Von Kindern lernen

Die Sonne ging gerade auf und tauchte die Umgebung in ein rotgoldenes Licht. Sie erhob sich über den Horizont genau am gegenüberliegenden Ende der Schlucht, deren grün bewaldete Seitenwände oben immer steiler werden und – nachdem sie schon lange nur noch schroffe Felsen sind – mit ihren Spitzen an den Himmel zu stoßen scheinen.

Das ist ja wie ein Bild auf einem Groschenroman. Mit Blick auf die glühende Sonne stand Ralf hoch oben über dem Tal auf einem Fels- Plateau, welches sich so ideal für einen Aussichtspunkt auf dem Weg zum Gipfel anbot. Still lächelte er in sich hinein. Seine Mutter hatte früher diese Heftchen regelrecht „verschlungen“. Auch er war einmal ein begeisterter Leser dieser Geschichten, bis er kein Kind mehr war und sich Lebendigerem zugewandt hatte.

Schon als Jugendlicher war er gern mit in‘s Ferienlager gefahren. Aber nicht deshalb, wie die anderen in seiner Altersklasse, sondern schon damals hatte ihn fasziniert, mit Kindern Umgang zu haben, sie zu begleiten und zu fördern. Er fühlte sich einfach wohl in ihrer Nähe, und wo sonst als in dieser gelösten Stimmung in der Freizeit und erst recht im Ferienlager war es möglich, die „Arbeit“ mit den Kindern mit den schönen Momenten beim „Umgang“ mit diesen zu verbinden. Also fuhr er schon zeitig als Betreuer mit und hatte dann meistens die Grundschüler in seiner Obhut. Diese Kinder waren wenigstens nicht genauso alt wie er… Immer wieder wurde er gefragt, wie er es denn anstelle, dass er so schnell einen so guten Draht zu den Kindern findet. Beantworten konnte er das nie. Auch viele Jahre später ließ er solche Fragen unbeantwortet, denn seit seiner Jugendzeit hatte sich an diesem besonderen Gespür nichts geändert. Und diese Zeit war schon eine ganze Weile her!

Mit den Kindern hätte er weder damals noch heute zu diesem Aussichtspunkt gehen dürfen, auf welchem er jetzt stand. Zu groß war die Verantwortung, und zu flach war das Geländer an dieser Stelle. Keinen Schritt später ging es hinter der Absperrung, die als solche nicht ernst zu nehmen war, steil in die Tiefe. 800 Meter senkrecht nach unten sollte es gehen, wenn man der Informationstafel glauben wollte. Ein Wunder eigentlich, dass dieser Ort nicht ein Mekka für Suizid- Willige war. Doch vermutlich war die Beschaffenheit des Untergrundes nach diesen 800 Metern die Ursache, warum ein so niedriges, quer aufgestelltes Stück Rohr ausreichte, um jeden davon abzuhalten, zu nahe an den Abgrund zu treten. Niemand ohne bergsteigerische Erfahrung war in der Lage, diese Stelle von unten aus zu erreichen. Zerklüftete Felsen boten den dort wachsenden Bäumen kaum Halt, Geröll und steile Kanten lösten sich ab. Wohl deshalb sprang kein Selbstmörder, der darauf Wert legt, gefunden und halbwegs unversehrt zur Ruhe gebettet zu werden, hier freiwillig hinunter!

Heute war Ralf schon sehr früh aufgebrochen, um von hier oben das Naturschauspiel des Sonnenaufganges zu erleben. Am Anfang des Weges hätte er noch mit dem Rad fahren können. Mit so einem Mountainbike konnte ein geübter Fahrer wie Ralf schon ziemliche Steigungen überwinden. Doch irgendwann wäre auch für ihn der Weg zu steil geworden. Dann hätte er absteigen und zu Fuß weitergehen müssen. Doch wohin mit dem Rad? Stehen lassen? Anschließen? Das kam gar nicht in Frage! Das Vertrauen in seine Mitmenschen war schon so nicht das Beste. Wenn es um seinen Drahtesel ging, so gab es so etwas wie Vertrauen überhaupt nicht. Sein Fahrrad war in den letzten Jahren viel zu häufig sein alleiniger, treuer Begleiter, wenn er immer wieder versucht hatte, dem Alltag zu entfliehen. Manchmal schien es ihm wichtiger zu sein als seine Mitmenschen. Mit jemandem zusammenzuleben, um gemeinsame Erlebnisse zu haben, war ihm all‘ die Jahre nicht vergönnt gewesen. Obwohl er schon sehr früh seine Liebe zu Kindern entdeckt hatte, konnte er nie selbst ein Bedürfnis entwickeln, eine eigene Familie zu gründen. Die fragenden oder auch spöttischen Bemerkungen hatten schon lange aufgehört, man nahm ihn inzwischen so, wie er war: Ein Einzelgänger, der in seiner Arbeit als Erzieher in der Kinder- und Jugend- Psychiatrie aufging. Sogar die „Götter in Weiß“ brachen sich schon seit Jahren keinen Zacken mehr aus der Krone und holten ihn bei Therapien hinzu, wenn es darum ging, einen „Zugang“ zu den Kindern zu finden. Mit seiner Hilfe wurden plötzlich viele Therapien überhaupt erst erfolgreich angewandt.

Auch heute stand Ralf ganz allein auf dem Aussichtsplateau und hätte den Moment genießen können. Doch heute war er nicht hier, um zu genießen. Heute war er hier, um nicht wieder nach unten zu laufen!

Mit wenigen Stritten war er über die Absperrung, und nun stand er am Rande der Schlucht. Dort unten sollte heute alles ein Ende finden! Er war es leid, sich wegen seinen Gefühlen immer wieder rechtfertigen zu müssen. Entgegen den vielen Jahren zuvor waren in der letzten Zeit die Anfeindungen und Vorwürfe immer lauter geworden – doch es gab überhaupt keinen Grund dafür. Niemals hatte er die von der Gesellschaft und von den Kindern vorgegebenen Grenzen überschritten. Viel zu sehr liebte und respektierte er die Kinder. Und natürlich liebte er viel zu sehr diese Momente der gegenseitigen Aufmerksamkeit mit ihnen, als dass er alles für einen flüchtigen Augenblick auf’s Spiel setzen würde.

Es reichten jedoch schon ein paar wenige Bemerkungen von zwei der neuen Kollegen, um sein ganzes Leben in’s Wanken zu bringen. Inzwischen war nichts mehr wie vorher. Vertrauen in ihn??? Sein Gefühl sagte ihm, dass es so etwas nicht mehr gab! Eigentlich waren die beiden Neuen ausgebildete Pfleger für Normalstationen mit Erwachsenen. Von Kinderpflege hatten sie vielleicht im ersten Studienjahr mal etwas gehört. Von Psychiatrie hatten sie erst recht keine Ahnung! Aber der Personalmangel machte es möglich, und so arbeiteten zwei für diesen Bereich völlig unqualifizierte und von ihrer Abneigung gegenüber den oftmals auffälligen Kindern keinen Hehl machende Menschen in seiner Abteilung. Sehr schnell begannen sie zu flüstern – hinter seinem Rücken: „Habt ihr gesehen, wie nahe er an ihr Gesicht gegangen ist? Wollte er sie küssen?“, „Habt Ihr seinen Blick gesehen, als das Kind sich in die Hosen gemacht hat?“, „Ist das normal, wie er abends noch einmal durch die Zimmer geht? Was macht er denn da mit den Kindern?“, „Wollen wir wetten, er steht mehr auf die Mädchen? Wenigstens ist er nicht homo!“

KEINER, aber wirklich NIEMAND sprach mit ihm, Ralf, darüber! Keiner gebot diesem Treiben Einhalt! Und diese Antworten seiner Kollegen wie: „Lasst uns doch mit Eurer Hetze in Ruhe, er ist doch ein guter Mensch…“ wirkten auch nicht gerade überzeugend! Die Ärzte holten ihn schon seit einem halben Jahr nicht mehr zur Hilfe, die Kinder ließen sich manchmal nicht mehr von ihm helfen, die Kollegen sahen ihn nur noch mitleidig an. Keiner sprang für ihn ein! Keiner schmiss die beiden raus! Wenn er nur daran dachte: „Sag uns, wenn du Hilfe brauchst…“ JA! JA! Wollen die mich verarschen??? Haben die Kollegen denn nicht GEMERKT, dass er Hilfe brauchte? Stattdessen haben sie ihn allein gelassen, seine Kollegen haben ihn unmerklich sterben lassen!

Heute nun wollte er dieses Gefühl real machen! Ein kleiner Schritt noch, ein kurzer Sprung, dann ein paar Sekunden Fall, und dann…

„Hast Du keine Angst runterzufallen?“ Die helle Stimme hinter ihm riss ihn aus seinen Gedanken. Ruckartig fuhr er herum und verlor dabei das Gleichgewicht. Reflexartig konnte er sich gerade noch an dem niedrigen Geländer festhalten. Die kleinen Steine, die seine Schuhe dabei losrissen, polterten über die Kante, um dann lautlos in die Tiefe zu fallen. Das fehlte noch, dass ein Kind mit ansehen müsste, wie er genau wie die Steine im Nirgendwo verschwinden würde.

„Nein.“ Ralf log tatsächlich nicht. Angst hatte er wirklich nicht vor dem Fallen. Der Moment beim Ankommen machte ihm Sorgen. Deshalb war er immer noch hier oben. Deshalb konnte ihn diese junge Stimme überhaupt noch erreichen! „Nein, ich habe keine Angst. Aber nachmachen solltest Du das nicht! Ich dachte, so zeitig bin ich hier für mich alleine!“

„Du willst dort runterspringen, stimmt’s?“ Große, fragende Augen blickten zu den seinen hoch. Das Mädchen war vielleicht 7 oder 8 Jahre alt. Basecup, kariertes Hemd, Wanderhose und Bergschuhe waren das nächste, was Ralf wahrnahm. Der Wanderstock in ihren Händen war einfach nur noch passend. „Sind Deine Kinder nicht traurig, wenn Du gestorben bist?“ Diese Frage brachte ihn völlig aus der Fassung. Langsam stieg er über die Absperrung zurück auf die sichere Seite des Aussichtspunktes. Ihm fehlten die Worte, um irgendetwas Vernünftiges von sich zu geben. Das übernahm das Mädchen: „Ich bin traurig, weil mein Papi nicht mehr lebt! Der ist nämlich mit seinem LKW gegen einen Baum gefahren und gestorben.“ Diese Nüchternheit, mit der sie das sagte, war erschütternd. „Wann ist denn das passiert?“ „Da war ich noch klein. Mama sagt, dass ich deshalb keinen Bruder habe.“ Das Mädchen sah ihn an: „Ich muss mich mal hinsetzen. Kommst Du mit zu der Bank da drüben?“ Und als wenn es selbstverständlich wäre, nahm sie seine Hand und zog ihn mit sich.

Den Blick auf die Schlucht gerichtet und noch immer keine 5 Meter vom Abgrund entfernt saßen sie kurz darauf nebeneinander. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie ganz allein zu sein schien: „Wo sind denn die anderen? Oder - wie kommst Du hier hoch?“ Ralf begann, sich wieder zu sammeln. „Ich bin doch schon 9 und Mama ist nicht mehr so fit. Aber ich wollte so gern die Sonne aufgehen sehen. Also bin ich vorneweg gelaufen. Sie kommt bestimmt auch bald.“ Nach einem kurzen Seitenblick auf den Weg von unten, sah sie ihn wieder an. Niemand war zu sehen, der sie begleitet hätte. Es war nicht einmal zu hören, ob jemand den Weg heraufkam. „Ich glaube, ich habe es doch verpasst. Warst Du schon hier, als es noch dunkel war? Hast Du die Sonne aufgehen sehen? Erzähl‘ mal, wie sah das aus? Ist das hier oben noch schöner, als wenn man das zu Hause aus dem Fenster sieht?“ Er wollte antworten, aber – nun trotzig - redete sie weiter: „Mama hat gesagt, dass wir genug Zeit haben. Aber das stimmt nicht! Mit dem Frühstück heute früh haben wir die ganze schöne Zeit vertrödelt! Sie wird ja sehen, dass wir zu spät sind!!!“

Die Minuten vergingen. Schweigend sahen sie beide die Sonne nach oben steigen. Das Mädchen mit verschränkten Armen, Ralf mit hängenden Schultern. Der Feuerball schien an der rechten Felswand der Schlucht empor zu klettern. „Die Sonne braucht kein Seil zum Sichern. Sie kann nicht herunterfallen.“ Und an ihn gewandt fuhr das Mädchen fort: „Weißt Du, ich klettere nämlich in einer Sportgruppe. Deshalb weiß ich, dass man an eine Wand wie die hinter dem Geländer niemals ohne Sicherung ‘rangeht, wenn man nicht sterben will. Du aber hast das gemacht!“

„Warum willst Du eigentlich sterben?“

Auf solch eine Konfrontation mit seinen Gedanken konnte ihn niemand vorbereiten. Ein 9 Jahre junges Mädchen fragte ihn das! Er konnte ihr doch NIEMALS die Wahrheit sagen. Er konnte es ihr gegenüber doch NIEMALS zugeben, dass er wirklich vor hatte, seinem Leben ein Ende zu setzen – alle anderen hinter sich und allein zu lassen.

Obwohl! Allein???… Wer war denn hier derjenige, der allein war?

Aber irgendetwas in ihm bewegte sich: „Ich LIEBE Kinder!“

Fragend schaute sie ihn an: „Was ist daran schlimm?“

Er konnte es nicht glauben. „Nun … Nicht so wie Deine Mutti Dich liebt! Eher so, wie sie Deinen Vati geliebt hat, verstehst Du?“

Konnte sie das überhaupt verstehen? Mutete er ihr nicht zu viel zu? Aber egal, irgendwann würde sie weitergehen und er konnte es beenden!

„Mama hat viel geweint, als mein Papi nicht mehr nach Hause gekommen ist. Wir gehen an seinem Geburtstag immer auf den Friedhof und legen Blumen an die Stelle, wo Mama sagt, dass er dort begraben ist. Dann weint Mama immer wieder ganz doll, und ich kann sie kaum trösten.“ Sie sah ihm direkt in die Augen, als wollte sie herausfinden, ob er sie auch wirklich verstand. „Mama sagt, seitdem das passiert ist, fühlt sie sich alleine.“ „Liebst Du Kinder so, wie meine Mama meinen Papi? Fühlst Du Dich auch alleine ohne sie?“

Ihm mussten seine Gesichtszüge entgleist sein, denn plötzlich lachte sie ihn an: „Du müsstest mal Dein Gesicht sehen!!!“ Es passte überhaupt nicht zur Situation, und am liebsten wäre er aufgesprungen. Doch er war wie gelähmt! Da saß ein kleines Mädchen neben ihm und redete mit ihm über Dinge, als wären diese die normalsten Sachen der Welt!

Und er merkte plötzlich, wie dieses unbeschwerte Lachen des Kindes ansteckend wirkte.

Genauso überraschend, wie sie begonnen hatte zu lachen, erstarb dieses auch wieder: „Wenn Du Dich alleine fühlst, soll ich eine Weile bei Dir bleiben?“

Er sah sich um. Beinahe erwartete er, dass jeden Moment hinter einem der großen Steine auf dem Plateau jemand mit einer Kamera hervorsprang. Aber nichts dergleichen passierte. Sie hielt den Kopf leicht schief, um ihn besser im Blick zu behalten: „Mama kommt bestimmt auch gleich.“ Und dann „zauberte“ sie aus ihrem Rucksack, welchen er noch gar nicht bemerkt hatte, neben einer Trinkflasche ein paar Haferflocken-Kekse und eine Packung UNO- Karten hervor. „Wollen wir solange ein Picknick machen?“

Ralf konnte bald nichts mehr überraschen, und so willigte er ein. „Du musst mischen!“ Mit diesen Worten reichte sie ihm den Kartenstapel, rutschte etwas auf der Bank nach hinten und machte zwischen ihnen Platz.

Das erste Spiel gewann sie nach wenigen Zügen. Er war nicht bei der Sache. Das zweite Spiel gewann sie, das dritte Spiel… „Du musst mich nicht immer gewinnen lassen! Ich bin doch kein Baby mehr!“ Er nahm sich zusammen und sie merkte, dass er sie nicht gewinnen lassen wollte… Trotzdem hatte er keine Chance…

„Liinaaa!!!!“ Ein markerschütternder Schrei schallte den Weg herauf! Eine junge Frau hastete völlig außer Atem heran und stürzte sich auf das neben ihm sitzende Mädchen. „Wie konntest du nur so weit voraus laufen! Wir hatten doch vereinbart, dass wir immer zusammen bleiben wollten!!! Wenn Dir etwas passiert wäre! Wenn Du nicht auf mich hörst, können wir so etwas nicht mehr machen! Du hast mich ja nicht einmal mehr rufen ge…“ „MAMA!!!“ Das Mädchen unterbrach ihre Mutter. „Wir sind zu spät gekommen! Wenn ich auf Dich gewartet hätte, wäre alles vorbei gewesen!“

Tatsächlich hatte es die Sonne inzwischen unbemerkt geschafft, die Felswand der Schlucht hinter sich zu lassen. Sie begann, alles spürbar aufzuheizen. Und irgendwie durchdrang diese Wärme auch das Herz von Ralf. Er wollte sich vorstellen, aber auch ihn ließ das Mädchen nicht zu Wort kommen. „Guck mal Mama, wen ich hier oben getroffen habe!“ „Weißt Du Mama, der Mann wollte von hier oben…“ Ralf stockte der Atem! „…wie wir die Sonne aufgehen sehen! Und er war rechtzeitig hier!“ Dabei drehte sie sich zu ihm um und fügte hinzu: „Du wolltest mir doch noch erzählen, wie das aussah!“ „Angelina, lasse doch den Mann in Ruhe.“ Und zu ihm: „Bitte entschuldigen Sie, aber sie wünscht sich so sehr einen Vater. Ich hoffe, sie hat sie nicht belästigt?“

Belästigt? Dieses aufgeweckte Mädchen? Ihn? Ralf schüttelte den Kopf: „Nein, sie hat mich eher aufgerüttelt. Ich war gerade dabei, zu sehr in meinen Gedanken zu versinken.“ „Oh, bitte entschuldigen Sie!“ Angelinas Mutter konnte nicht verstehen, was er meinte. Er versuchte es zu erklären: „Nein, nein! Es war überhaupt nicht schlimm!“ Aber was hätte er sagen sollen?

„Komm, Lina, wir wollen doch auch noch den Gipfel bezwingen. Dieses Mal lässt Du mich aber nicht allein!“ Und so schnell, wie sie erschienen waren, so schnell waren sie auf dem Weg nach oben wieder verschwunden.

Es kam ihm vor, wie ein Spuk. Was war da gerade geschehen? Er hatte keine Ahnung, wie lange diese Begegnung gedauert hatte. Aber irgendetwas in ihm war zerbrochen – die Glasscheibe, durch die er sich immer selbstreflektierend, aber aus der Ferne betrachtet hatte.

Vor wenigen Minuten noch wollte er in eine Schlucht springen in dem Wissen, vielleicht niemals gefunden zu werden. Vor einem kurzen Moment noch wollte er am besten spurlos aus dieser Welt verschwinden…

„Was ist daran schlimm?“ hatte Angelina gefragt.

Ja, was ist daran schlimm, Kinder so zu lieben, wie ihre Mutter ihren Vater geliebt hatte? Die ehrliche Antwort, die er sich nur geben konnte, war einfach: „Nichts ist daran schlimm!“ Es ist nur schlimm, was andere unterstellen. Es ist nur schlimm, dass Verleumdungen von Neidern seiner Arbeit, von Leuten, die – auch wenn sie nicht einmal halb so viele empathische Fähigkeiten beim Umgang mit den Kindern haben – ihm seinen Posten streitig machen wollen.

Hatte er jemals wirklich dagegen angekämpft? Gab es nicht genug Hinweise seitens der Ärzte und der anderen Kollegen, dass diese hinter ihm stehen würden, WENN – ja WENN er sich zur Wehr setzen würde?

Es musste ihm erst ein Kind zeigen, dass es noch immer Vertrauen auf dieser Welt gibt, und dass es möglich ist, schwere Rückschläge und Verluste zu verarbeiten und nach vorn zu schauen.

Ralf stand auf. Wenige Schritte trennten ihn von dem Ziel, weshalb er heute hier hinauf gestiegen war. Wieder kletterte er über das Geländer und stellte sich dicht an den Abgrund.

Tief einatmend schloss er die Augen und stellte sich vor, wie ein Adler zu fliegen. Die in der Felswand nistenden Vögel umkreisten ihn dabei. Der Boden kam schnell näher… Er öffnete die Augen. Mit einem Griff nach hinten hielt Ralf sich an der Absperrung fest. Warum? Warum sollte er sich aufgeben? Nicht er hatte die Fehler gemacht!

Und einer Eingebung folgend kramte er aus der Jackentasche seinen Abschiedsbrief und machte diesen mit gefühlten hundert Strichen unkenntlich. Dann drehte er ihn herum und schrieb seine Gedanken auf. Das Blatt klemmte er so an die Geländerstange, dass jeder Vorbeikommende es sehen musste. Noch ein prüfender Blick - und Ralf machte sich auf den Weg nach unten. Auf den Weg in eine Zukunft, von der er nicht wusste, ob sie einhalten würde, was sie gerade versprach.

Das Papier an der Stange schaukelte leicht in der warmen Frühlingsluft. Die Buchstaben waren schon von Weitem zu lesen:

DANKE ANGELINA! DU HAST MEIN LEBEN GERETTET!

1 Kommentar

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Angelo

Eine sehr zu Herzen gehende Erzählung! Das kleine Mädchen war zur rechten Zeit am rechten Ort;ein kleiner Schutzengel Ja wichtig ist stets Ja zu sagen zum Leben;Jeder Mensch kann das Beste aus seinem Leben machen!

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