Sehr geehrte Frau Allard,

ich möchte mit dieser Mail Bezug auf Ihr kürzlich erschienenes Interview für die News-Website „watson“ nehmen. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie sich ein paar Minuten Zeit dafür nehmen würden meine Worte zu lesen.

Ich bin eine Frau mit pädophiler Neigung und lebe in einer festen Partnerschaft mit meinem ebenfalls pädophilen Freund. Wir beide sind nicht kernpädophil und haben ein durchaus erfüllendes, gemeinsames Sexleben. Aussagen wie,

Der Großteil, die anderen 80 Prozent, haben eher Probleme damit, sich jemandem auf Augenhöhe sexuell zu nähern. Sie schaffen es einfach nicht, Kontakt aufzubauen und Erwachsene zu beeindrucken und wenden sich daher an Kinder

verletzen mich persönlich, weil sie ganz einfach nicht dem entsprechen was mein Partner und ich tagtäglich (er)leben und auch vielen unserer Freunde tun diese unrecht. Wir lieben uns, wie wir noch nie jemanden zuvor geliebt haben – dennoch schmälert dies nicht unsere Gefühle Kindern gegenüber. Die Pädophilie ist bei uns kein Ersatz für einen erwachsenen Partner, sie besteht parallel dazu. Sie ist ein unveränderlicher Teil unserer Identität und sie hat für uns keinerlei Krankheitswert.

Ehrlich gesagt machen mir die Aussagen in Ihrem Interview große Sorgen. Natürlich habe ich dabei bedacht, dass so ein Interview oft nur einen kleinen Teil dessen wiedergibt was tatsächlich gesagt wurde, aber viele Ihrer Aussagen sind, für sich genommen, einfach unzutreffend. Sie bestärken dadurch leider viele Vorurteile und führen damit die Stigmatisierung pädophiler Menschen fort. Es entsteht ein Bild über Ihre Arbeit das hoffentlich nicht Ihrem tatsächlichen Umgang mit den Menschen beschreibt, die bei Ihnen Hilfe suchen.

Im kommenden ICD 11 wird klar zwischen einer pädophilen Störung und einer normalen pädophilen Neigung unterschieden. Leiden weder andere noch man selbst unter der Neigung, gilt sie nicht (mehr) als Störung. Das finde ich sehr sinnvoll.

Um das an dieser Stelle ganz deutlich zu sagen: Keiner von uns hat in der Vergangenheit oder zum jetzigen Zeitpunkt Missbrauchsdokumentationen konsumiert oder ein Kind missbraucht. Nichts läge uns ferner. Auch halten wir Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern für nicht vertretbar und sehen jegliche Form davon als Missbrauch an.

Was mir besonders an diesem Interview aufgefallen ist, ist dass Sie Kindesmissbrauch mit Pädophilie gleichzusetzen scheinen. Woher nehmen Sie beispielsweise die 20% an pädophilen Frauen, wenn man praktisch kaum etwas über diese weiß, weil hierfür die Studien fehlen? Sie können damit also nur Täterinnen meinen, wissen dabei aber nicht ob diese auch tatsächlich pädophil waren. Es hat sich der Begriff Ersatzhandlungstäter etabliert, deren Motive für die Tat sich erheblich von dem eines pädophilen Menschen unterscheiden (können).

Wenn Sie wirklich die Ansicht vertreten, das Ziel einer Therapie sei es pädophilen Menschen ihre sexuellen Fantasien abzusprechen, jeglichen Kontakt zu Kindern zu vermeiden und den Gebrauch legaler Bilder (z.B. aus Unterwäschekatalogen wie von Ihnen als Beispiel genannt) zu kriminalisieren, dann frage ich mich: wie sieht Ihre Alternative dazu aus? Die eigene Sexualität und emotionalen Wünsche komplett zu unterdrücken halte ich für sehr gefährlich.

Insbesondere folgende Aussage von Ihnen finde ich problematisch:

In absoluten Härtefällen sagen wir, wenn es gar nicht anders geht, dann spiel' es in Gedanken durch, nur in Gedanken und nur selten. Das ist die allerletzte Option. Das ist auch nicht gut, weil es Glücksgefühle mit Kindesmissbrauch verknüpft. Man muss es dann aber leider in Kauf nehmen.

Eine derartige Aussage ist schon allein deshalb schwierig, weil Sie damit ganz klar sagen, dass Pädophile nicht glücklich zu sein haben. Wer muss diese Fantasien in Kauf nehmen? Sie etwa? Wer niemandem schadet, weder direkt noch indirekt, der hat jedes Recht der Welt sich bei der Masturbation vorzustellen was er möchte und diese Fantasien auch zu genießen, ohne währenddessen oder anschließend ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.

Meiner Erfahrung nach können pädophile Menschen genauso gut zwischen Realität und Fiktion unterscheiden wie andere Menschen auch. Normalerweise ist der Mensch in der Lage sein Denken und Handeln zu reflektieren und ist nicht seinen Empfindungen und Gedanken ausgeliefert. Problematisch wird dies, wenn Störungsbilder (eine antisoziale Persönlichkeitsstörung oder Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle beispielsweise) gemeinsam mit der Neigung auftreten. Das ist aber genauso bei hetero – oder homosexuellen Menschen der Fall. Die Libido pädophiler Menschen ist auch nicht grundsätzlich stärker ausgeprägt als bei anderen sexuellen Orientierungen, weshalb mir der Begriff „Drang“ missfällt. Wir haben kein wildes Tier in uns, das mühsam gezähmt werden muss. Wir haben eine Sexualität, genauso wie Sie.

Ich will damit nicht sagen, dass es keine Pädophilen mit diesen Problemen gibt die sie beschreiben - wohl aber dass Sie stark pauschalisieren. Den Begriff „Tatgeneigte“ empfinde ich z.B. als sehr beleidigend, da er impliziert, dass jeder Mensch der sexuelle Fantasien mit Kindern hat und/oder sich in diese verliebt, potenziell ein Täter ist. Sich von Kindern gänzlich fernzuhalten ist unrealistisch und, meines Erachtens, auch nicht zielführend für den Schutz von Kindern. Pädophile die Angst haben übergriffig zu werden, lernen so nicht mit der Neigung umzugehen, sie lernen Situationen zu vermeiden – also das, wovon Therapeuten in der Regel in jedem anderen Kontext abraten. Es sollte doch viel eher darum gehen Ängste abzubauen und nicht diese weiter zu schüren.

Ich hoffe Sie befördern diese Mail nicht direkt in Ihren Papierkorb, sondern versuchen einmal unsere Seite zu verstehen. Ich engagiere mich seit einiger Zeit ehrenamtlich für Schicksal und Herausforderung im dazugehörigen Forum, betreibe gemeinsam mit meinem Partner und einigen Freunden das Blogportal Kinder im Herzen und leite auch einen Selbsthilfechat zum Thema Pädophilie. Mir begegnen dort die unterschiedlichsten Menschen – angenehme, sowie unangenehme. Diese bringen alle ihre ganz eigene Hintergrundgeschichte mit, aber eine Schwierigkeit ist uns allen gemein: der Umgang mit den Vorurteilen der Gesellschaft.

Wenn Sie Fragen an mich/uns haben, sind wir gerne bereit Ihnen diese zu beantworten.

Mit freundlichen Grüßen, Rubricappula


Kleine Info: Leider habe ich bisher keine Reaktion auf meine Nachricht erhalten - sollte sich das in Zukunft doch noch ändern, werde ich dies in diesem Beitrag nachträglich ergänzen.

2 Kommentare

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ilytul

Sie wird sich auch nicht melden, davon bin ich überzeugt. Sie scheint sehr von sich überzeugt.

Max Weber

Super E-Mail Ruby! Ich bin äußerst enttäuscht von BIOS. Hatte lange gedacht hinter der kruden Hülle verstecke sich in der tatsächlichen Therapie mehr Vernunft und Verständnis, aber nach diesem Interview zusammen mit deren Webseite und meinen anderen Erfahrungen mit den Kollegen dieses Projektes, ist dieses Bild bei mir geplatzt. Immerhin ist das Projekt im Gegensatz zu KTW an die Justiz angebunden und da konnte ich die auf Taten und Kriminalprävention fokussierte Ausdrucksweise noch verstehen, aber dies scheint sich ja nun doch wirklich bis in die Therapie hineinzuziehen.

Grausam. Die armen Patienten, denen Selbsthass vermittelt wird. 😔

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