Ein Problem der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Pädophilie ist, dass das Thema immer nur im Zusammenhang mit großen Missbrauchsfällen diskutiert wird. Beide Themen, Pädophilie und sexualisierte Gewalt, bleiben in der öffentlichen Debatte somit fortwährend miteinander verknüpft, während die Frage nach dem gesellschaftlichen Umgang mit Pädophilie rein auf Bestrafung und Prävention reduziert wird.
Gezeigt hat sich diese Dynamik erst kürzlich wieder in Österreich. Letzte Woche wurde dort bekannt, dass gegen den prominenten Kabarettisten Günther Paal (Bühnenname „Gunkl“) wegen Missbrauchs eines zur Tatzeit dreijährigen Mädchens ermittelt wird. Die Mutter und die Großmutter des Mädchens sollen von der Tat gewusst und Paal damit in den vergangenen zwei Jahren um insgesamt fast 190.000 Euro erpresst haben. Paal erstattete schließlich schon im Mai dieses Jahres Anzeige gegen die beiden Frauen, und damit letztlich auch gegen sich selber. Bei den Ermittlungen gegen Paal wurden auf einem alten Rechner außerdem kinderpornografische Daten gefunden. Der Fall sorgte bundesweit für Schlagzeilen und war schließlich auch Anlass für eine Debatte um härtere Strafen im Nationalrat.
Ähnlich wie bei dem Fall um den Schauspieler Florian Teichtmeister, der 2023 wegen Besitz von Kinderpornografie verurteilt wurde, löste auch der Fall Gunkl eine bundesweite Grundsatzdebatte über den Umgang mit Pädophilie aus, obwohl sich nach aktuellem Wissensstand gar nicht beurteilen lässt, ob Paal überhaupt pädophil ist. Etwas zynisch zugespitzt könnte man diese Debatte dabei in etwa so zusammenfassen: Expert:innen melden sich zu Wort und behaupten, dass nur sie Pädophile davon abhalten können, sexualisierte Gewalt zu begehen, wofür sie vom Staat aber bitte mehr Geld benötigen.
In diese Richtung argumentierte zum Beispiel der forensische Psychiater Prof. Thomas Stompe im Nachrichtenmagazin ZIB 2, wo zusätzlich problematisiert wurde, dass angeblich zu wenige Pädophile Männer1 präventive Hilfsangebote in Anspruch nehmen würden. Ebenfalls bei ZIB 2 betonte Prof. Kathrin Sevecke, Leiterin der Innsbrucker Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, dass Therapien existieren würden, um den „Weg zum Missbrauch“ zu unterbrechen, was zumindest die Deutung offenlässt, dass ohne Therapie die Vollendung dieses Weges mindestens sehr wahrscheinlich ist. Ähnlich klang es auch bei der forensischen Psychiaterin Dr. Adelheid Kastner im Interview mit dem Kurier. Philipp Pümpel, Obmann des Wiener Instituts für forensische Therapie, forderte im Gespräch mit dem Kurier gar pauschal, dass jeder, der pädophile Neigungen bei sich entdeckt sich „sofort professionelle Hilfe“ suchen müsse (obwohl er selber auch sagt, dass es dafür die therapeutischen Kapazitäten gar nicht gibt). In einer Podcast-Folge mit dem Chefredakteur des Falters unterstellte er außerdem, dass die meisten Selbsthilfeforen für Pädophile Links zu illegalen Inhalten enthalten würden, und rät grundsätzlich davon ab, in psychischen Notsituationen Unterstützung bei Selbsthilfeangeboten zu suchen. Auch Jonni Brem, Mitbegründer des Projekts „Nicht Täter werden“, sprach im Interview mit dem Standard davon, dass Gefahren umso größer werden, je länger man seine „hochproblematische Fantasien“ nur mit sich selber ausmache. Und die Gerichtspsychiaterin Dr. Astrid Maierhofer-Deutschmann gestand im Interview bei News eine langfristige Verhaltenskontrolle nur den pädophilen Menschen zu, die sich „konsequent einer Behandlung und gegebenenfalls einer längerfristigen therapeutischen Kontrolle“ unterziehen, was vielleicht ganz gut auf den Punkt bringt, wie sich die Rolle von Therapien verschieben, wenn es um den Umgang mit pädophilen Klienten geht: weg von einer Lebenshilfe, hin zu einer Kontrollinstanz, die vermeintlich gefährliche Individuen im Zaum halten soll.
Insgesamt gibt es eine Art Dreisatz, der in der Berichterstattung und in den Interviews wieder und wieder durchgerechnet wird. Zunächst wird in den meisten Experteninterviews zwar durchaus anerkannt, dass Pädophilie nicht gleichbedeutend mit sexualisierter Gewalt ist. Dann heißt es aber, dass Pädophilie dennoch eine immense Gefahr sei, die sehr wahrscheinlich zu Taten führt, wenn Menschen damit alleine umgehen. Schlussendlich könne nur eine Therapie verhindern, dass aus dieser Gefahr reale Taten werden. Wäre es nicht so stigmatisierend, könnte man über die narzisstische Selbstüberhöhung dieser Schar an Expert:innen fast amüsiert den Kopf schütteln, die ernsthaft behaupten, nur sie könnten Pädophile von Missbrauch abhalten, während gleichzeitig die überwältigende Mehrheit der Pädophilen gar nicht in Therapie ist und es dennoch schafft, keine Kinder zu missbrauchen.
In dem Zusammenhang finden sich dann auch haufenweise hochproblematische Formulierungen: Pädophile sollen rechtzeitig in Therapie gehen, solange sie noch nichts getan haben, bevor etwas passiert, und so weiter. All dies transportiert die Botschaft, dass Pädophile tickende Zeitbomben sind, und es ohne Therapie nur eine Frage der Zeit ist, bis es irgendwann zu Taten kommt. Dass die meisten pädophile Menschen ohne therapeutische Unterstützung leben (und diese u. U. auch gar nicht wahrnehmen können, zum Beispiel weil der nächste Therapiestandort zu weit weg ist) und es trotzdem alleine schaffen, keine sexualisierten Übergriffe gegen Kinder zu begehen, wird in der ganzen Debatte völlig ausgeblendet, oder die entsprechenden Personen werden dennoch als gefährlich gebrandmarkt. Die therapeutischen Bedürfnisse dieser Menschen werden letztlich völlig unsichtbar gemacht, während Prävention wieder und wieder als das einzig legitime Therapieziel für Pädophile benannt wird.
Sämtliche zu Wort kommenden Fachpersonen vertreten dabei den Ansatz der Abstinence-Only-Therapie. Die vorgestellten Therapiemaßnahmen für pädophile Menschen beschränken sich dementsprechend weitestgehend auf Vermeidung. Anstatt zu lernen, mit pädophiler Sexualität umzugehen, sollen sexuelle Gedanken und Fantasien unterdrückt werden. Dazu sollen Situationen vermieden werden, die sexuelle Gedanken auslösen können, insbesondere der Kontakt zu Kindern. Auch Orte wie Freibäder seien zu meiden, und vom Urlaub am Meer sei Pädophilen laut Prof. Thomas Stompe auch abzuraten. Selbst wenn sich ein Pädophiler alleine zu Hause Kindersendungen anschaut, könne das laut Philipp Pümpel schon problematisch sein und sei „aus seinem Erleben zu entfernen“. Die Erregbarkeit auf Kinder müsse zwar akzeptiert werden, dürfe am Ende aber dennoch „absolut nicht“ gutgeheißen werden. Wenig überraschend positioniert Pümpel sich damit auch ablehnend gegen fiktive, opferlose Alternativen wie z. B. gezeichnete Kinderpornografie, da diese ihm zufolge die Neigung verstärken würde, bis die Grenze zwischen Realität und Fiktion irgendwann verwischen würde (wofür er aber, wie er selber zugibt, keine Belege hat). Was eine derart restriktive Strategie für Auswirkungen auf das Selbstbild Betroffener, auf gesellschaftliche Isolation und Einsamkeit haben kann, wird nicht diskutiert, und ebenso bleibt unklar, wie mit sexuellen Wünschen dann überhaupt umgegangen werden soll. Diese verschwinden schließlich nicht, nur weil man kein KiKa guckt, zwanghaft weite Bögen um Schulen macht und Schwimmbäder nicht mehr besucht.
Bezeichnend ist außerdem, was in der Debatte nicht vorkommt: das psychische Wohlbefinden der Menschen, die sich am Ende gegebenenfalls in eine therapeutische Behandlung begeben, in der dieser Aspekt doch eigentlich eine gewisse Relevanz haben sollte. Lediglich Dr. Astrid Maierhofer-Deutschmann redete in ihrem Interview kurz über den Leidensdruck pädophiler Menschen, der ihr zufolge aber vor allem aus dem Erleben von Impulsen, „inneren Konflikten“, „Angst vor Kontrollverlust“ oder „strafrechtlichen Konsequenzen“ resultieren würde. Auch sie malte hier also das Bild des Pädophilen als ständig am Rande eines Übergriffes stehender Mensch, der vor allem darunter leidet, seine destruktiven Impulse nur mit Mühe kontrollieren zu können. Belastungen durch Stigmatisierung, gesellschaftliche Ächtung und Diskriminierung kamen in der Debatte nur am Rande vor. Ebenso wenig wurde Leidensdruck durch Liebeskummer und unerfüllbare emotionale Bedürfnisse thematisiert – im Gegenteil, Paals ehemaliger Kollege Alfred Dorfer und „Nicht Täter werden“-Mitbegründer Jonni Brem sprachen Pädophilen sogar grundsätzlich die Fähigkeit ab, Kinder wirklich lieben zu können; laut Brem etwa gehe es Pädophilen in Wirklichkeit nur „um die Sexualisierung von kindlichen Körperformen und Ausdrucksweisen“, weshalb der Begriff der Pädophilie (übersetzt: Kinderliebe) auch „in Wahrheit ein völlig falscher Begriff“ sei.
Darüber, wie solche Belastungen therapiert und Betroffenen zu mehr Lebenszufriedenheit verholfen werden kann, wurde überhaupt nicht gesprochen. Das ist, gemessen an der Menge der psychologischen Fachkräfte, die sich im Rahmen der Debatte öffentlich zu Wort gemeldet haben, wirklich bestürzend. Immerhin geht es in dieser Debatte um eine Gruppe von Menschen, von denen laut Umfragen etwa einer von vier schon einen Suizidversuch hinter sich hat; es ist drastisch ausgedrückt also deutlich wahrscheinlicher, dass ein pädophiler Mensch versucht, sich selber das Leben zu nehmen, als das er die „Kontrolle verliert“ und einen sexualisierten Übergriff gegen ein Kind begeht. Dennoch reden sämtliche Fachpersonen ausschließlich darüber, wie sexuelle Übergriffe an Kinder durch Pädophile verhindert werden können, und über nichts anderes.
Ebenso wenig wurde in der Debatte um den Fall Gunkl diskutiert, wie eigentlich mit Täter:innen umzugehen ist, die überhaupt nicht pädophil sind. Dabei weisen einige der interviewten Fachpersonen selbst darauf hin, dass pädophile Täter eher die seltene Ausnahme sind, laut Dr. Adelheid Kastner seien zum Beispiel nur 15–20 % der Täter pädophil. Das heißt im Umkehrschluss: Selbst wenn man alle pädophile Menschen für Prävention erreichen könnte und diese Prävention zu 100 % wirksam wäre, würden immer noch bis zu 85 % der Sexualstraftäter gegen Kinder weiterhin aktiv sein. Die Themen Prävention und Therapie bleiben in der Debatte dennoch rein auf Pädophile beschränkt. Wie die große Mehrheit der (potenziellen) Täter:innen, die nicht pädophil sind, für Prävention erreicht werden kann, bleibt unklar, bzw. scheint dies selbst von Fachpersonen gar nicht als Problem gesehen zu werden.
Zum Teil dürfte Günther Paal selber dafür gesorgt haben, dass sich die Debatte um seinen Fall so sehr um Pädophilie dreht. Vergangene Woche veröffentlichte er ein äußerst merkwürdiges Video auf Facebook (das inzwischen gelöscht ist), in dem er alle Anschuldigungen gegen ihn zugab, davon sprach, dass er Schande auf sich geladen habe und um Verzeihung bat. Am Ende schloss er das Video mit einem Appell: „Wenn Sie so etwas in sich spüren, suchen Sie Hilfe.“ Denn „damit“ umzugehen, so sagte er, „Das geht nicht alleine“. Es ist unklar, was genau er mit diesen recht vagen Aussagen meinte, aber medial wurde schnell entschieden, dass er wohl über Pädophilie gesprochen haben muss. All die oben aufgezählten Fachpersonen, die sich für Interviews zur Verfügung gestellt haben, stoßen letzten Endes in das gleiche Horn und übernehmen seine (Täter-) Perspektive: dass man mit Pädophilie nicht alleine umgehen könne, ohne Kindern zu schaden, und zwingend therapeutische Hilfe braucht, um Kinder zu schützen.
Bei News wies Prof. Monika Wogrolly darauf hin, dass dieser Schlussappell von Paal eine „heikle Verschiebung“ bedeuten kann. Paal versucht sich, noch bevor er überhaupt verurteilt wurde, vom Beschuldigten hin zum „Geläuterten und Mahner“ zu inszenieren, der in der Vergangenheit vielleicht Sachen gemacht hat, die falsch waren, der aber daraus gelernt hat und mit seinen Erfahrungen heute ein regelrechter Kinderschützer ist. Seine Taten, und vor allem auch die Perspektive seines Opfers, geraten im Rahmen dieser Selbstinszenierung dabei zunehmend in den Hintergrund. Man muss hier noch ergänzen, dass auch seine Mahnung an sich schon problematisch ist. Paal sagt im Grunde, dass das, was er in sich gespürt hat so mächtig und überwältigend war, dass er gar nicht anders konnte, als am Ende einen sexuellen Übergriff gegen ein Kind zu begehen. So, als wäre der Übergriff gar nicht seine Entscheidung gewesen, sondern etwas, was ihm einfach passiert ist, ausgelöst durch etwas, für das er am Ende doch gar nichts kann. Sein „Appell“ ist somit nichts anderes als der Klassiker unter den Täterrechtfertigungen: In meiner Situation hätte doch jeder dasselbe gemacht.
Das ist letztlich auch ein Schlag ins Gesicht der zahlreichen Menschen, die keine Hilfe bekommen und vielleicht gar nicht bekommen können, und denen trotzdem nie einfallen würde, zu tun was Paal getan hat. Aus Paals Sicht ist es dabei vielleicht verständlich, dass er jetzt verzweifelt nach jeden möglichen Strohhalm sucht, um seinen Ruf noch irgendwie vor der völligen Vernichtung zu retten. Nicht verständlich ist hingegen, dass diese Narrative von so vielen Medien und Expert:innen ohne zu hinterfragen übernommen und weiter verbreitet wird, und dadurch das Vorurteil vom Pädophilen, der ohne Intervention gar nicht anders kann als Kinder zu missbrauchen weiter am Leben gehalten wird.
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Gemeinsam haben die Aussagen der Expert:innen, dass sie ausschließlich über Männer sprechen und teils explizit die Relevanz pädophiler Frauen leugnen. ↩