens, wenn er sich zu dem Thema äußerte, wie zum Beispiel in seinem 1980 in der Zeitschrift konkret. Sexualität veröffentlichten Artikel „Pädophilie: Tabus und Vortabus“, ging es aber eigentlich um sexuelle Handlungen an Kindern, und oft auch eher um Jugendliche als um Kinder (Kentler, 1980). Viele der heutigen Betrachtungen von Kentler, wie die bereits erwähnten Studien und Medienberichte, übernehmen diese Gleichsetzung Kentlers von Pädophilie mit Kindesmissbrauch unkritisch, was zu den oben genannten stigmatisierenden Narrativen führt.
Wenn wir uns fragen, ob Kentler wirklich Fürsprecher eines „Pädophilen-Netzwerks“ war, müssen wir uns abschließend aber noch mit seiner Beteiligung in Organisationen, die sich für die Legalisierung von Sex mit Kindern einsetzten, befassen. Die vermutlich größte dieser Organisationen, die es in Deutschland je gegeben hat, war die Deutsche Studien- und Arbeitsgemeinschaft Pädophilie (DSAP), die 1978 gegründet und 1979 als eingetragener gemeinnütziger Verein anerkannt wurde. Die DSAP war lange Zeit Dreh- und Angelpunkt der Bemühungen für die Abschaffung des Schutzalters, und hatte durchaus einflussreiche Verbindungen in Wissenschaft, Politik, Zivilgesellschaft und in der Schwulenbewegung: So brachte die DSAP 1979 auf dem Schwulenfestival Homolulu eine Resolution zur Abstimmung, welche die Straffreiheit von sexuellen Handlungen mit Kindern forderte, und 1980 waren Mitglieder des Vereins auf einer politischen Veranstaltung vertreten, wo ihnen von Vertretern der FDP eine mögliche Reform des Schutzalters in Aussicht gestellt wurde (Hensel et al., 2014). Helmut Kentler war zeitweise Mitglied des wissenschaftlichen Kuratoriums des Vereins. 1983 löste sich der Verein aufgrund von internen Streitigkeiten auf, ein großer Teil der Mitglieder bildete daraufhin die heute noch existierende Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität (AHS) (Hensel et al., 2014). Auch die AHS machte sich für die Legalisierung von sexuellen Handlungen mit Kindern stark: In Kooperation mit der Humanistischen Union organisierte die AHS mehrere Tagungen zum Thema Sexualität, auf denen u. a. die Legalisierung von Kinderpornografie gefordert wurde (Humanistische Union, 2010; Rürup, 2000). Mit dabei war auch hier Helmut Kentler, der von mindestens 1989 bis 1998 zum Kuratorium des Vereins gehörte (Nentwig, 2019, S. 93). Kentler hatte also zumindest keine Berührungsängste und kooperierte willentlich mit Organisationen, welche die Abschaffung des Schutzalters forderten.
Pädophilie im Wandel der Zeiten
Kentler war nicht der Einzige, der Pädophilie mit sexuellen Handlungen mit Kindern gleichsetzte. Historisch war diese Ansicht gerade unter Aktivist:innen und Wissenschaftler:innen, die heute als „pro-pädophil“ gelesen werden, durchaus verbreitet. In einem Positionspapier von 1988 argumentierte die AHS etwa, dass nicht jeder pädophile Mensch Gewalt anwendet, und meinte damit, dass bei „einem verantwortlich handelnden Pädophilen“ sexuelle Handlungen mit Kindern keine Form von Gewalt und somit auch nicht pauschal zu verurteilen seien (Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität AHS e.V., 1988). Ähnliche Argumentationen lassen sich auch bei anderen Akteuren finden, so zum Beispiel bei dem Sozialwissenschaftler Rüdiger Lautmann, der sich gegen die Gleichstellung von Kindesmissbrauch mit „äußerlich gewaltfrei verfahrende[r] Pädophilie“ wehrte (Lautmann, 1999, S. 186f.), denn: „Die Erwachsenen-Kind-Kontakte […] stellen keine Ersatzhandlungen dar und beruhen nicht auf Gewalt als Selbstzweck“ (Lautmann, 1994, S. 12). Die Aussage, dass nicht jede:r Pädophile Kindesmissbrauch begeht, ist bei einigen historischen Akteuren also eher so zu verstehen, dass zwar schon jede:r Pädophile (bei sich bietender Gelegenheit) sexuelle Handlungen mit Kindern begehen würde, diese aber nicht automatisch Missbrauch seien.
Weiter verkompliziert wird die Frage nach Kentlers Verbindungen zur Pädophilie dadurch, dass der Begriff der Pädophilie historisch einen Wandel durchlaufen hat, und viele der „pädophilen“ Aktivist:innen u. a. in der Studien- und Arbeitsgemeinschaft Pädophilie nach heutiger Definition eher als hebe- oder ephebophil einzuordnen wären. Anders gesagt: Es ging ihnen eher um die Legalisierung von Sex mit Jugendlichen, und nicht um vorpubertäre Kinder. Ein Beispiel hierfür ist der Autor und mehrfach verurteilte Sexualstraftäter Peter Schult, der 1980 eine Abhandlung über die „Pädophilie-Bewegung in Westdeutschland“ mit der Behauptung begann, dass das „androgyne Wesen“ von Musikern wie Mick Jagger oder Jim Morrison angeblich zum Abbau von Vorurteilen beigetragen und damit den Weg zur Emanzipation Pädophiler geebnet hätten (Schult, 1980). Dies ist aber sicherlich von eigentlicher Pädophilie im Sinne einer Präferenz für vorpubertäre Kinder weit entfernt. Auch die meisten der von Lautmann befragten „Pädophilen“ in seinem kontroversen Werk Die Lust am Kind begehrten „überwiegend Jugendliche am Beginn und im Verlauf der Pubertät“ (Lautmann, 1994, S. 29).
Hinzu kommt, dass lange Zeit in Deutschland ein höheres Schutzalter für schwule Beziehungen galt, als für heterosexuelle Beziehungen, und viele Aktivist:innen gerade auch aus der Schwulenszene daher für eine Senkung des Schutzalters schon alleine deshalb waren, um diese offensichtliche Form der Diskriminierung zu beenden. Es gab fließende Übergänge von Aktivismus, der die Ungleichbehandlung Homosexueller aufheben wollte zu solchen, welche die Bestrafung von Sexualität (und insbesondere Sexualität mit Kindern) überhaupt abschaffen wollten, wie es zum Beispiel die AG Pädophilie der Allgemeinen Homosexuelle Arbeitsgemeinschaft forderte (Gathmann et al., 2013). Die Grenzen zwischen Kindern und Jugendlichen bewusst verschwimmen zu lassen, war (und ist) darüber hinaus eine durchaus beliebte Taktik von Pro-C-Aktivist:innen, mit Konsequenzen, die Günter Amendt schon 1980 herausarbeitete: „In der Pseudo-Pädophilie steckt die vielleicht subtilste Gemeinheit gegenüber den wirklich Betroffenen, die mit ihrem Schicksal kämpfen. Rigoros werden sie untergebuttert.“ (Amendt, 1980). In dem Punkt hat sich in den letzten 50 Jahren wenig verändert.
Insgesamt betrachtet äußerte sich Kentler also recht wenig tatsächlich über Pädophilie, und wenn, dann nur im Kontext sexueller Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern. Schauen wir nun genauer, was seine Einstellungen zu dem Thema waren.
Kentlers Ansichten zu Sex mit Kindern
Kentlers Eintrag zur Pädophilie in seinem Taschenlexikon liest sich wie ein Mikrokosmos der wichtigsten Argumente, mit der auch heute noch die Kriminalisierung sexueller Handlungen an Kindern von Pro-Cs infrage gestellt wird. So zog er daraus, dass Kinder sexuelle Wesen und keineswegs sexuell unschuldig seien unmittelbar den Schluss, dass sie auch Interesse an sexuellen Beziehungen mit Erwachsenen haben würden (auch wenn er später im Text relativiert, dass dies zumindest in gesunden Familienverhältnissen „im allgemeinen“ nicht vorkomme). Ebenso behauptete er (ohne seine Behauptung dabei irgendwie zu belegen), dass es „ganz untypisch“ sei, dass Pädophile Gewalt anwenden und sie sich auf eher harmlose (nicht-penetrative) „Spielereien“ beschränken würden, wenn sie sexuelle Handlungen an Kinder vornähmen. Dadurch sei eine Schädigung der Kinder im Grunde schon ausgeschlossen: „Pädophile sind im allgemeinen nicht, indem sie sich mit Kindern sexuell befriedigen, Schädiger oder gar Schänder“, schrieb er 1994 ausgerechnet für ein Handbuch zum Kinderschutz (Kentler, 1994/1999, S. 210). Er machte also eine Unterscheidung zwischen „echten“, also gewaltvollen und damit klar schädlichen Missbrauch, und vermeintlich gewaltlosen Handlungen, bei denen er die grundsätzliche Schädlichkeit zumindest implizit infrage stellt. Pädophilen stellte er dabei fast so etwas wie einen Freifahrtschein aus, als sei ein sexuelles Interesse an Kindern ein Schutzfaktor dafür, Kindern bei sexuellen Handlungen Schaden zuzufügen – eine Sichtweise, die sich wie gesagt auch bei einigen seiner Zeitgenoss:innen findet (siehe Infokasten „Pädophilie im Wandel der Zeiten“).
Fragwürdige Ansichten zu Sex mit Kindern finden sich auch in weiteren Publikationen Kentlers. 1975 machte er aus seiner Doktorarbeit einen Elternratgeber, den er unter dem Titel Eltern lernen Sexualerziehung veröffentlichte. Die dort enthaltenen Ratschläge, die Kentler aus seiner Position als hoch angesehener Sexualpädagoge Eltern mitgab, sind dabei vielleicht genauso schädlich und verwerflich wie sein „Experiment“. Da für Kentler frühkindliche Masturbation von immenser Wichtigkeit für die weitere Entwicklung war, malte er drastische Folgen an die Wand, wenn Kinder nicht schon im Kleinkindalter mit der Selbstbefriedigung anfangen: dies sei ein Zeichen für schwere Erkrankungen und psychische Fehlentwicklungen (Kentler, 1975/1981, S. 67) – gerade jene Folgen also, die Kentler mit seinem „Experiment“ im Jugendalter durch päderastische Beziehungen „heilen“ wollte. Eltern sollten daher aktiv daran interessiert sein, dass ihr Kind sexuell befriedigt ist (Kentler, 1975/1981, S. 18) und die Selbstbefriedigung ihrer Kinder nicht nur dulden, sondern aktiv fördern, zum Beispiel durch anspornende Kommentare: „Na, gefällt es dir?“ (Kentler, 1975/1981, S. 67f.).
Gleichzeitig plädierte Kentler in seinem Ratgeber dafür, Schambarrieren in der Familie abzubauen und nicht mehr die Schlafzimmertür vor den Kindern abzuschließen, wenn die Eltern Sex haben. Sogar mit inzestuösem Missbrauch hatte er dabei keine grundsätzlichen Probleme, so wies er angetan darauf hin, dass einige Eltern „sogar die Schranken zwischen Erwachsenensexualität und kindlicher Sexualität“ eingerissen hätten und ihre Kinder beim Sex „zusehen oder sogar teilnehmen“ lassen. Das befürwortet er zwar nicht explizit, verurteilt das Vorgehen dieser Eltern aber ebenso mit keinem Wort (Kentler, 1975/1981, S. 41).
Generell hielt er das Zusammenleben von Eltern und Kindern für eine „fürwahr […] hochgradig sexuell-erotisch aufgeladene Konstellation“ (Kentler, 1984/1988, S. 47). Laut Kentler war gewissermaßen jede:r Erwachsene pädophil, denn „Kinder wirken auf Erwachsene generell sexuell reizvoll“ (Kentler, 1994/1999, S. 199) und strahlen „immer einen sexuellen Reiz [aus]“ (Kentler, 1984/1988, S. 47), was am Kindchenschema und am kindlichen Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Nähe liege (Kentler, 1994/1999, S. 199). Als Kentler in seinem Taschenlexikon also von einem „mächtigen Tabu“ schrieb, das Kinderliebe von Kindererotik trenne, dann meinte er damit also nichts anderes als das Inzesttabu.
Man kann hier durchaus die Ansicht herauslesen, dass das Inzesttabu und die Ablehnung sexueller Handlungen zwischen Eltern und Kindern ein künstliches und widernatürliches Konstrukt sei, und es ohne diese gesellschaftlichen Konstrukte völlig normal wäre, dass Eltern über ihre Kinder herfallen. Andererseits kritisierte er an anderer Stelle in seinem Elternratgeber wiederum die Haltung, dass man Kinder ruhig beim Sex zugucken lassen könne (Kentler, 1975/1981, S. 82), was er allerdings recht seltsam begründete: nicht damit, dass dies generell problematisch wäre, sondern weil er selber sich gestört fühlen würde, wenn ihm Kinder beim Sex zugucken würden. Besonders absurd wirkt diese eher schwache Ablehnung, da schon das Cover der mir vorliegenden Ausgabe das Vornehmen sexueller Handlungen vor Kindern positiv darstellt: So zeigt das Cover eine Zeichnung von drei Kindern, die aufmerksam einem nackten Mann zugucken, der gerade im Begriff ist mit lehrhaft erhobenem Zeigefinger zu seiner ebenfalls nackten Frau ins Bett zu steigen. Kentlers Ansicht dazu, ob Eltern ihre Kinder beim Sex zusehen oder sogar mitmachen lassen sollten, sind insgesamt also vage bis widersprüchlich.
Diese Widersprüchlichkeit, der Bagatellisierung sexueller Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern erst einen Raum zu geben, um sich dann gleichzeitig davon zu distanzieren, findet sich auch in anderen Werken Kentlers. 1999 beispielsweise äußerte er sich überraschend klar, er halte „das Verbot sexuell-genitaler Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern […] für gerechtfertigt“ (Kentler, 1994/1999, S. 202), nur um im weiteren Verlauf des Textes verschiedene Konstellationen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durchzugehen und immer wieder zu der Erkenntnis zu gelangen, dass ein Schaden, wenn überhaupt, nur sekundär durch die gesellschaftliche Ächtung entstehen würde und man von Missbrauch eigentlich gar nicht reden könne. Das Einzige, was Kentler am Ende klar verurteilt, ist das Anwenden von Zwang und körperlicher Gewalt.
Kentlers widersprüchliche Einstellungen zeigen sich auch in seinem Verhältnis zu dem Manifest der Kommune 2, einem Ende der 1960er Jahre in Berlin gegründeten alternativen Wohnprojekt, in dem mehrere Erwachsene mit zwei Kleinkindern zusammenlebten. In dem Text der Kommune beschrieben die Mitglieder mehrere Fälle von Kindesmissbrauch, den sie als pädagogisches Konzept („Bejahung“ kindlicher Sexualität) zu rechtfertigen versuchten. Besonders ausführlich erzählte dabei Kommunenmitglied Eberhard Schultz eine Situation, in der er und das noch nicht einmal drei Jahre alte in der Kommune lebende Mädchen sich gegenseitig die Genitalien streichelten, bis das Kind schließlich erfolglos versuchte, seinen erigierten Penis in sich einzuführen („Sie hält meinen Pimmel an ihre Vagina und stellt dann resigniert fest: ‚Zu groß‘“) (Kommune 2, 1969). Dieses Manifest und die darin geschilderte Missbrauchssituation begeisterten Kentler so sehr, dass er Ausschnitte davon in den von ihm herausgegebenen Sammelbänden Texte zur Sozio-Sexualität von 1973 und Sexualwesen Mensch von 1984 publizierte (Kommune 2, 1973, 1988). In seinen Kommentaren zu dem Text lobte er das Projekt als Beispiel für eine „sexualfreundliche Kindererziehung“ (Kentler, 1970, S. 106), die „radikal nicht-repressiv“ sei (Kommune 2, 1973, Anmerkungen von Helmut Kentler) und den Kindern die Gelegenheit gegeben habe „zu erfahren, daß Erwachsene zu ihnen als Sexualobjekte nicht passen“ (Kommune 2, 1988, Vorwort von Helmut Kentler). Gleichzeitig wehrte sich Kentler dagegen, den Text als Plädoyer für „Sex mit Kindern, Pädophilie oder gar die Zerstörung des Inzesttabus“ zu verstehen (Kommune 2, 1988, Vorwort von Helmut Kentler). Auch hier zeigen sich die für Kentler typischen Widersprüche: auf der einen Seite sexuelle Handlungen mit Kindern als etwas Positives darstellen, und auf der anderen Seite behaupten, sich dafür nicht einsetzen zu wollen.
Viele der Argumente, die von Kentler in seinen Werken immer wieder angebracht wurden, sind auch heute noch unter Pro-Cs beliebt, um gegen die gesellschaftliche Ächtung von sexuellen Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern zu argumentieren. Dazu zählt insbesondere der Gedanke, dass Kinder selber auch sexuelle Wesen seien, und „einvernehmliche“ Handlungen ohne Anwendung körperlicher Gewalt nicht schädlich seien. Es lässt sich also eine ideologische Linie feststellen, die von Kentler bis zu den heutigen Pro-Cs reicht. In seiner Begriffserklärung zur Pädophilie im Taschenlexikon führt Kentler weitere solcher Argumente an:
Nicht selten geht die Initiative zu Zärtlichkeiten vom Kind aus, weil es neugierig ist oder Anlehnung sucht. Weitaus die meisten Kinder, die mit Pädophilen regelmäßig zusammenkommen, leben in Familien, die unvollständig oder gestört sind, und in denen sie zu wenig Liebe, zu wenig gefühlsmäßigen Rückhalt, Verständnis und Anerkennung bekommen. Sexualforscher und erfahrene Gerichtsgutachter geben übereinstimmend an, daß durch pädophile Beziehungen bei den betroffenen Kindern keine Schäden entstehen. Negativ wirken sich jedoch Verhöre bei der Polizei und bei Gerichtsterminen aus. Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen bedrücken die Kinder vor allem dann, wenn sie an und für sich gute Erinnerungen an den Pädophilen haben. Kinder, die sich bei ihren Eltern und Geschwistern wohlfühlen, die über alles, was sie bewegt, zuhause reden können und die gute Kontakte zu Gleichaltrigen haben, wünschen sich im allgemeinen keine sexuellen Beziehungen zu Erwachsenen. (Kentler, 1982, S. 199f)
Die Idee der Sekundärschädigung, also dass es nicht sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern an sich sind, die einen Schaden anrichten, sondern ausschließlich die Reaktion der Umwelt darauf, ist ein weiteres zentrales Argument unter Pro-Cs. Vordergründig erfüllt dieses Argument den Zweck, eine einfache Erklärung für sämtliche Negativerzählungen von Missbrauchsbetroffenen zu finden, ohne die Überzeugung aufgeben zu müssen, dass sexuelle Handlungen ohne körperliche Gewaltanwendung grundsätzlich nicht zu einem Schaden führen können. Kentler reproduzierte dieses Argument auch in seinem Elternratgeber. Dort plädiert er, dass Eltern, wenn sie von sexuellen Übergriffen auf ihr Kind erfahren nicht „die Nerven verlieren“ und unter keinen Umständen „gleich zur Polizei laufen“ sollen, denn „häufig erleiden die Kinder nämlich erst durch die Reaktionen ihrer Eltern einen Schock“, und „negativer als alles, was zwischen dem Erwachsenen und unserem Kind vorgekommen ist, kann sich nämlich das Verhör durch einen ungeschulten Kriminalbeamten auswirken.“ Außerdem war ja vielleicht alles gar nicht so schlimm, denn „war der Erwachsene rücksichtsvoll und zärtlich, dann hat unser Kind womöglich sogar die sexuellen Berührungen mit ihm genossen“ (Kentler, 1975/1981, S. 103f). Kentler wirkte also mit seiner Autorität als Experte und Autor eines fachlich anerkannten Ratgebers auf Eltern ein, damit sie den Missbrauch ihrer Kinder als Lappalie beiseite wischen oder aus Angst, die Situation schlimmer zu machen, nicht einschreiten. Das Argument der Sekundärschädigung erfüllt bei Kentler also einen zweiten Zweck, nämlich Täter:innen zu decken, indem Eltern verunsichert und davon abgehalten werden, gegen sie vorzugehen.
Die wissenschaftliche Qualität von Kentlers Arbeit
Auffällig an Kentlers Argumentation in seinem Taschenlexikon ist zudem, dass er seine Behauptungen damit stützt, dass Sexualforscher und Gerichtsgutachter „übereinstimmend“ dasselbe sagen würden, ohne eine Quelle für diese Behauptung zu nennen. Dies ist indikativ für die Qualität von Kentlers Werken, die wissenschaftlichen Standards oft nicht genügen. Neben namentlich nicht genannten Experten versuchte Kentler besonders häufig seine Ansichten mit anekdotischen Erzählungen zu belegen, zum Beispiel zog er daraus, dass er drei asexuelle Menschen kannte, die seiner Meinung nach „schwer gestörte Menschen waren“ den Schluss, dass Asexualität generell auf psychische Störungen und krankhafte Entwicklungen hindeuten würde (Kentler, 1994/1999, S. 201). Auch sein „Experiment“ ist ein Beispiel dieser anekdotischen Beweisführung, da er aus drei Einzelfallbeschreibungen den allgemeinen Schluss zog, dass Jugendliche von sexualisierten Kontakten zu Männern profitieren könnten. Da es keine Möglichkeit gibt, den Wahrheitsgehalt dieser anekdotischen Erzählungen nachzuvollziehen, lassen sich viele von Kentlers Aussagen heute nicht mehr verifizieren. Andere Aussagen bleiben völlig ohne Beleg – beispielsweise behauptete er ohne Beweis, pädophile Männer seien generell „in ihrer Persönlichkeitsentwicklung behindert und geschädigt“ (Kentler, 1994/1999, S. 209), wobei es hier völlig unklar bleibt, wie er zu diesen Schluss gekommen ist.
Zu seinem „Experiment“ schrieb Kentler außerdem, er sei durch „Veröffentlichungen über Versuche in Holland in den USA“ dazu inspiriert worden, auch hier, ohne diese Veröffentlichungen namentlich zu nennen (Kentler, 1989, S. 55). In meinen Recherchen konnte ich keinen Hinweis darauf finden, dass ähnliche „Experimente“ in den USA und Holland je stattgefunden haben. Auch dies ist also ein weiterer Kernpunkt zu Kentlers „Experiment“, der sich aufgrund seiner mangelhaften Arbeitsweise heute nicht mehr nachvollziehen lässt.
Wenn sich Kentler doch mal auf konkrete wissenschaftliche Arbeiten bezog, dann oft auch nur solche, die wenige Einzelfälle untersuchten, die er dann zu grundsätzlichen Schlussfolgerungen verallgemeinerte. In Leihväter referenzierte er zum Beispiel zwei Arbeiten von Tindall (Tindall, 1978) und Sandfort (Sandfort, 1984), die laut seiner Darstellung belegen sollen, dass sexuelle Beziehungen zwischen Männern und Jungen positive Auswirkungen haben können. Tindall begleitete über viele Jahrzehnte hinweg neun Männer, die als Jugendliche sexuelle Beziehungen zu erwachsenen Männern hatten, und kam zu dem Schluss, dass kein negativer Einfluss dieser Beziehungen auf den weiteren Lebensweg der Männer zu erkennen war. Sandfort wiederum befragte 25 Jungen im Alter von 10 bis 16 Jahren, die sich zum Zeitpunkt der Befragung in einer sexuellen Beziehung zu einem erwachsenen Mann befanden und fand, dass die Jungen die sexuellen Handlungen überwiegend positiv bewerteten. In beiden Fällen handelt es sich um sehr kleine und stark vorselektierte Stichproben, bei Sandfort meldeten sich die erwachsenen „Partner“ zum Beispiel aus Eigeninitiative bei dem Forscher, sodass die Einbeziehung von stark negativen Fällen von vorneherein unwahrscheinlich war. Zumindest Sandfort wies auch selber explizit darauf hin, dass die von ihm untersuchte Gruppe nicht repräsentativ sei und man daher aus seinen Ergebnissen keine verallgemeinerten Schlüsse ziehen dürfte – und dennoch ist dies genau das, was Kentler in Leihväter macht. Ebenso wie ihre fundamentalen Limitierungen verschwieg Kentler gerne Aspekte der von ihm zitierten Forschung, die seinen eigenen Hypothesen widersprach. So ließ er es zum Beispiel unerwähnt, dass in Sandforts Stichprobe der erste sexuelle Kontakt überwiegend nicht vom Minderjährigen, sondern vom Erwachsenen ausging, was Kentlers eigener Behauptung widerspricht, dass die Initiative meist vom Minderjährigen ausgehe.
Kentler selber blieb mit direkten Forderungen nach einer Legalisierung von Sex mit Kindern insgesamt allerdings eher ambivalent und bedeckt, insbesondere in den späteren Phasen seiner Karriere. 1970 soll er zwar vor einem Sonderausschuss des Deutschen Bundestages noch die völlige Straffreiheit von sexuellen Beziehungen zwischen Erwachsenen und Minderjährigen gefordert haben, was später von Teilen der Grünen und der FDP aufgenommen wurde (Walter, 2015). Zehn Jahre nach der Anhörung vor dem Bundestagsausschuss riet Kentler jedoch dazu, Forderungen nach einer Abschaffung des Schutzalters aus dem Forderungspapier einer Schwulengruppe der Grünen zu streichen, da er sie für politisch nicht durchsetzbar hielt (Klecha, 2015). In Leihväter schrieb er schließlich noch einmal etwa 10 Jahre später, dass er nicht beabsichtige, sexuelle Beziehungen zwischen Minderjährigen und Erwachsenen zu empfehlen (Kentler, 1989, S. 143). Ein paar Jahre danach verkündete er sogar ausdrücklich, dass er „gegen sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern“ sei, denn „das dem Kind entsprechenden Sexualobjekt ist das Kind“ (Kentler, 1994/1999, S. 202f.), relativierte diese Aussage aber in für ihn typische Manier im gleichen Text wieder, indem er infrage stellte, ob bestimmte Formen sexueller Handlungen überhaupt eine Form von Missbrauch darstellen. Bei konkreten Forderungen blieb er eher vage. 1979 schrieb er einen Aufsatz, in dem er die Gesetze zum Schutzalter kritisierte und ein „Umdenken“ forderte, ließ aber offen, wie so ein Umdenken aussehen solle und nannte keine konkreten Altersangaben (Kentler, 1979a, S. 164). Statt konkreter Forderungen nach Straffreiheit findet man in der Zeit eher Suggestivfragen danach, welche Schäden „vor allem den Kindern und Jugendlichen [zugefügt werden], wenn wir eine Sexualisierung der Beziehungen zwischen den Generationen unter allen Umständen zu verhindern versuchen“ (Kentler, 1980).
Zeig mal! … lieber nicht?
Eine Leerstelle gibt es in meinen Recherchen. 1974 wurde im evangelischen Jugenddienst-Verlag das Aufklärungsbuch „Zeig Mal!“ veröffentlicht, dessen Vorwort Helmut Kentler verfasste. In meinen Recherchen stieß ich einige Male auf Verweise auf diesen Text, angeblich soll das Vorwort ein „unverhohlener Aufruf zur Pädophilie“ gewesen sein (Hebel, 2019). Für die Recherche wäre der Text also durchaus interessant gewesen. Das Problem ist allerdings, dass in dem Buch Bilder nackter Kinder abgedruckt sein sollen, auch der erigierte Penis eines Kindes soll zu sehen sein (Koldehoff, 1996). In den 90ern gab es deshalb den Versuch, das Buch als Kinderpornografie zu verbieten (Koldehoff, 1996; Mayer, 1996). Auch wenn diese Bemühungen letztendlich gescheitert sind, und bislang anscheinend niemand wegen Besitz des Buchs verurteilt wurde, halte ich es für schwer vorstellbar, dass Bilder erregter kindlicher Genitalien heutzutage noch legal sind – insbesondere, wenn sich diese Bilder in den Händen eines Pädophilen befinden. Zu meiner eigenen Sicherheit habe ich daher darauf verzichtet, dieses Werk zu sichten.
Diese vagen und oft widersprüchlichen Aussagen zu sexuellen Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern lassen sich möglicherweise mit strategischer Zurückhaltung erklären. Kentler war nämlich in erster Linie, wie wir später noch genauer sehen werden, eben kein Fürsprecher für Pädophile bzw. Pro-Cs. Einen Artikel aus 1980 fing er mit den Worten an: „Als ich gefragt wurde, ob ich einen Beitrag über Pädophilie schreiben könnte, war meine erste Reaktion ein Nein (denn man soll sich nie freiwillig in Nesseln setzen)“ (Kentler, 1980). Den Artikel schrieb er am Ende zwar trotzdem, sein Zögern verdeutlicht aber, dass auch er eine ambivalente Haltung zu dem Thema hatte. Er überlegte sich jeweils genau, wie viel er sagen und fordern konnte und hielt sich mit extremeren, nicht gesellschaftskonformen Ansichten zurück, was erklären kann, warum er explizite Forderungen nach einer Straffreiheit kaum stellte, aber die Grundlagen des Verbots mehrfach infrage stellte.
Missbrauchsvorwürfe gegen Kentler
Abschließend sei noch erwähnt, dass sich bei einer Forscher:innengruppe eine Person mit konkreten Missbrauchsvorwürfen gegen Kentler gemeldet hat. Die Person gab an, dass sie sowie weitere bei Kentler lebende Jugendliche von ihm schwer sexuell missbraucht wurden. Die Wissenschaftler:innen konnten die Vorwürfe weder verifizieren noch widerlegen (Baader et al., 2023; Baader et al., 2024).
Beim „Kentler-Experiment“ ging es nicht um Pädophilie
Kentler schrieb im Zusammenhang mit Pädophilie also in der Realität fast immer über sexuelle Handlungen mit Kindern, die er nicht für grundsätzlich schädlich hielt, wo er sich aber auch nicht klar befürwortend positionierte. Ein klares Fazit zu Kentlers Haltung zu Pädophilie, also wie „pädophilenfreundlich“ Kentler wirklich war, lässt sich also kaum ziehen, da er über Pädophilie im eigentlichen Sinne kaum geschrieben hat. Deutlicher lässt sich aber bewerten, wie viel Kentlers „Experiment“ mit Pädophilie zu tun hat, und das ist tatsächlich: nicht viel.
Das wird schon deutlich, wenn wir das Alter der Jungen betrachten, die Kentler im Rahmen seines „Experiments“ an die Pflegeväter vermittelte. Hierzu machte Kentler an verschiedenen Stellen konkrete Angaben. Der angeblich „schwer gestörte“ Ulrich aus Kentlers Bericht von 1980 soll zum Beispiel 13 Jahre alt gewesen sein, als er in der Pflegestelle bei „Mutter Winter“ unterkam (Kentler, 1980). Bei einer Sachverständigenanhörung 1981 sprach Kentler von Jugendlichen „zwischen 13 und 15“ (FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag (1981)). Und 1989 schrieb er in seinem Buch Leihväter, die Jungen in seinem „Experiment“ wären „zwischen 15 und 17 Jahren alt“ gewesen, und die Pflegeväter „auf die Altersspanne 15 bis 19 Jahre festgelegt“ (Kentler, 1989, S. 55f). Auch wenn seine Altersangaben teilweise widersprüchlich sind und heute nicht mehr verifiziert werden können, lassen Kentlers Beschreibungen eindeutig darauf schließen, dass es ihm eher um Jugendliche statt um Kinder ging. Das passt auch zu seiner ideologischen Rechtfertigung des „Experiments“, nach der er schließlich im Jugendalter die angeblich von einer asexuellen Kindheit ausgelösten Traumata bearbeiten und „heilen“ wollte.
Die Pflegestelle bei Fritz H.
Während der Aufarbeitungsbemühungen zu Kentlers Wirken meldeten sich zwei Betroffene, die schon als Kinder (mit sieben und acht) in eine von Kentler vermittelte Pflegestelle bei dem ehemaligen Schweißer und Fernmeldetechniker Fritz H. untergebracht wurden, wo sie sexualisierte Gewalt erfuhren. Einer der Betroffenen kam auch in dem eingangs erwähnten 3sat-Beitrag zu Wort (Müller, 2017; Schickling, 2026). Auch wenn die Pflegestelle bei Fritz H. regelmäßig als Teil des „Kentler-Experiments“ beschrieben wird und der Fall als Beweis gewertet wird, dass das „Kentler-Experiment“ bis in die 2000er-Jahre angedauert habe (die Pflegestelle bei Fritz H. wurde erst 2003 aufgelöst), ist die Verbindung zum „Experiment“ zumindest fragwürdig. Die Konstellation passt zu keiner der drei Pflegestellen, die Kentler selber in Leihväter als Teil seines „Experiments“ beschrieb. Ebenso ist unklar, ob Kentler wusste, dass es in der Pflegestelle zu sexualisierter Gewalt durch Fritz H. kam. Dass es in einer von Kentler vermittelten Pflegestelle zu sexualisierter Gewalt auch an Kindern kam, ist daher nicht zwingend ein Gegenbeweis dafür, dass es Kentler bei seinem „Experiment“ vor allem um Jugendliche ging.
Um zu belegen, dass es beim „Kentler-Experiment“ um Pädophilie gegangen sei, wird meistens eine Stelle aus dem kurzen Artikel von Kentler in der Zeitschrift konkret. Sexualität von 1980 zitiert, in dem er den Fall „Ulrich“ beschreibt. Der Artikel setzt Pädophilie, wie es für Kentler wie gesagt üblich war, mit sexuellen Handlungen an Minderjährigen durch Erwachsene gleich. Über Ulrich berichtet er dort, es sei sein Vorteil gewesen, dass er „gut aussah und daß ihm Sex Spaß machte; so konnte er pädophil eingestellten Männern, die sich um ihn kümmerten, etwas zurückgeben“ (Kentler, 1980). Es ist dieser eine Satz von Kentler, der wieder und wieder zitiert wird; Google etwa findet über 300 Ergebnisse zu exakt dieser Formulierung. Zu beachten ist hier aber, dass Kentler nicht schreibt, wie er zu der Einschätzung kommt, die Männer seien pädophil gewesen. Ulrich selber war mit 13 Jahren eher nicht mehr im Präferenzbereich Pädophiler, und Kentler nutzte wie viele seiner Zeitgenossen den Begriff der Pädophilie nicht trennscharf und somit auch für die Präferenz zu pubertären Jugendlichen (siehe Infokasten „Pädophilie im Wandel der Zeiten“). Das gilt in Bezug auf das „Experiment“ auch ganz grundsätzlich: Insgesamt gibt es keinen Beweis dafür, dass die Pflegeväter aus Kentlers „Experiment“ pädophil waren, oder Kentler gezielt nach Pädophilen für sein „Experiment“ gesucht hat. Zu einer ähnlichen Auffassung gelangte auch die Wissenschaftlerin Teresa Nentwig, die sich mit Kentler näher beschäftigte:
So ist nicht bekannt, wie viele Kinder bzw. Jugendliche tatsächlich von dem von ihm initiierten „Experiment“ betroffen waren. Auch wie alt sie wirklich waren (waren es – rechtlich gesehen – Kinder oder Jugendliche?), ob die „Pflegeväter“ pädophil oder päderastisch veranlagt waren und wann das Pflegestellen-Projekt endete, ist nicht bekannt (Nentwig, 2019).
Kentler redete über sein „Experiment“ eher unter dem Schlagwort der Päderastie, die er – im Kontrast zu der auf Kinder ausgerichteten Pädophilie – als „Gernhaben“ von jugendlichen (pubertären) Jungen durch erwachsene Männer definierte (Kentler, 1982, S. 198f; 1994/1999, S. 208). Dementsprechend bezeichnete Kentler seine Pflegeväter meist gar nicht als pädophil, sondern einfach als schwul. In seinem 1979 veröffentlichten Aufsatz Bemerkungen zur ‚sexuellen Entwicklung‘ von Kinder [sic!] und Jugendlichen beschrieb er zum Beispiel, wie positiv sich die Jungen in seinem „Experiment“ entwickelt hätten, „nachdem sie zwei bis drei Jahre bei pädagogisch besonders geschulten und ständig supervisierten Homosexuellen gelebt hatten“ (Kentler, 1979a).
Insbesondere in Leihväter entsteht stark der Eindruck, dass es Kentler vor allem darauf ankam, dass seine Pflegeväter homosexuell waren, und Pädophilie für ihn keine Rolle spielte. Zwar ist in Kentlers Schriften genauso unklar, wie er zu der Schlussfolgerung kam, seine Pflegeväter seien schwul gewesen. Fragwürdig ist aber vor allem, warum Kentlers „Experiment“ heute regelmäßig mit Pädophilie in Zusammenhang gestellt wird, wenn Kentler selber es deutlich öfter im Kontext mit Homosexualität erwähnte. An dieser Stelle können wir uns daher genauso gut fragen: Was hatte das „Kentler-Experiment“ eigentlich mit Homosexualität zu tun?
Helmut Kentler, Homosexualität und Leihväter
Wichtiger als die Legalisierung von sexuellen Handlungen mit Kindern, für die Kentler sich vor allem später nur sehr verhalten einsetzte, war für ihn, der selber offen homosexuell lebte, die Anerkennung von Homosexualität und die Gleichberechtigung insbesondere schwuler Männer. Seine Ansichten zur Pädophilie stellte er dabei bereitwillig zurück, um dieses Ziel nicht zu gefährden. So soll er 1986 in einem Gespräch gesagt haben, das gemeinsame Vorgehen von Homosexuellen und Pädophilen könne sich „fatal auswirken, wenn die radikaleren Forderungen der Pädophilen nach Abschaffung von § 176 die politisch vernünftige Forderung der Homosexuellen nach Abschaffung des § 175 verhinderten“ (Kaminsky, 2024, S. 110f.). Während Teile der Schwulenbewegung bis in die 90er offen mit Aktivisten kooperierten, die Sex mit Minderjährigen straffrei machen wollten (Kraushaar, 1995), erkannte Kentler also spätestens ab der zweiten Hälfte der 80er Jahre, dass das gemeinsame Durchsetzen der Forderungen damaliger pädophiler und homosexueller Aktivisten kaum mehr möglich war. Vor die Wahl gestellt entschied er sich eindeutig dafür, dass die Gleichberechtigung Homosexueller das wichtigere und vernünftigere Ziel sei.
Auch Kentlers „Experiment“ lässt sich viel besser im Kontext seines Einsatzes für schwule Männer begreifen, statt als Plädoyer für Pädophilie. Von besonderer Relevanz ist dabei ein Gutachten, das Kentler 1988 für den Berliner Senat zu der Frage anfertigte, ob Homosexuelle gute Pflegeväter sein können. Das Gutachten wurde ein Jahr später in dem bereits mehrfach erwähnten Buch „Leihväter. Kinder brauchen Väter.“ abgedruckt und beim renommierten rororo-Verlag veröffentlicht. Anlass für das Gutachten war ein Fall, in dem einem schwulen Mann sein Pflegekind vom Jugendamt weggenommen wurde; das zuständige Gericht zeigte sich in seinem Urteil offen schwulenfeindlich und behauptete unter anderem, es wäre „unverantwortlich“, ein Kind von einem homosexuellen Paar aufziehen zu lassen, da dies „zwangsläufig die Integration in die Gesellschaft gefährden würde“ und „auch mit Gefahren für die Selbstfindung und Persönlichkeitsbildung“ verbunden wäre (Kentler, 1989, S. 30). In dem Gutachten ging Kentler auf solche verbreitete Bedenken und Vorurteile gegen Schwule ein und argumentierte, dass schwule Männer genauso gute Pflegeväter sein können wie Heterosexuelle. Am Ende kam er so zu dem Ergebnis, dass es von dem Charakter der Männer, und nicht von deren sexuellen Orientierung abhänge, ob sie gute Pflegeväter sein können und schlussfolgerte: „Lesben und Homosexuelle [sic!] sind zur Betreuung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen genauso gut imstande wie Heterosexuelle“ (Kentler, 1989, S. 165).
Soweit ist Kentlers Argumentation, zumindest aus heutiger Sicht, erst einmal relativ unkontrovers. Interessant ist aber, wie genau Kentler versuchte, diese Bedenken gegen schwule Pflegeväter zu zerstreuen. So schrieb er in einem Kapitel mit dem Titel „Sexuelle Beziehungen zwischen Männern und Jungen“, es brauche „nicht befürchtet zu werden, daß das Kind auf jeden Fall Schäden davonträgt“ falls es in einer Pflegestelle zu sexuellen Handlungen durch den Pflegevater an dem Pflegekind kommen sollte, denn solange dies nicht mit körperlicher oder seelischer Gewalt einhergehe, habe dies bei „Jungen etwa nach Einsetzen der Pubertät im allgemeinen keine negativen Folgen“ (Kentler, 1989, S. 137). Aus heutiger Sicht sind solche Sätze irritierend. Diese Verharmlosung sexualisierter Gewalt in Pflegschaftsverhältnissen scheint in einem Gutachten über Schwule als Pflegeväter völlig deplatziert zu sein, war für Kentler aber zentraler Bestandteil seiner Argumentation.
Kentler geht in großen Teilen seines Gutachtens auf das weit verbreitete Vorurteil gegen Homosexuelle ein, dass von Homosexuellen eine besondere Gefahr für sexuelle Übergriffe gegen Kinder und Jugendliche ausgehe. In den Vorbemerkungen zu seinem Gutachten schrieb er daher:
Schließlich besteht der Verdacht, Homosexuelle könnten sich vor allem aus sexuellen Interessen um Pflegekinder bemühen. Ich werde zu untersuchen haben, inwieweit diese Bedenken gerechtfertigt sind. […] Tatsächlich gibt es Homosexuelle, die auf junge Menschen im Pubertätsalter als Sexualpartner festgelegt sind. Die Untersuchungen, die über solche päderastischen Verhältnisse vorliegen, geben auch darüber Aufschluß, wie Homosexuelle auf Heranwachsende wirken, wenn sie mit diesen sexuelle Beziehungen haben (Kentler, 1989, S. 59).
Kentlers Strategie, gegen dieses Vorurteil vorzugehen, bestand im Wesentlichen aus einer dreischrittigen Argumentationskette:
- Sexuelle Übergriffe kommen bei Homosexuellen außerordentlich selten, und außerdem auch bei Heterosexuellen vor. Die Gefahr dürfe deswegen nicht überbewertet werden.
- Selbst, wenn homosexuelle Pflegeväter sexuelle Handlungen an ihren Pflegekindern vornehmen, hat dies höchstwahrscheinlich keine negativen Folgen, solange keine Gewalt mit im Spiel ist.
- Mehr noch können solche sexuellen Beziehungen für die Pflegekinder sogar positiv sein.
Kentler wollte auf diese Weise zeigen, dass selbst dann, wenn sich die schlimmsten Befürchtungen der Skeptiker bewahrheiten und ein schwuler Pflegevater sich an seinem Pflegekind vergeht, dies gar nicht schlimm bzw. sogar geradezu positiv sei. In dem Zusammenhang erwähnt Kentler schließlich sein „Experiment“ als vermeintlichen Beweis seiner auch für damalige Verhältnisse kontroversen Behauptung. Daher beschreibt er in dem Gutachten ausführlich seine Idee, dass Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen durch eine sexuelle Beziehung mit einem älteren Mann es schaffen ihre „Schäden und Störungen […] zu sexualisieren und zu ritualisieren, so daß sie in einer sexuellen Beziehung ausgelebt, bearbeitet und gelöst werden können“ (Kentler, 1989, S. 140). Anders gesagt: Kentler nutzte sein „Experiment“ vor allem als vermeintlichen Beleg, um zu argumentieren, dass schwule Männer für Minderjährige ungefährlich seien.
Teil von Kentlers Strategie, Schwule vor Vorurteilen und Stigmatisierung zu schützen bestand übrigens auch darin, dass er die päderastischen Beziehungen, die er als pädagogisch wertvoll beschreibt, in seinem Gutachten klar von Pädophilie und sexuellen Handlungen an Kindern abgrenzt. „Streng muß unterschieden werden zwischen gewöhnlichen Homosexuellen und Pädophilen. Nur 0,5 % der Befragten gaben an, sie bevorzugten als Sexualpartner Jungen unter 16 Jahren“, schrieb er und betonte, wie um Homosexuelle in Schutz zu nehmen, „der Anteil der Pädophilen unter den Homosexuellen ist sehr gering“ (Kentler, 1989, S. 89f.). Einen pädagogischen Wert sexueller Beziehungen zwischen Männern und Minderjährigen postulierte er in Leihväter schließlich ausdrücklich auch erst „nach Einsetzen der Pubertät“ (Kentler, 1989, S. 137).
Die Zitate aus Leihväter zeigen, dass man leicht aus Kentlers eigenen Werken argumentieren kann, bei seinem „Experiment“ wäre es eigentlich um Homosexualität gegangen. Oft heißt es, Kentler habe Kinder zu Pädophilen gesteckt. Treffender wäre es zu sagen, dass er Jugendliche zu vorbestraften Homosexuellen gegeben hat (Kentler schrieb in Leihväter, seine drei Pflegeväter hätten sich im Gefängnis kennengelernt) (Kentler, 1989, S. 55). Während unklar ist, ob von Kentlers Pflegevätern aus seinem „Experiment“ überhaupt jemand wirklich pädophil war, lässt sich zumindest aus Kentlers eigenen Beschreibungen folgern, dass sie vermutlich alle schwul waren, da Kentler sie genau danach ausgesucht hat.
Das alles ist heute lebenden Schwulen, die mit Kentlers „Experiment“ und seinen Ideologien nichts zu tun hatten, nicht zum Vorwurf zu machen. Fragwürdig ist aber, dass stattdessen Pädophile pauschal für Kentlers „Experiment“ verantwortlich gemacht werden und gleichzeitig die Verbindungen zur Homosexuellenszene bagatellisiert oder verschwiegen werden. Während Kentlers Zitat über Ulrich, der den „pädophil eingestellten Männern“ etwas zurückgeben würde hunderte Male verbreitet wurde, werden seine Sätze zu den „ständig supervisierten Homosexuellen“, oder wie „Homosexuelle auf Heranwachsende wirken, wenn sie mit diesen sexuelle Beziehungen haben“ faktisch nie zitiert. Dahinter steckt vielleicht auch die nicht unberechtigte Angst, die Aufarbeitung dieser Verbindungen könne zur Stigmatisierung Homosexueller beitragen, während die Stigmatisierung Pädophiler ein Problem ist, das nur einen sehr kleinen und irrelevanten Teil der Gesellschaft beschäftigt. Es entsteht dadurch insgesamt der Eindruck, als würden die Verbindungen zur Schwulenszene heute unter den Teppich gekehrt, und zur Ablenkung lieber pauschal Pädophilen die Schuld zugewiesen. Und ausgerechnet die wissenschaftliche Bearbeitung des Themas im Rahmen der Aufarbeitungsdebatte fällt dabei besonders negativ auf.
Die Sünden der Aufarbeitung
Der Zusammenhang zwischen Kentler und Pädophilie ist, wie wir gesehen haben, komplex und geprägt von widersprüchlichen Aussagen, verschwommenen Grenzen, die zusätzlich im zeitgeschichtlichen Kontext gedeutet werden müssen. Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass es verkürzt wäre, die problematischen Aspekte von Kentlers Wirken und seinem „Experiment“ auf Pädophilie zu beschränken. Dennoch passiert genau dies immer wieder, und das vor allem sogar im wissenschaftlichen Bereich. Seit sich die Meinung zu dem einst angesehenen Soziologieprofessor geändert und sein „Experiment“ als Skandal gesehen wird, haben sich mehrere Forschungsgruppen gebildet, die schon seit einigen Jahren das Wirken und den Einfluss von Helmut Kentler untersuchen. Bemerkenswert ist dabei, dass sämtliche Aufarbeitungsbemühungen von einer geradezu inflationären Verwendung des Begriffs der Pädophilie gekennzeichnet sind, obwohl sich alle Forschungsgruppen gleichzeitig einig sind, dass der Begriff im Zusammenhang mit Kentler eigentlich falsch oder zumindest ungenau ist.
Einer der in dem Bereich forschenden ist der Historiker Uwe Kaminsky, der 2024 eine Studie unter anderem über den Einfluss von Helmut Kentler auf den evangelischen Kirchentag publizierte. Dort schrieb er, dass er den Begriff der Pädophilie „nicht in einem systematisierenden Sinn im Rahmen der Sexualforschung“ nutzen wolle, sondern um eine Präferenz für Jugendliche unterhalb der „historisch sich verändernde Schutzaltersgrenze (bei Jungen 18 Jahre, bei Mädchen 14 Jahre)“ zu bezeichnen (Kaminsky, 2024, S. 17). Anders gesagt, er nutzte bewusst eine falsche Definition des Begriffs (die übrigens selbst nach heutiger Rechtslage völlig legale Beziehungskonstellationen einschließt), um ihn, obwohl er eigentlich unpassend ist, trotzdem verwenden zu können, da es Kentler wie gesagt eher um Jugendliche als um Kinder ging. Dennoch musste er feststellen, dass auf den Veranstaltungen des Kirchentages durch Kentler doch gar keine „offene Propagierung von Pädophilie“ stattfand (Kaminsky, 2024, S. 204), was ihn aber nicht davon abhielt, seiner Studie trotz allem den stigmatisierenden Titel „Pädophilie im Fokus“ zu geben.
Auch die Forscherin Teresa Nentwig schrieb in ihren Arbeiten regelmäßig von Pädophilie und von pädophilen Pflegevätern, obwohl sie gleichzeitig erklärte, dass es unklar sei, ob die Pflegeväter überhaupt pädophil waren und darüber hinaus sogar erwähnte, dass Pädophilie eigentlich eine Neigung ist, die nichts über das Sexualverhalten einer Person aussagt (Nentwig, 2019, S. 11). Besonders bemerkenswert im negativen Sinne sind jedoch die Arbeiten der Forschungsgruppe rund um Meike Baader von der Universität Hildesheim. Auch sie erkannte an, dass der Begriff Pädophilie im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt unpassend sei, mit der Begründung, dass Pädophilie im Wortsinn „Liebe zu Kindern“ bedeutet und es verharmlosend sei, bei Fällen sexualisierter Gewalt von Liebe zu sprechen (M. Baader et al., 2024, S. 7f). Aus nicht erklärten oder nachvollziehbaren Gründen entschieden sie sich dennoch dafür, den Begriff in ihren Arbeiten durchgehend zu verwenden. In ihrem Ergebnisbericht zum Forschungsprojekt „Helmut Kentlers Wirken in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe – Aufarbeitung der organisationalen Verfahren und Verantwortung des Berliner Landesjugendamtes“ behaupteten die Autor:innen zum Beispiel, dass Kentlers Pflegeväter alle pädophil gewesen seien – was, wie wir gesehen haben eine höchst fragwürdige Behauptung ist und in dem Ergebnisbericht auch nicht weiter belegt wird. Zudem stellten sie mehrfach Pädophilie mit Missbrauch oder Pro-C Ideologie gleich, etwa durch Formulierungen wie „pädophile Positionen“ oder „pädophile Übergriffe“, und beschrieben insgesamt Pädophilie als etwas grundlegend Inakzeptables, indem sie etwa von der „Legitimation von Pädophilie“ als etwas Schlechtem schrieben (M. Baader et al., 2024). Insgesamt 43 Mal kommt alleine in diesem Bericht der Begriff Pädophilie in ausschließlich negativem Kontext vor, was im Schnitt etwa eine Erwähnung alle 2,5 Seiten bedeutet.
Bei einem Wort wie „Pädophilie“ handelt es sich um einen etablierten Begriff mit einer festgelegten Bedeutung. Die falsche und ungenaue Verwendung ist gerade im wissenschaftlichen Bereich, wo präzise Definitionen und kohärente Verwendungen von Begriffen essenziell sind, problematisch. Formulierungen wie „pädophile Forderungen“ ergeben rein inhaltlich keinen Sinn, denn Pädophilie ist eine Sexualität, und keine ideologische Überzeugung. Da in den Forschungsarbeiten in der Regel auch nicht erklärt wird, was damit gemeint sein soll, bleiben wesentliche Teile der Werke vage und unklar. Hinzu kommt die stigmatisierende Wirkung: Wenn „pädophile Forderungen“ pauschal als etwas Schlechtes beschrieben werden, wird im Umkehrschluss alles, was Pädophile sagen oder fordern zu einer gesellschaftlichen Bedrohung. Dies scheint Forschende in dem Bereich aber wenig zu kümmern, stattdessen werden bewusst inkorrekte und stigmatisierende Formulierungen verwendet, so als würde dies keine realen Menschen betreffen – oder zumindest keine, die es wert wären, berücksichtigt zu werden. In einigen Fällen scheinen sich Forscher:innen sogar als Aktivist:innen in einem Kampf gegen Pädophilie zu sehen, deren Aufgabe es ist, die Gesellschaft von dem vermeintlich schädlichen Einfluss der Pädophilen ein für alle Mal zu bereinigen (vgl. M. Baader et al., 2024, S. 84ff.).
Problematisch ist dieser wissenschaftliche Umgang nicht zuletzt auch, weil er den breiteren gesellschaftlichen Diskurs zum „Kentler-Experiment“ und zur Pädophilie prägt. Inzwischen ist es ein etabliertes mediales Narrativ, dass es sich beim „Kentler-Experiment“ um ein pädophiles Netzwerk gehandelt habe, bei dem Kinder in die Obhut Pädophiler untergebracht worden wären (dpa, 2024a, 2024b; Gehrke, 2021; Müller, 2017; Ross, 2020; RTL, 2020; Schmoll, 2020). Selbst in Faktenchecks wird diese Darstellung unkritisch weiterverbreitet (Spiess, 2024). Dass auch wissenschaftliche Aufarbeitungen diese Falschdarstellung nicht korrigieren, sondern selber verbreiten, verleiht diesen medialen Narrativen vermeintliche Legitimität und macht es viel schwerer, sie anzugreifen. Auf diese Weise wird die Stigmatisierung Pädophiler reproduziert und verstärkt, indem die „Akzeptanz von Pädophilie“ oder auch pauschal Fürsorgeverhältnisse zwischen Pädophilen und Kindern als etwas ganz grundsätzlich Schreckliches dargestellt wird, basierend auf Vorfällen, die größtenteils gar nichts mit Pädophilie im heutigen Wortsinn zu tun haben.
Das verhindert auch eine wirklich fundierte gesellschaftliche Aufarbeitung der Verhältnisse rund um Kentler. Den dominanten Narrativen nach war das eigentlich problematische an Kentlers „Experiment“ schließlich nicht, dass er vulnerable, hilfsbedürftige Jugendliche an Sexualstraftäter auslieferte, oder dass er unwissenschaftliche Thesen verbreitete, welche Übergriffen gegen Kinder und Jugendliche eine vermeintliche Rechtfertigung lieferten. Als problematisch gilt dagegen vor allem, dass er zu pädophilenfreundlich war und sich angeblich für die Belange von Pädophilen eingesetzt habe. Aufarbeitung und Verantwortungsübernahme für eigene historische Verfehlungen wird so zu einem Rennen degradiert, wer sich am schnellsten und am heftigsten von Pädophilie distanzieren kann, was regelmäßig mit harten und verletzenden Worten gegen Pädophile allgemein einhergeht. So stellt die Gesellschaft für Sexualpädagogik zum Beispiel, die behauptet, sich für die „Vielfalt von Sexualitäten und Lebensweisen“ einzusetzen, in einer eigenen FAQ zu Kentler Pädophile grundsätzlich als gewalttätige Verbrecher dar (Gesellschaft für Sexualpädagogik, 2025).
Bisherige Aufarbeitungsbemühungen sehen also vor allem in der Pädophilie die Wurzel des Bösen. Im Grunde handelt es sich dabei um eine Form von Externalisierung bzw. Othering, die ausgerechnet von Baader et al. als ein Aspekt der Verdeckung sexualisierter Gewalt herausgearbeitet wurde (M. Baader et al., 2024, S. 45). Die wesentliche Verantwortung für die Verankerung missbrauchsbegünstigender Ideologien wird pauschal auf eine Minderheit abgewälzt, die in der Wahrnehmung der meisten Menschen irgendwo weit weg von der eigenen Realität ist. Dementsprechend gilt die Auslöschung oder zumindest Ausgrenzung dieser Minderheit aus der Gesellschaft als adäquater Weg, um Kinder und Jugendliche in der Zukunft zu schützen. Indem ein Exempel statuiert wird an allem, was vermeintlich zu „pädophiliefreundlich“ ist, kann man schwierige Fragen von sich wegschieben, muss fundamentale Strukturen nicht hinterfragen und kann sich gleichzeitig von der eigenen Verantwortung rein waschen, indem man sich als Opfer manipulativer Pädophiler inszeniert (Sirius (2024); Sirius (2026)).
Epilog: Für eine echte Aufarbeitung
Im März 2026 musste sich der bekannte Kinderpsychologe Michael Winterhoff vor Gericht verantworten. Ihm wurde mehrfache schwere Körperverletzung vorgeworfen, weil er Kinder und Jugendliche dauerhaft mit einem invasiven Notfallmedikament ruhig stellte (Rosenbach, 2026). Kentler und Winterhoff könnten unterschiedlicher wohl kaum sein – Kentlers emanzipierende Sexualpädagogik war genau gegen jene von Winterhoff praktizierte und propagierte Form autoritärer Erziehung gerichtet, deren Ziel das Brechen des Willens von Kindern und Jugendlichen ist. Dennoch lassen sich bei näherer Betrachtung schnell Parallelen zwischen Kentler und Winterhoff finden: Beide galten zu ihrer Zeit als angesehene Experten, wurden in Fernsehshows eingeladen, waren Autoren populärer Sachbücher und hatten weitreichenden Einfluss auf die Kinder- und Jugendhilfe. Und beide verbreiteten letztendlich unwissenschaftliche Thesen, die sie nicht oder nur anekdotisch belegten, verbreiteten schädliche und gefährliche Ratschläge für Eltern, und behandelten vermeintlich problematische oder gestörte Kinder und Jugendliche mit unethischen Behandlungsmethoden, die großen Schaden angerichtet haben. Sowohl Kentler als auch Winterhoff nutzten ihren weitreichenden Einfluss und ihr öffentliches Ansehen, um sich vor Kritik zu schützen, sodass selbst ihre offenkundig äußerst problematischen Ansätze nicht hinterfragt wurden (Rosenbach, 2021). Wie konnte es also passieren, dass jemand wie Winterhoff so lange noch ungehindert agieren konnte? Wurde, trotz aller Aufarbeitungsbemühungen, gar nichts aus der Akte Kentler gelernt?
Möglicherweise sehen wir hier eine der Folgen, wenn in der öffentlichen Diskussion die Problematik an Kentler und seinen Methoden auf das Thema Pädophilie reduziert wird: Es verhindert, sich tiefergehend zu reflektieren und damit zu beschäftigen, welche Faktoren zu Kentlers Akzeptanz und damit letztendlich zu dem Leid der von ihm vermittelten und betreuten Minderjährigen beigetragen haben. Kinder und Jugendliche, insbesondere, wenn sie als „schwierig“ gelten, sind eine besonders gefährdete und vulnerable Gruppe, zwischen ihnen und behandelndem Fachpersonal herrscht ein eklatantes Machtungleichgewicht. Das macht es zu einem fortwährenden Risiko, dass sie ausgenutzt, missbraucht oder unethischen Behandlungsmethoden unterworfen werden. Um das Risiko zu minimieren, braucht es fundamentale strukturelle Änderungen: Kinder und Jugendliche müssen in Entscheidungen, die sie betreffen, mehr einbezogen werden; ihnen muss zugehört werden; vermeintliche Experten müssen stärker hinterfragt werden, und nicht zuletzt muss sich auch der mediale Umgang mit ihnen ändern und stärker reflektiert werden. Solange aus den Vorfällen um Kentler nicht die richtigen Lehren gezogen werden, wird sich die Geschichte in der ein oder anderen Form wiederholen, wieder und wieder.
Literaturverzeichnis
Apin, N., & Geisler, A. (2013). Der Versuch. https://taz.de/Der-Versuch/!450552/.
Baader, M. S., Oppermann, C., Schröder, J., & Schröer, W. (2020). Ergebnisbericht „Helmut Kentlers Wirken in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe“. https://doi.org/10.18442/129
Baader, M., Böttcher, N., Ehlke, C., Oppermann, C., Schröder, J., & Schröer, W. (2024). Ergebnisbericht „Helmut Kentlers Wirken in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe – Aufarbeitung der organisationalen Verfahren und Verantwortung des Berliner Landesjugendamtes“. https://doi.org/10.18442/256
dpa. (2024a). Kentler-Missbrauchskandal: Heimkinder an Pädophile vermittelt. https://www.berliner-kurier.de/berlin/kentler-missbrauchskandal-kinder-an-paedokriminelle-vermittelt-li.2190424.
dpa. (2024b). Missbrauchsnetzwerk deutlich größer als bisher bekannt. https://www.spiegel.de/panorama/justiz/helmut-kentler-missbrauchsnetzwerk-deutlich-groesser-als-bisher-bekannt-a-ccef8f90-3cff-4553-bccc-f509d40667f7.
FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag. (1981). Stenographisches Protokoll (unkorrigierte Fassung) der Anhörung zur Frage der Streichung des § 175 StGB.
Feddersen, J. (2008). Für eine erlaubende Sexualmoral. https://taz.de/Fuer-eine-erlaubende-Sexualmoral/!836663/.
Gehrke, C. (2021). Sexueller Missbrauch: Kentler-Experiment wird bundesweit aufgearbeitet. https://www.berliner-zeitung.de/news/sexueller-missbrauch-kentler-experiment-wird-bundesweit-aufgearbeitet-li.157439.
Gesellschaft für Sexualpädagogik. (2025). FAQs zu Helmut Kentler. https://gsp-ev.de/aktualisierte-faqs-zu-helmut-kentler-2/.
Harlow, H. F., & Suomi, S. J. (1971). Social Recovery by Isolation-Reared Monkeys. Proceedings of the National Academy of Sciences, 68(7), 1534–1538. https://doi.org/10.1073/pnas.68.7.1534
Hensel, A., Neef, T., & Pausch, R. (2014). Von »Knabenliebhabern« und »Power-Pädos« Zur Entstehung und Entwicklung der westdeutschen Pädophilen-Bewegung. In F. Walter, S. Klecha, & A. Hensel (Hrsg.), Die Grünen und die Pädosexualität. Eine bundesdeutsche Geschichte (S. 136–159). Vandenhoeck & Ruprecht. https://doi.org/10.13109/9783666300554.136
Humanistische Union. (2010). Die Zusammenarbeit von HU und AHS. https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/208-209/publikation/die-zusammenarbeit-von-hu-und-ahs/.
Kaminsky, U. (2024). Pädophilie im Fokus: Zur Rolle von Hartmut von Hentig, Gerold Becker und Helmut Kentler beim Deutschen Evangelischen Kirchentag. Evangelische Verlagsanstalt.
Kentler, H. (1969). Von Lust ist nicht die Rede. https://www.zeit.de/1969/06/von-lust-ist-nicht-die-rede/komplettansicht.
Kentler, H. (1970). Sexualerziehung (H. Giese & G. Schmidt, Hrsg.). Rowohlt.
Kentler, H. (1979a). Bemerkung zur „sexuellen Entwicklung“ von Kinder und Jugendlichen. In E. Borneman (Hrsg.), Sexualität (S. 157–168). Beltz.
Kentler, H. (1979b). Sexualität ist ein Sozialprodukt. Psychologie Heute, 6(1), 73–77.
Kentler, H. (1980). Pädophilie: Tabus und Vortabus. konkret. Sexualität, 31–32.
Kentler, H. (1980). Sexualaufklärung. In H. L. Gremliza, V. Sigusch, & I. Klein (Hrsg.), Sexualität konkret (3. Auflage, S. 54–61). Zweitausendeins. (Original erschienen 1979)
Kentler, H. (1981). Eltern lernen Sexualerziehung. Rowohlt. (Original erschienen 1975)
Kentler, H. (1982). Taschenlexikon Sexualität. Pädagogischer Verlag Schwann-Bagel.
Kentler, H. (Hrsg.). (1988). Sexualwesen Mensch: Texte zur Erforschung der Sexualität. Piper. (Original erschienen 1984)
Kentler, H. (1989). Leihväter. Kinder brauchen Väter (W. H. und Jürgen Volbeding, Hrsg.; Originalausgabe). Rowohlt.
Kentler, H. (1999). Täterinnen und Täter beim sexuellen Missbrauch von Jungen. In K. Rutschky & R. Wolff (Hrsg.), Handbuch sexueller Mißbrauch (S. 199–217). Rowohlt. (Original erschienen 1994)
Klecha, S. (2015). Niemand sollte ausgegrenzt werden. Die Kontroverse um Pädosexualität bei den frühen Grünen. In F. Walter, S. Klecha, & A. Hensel (Hrsg.), Die Grünen und die Pädosexualität. Eine bundesdeutsche Geschichte (S. 160–227). Vandenhoeck & Ruprecht.
Kommune 2. (1969). Kindererziehung in der Kommune. In H. M. Enzensberger (Hrsg.), Kursbuch 17 (S. 147–178). Suhrkamp Verlag.
Kommune 2. (1973). Ansätze sexualfreundlicher Kindererziehung. In H. Kentler (Hrsg.), Texte zur Sozio-Sexualität (S. 314–324). Leske Verlag.
Kommune 2. (1988). Tabu Kindersexualität. In H. Kentler (Hrsg.), Sexualwesen Mensch: Texte zur Erforschung der Sexualität (S. 110–119). Piper.
Kraushaar, E. (1995). Der homosexuelle Mann … https://taz.de/!1514572/.
Lautmann, R. (2008). Nachruf auf Helmut Kentler. In Mitteilungen 202 (S. 26–27). Humanistische Union.
Müller, A.-K. (2017). “Von mir hat er auch Videos gemacht. In der Badewanne und so”. https://www.spiegel.de/spiegel/berliner-jugendamt-vermittelte-kinder-an-paedophile-a-1185461.html.
Nentwig, T. (2019). Helmut Kentler und die Universität Hannover: Bericht zum Forschungsprojekt. Gottfried Wilhelm Leibniz Universität.
Ohne Autor. (1993). Falsche Kinderfreunde. EMMA, (5), 45–50. https://www.emma.de/artikel/falsche-kinderfreunde-263497
Rosenbach, N. (2021). Warum Kinder keine Tyrannen sind. https://www.ardmediathek.de/video/die-story/warum-kinder-keine-tyrannen-sind/wdr/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLTFlZmMzNWE5LWE3ZWYtNDJhMS04MjJiLTc3NjRjMmU3OTY1YQ.
Rosenbach, N. (2026). Bewährungsstrafe für Kinderpsychiater Winterhoff. https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/kinderpsychiater-winterhoff-urteil-100.html.
Ross, A. (2020). Fall Kentler: Netzwerk aufgedeckt. https://www.emma.de/artikel/der-fall-kentler-neue-studie-deckt-netzwerk-auf-337803.
RTL. (2020). Kentler-Projekt: Pflegekinder wurden jahrzehntelang an Pädophile vermittelt. https://www.rtl.de/cms/kentler-experiment-berliner-gab-bewusste-pflegekinder-an-paedophile-wer-wusste-davon-4560414.html.
Rürup, K. S. (2000). Pornographie oder die schwierige Frage der innerbetrieblichen Demokratie. https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/publikation/pornographie-oder-die-schwierige-frage-der-innerbetrieblichen-demokratie/.
Schickling, K. (2026). Das Kentler-Experiment - Staatlich finanzierter Kindesmissbrauch. https://www.3sat.de/gesellschaft/politik-und-gesellschaft/das-kentler-experiment-staatlich-finanzierter-kindesmissbrauch-100.html.
Schmoll, H. (2020). Wie Berlin 30 Jahre lang Kinder an Pädophile vermittelte. https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wie-berlin-30-jahre-lang-kinder-an-paedophile-vermittelte-16817390.html.
Sirius. (2024). Eine Reise durch die Vergangenheit: Besuch einer Ausstellung zu Pro-C – Netzwerken im Schwulen Museum Berlin. https://kinder-im-herzen.net/blog/eine-reise-durch-die-vergangenheit-besuch-einer-ausstellung-zu-pro-c-netzwerken-im-schwulen-museum-berlin.
Sirius. (2026). Hier gibt es nichts zu sehen! Schaut, dort, ein Pädo-Versteher! https://kinder-im-herzen.net/blog/hier-gibt-es-nichts-zu-sehen-schaut-dort-ein-paedo-versteher.
Soboczynski, A. (2013). Pädophiler Antifaschismus. https://www.zeit.de/2013/42/paedophiler-antifaschismus-kindesmissbrauch/komplettansicht.
Spiess, C. (2024). Das Kentler-Experiment: Jahrzehnte des Missbrauchs unter staatlicher Aufsicht. https://www.mimikama.org/kentler-experiment-missbrauch/.
Spitz, R. Á. (1973). Zum Problem des Autoerotismus. In H. Kentler (Hrsg.), Texte zur Sozio-Sexualität (S. 37–62). Leske Verlag.
Spitz, R. Á. (1988). Lernziel »Sexualität«. In H. Kentler (Hrsg.), Sexualwesen Mensch: Texte zur Erforschung der Sexualität. Piper.
Walter, F. (2015). „In dubio pro Libertate“. Sexualstrafrecht im gesellschaftlichen Wandel. In F. Walter, S. Klecha, & A. Hensel (Hrsg.), Die Grünen und die Pädosexualität. Eine bundesdeutsche Geschichte (S. 108–135). Vandenhoeck & Ruprecht.