Titelbild zu Die gefährliche Verharmlosung der „Pädojäger“: Was halten Schläger eigentlich von Selbstjustiz?
/ 45 Minuten
1
3

Im Oktober 2024 schrieb ich hier einen Beitrag über den gefährlichen und in weiten Teilen gewaltvollen Trend der „Pädojäger“ und dessen medialer Verharmlosung. Möglicherweise nicht ganz zufällig wurden wir auf Wir sind auch Menschen wenige Tage später Ziel massiver Angriffe, die von Verleumdung und Hassbotschaften bis hin zu DDoS-Angriffen auf unsere technische Infrastruktur reichte. An den Angriffen beteiligte sich auch Marvin Ojaghi, einer der bekanntesten deutschen „Pädojäger“, mit Falschaussagen, Lügen und Hetze. Ein Zusammenhang liegt nahe: Die „Pädojäger“-Szene besteht nun einmal größtenteils aus aufgeblasenen Macho-Typen mit äußerst fragilem Ego, die zur Selbstreflexion unfähig sind und Kritik nur mit Aggressivität und Gewalt beantworten können, angetrieben von der selbstgerechten Überzeugung, für den Kinderschutz zu stehen und damit für Kritik faktisch unangreifbar zu sein (ein gutes Beispiel dafür ist auch die Kritik des freien Journalisten Holger Kreymeier an den „Pädojäger“ Nick Hein, dem darauf nichts Besseres einfiel, als den Hashtag #Pädo-Holger zu erfinden und seine Gefolgschaft zu einem Shitstorm anzustiften).

Einige Zeit später meldete sich der Journalist Tobias Dammers bei uns, der für eine Recherche zum Thema „Pädojäger“ auf diese Auseinandersetzung und damit auf uns gestoßen ist. In der (rückblickend betrachtet wohl naiven) Annahme, dass ihm damit die Aggressivität dieser „Jäger“ bewusst sein muss und er einen investigativen und kritischen Beitrag über das Phänomen plant, stellte ich mich für ein Interview zur Verfügung, da ich mich schon längere Zeit mit den „Pädojägern“ beschäftige. Letztendlich ging die „Rolle“ aber an Georg, worüber ich im Nachhinein eher recht froh bin: denn obwohl Dammers die Lügen und die Hetze, mit der Marvin Ojaghi uns überzogen hat, mitbekommen haben muss, ist aus seiner Reportage letzten Endes eine überwiegend unkritische Werbeveranstaltung für Ojaghi geworden. Etwa die Hälfte der Sendezeit wurde mit ihm gefüllt, während Georgs Teil zu einer dreiminütigen Randnotiz reduziert wurde. Selbst ein verurteilter Gewaltverbrecher, den Dammers in der JVA besuchte, bekam mehr Zeit zugestanden, um seine Taten zu rechtfertigen.

Das Interview mit dem Gewalttäter, der wegen schwerer räuberischer Erpressung und gefährlicher Körperverletzung zu fast sieben Jahren Haft verurteilt wurde, hat mich, als ich die Reportage schließlich zu sehen bekam besonders fassungslos zurückgelassen. Obwohl dem Täter anzusehen ist, dass er seine Straftaten nicht bereut und sogar noch stolz darauf zu sein scheint, darf er in der Reportage seine Taten noch verteidigen, indem er behauptet, dass es ihm ja „nur um die Pädos“ gegangen sei (was im Film keinesfalls als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit eingeordnet wird). Dabei handelte er laut Einschätzung des urteilenden Richters aus reiner Geldgier und suchte sich gezielt Opfer aus, von denen er annahm, dass sie aus Scham nicht zur Polizei gehen würden. In der Hälfte der angeklagten Taten habe es zudem gar keinen minderjährigen Lockvogel gegeben, ein Opfer soll eine reine Zufallsbekanntschaft gewesen sein. In der Reportage erfährt man diese Details nicht, stattdessen behauptet Dammers sogar noch fälschlicherweise, er würde im Gefängnis sitzen, weil er „Pädophile ausgeraubt hat“. Und fragt ihn, den reuelosen Schläger und Räuber dann, wie weit Selbstjustiz eigentlich gehen darf. Die Antwort: es komme darauf an, wie weit man es selber mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Ja Halleluja.

Ich muss sagen, diese Passagen aus dem Film machen mir Angst. Dass in einem öffentlich-rechtlichen Format Gewalt diskutabel wird, und ein verurteilter Schwerkrimineller frei äußern kann, als „Denkzettel gegen Pädophile“ sei Selbstjustiz schon gerechtfertigt, wenn nicht gar eine moralische Pflicht, zeigt im Grunde, wie entmenschlicht die Debatte um Pädophilie inzwischen geworden ist. Selbst rohe Gewalt, solange sie (vermeintlich oder tatsächlich) gegen Pädophile gerichtet ist, scheint nichts mehr zu sein, was von der gesellschaftlichen Mitte kategorisch abgelehnt wird.

Auf die Reportage an sich möchte ich ansonsten gar nicht weiter eingehen. Ich empfehle an dieser Stelle die ausführliche Kritik, die Regenbogenfisch und Rubricappula vor einem Monat hier veröffentlicht haben. Stattdessen möchte mich hiermit darauf konzentrieren darzustellen, wie sehr das Y-Kollektiv Rechtfertigungen für Selbstjustiz und die Ablehnung des Rechtsstaates eine Plattform gibt, und mit Kritik umgehen, indem sie diese einfach ignorieren.

Eine Bühne für Hetzer, Egomanen und Gewalttäter

Die Reportage hat mich noch lange beschäftigt, sodass ich mich schließlich entschlossen habe, Dammers meine Ansicht und Kritik zu der Reportage direkt zukommen zu lassen. Eine entsprechende Mail habe ich am 15.08. verschickt und bis heute keine Antwort erhalten. Damit ich mir die Mühe nicht umsonst gemacht habe, und weil die Mail meine Kritik an dem Beitrag und dem medialen Umgang mit dem „Pädojäger“-Phänomen allgemein ganz gut zusammenfasst, veröffentliche ich die Mail jetzt halt hier, als eine Art offener Brief.

Hallo Tobias,

Ich habe nach Ansicht des Beitrags über die „Pädojäger“ lange gebraucht, um diese Mail zu schreiben. Die Reportage hat mich (auf ungute Art) emotional ziemlich mitgenommen, und mit einer Mischung aus Enttäuschung, Wut und Fassungslosigkeit zurückgelassen. Zunächst wollte ich darüber gar nichts mehr schreiben, aber ich merke, dass mich der Beitrag doch immer noch beschäftigt. Mir ist es daher ein Bedürfnis, meine Kritik doch noch zu äußern.

Die Reportage ist, anders kann ich es nicht sehen, kaum mehr als ein Werbefilm für Marvin. Daran ändert auch die eingestreute Kritik nichts. Schon das Vorschaubild stellt Marvin in den Vordergrund unter der Tagline „Er jagt Pädokriminelle“, stellt ihn also als Kämpfer für das Gute dar und übernimmt seine Seite der Narrative (obwohl, wie im Beitrag selber herauskommt, nur sehr wenige seiner Zielpersonen verifizierbar rechtskräftig verurteilt wurde). Die Reportage beginnt und endet mit ihm, insgesamt bekommt er fast die Hälfte der Laufzeit, um seine Ansichten zu äußern, während für Georg gerade einmal drei Minuten (weniger noch als für den Gewalttäter Alexander) übrig bleiben. Allein das ist schon irritierend. Bist du nicht auf uns gestoßen, weil Marvin in mehreren Videos uns von „Wir sind auch Menschen“ auf unterstem Niveau angegriffen und verleumdet hat? Warum wurde das nicht wenigstens in dem Beitrag erwähnt und stattdessen Marvins Behauptung, dass es ihm ja eigentlich nur um Kriminelle gehen würde, unkorrigiert stehen gelassen?

Dass Marvin auch nur in irgendeiner Kapazität zwischen Straftätern und Pädophilen differenzieren würde, ist lachhaft. Man muss nur in seinen TikTok-Kanal schauen, um Hetze und Hassbotschaften gegen Pädophile zu finden: „Pädophile sind tickende Zeitbomben“, „Gefahr der Pädophilie“, „Verschärfung der Strafen gegen Pädophile“. In einem Interview mit dem Stern gab er zu, dass er „gern mal einen Pädo mit Bauschaum an die Wand nageln würde“. Vielleicht, wenn du es versuchst, kannst du dir vorstellen wie es sich anfühlt zu sehen, dass jemand, der derart abscheuliche Dinge von sich gibt immer wieder von den Medien hofiert und glorifiziert wird.

Warum wurden diese menschenverachtenden und diskriminierenden Ansichten nicht kritisiert und sich stattdessen mit der dümmlichen Behauptung zufriedengegeben, das Wort „Pädokriminalität“ hätte angeblich ja nicht aufs Plakat gepasst? Warum gab es keine kritische Nachfrage, warum Marvin glaubt, das Wort „Pädophilie“ würde „besser passen“? Es hätte hier die Gelegenheit gegeben, Marvins Fassade niederzureißen und zu zeigen, dass er genauso viel Hass für Unschuldige in sich trägt, wie für Menschen, die sich schuldig gemacht haben (am Ende ist es ihm vermutlich egal, ob sein Auftreten Unschuldige trifft, solange er mehr Views bekommt). Stattdessen bleibt es bei einer müden Korrektur, dass er „manche Begriffe leicht durcheinander“ bringen würde, so als handele es sich dabei um ein kleines, ehrliches Versehen, und nicht um das Fundament seines Online-Auftretens.

Darüber hinaus machst du genau das, was du Marvin selber vorwirfst und redest selbst pauschal von Pädophilen oder „mutmaßlichen Pädophilen“ (schon in den ersten 20 Sekunden der Reportage!), wenn es eigentlich um angebliche Straftäter geht. Später heißt es sogar, dem Verbrecher Alexander sei es wohl nicht nur darum gegangen, „Pädophile einzuschüchtern“, so als würde dies irgendwie ein akzeptables Ziel sein.

Warum wurde generell nicht schon die Grundlage, auf der „Pädojäger“ arbeiten, kritisiert? Es ist nicht nur fragwürdig, dass die „Jäger“ möglicherweise Selbstjustiz ausüben oder die Arbeit der Polizei behindern, sondern auch, dass ganz grundsätzlich der Gedanke, Pädophile gehörten gejagt und bekämpft menschenverachtend ist. Warum ist es so schwer, das einmal klar zu sagen? Hättest du Angst, dass die Doku als zu „pädophilenfreundlich“ empfunden werden könnte oder glaubst du doch selber, dass es eigentlich schon nicht schlecht ist, wenn Pädophile gejagt und aus der Gesellschaft getrieben werden?

Nebenbei bemerkt, Pädophilie ist keine „Verhaltensstörung“, schon allein deshalb nicht, weil Pädophilie kein Verhalten ist. Die WHO stuft Pädophilie darüber hinaus seit 2022 noch nicht einmal grundsätzlich als Störung in irgendeiner Form ein.

Nicht zuletzt empfinde ich es als entwürdigend zu hören, wie „absurd“ das Gespräch mit Georg gewesen sei und wie sehr es dich mitgenommen habe, während ähnliche Vorbehalte nach dem Interview mit einem Menschen, der mit einem Lachen im Gesicht darüber redet, wie er Menschen zusammengeschlagen und ausgeraubt hat nicht geäußert werden. War es wirklich so schlimm, mit „unsereins“ reden zu müssen? Schlimmer als die grenzenlose ausgelebte sadistische Gewalt gegen angeblich pädophile Menschen zu sehen, die online so stolz zur Schau gestellt wird?

Es ist genau diese Angst, Menschenjagd auf Pädophile grundsätzlich zu verurteilen, die diesen „Jägern“ ihre gesellschaftliche Rechtfertigung liefert. Es geht beim „Pädo-Hunting“ eigentlich gar nicht um das Thema Pädophilie an sich, sondern vielmehr wird instrumentalisiert, dass Pädophile die gesellschaftlich am stärksten verabscheute Minderheit sind, und nicht wenige Pädophile am liebsten tot sehen würden. Dadurch kann sich jeder, der vermeintlich etwas gegen Pädophile tut in den Augen der Mehrheit ohne viel Aufwand als Held stilisieren. Gleichzeitig werden für gewaltbereite Pädojäger Hemmschwellen für Gewalt gesenkt; es ist leichter zuzuschlagen, wenn man sein Opfer als „pädophil“ und somit (in den Augen vieler) als eigentlich nicht mehr menschlich gebrandmarkt hat. So etwas MUSS klar benannt werden: Solange nicht die Jagd auf Pädophile an sich, sondern nur das wer und wie infrage gestellt wird trägt eine Reportage nur dazu bei, diese Dynamik am Leben zu erhalten und das Problem zu eskalieren.

Geradezu fassungslos bin ich in dem Zusammenhang von der Entscheidung, einem verurteilten Schwerverbrecher eine Plattform zu geben, vor allem, ohne zu erzählen, wofür der Täter im Detail verurteilt wurde. Laut Medienberichten hat Alexander einen Mann durch den Stadtpark gejagt, getreten und damit bedroht, eine Rasierklinge durch sein Gesicht zu ziehen; mehrere andere hat er festgehalten, mit einer Waffe bedroht, sie verprügelt und ihnen Geld und Wertsachen abgenommen; die Opfer hat er sich gezielt ausgesucht, weil er davon ausging, dass sie nicht zur Polizei gehen würden. Anstelle Reue zu zeigen soll er das Gericht während der Verhandlung noch verhöhnt haben. In vielen Fällen soll sein Lock-Profil außerdem volljährig gewesen, und ein Opfer eine reine Zufallsbekanntschaft gewesen sein – seine Opfer haben zum Teil also noch nicht einmal etwas Strafbares getan. All das wäre es wert gewesen, erwähnt zu werden; stattdessen fokussiert sich der Bericht darauf, wie viel Zuspruch er deutschlandweit noch im Gefängnis bekommt – ein wunderbarer Ansporn für alle geltungssüchtige Kriminelle, die darüber nachdenken, ob es sich lohnen könnte, ihn nachzumachen.

Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum er überhaupt in die Reportage eingebaut wurde. Was soll es bringen, einem dümmlich feixenden Gewaltverbrecher, der offenbar im Gefängnis noch stolz auf das ist, was er getan hat zu fragen, was er von Selbstjustiz hält? Sind wir wirklich so weit, dass Gewalt, wenn sie gegen vermeintlich Pädophile gerichtet ist, debattierter geworden ist, etwas wo man beide Seiten anhören muss und es der einzige Kritikpunkt ist, dass es ihm auch um Selbstbereicherung ging und nicht nur darum, „Pädophilen einen Denkzettel zu verpassen“? Hättest du einen Nazi, der mutmaßliche Schwule zusammenschlägt genauso behandelt? Oder einen verurteilten Vergewaltiger, der keinerlei Reue zeigt, nach seiner Meinung zum Feminismus befragt?

Wie du selber darstellst, werden viele Gewalttäter durch Social Media zu ihren Taten inspiriert. Sie sehen, wie Menschen tausendfach als Helden gefeiert werden, die auf jemanden brutal eintreten und -schlagen, der als pädophil bezeichnet wird und wollen selber ein Stück vom Kuchen abhaben. Hast du dich, in irgendeinem Status der Produktion dieses Beitrags, mal gefragt, ob dieser Beitrag selber nicht dazu beitragen kann, das Phänomen weiter zu befeuern, wenn du Menschen wie Marvin und Alexander eine Plattform gibst und zeigst, wie viel Zuspruch und Online-Fame sie mit ihren Aktionen bekommen können?

Ich hatte angenommen, dass du die Problematik, die mit selbsternannten „Pädojägern“ einhergeht grundsätzlich verstanden habt und das Phänomen kritisch betrachten wolltest. Stattdessen hast du einem der aufmerksamkeitssüchtigen Selbstdarsteller in dem Bereich eine weitere Bühne gegeben und ermöglichst sogar Verbrechern, sich für die Vorzüge von Selbstjustiz gegen „Pädophile“ auszusprechen.

Mit großer Enttäuschung Sirius

„Wir stellen uns keinesfalls schützend vor Pädophile“

Der fragwürdige Umgang mit dem Thema hört leider nicht mit der Publikation der Reportage auf. Am 10.08. ist die Reportage auf den YouTube-Kanal vom Y-Kollektiv hochgeladen worden. Die Kommentare wurden dabei nicht deaktiviert (was definitiv eine sehr schlechte Entscheidung war), und Mitarbeitende vom Y-Kollektiv haben sich auch selber in der Debatte eingeschaltet, die inzwischen über 1200 Kommentare umfasst (vermutlich werden die Kommentare allerdings von einer eigenen Social-Media-Redaktion geschrieben und nicht von den Menschen, die an der Erstellung der Reportage beteiligt waren). In den Kommentaren der Redaktion kommen dabei auch einige problematische Ansichten zum Vorschein. Den größten Vorwurf, den man der Y-Kollektiv-Redaktion dabei vielleicht machen kann, ist, dass sie ihre eigenen Aussagen nicht konsequent bis zum Ende durchdenken.

In vielen Kommentaren weist die Y-Kollektiv-Redaktion nämlich grundsätzlich auf die Differenzierung zwischen Pädophilie und Straftaten (was sie als „Pädokriminalität“ bezeichnen) hin: So schreiben sie zum Beispiel, dass 50–70 % der Taten „von Ersatz- oder Ausweichtätern“ begangen werden, und behaupten, dass sie diese Unterscheidung „sehr wichtig“ fänden. Grundsätzlich ist diese Differenzierung natürlich zu begrüßen, wird aber leider überhaupt nicht zu Ende gedacht. So antwortet die Redaktion auf den Vorwurf eines Kommentators, dass sich der ÖRR ja schützend vor Pädophile stellen würde, mit dem Satz: „Wir stellen uns keineswegs schützend vor Pädophile, wollen aber klar unterscheiden zwischen Pädophilen und Pädokriminellen“. Da stellt sich die Frage: warum eigentlich nicht? Wenn es Pädophile gibt, die keine Straftaten begehen – was die Redaktion ja grundsätzlich anerkennt – warum ist es dann undenkbar, diese vor Hass, Hetze und Gruppen von Menschenjägern zu schützen, die zum Teil auch vor Gewalt nicht zurückschrecken? Ist es nicht eher eine moralische Pflicht, Unschuldige davor zu schützen, und im Journalismus auf regelrechte Hetzjagden auf diese Gruppe aufmerksam zu machen? Zu sagen, dass man sich nicht schützend vor einer stark stigmatisierten Minderheit stellt, ist kein Verdienst, sondern Zeichen eines moralischen Versagens, für das die Y-Kollektiv-Redaktion selber scheinbar völlig blind ist.

Dieses „sich nicht schützend vor Pädophile stellen wollen“ ist übrigens mehr als eine allgemeine Redewendung. Ganz konkret wird insbesondere Georg, der sich als Interviewpartner zur Verfügung gestellt und mit seinem Auftreten als Einziger in der ganzen Reportage Mut bewiesen hat, von der Y-Kollektiv-Redaktion nicht weiter beschützt. Auf zahlreiche Kommentare, dass er als Person inakzeptabel sei und gar nicht in der Reportage hätte vorkommen dürfen, antwortet die Redaktion lediglich mit einem müden Hinweis, es sei ihr Ansatz sich „verschiedene Seiten anzuhören und unterschiedliche Sichtweisen darzustellen.“ Beleidigende und Hasskommentare gegen ihn werden nicht moderiert. Laut Georg hat die Redaktion weder vor dem Dreh besondere Sicherheitsvorkehrungen besprochen, noch sich nach Veröffentlichung erkundigt, ob es Angriffe oder Hassbotschaften aus der „Pädojäger“-Szene gegen ihn gegeben hat. Selbst einigen Kommentierenden ist aufgefallen, dass sein Auftreten in der Reportage gefährlich für ihn werden könnte, worauf die Y-Kollektiv-Redaktion aber auch nicht weiter eingeht. Es wirkt, als sei ihnen völlig gleichgültig, was für ein Risiko der Auftritt für Georg bedeutet und was für Folgen das Interview für ihn haben kann.

Nicht nur, dass sich die Redaktion explizit keine Pädophile schützen möchte, sie stellt darüber hinaus Pädophile sogar auf eine Stufe mit Gewalttätern und Mördern. „Sowohl Selbstjustiz als auch Pädophilie können zu Problemen und zu Missbrauch führen“, schreiben sie als Antwort auf einen Vorwurf, die Reportage kritisiere die „Pädojäger“ zu sehr und zeige gleichzeitig zu viel Verständnis für Pädophile. Diesen Satz empfinde ich als besonders perfide. Die Menschenjagd auf vermeintliche Pädophile ist inzwischen zu einer Art Volkssport geworden, die schon zu mehreren Toten geführt hat (dass – meines Wissens nach – in Deutschland bislang noch niemand getötet wurde, ist reines Glück). Begleitet werden diese Hetzjagden von entwürdigenden Hassbotschaften gegen Pädophile, die dieses Maß an Gewalt überhaupt erst ermöglichen. Anstatt diese menschenverachtende Hetze klar zu benennen und zu verurteilen, behauptet die Y-Kollektiv-Redaktion, schon die pädophile Sexualpräferenz an sich sei genauso schädlich wie ein Trend, der für zahlreiche brutale Gewaltverbrechen verantwortlich ist. An anderer Stelle schreibt die Redaktion, nur eine Therapie könne erreichen, dass Pädophile „keine Gefahr mehr für Kinder sind“, und unterstellt (untherapierten) Pädophilen somit außerdem eine grundlegende Gefährlichkeit. Insgesamt wird offenkundig, dass Pädophilie an sich trotz aller Differenzierung gegenüber Straftaten dennoch als grundlegend krank und gefährlich betrachtet wird. Das wird auch daran deutlich, dass die Redaktion sich zwar nicht schützend vor Pädophile stellen möchte, aber sofort interveniert, wenn in den Kommentaren Vergleiche zu anderen sexuellen Präferenzen wie Homosexualität gezogen werden: „Homosexualität ist eine gesunde Variante der menschlichen Sexualität und keine Verhaltensstörung wie Pädophilie“, heißt es dann.

Auch schon die Reportage schafft es dabei nicht, die dort vermittelten Erkenntnisse selber konsequent anzuwenden. So wird auch dort an einer Stelle der Unterschied zwischen Pädophilie und Straftaten erklärt – und im gesamten Rest der Reportage dennoch beide Worte weitestgehend synonym verwendet. Schon in der Einleitung des Betrags heißt es, Ojaghi jage „mutmaßliche Pädophile“, und das Kapitel, in dem gezeigt wird, wie er versucht angebliche Sexualstraftäter in eine Falle zu locken trägt den Titel „Aufspüren von Pädophilen in Online-Chats“. Auf einige wenige Kommentare, die der Reportage einen stigmatisierenden Umgang mit Pädophilie vorwerfen, antwortet die Y-Kollektiv-Redaktion nur, dass Dammers ja zwischen Tätern und Pädophilen an einer Stelle in der Reportage differenziert hätte – so, als wäre damit alles gesagt und es unmöglich, dass die Reportage in irgendeiner Form stigmatisierend sein kann. Weitere Hinweise in den Kommentaren, dass diese Unterscheidung ja im Großteil der Reportage nicht weiter beachtet wurde, werden von der Redaktion ignoriert.

Dabei könnte man bei den sogenannten „Pädojägern“ überhaupt grundsätzlich infrage stellen, wie viel das Thema überhaupt mit Pädophilie zu tun hat. Die Lockvögel der „Pädojäger"-Gruppen geben überwiegend vor, eher Jugendliche als Kinder zu sein (wohl auch, weil Lockvögel, die sich als Sechsjährige ausgeben ziemlich unglaubwürdig sind). Nicht nur, dass zwischen Präferenz und Taten unterschieden werden muss, auch der Präferenz nach müssten die meisten Menschen, die den „Jägern“ in die Falle gehen also maximal als hebe- oder ephebophil und nicht als pädophil eingeordnet werden. Dass sich die Gruppen trotzdem „Pädojäger“ und nicht, zum Beispiel, „Hebejäger“ nennen, dürfte wohl daran liegen, dass Pädophile gesellschaftlich deutlich stärker verachtet werden. „Pädojäger“ instrumentalisieren also das massive Stigma gegen Pädophile, um sich selber als Helden im Kampf gegen das vermeintlich abgrundtief Böse zu stilisieren und berechtigte Kritik mit dem Vorwurf abwehren zu können, dass Kritiker ja selber pädophil oder zumindest Pädophilen freundlich gesinnt sein müssen. Die Reportage hinterfragt diese Zusammenhänge nicht, sondern übernimmt das Framing der „Pädojäger“ unkritisch. Einen Hinweis in den Kommentaren, dass die Begriffe Pädophilie, Hebephilie und Ephebophilie nicht richtig eingeordnet werden, antwortet die Redaktion damit, dass diese Differenzierung lediglich „für wissenschaftliche Aufklärung“ relevant sei, aber für die Bewertung der „Pädojäger“ und ihrer Beweggründe nichts ändern würde. Das stimmt, wie gesagt, nicht: für das Verständnis dieser Gruppen und ihrer Motivation ist es unerlässlich, nachzuhaken, warum sie sich so sehr auf das Thema Pädophilie eingeschossen haben, obwohl ihre Aktionen eigentlich wenig damit zu tun haben. Und davon mal abgesehen: wann ist wissenschaftliche Aufklärung eigentlich zu etwas geworden, das in journalistischen Werken nichts zu suchen hat?

„Selbstjustiz ist in Deutschland oft besser als Justiz“

Zum Schluss möchte ich die Diskussion in den YouTube-Kommentaren allgemein betrachten, um zu sehen, wie die Reportage allgemein aufgenommen wurde und wie die gesellschaftliche Debatte um die „Pädojäger“ aussieht. Dies nur anhand der Kommentare unter dem Video zu bewerten ist zwar sicherlich problematisch, unter anderem, weil YouTube Debatten zum Thema Pädophilie gerne großflächig zensiert. Die Kommentierenden unter dem YouTube-Video werden zudem vermutlich keine repräsentative Schnittmenge der Zuschauerschaft darstellen, insbesondere ist davon auszugehen, dass die Fangemeinden von Ojaghi und anderen „Pädojäger“-Influencern dort übermäßig stark aktiv ist, um das Vorgehen dieser Gruppen zu verteidigen. Dennoch können die Kommentare einen Anhaltspunkt dafür geben, welche Themen und Narrative in der Debatte vorhanden sind, welche Punkte besonders oft genannt werden, und welche mehr oder weniger unter den Tisch fallen.

Dazu habe ich alle Kommentare des Videos exportiert und in ein LLM gesteckt, um wiederkehrende Argumente und Narrativen in den Kommentaren zu extrahieren. Das Ergebnis habe ich stichprobenweise überprüft, mir aber nicht die Mühe gemacht, alle 1300 Kommentare von Hand auszuwerten. Ziel ist nicht, eine wissenschaftlich präzise Auswertung durchzuführen, sondern nur eine grobe Übersichtskarte der Debatte zu zeichnen; einzelne Fehleinschätzungen, welche die KI sicherlich gemacht haben wird, sind daher aus meiner Sicht vertretbar. Das Ergebnis ist jedenfalls durchaus interessant und teils ziemlich erschreckend.

Übersicht der Debatte

Insgesamt wurden 25 Themen erkannt, die in den Kommentaren immer wieder aufkamen. 210 Kommentare, oder 16,6 %, konnten dabei keinem spezifischen Thema zugeordnet werden, weil sie zum Beispiel nur aus Memes bestanden oder Off-Topic waren. Die meisten Kommentare sprechen sich eher für die „Pädojäger“ und deren Vorgehen aus oder schützen sie vor der in der Reportage geäußerten Kritik. Im Folgenden gebe ich eine Übersicht der in den Kommentaren am häufigsten vorkommenden Narrativen.

1: Unterstützung und Bewunderung für die „Pädojäger“

Menschen die diese Leute stellen, ohne körperliche Gewalt auszuüben sind in meinen Augen Helden ❤

Die erste Kategorie von Kommentaren besteht aus Zuspruch für „Pädojäger“. Teils werden sie glorifiziert oder sich gewünscht, dass es noch mehr Gruppen geben würde, die Jagd auf vermeintliche „Pädophile“ machen. Einzelne Kommentare lehnen zwar gewaltvolle Selbstjustiz ab, befürworten aber dennoch das Vorgehen von Ojaghi und ähnlichen Influencern, da diese keine offenkundige Gewalt direkt anwenden. Ungefähr 17 % aller Kommentare wurden von der KI dieser Kategorie zugeordnet. Mehrheitlich tritt dieses Thema in Verbindung mit anderen Themen auf, vor allem mit dem Gedanken, dass der Staat und die Polizei nicht hart genug gegen Täter vorgehe.

2. Staat, Polizei und Justiz versagen

Unser Gesetz schützt Täter, von daher kann ich niemandem übel nehmen, der Selbstjustiz für angebracht hält.

Sehr viele Kommentare propagieren die Idee, dass der Staat im Kampf gegen Täter versagen und Kinder nicht genug schützen würde. Die Polizei sei inkompetent und würde nicht genug gegen Täter machen, die Gesetze seien zu lasch und die Gerichte würden Täter mit unverhältnismäßigen Bewährungsstrafen fast schon ungeschoren davonkommen lassen. Diese Darstellung lässt sich im Angesicht massiver Strafverschärfungen der letzten Jahre kaum halten, wird aber dennoch gebetsmühlenartig wiederholt und mit Falschbehauptungen und Desinformation unterfüttert, wie zum Beispiel, dass Steuerhinterziehung angeblich härter bestraft werde als der sexuelle Missbrauch von Kindern. Dieses Narrativ ist zentral für die Rechtfertigung von Selbstjustiz und den Aktionen der „Pädojäger“, da es Selbstjustiz als eine Art Notwendigkeit umdeutet: Da der Staat angeblich versage, sei der Bürger gezwungen selber die Dinge in die Hand zu nehmen. Auch die Anwendung von Gewalt, die von einigen Kommentierenden mal mehr, mal weniger deutlich befürwortet wird, lässt sich so rechtfertigen: Da Täter angeblich „so gut wie nie bestraft oder sanktioniert“ werden, sei es halt schlicht notwendig, dass Bürger selber Strafe mit der Faust verteilen. In ganzen 18 % aller Kommentare wurden derartige Narrativen gefunden.

3. Die Reportage ist einseitig und stellt sich auf die Seite von Tätern

Irgendwie werden hier die pädos so gut geredet und die Pedo-Hunter stark kritisiert?!?!?

Ein großer Teil der Kommentare wirft der Reportage vor, einseitig zu sein. Obwohl die Reportage in weiten Teilen die Selbstdarstellung der „Pädojäger“, dass sie „mutmaßliche Pädophile jagen“ übernimmt ohne diese Motivation zu hinterfragen, und selbsternannte „Pädojäger“ in einem großen Teil der Laufzeit ihre Ansichten ungefiltert darstellen können, stören sich einige daran, dass überhaupt kritische Stimmen zu Wort gekommen sind. Zu erkennen ist hier ein Muster, bei dem „Pädojäger“ im Grunde als gleichbedeutend mit Kinderschutz gesehen werden. Aus Kritik an den „Jägern“, so zögerlich und vorsichtig sie auch vorgetragen ist, wird somit eine grundlegende Ablehnung von Kinderschutz konstruiert. Da kein vernünftiger Mensch ernsthaft gegen Kinderschutz sein kann, hat dies den Effekt, dass Kritik pauschal abgewehrt werden kann, ohne inhaltlich darauf eingehen zu müssen.

Als „Beweis“, dass die Reportage sich eher auf die Seite von Tätern stelle, wird dabei oft auch angeführt, dass mit Georg ein Pädophiler interviewt wurde und zumindest an einer Stelle eine Differenzierung zwischen Pädophilie und Pädokriminalität versucht wurde. Auf die in der Reportage und anderen Kommentaren angebrachten inhaltlichen Kritikpunkte gehen die Kommentatoren dabei kaum ein, stattdessen wird schon das kritische Hinterfragen an sich problematisiert („Das braucht man nicht kritisch hinterfragen, was die Hunter tun“). In 13,4 % aller Kommentare konnte die KI diesen Vorwurf finden.

4. Hinterfragen der Motive der „Pädojäger“

Ich kaufe diesen "Pedo huntern" halt nicht ab das es ihnen um den Schutz von Kindern geht. Es wirkt eher so als wollten sie gewalttätig sein und suchen sich dafür Opfer gegen die Gewalt sozial geduldet oder sogar gefeiert wird.

In immerhin 12,1 % der Kommentare wurde eine kritische Haltung gegenüber den „Pädojägern“ gefunden. Vorgeworfen wird den „Huntern“ vor allem, auf Aufmerksamkeit und Ruhm aus zu sein – ein Vorwurf, der sich bei Betrachtung der Selbstinszenierung der „Hunter“ schnell erhärtet – oder dass es ihnen um Geld geht, da u. a. Ojaghi Spenden für sich sammelt und Merch verkauft. Einige kritische Kommentare erinnern daran, dass beide in der Reportage zu Wort kommende selbsternannte „Pädojäger“ selber verurteilte Kriminelle sind. Andere Kommentierende weisen auch darauf hin, dass die Inszenierung von selbsternannten „Pädojägern“ wie Ojaghi auf Social Media nicht notwendig wäre, wenn es ihnen nur um Kinderschutz gehen würde.

6. Differenzierung von Pädophilie und Missbrauch

Das einzige, was mich im Video stört ist, dass hier "Pedophil" und "Pedokriminell" sehr wechselnd und synonymhaft benutzt wird. Nicht jeder der Täter wird, ist Pedophil und nicht jeder der Pedophil ist wird zum Täter.

Erfreulicherweise gibt es relativ viele Kommentare, die noch einmal auf den Unterschied zwischen Pädophilie und Straftaten hinweisen. Dabei wird stellenweise auch an der Reportage kritisiert, dass – abgesehen von der einmaligen, kurzen Differenzierung – auch dort fortlaufend die Konzepte vermischt werden. Vielen Kommentierenden ist es dennoch wichtig, Pädophile als „krank“ und „gestört“ einzuordnen und somit von grundlegender Akzeptanz auszuschließen. Teils wird auf Therapieprogramme wie „Kein Täter Werden“ hingewiesen und diese als eine Art Pflichtprogramme für Pädophile gesehen, die nicht kriminell werden wollen. In insgesamt 9,2 % aller Kommentare konnte diese Differenzierung gefunden werden, wobei einige von Accounts stammen, die sich selber als pädophil identifizieren, und mehrere andere von der Y-Kollektiv-Redaktion stammen, die damit auf Vorwürfe reagiert, die Reportage habe sich zu sehr auf die Seite von Pädophilen geschlagen.

7. Hass und Hetze gegen Pädophile

Also sorry wenn man sexuelle Neigungen zu Kinder hat ist man krank und eine Gefährdung für die Allgemeinheit Und gehört weggesperrt und das für immer .

Leider wenig überraschend ist die Kommentarspalte auch voll mit Kommentaren, die gegen Pädophile hetzen. Einige sehen schon in der Differenzierung zwischen Pädophilie und Straftaten eine „Verharmlosung des Problems“. Andere präsentieren offen ihren Hass auf Pädophile, reden davon, dass es „nichts Schlimmeres“ gäbe und dass Pädophilie die „größte Schande der Menschheit“ sei. Teilweise finden sich sogar gewaltverherrlichende Äußerungen, laut denen auch das brutale Vorgehen krimineller „Pädojäger“ selbst gegen unschuldige Pädophile gerechtfertigt wäre.

In etwa 4,6 % der Kommentare wurde Verachtung und Hass gegenüber Pädophilen erkannt. Wohl bemerkt geht es hier wirklich um Pädophile: Feindseligkeiten gegen Täter sind in dieser Kategorie nicht enthalten, auch dann nicht, wenn in den Kommentaren Täter fälschlicherweise als Pädophile bezeichnet werden.

8. Georg eine Bühne zu geben, war verantwortungslos und falsch

Ich find den Opa extrem problematisch ich kann echt überhaupt nicht verstehen wie man so einen Mann noch eine Plattform geben kann. 🤦🤦🤦🤦

Ungefähr 4,4 % der Kommentare bekundeten die Meinung, dass Georg in der Reportage eine zu große Rolle bekommen hat, oder gar nicht hätte vorkommen dürfen. Die Kommentare werfen ihm vor, sich als Opfer zu inszenieren (ein absurder Vorwurf, geht es in der Reportage schließlich um Menschen, die vorgeben Jagd auf Menschen wie ihn zu machen) und seine pädophilen Gedanken „normalisieren“ zu wollen, was auch immer damit gemeint ist. Häufig erwähnt werden auch andere Dokumentationen, an denen er mitgewirkt und angeblich „extrem problematische“ Dinge gesagt haben soll. Eine Reihe von Kommentaren gehen noch weiter und äußern sich beleidigend und ehrverletzend: So wird ihm unterstellt, dass er bei der ersten Gelegenheit ein Kind missbrauchen würde, es heißt, er habe „absolut keinen Platz in unserer Gesellschaft verdient“ und würde ins Gefängnis gehören, er wird als „Schwein“, „krank“ und „widerlich“ beleidigt und Leute äußern ihre Hoffnung, dass er auch Opfer von Selbstjustiz wird. Georg wird also als eine Art Projektionsfläche, auf der Leute ihre stigmatisierenden und verachtenden Ansichten zur Pädophilie projizieren.

Hier muss noch einmal betont werden, wie klein die Rolle von Georg in der Reportage eigentlich war. Die gesamte Passage mit ihm dauert gerade einmal 3:40min. Den Großteil dieser Zeit nehmen (teils sachlich falsche) O-Ton-Kommentare, das Zeigen von Dammers’ Autofahrt zu Georg oder sein überflüssiger Kommentar am Ende des Besuchs ein, wo er erzählt wie „absurd“ er es fand, mit einem bekennenden Pädophilen gesprochen zu haben. Der Teil, in dem Georg frei über seine Kritik an den Pädojägern und den von ihnen ausgelösten Hass, der auch ihn trifft, erzählt, dauert keine zwei Minuten. Das ist weniger Zeit, als dem Interview mit dem verurteilten Schläger und Räuber gewidmet wird, von dem noch einmal deutlich größeren Raum, den Ojaghi bekommen hat, ganz zu schweigen. Dass sich an dieser kurzen Passage gestört wird, zeigt, dass es in Wirklichkeit wohl nicht um Georg persönlich geht, sondern darum, die Stimmen pädophiler Menschen grundsätzlich auszulöschen: Pädophile sollen sich in Angst und Scham zu Hause verkriechen, und nicht in Reportagen darüber reden dürfen, wie sie Hass und Stigmatisierung empfinden.

9. „Pädojäger“ ist kein rechtes Thema

immer diese Linken oh die AFD ist für Kinderschutz wie kann sie nur , also echt ihr seit so seltsam .

Ein Teil der Kommentare (6,6 % wurden in diese Kategorie eingeordnet) stört sich vor allem daran, dass die Verbindung zwischen dem „Pädojäger“-Trend und Rechtsextremismus in der Reportage thematisiert wird. Dem Y-Kollektiv wird vorgeworfen, das Thema Kinderschutz als rechts diffamieren zu wollen. Einige Kommentare sind außerdem erkennbar von AfD-Anhängern, die sich daran stören, dass die AfD in dem Beitrag kritisch erwähnt wird.

10. Täter verdienen Gewalt und Demütigung

Gegen Pedos kann es nicht genug Selbstjustiz geben. Wer sich an Kindern schuldig macht, sollte jegliches Recht auf Schutz verlieren und am besten wie in Amerika in öffentlich einsehbaren Listen mit Name und Adresse an den Pranger gestellt werden.

Neben Hass und Hetze gegen Pädophile finden sich auch viele Kommentare, die sich entmenschlichend gegen tatsächliche oder vermeintliche Täter wenden. So heißt es, dass Täter „keine echten Menschen“ seien, sie werden als „Monster“ bezeichnet und ihnen wird ihr Recht auf Menschenwürde und körperliche Unversehrtheit abgesprochen, teilweise wird auch direkt zu Straftaten aufgerufen. In 2,8 % der Kommentare hat die KI derartige Elemente gefunden.

Weitere gefundene Narrativen

  • Ablehnung von Selbstjustiz (8,8 % der Kommentare): „Verbrecher selber zu jagen ist nicht die Aufgabe eines Bürgers. Wo kommen wir denn da hin? Diese Leute sind nicht dazu befugt und sollten dafür bestraft werden.“
  • Verteidigung oder Lob der Reportage (10,3 % der Kommentare, überwiegend vom Y-Kollektiv selber): „Mega Reportage von Y Kollektiv, genau die richtigen Menschen interviewt, sehr angenehme Stimme und immer die richtigen Fragen gestellt.“
  • Rechte instrumentalisieren den Kinderschutz (4,7 % der Kommentare): „Die extrem rechte Vereinnahmung des Themas nicht wahrhaben zu wollen und zu behaupten, Linke würden sich nicht für Kinderschutz einsetzen, ist schlicht Realitätsverweigerung“. Einige Kommentare weisen außerdem darauf hin, dass Ojaghi eine in der rechtsextremen Szene verbreitete Rune im Gesicht tätowiert hat (was von den Journalisten des Y-Kollektivs nicht thematisiert wird).
  • Verteidigung der Polizei (4,5 % der Kommentare): „Mein tiefsten Respekt an die zwei Damen vom LKA, die das Material sichten müssen. Es tut mir so unfassbar leid, dass ihr diesen Job machen müsst.“
  • „Pädojäger“ behindern Ermittlungen (3,9 % der Kommentare): „Wenn die Leute der Polizei, die für sowas bezahlt werden dir sagen das diese Aktionen im BESTEN Fall die Ermittlungen behindern dann lass den Mist und lass die Leute da ihren Job machen.“
  • Das Ergebnis heiligt die Mittel (2,9 % der Kommentare): „Das braucht man nicht kritisch hinterfragen, was die Hunter tun. Wenn sie nur ein einziges Kind vor soetwas bewahren, sind es Helden.“
  • Pädophilie wird „verharmlost“ oder „normalisiert“ (2,1 % der Kommentare): „Er lenkt davon ab, dass seine pädophilen Neigungen an sich schon problematisch sind, und versucht, eine Normalisierung dieses Verhaltens zu rechtfertigen, indem er Pädophile von Straftätern abzugrenzen versucht. Das ist vielleicht in rechtlichen Kategorien korrekt, jedoch höchst problematisch und zu Recht werden sie deswegen gesellschaftlich geächtet.“

Gewaltfantasien, Hassbotschaften und das Versagen des Y-Kollektivs

Auch wenn es in den Kommentaren Gegenrede und kritische Stimmen gibt, zeigt die Zusammenfassung der vorkommenden Themen schon, dass die Debatte in weiten Bereichen aus menschenverachtenden Aussagen besteht: Forderungen nach Zwangskastration und Todesstrafe, Verherrlichung von Gewalt, Infragestellen des Rechtsstaates und Glorifizierung von Selbstjustiz, Hassrede gegen Pädophile, Beleidigungen und Verunglimpfungen. Ein Teil der Kommentare ist möglicherweise sogar strafrechtlich relevant, denkbar sind etwa Verstöße gegen § 140 StGB (Billigung von Straftaten), § 111 StGB (Aufforderung zu Straftaten) oder § 187 StGB (Verleumdung).

Aber auch außerhalb dieser besonders extremen Kommentare ist der Verlauf der Debatte problematisch. Die nachweisbar falsche Behauptung, dass der Staat im Kampf gegen sexualisierte Gewalt gegen Kinder zu lasch sei und Täter regelmäßig davonkommen lasse, die sich in fast jedem 5. Kommentar finden lässt, ist genau das, was Selbstjustiz-Gruppen als Rechtfertigung für ihre Gewalt anführen. Tatenlos zuzusehen, wie diese Behauptungen weiter verbreitet werden sorgt letzten Endes dafür, dass die Fundamente des Rechtsstaats (insbesondere das Gewaltmonopol) infrage gestellt werden, und Gewalt gegen (vermeintlich) pädophile Menschen immer weiter normalisiert und gesellschaftsfähig gemacht wird.

Es muss an dieser Stelle betont werden, dass das Y-Kollektiv die Möglichkeit hätte, diese Kommentare zu löschen oder gar überhaupt erst keine Kommentare zuzulassen (es ist ja nicht so, als wären fragwürdige und menschenverachtende Kommentare bei dem Thema nicht zu erwarten gewesen), sich aber entschlossen hat, dies nicht zu tun. Damit machen sie sich für die Kommentare und die Folgen, die dadurch eventuell ausgelöst werden, mitverantwortlich.

Insgesamt bleibt ein äußerst bitterer Nachgeschmack zurück. Das Y-Kollektiv hat mit der Reportage gezeigt, wie viel Ruhm und Anerkennung man bekommen kann, wenn man nur behauptet „Pädophile“ zu jagen. Selbst, wenn man im Gefängnis landet, weil man Menschen halb tot geschlagen hat, kann man sich bundesweiter Solidarität und Bewunderung sicher sein, solange man nur behauptet, gegen Pädophile vorgegangen zu sein. Auch das wird ausführlich in der Reportage präsentiert. Damit popularisiert die Reportage am Ende vor allem das Konzept der „Pädojäger“, mit dem Risiko, dass sich Nachahmer finden, die auch ein Stück von dem Kuchen haben und sich als Helden feiern lassen wollen. Dass teilweise auch kritische Töne, vor allem von der Polizei, angeschlagen werden, dürfte dem wenig Einhalt gebieten, da diejenigen, die Fans des Konzepts der „Pädojäger“ sind eh schon darauf ausgehen, dass die Polizei unfähig ist und sich von Kritik aus der Ecke nicht abhalten lassen. Gleichzeitig lässt das Y-Kollektiv zu, dass die Kommentarspalte unter dem Video eine Bühne wird für gefährliche Narrativen von einer unfähigen Justiz und Tätern, die grundlegende Menschenrechte nicht mehr verdient haben, was die Rechtfertigungsgrundlage und die soziale Bestätigung für Gewalt und Selbstjustiz liefert.

Alles in allem befürchte ich, dass durch die Reportage nur mehr Nachahmer dazu animiert werden, auf Menschenjagd auf tatsächliche oder vermeintliche Pädophile zu gehen und das Problem der eskalierenden Gewalt durch Selbstjustiz-Gruppen weiter verschärft wird.

CC BY-SA

Artikel kommentieren

Um Missbrauch vorzubeugen, werden Kommentare von uns überprüft und manuell freigeschaltet. Neue Kommentare sind deshalb nicht sofort sichtbar.

1 Kommentar

„Sowohl Selbstjustiz als auch Pädophilie können zu Problemen und zu Missbrauch führen“

Haha. Der war gut. Wie kommt die Y-Dingsbums-Redaktion auf sowas? Als ob es problemlose und legitime Arten der Selbstjustiz gäbe. Selbstjustiz ist IMMER ein Problem und in keinem Fall rechtlich zulässig.

Sirius

Avatar von Sirius

Mein Name hier ist Sirius – angelehnt an den Doppelstern im Großen Hund. Ich bin etwa Anfang 30, und studierter Informatiker. Seit meiner Jugend weiß ich, dass ich mich zu Kindern besonders hingezogen fühle. Und auch wenn der Umgang damit nicht immer einfach war, so hat es mich doch auch unter anderem zu meinem Rotkäppchen geführt, mit der ich in einer glücklichen Beziehung lebe. In meiner Freizeit versuche ich einen Beitrag zur Aufklärung über Pädophilie zu leisten, mache gerne Musik und verzweifle gelegentlich an der Gesellschaft.

Suche

Neuste Kommentare

„Sowohl Selbstjustiz als auch Pädophilie können zu Problemen und zu Missbrauch führen“ Haha. Der war gut. Wie kommt die Y-Dingsbums-Redaktion auf sowas? Als ob es problemlose und legitime Arten der Selbstjustiz gäbe. Selbstjustiz ist IMMER ein Problem und in keinem Fall rechtlich zulässig.
Sirius zu Kognitiv verzerrt
Aber warum sollte Kontakt mit Kindern korreliert sein mit der Contact-Haltung? Wenn überhaupt würde ich intuitiv eher erwarten, dass Pro-Cs mehr Kontakt zu Kindern haben, da manche Anti-Cs tendenziell vielleicht eher versuchen, Kontakt zu Kindern pauschal zu vermeiden.
Namielle zu Kognitiv verzerrt
Ich denke, dass das eher daran liegt, keinen (näheren) Kontakt zu realen Kindern zu haben. Dann würden diese Pädophilen nämlich merken, dass man für einen erfüllenden Kontakt zu Kindern des präferierten Geschlechtes (in meinem Fall Mädchen) gar nicht gegen das Gesetz verstoßen braucht. Es gab (und gibt) immer Mädchen, die mich (sehr) gemocht und die "normale" körperliche Nähe zu mir von sich aus gesucht haben. Klar, es wäre schön, wenn ich mit meinem Lieblingsmädchen auch Weihnachten verbringen könnte oder ein paar andere Sachen möglich wären... Ansonsten bin ich aber so schon sehr glücklich mit der gemeinsamen Zeit, die ich mit Mädchen haben kann. "Sex" fehlt mir sowieso am wenigsten - im Grunde gar nicht.
@Schneeschnuppe Mir haben Gruppen usw. nur geschadet. Das liegt aber daran, weil eine Auseinandersetzung mit meinem pädophilen Anteil nur in Leid endet. Sie ist eben nicht genießbar, da alles verboten wird. Wie soll ich diesen Teil akzeptieren, wenn ein opferloser und privater Umgang im Verborgenen verboten werden darf? Wie soll ich das akzeptieren, wenn dieser private Umgang den "Achtungsanspruch von Kindern verletzt"? Selbst ein Umgang mit dieser Neigung der zu keinem Zeitpunkt reale Kinder involviert wird extrem stark problematisiert und dessen Existenz in Frage gestellt. Diesen Teil zu akzeptieren bedeutet eine Last anzuerkennen, die gut 60 - 70 Jahre andauern wird. So lange und jeden Tag auf sämtliche sexuellen Aspekte zu verzichten kann nicht ohne erhebliche psyschische Probleme funktionieren.
Sirius zu Kognitiv verzerrt
Was mich wirklich wundert, ist dass die Probleme mit dem Fragebogen eigentlich sehr offensichtlich sind, wenn man sich die Fragen nur einmal durchliest. Wie kann ein Therapieprogramm, das behauptet, Menschen bei der Akzeptanz ihrer Sexualität helfen zu wollen einen Fragebogen nutzen, in dem Zustimmung zu der Aussage "Sexuelle Gedanken oder Phantasien über ein Kind zu haben, ist nicht so schlimm" als Beweis für vermeintliche kognitive Verzerrungen gewertet wird?