Titelbild zu Unter Generalverdacht: eine Buchkritik zu „Das tabuisierte eine Prozent“ von Klaus Beier und Maximilian von Heyden. Teil 2/3: Thematische Kritik
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Dies ist Teil zwei einer dreiteiligen Kritik zu dem Fachbuch „Das tabuisierte eine Prozent: Pädophilie erkennen und behandeln“ von Prof. Klaus M. Beier und Maximilian von Heyden. Teil ein, ein detaillierter Überblick über den Inhalt des Buches, ist hier zu finden.

Der erste Teil sollte bereits einen Eindruck geweckt haben, wie in dem Fachbuch über Pädophile gesprochen wird. Bereits in den ersten drei Sätzen werden Pädophile primär als Verursacher von Missbrauch beschrieben, und der Großteil des Buches beschäftigt sich entsprechend vor allem damit, wie man die von Pädophilen ausgehende „Gefahr“ reduzieren kann. In diesen Teil werde ich dies genauer auseinandernehmen. Dazu werde ich viel aus dem Buch zitieren, denn die Worte der Autoren vermitteln aus meiner Sicht den besten Eindruck davon, mit welcher Selbstverständlichkeit in dem Fachbuch reihenweise entwürdigende Aussagen getroffen werden.

Als besonders frustrierend empfinde ich an dem Buch grundsätzlich, dass zwischen den Autoren des Buches und dessen betrachteten Subjekte (Pädophile) grundsätzlich ein großes Machtungleichgewicht herrscht. Während insbesondere Prof. Beier als weltweit anerkannter Forscher an einer renommierten Institution ein fast unerschöpfliches Vertrauen genießt, wird Pädophilen wie mir grundsätzlich ein tiefes Misstrauen entgegengebracht. Die Autoren sind damit in der Position, dass ihre Aussagen über Pädophile als Wahrheit akzeptiert werden, selbst dann, wenn diese von Pädophilen selber als unzutreffend, verletzend oder entwürdigend empfunden werden (und ich habe eine Menge Aussagen in diesem Buch als unwahr, verletzend oder entwürdigend empfunden) und sie nur auf subjektiven Erfahrungen („klinischer Erfahrung“) basieren. Es handelt sich dabei im Grunde um Gewalt, wobei diese Form von Gewalt sogar einen eigenen Namen hat: Epistemische Gewalt.

Die Gegenrede in Form dieser Blogbeiträge ist gerade auch deshalb so ausführlich geworden, weil es ein Protest gegen diese Art von Gewalt sein soll. Auch wenn es in erster Linie konkret um das Fachbuch geht, steckt dahinter deutlich mehr, denn die dort geäußerten Ideen sind auch die Grundlage für Projekte wie Kein Täter Werden, was wiederum von einer breiten internationalen Öffentlichkeit als Nonplusultra im gesellschaftlichen Umgang mit Pädophilie gesehen wird. Es geht also eigentlich auch fundamental darum, wie die Gesellschaft Pädophile und Hebephile betrachten und behandeln sollte.

Ich empfehle vor der weiteren Lektüre, einen beruhigenden Baldriantee aufzugießen und es sich gemütlich zu machen. Bereit? Na dann kann es ja losgehen.

1. Unter Generalverdacht

Ganz grundsätzlich lässt sich sagen, dass die primäre Mission des Buches nicht ist, zur Verbesserung der Lebenssituation pädophiler Menschen beizutragen, sondern Kindesmissbrauch zu verhindern. Im Grunde geht es in dem Buch um das Thema der täterorientierten Prävention, dabei wird aber ausschließlich über Pädophile gesprochen. Wenig überraschend hat das Buch daher das gleiche fundamentale Problem, wie auch das Projekt Kein Täter Werden und andere Präventionsprojekte, die sich ausschließlich auf Pädophile konzentrieren: So wird automatisch ein Standpunkt eingenommen, der Pädophile vor allem als Gefahr sieht. Entsprechend heißt es auch schon im Vorwort, dass die Bedeutung von einem Prozent (der geschätzten Häufigkeit von Pädophilie in der Allgemeinbevölkerung) in Abhängigkeit davon gesehen werden muss, wie gefährlich dieses eine Prozent ist:

Man muss die Häufigkeit von einem Prozent also stets ins Verhältnis setzen zur eigenen Bedrohung sowie auch der allgemeinen Gefährdung für die Bevölkerung. (Vorwort: Ein Prozent kann sehr viel sein)

Dabei kritisieren die Autoren diese Haltung im Vorwort selber noch:

Mindestens 250.000 Männer! Das Ausrufezeichen hinter der Aussage spiegelt die Auffassung in der allgemeinen Bevölkerung wider, die die Ansprechbarkeit für das kindliche Körperschema mit der Umsetzung dieser Ansprechbarkeit gleichsetzt. […] Das wiederum macht die emotionale Aufladung nachvollziehbar und den Impuls verständlich, vornehmlich diese »Gefahrenquelle« ausschalten zu wollen. Dabei wird übersehen, dass mindestens die Hälfte, wenn nicht sogar 60 % der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung zum Nachteil von Kindern nicht durch Menschen mit pädophiler Sexualpräferenz verursacht werden, also die Hintergrundproblematik der Täter nicht in der Ansprechbarkeit für das kindliche Körperschema liegt […]. (Vorwort: Ein Prozent kann sehr viel sein)

Nur drei Absätze später wird diese Kritik aber schon wieder relativiert:

Schließlich lässt sich nicht darüber hinwegsehen, dass 40 bis 50 % der Missbrauchshandlungen zum Nachteil von Kindern und vermutlich ein deutlich höherer Prozentsatz der Nutzung von Missbrauchsabbildungen auf Menschen zurückgeht, die eine solche pädophile Sexualpräferenz aufweisen, was sich nur dadurch erklären lässt, dass es innerhalb der Gruppe dieser Menschen Mehrfachtäter gibt, die für eine Vielzahl von Taten verantwortlich sind. […] [Pädophilie ist] bis heute ein Tabu und ein blinder Fleck – trotz jener der Öffentlichkeit bekannten Missbrauchsskandale innerhalb der katholischen und evangelischen Kirche, in Internaten, bei den Sängerknaben oder in der sportlichen Kinder- und Jugendförderung. (Vorwort: Ein Prozent kann sehr viel sein)

Zusammen genommen ist die Botschaft also: Pädophilie soll von Missbrauch unterschieden, aber nicht getrennt werden. Auch, wenn Pädophile nicht automatisch als Täter gelten, werden sie als potenzielle Täter, als Risikogruppe und Gefahrenquelle betrachtet. Dabei kritisieren die Autoren zwar an mehreren Stellen durchaus, dass die Gleichsetzung von Pädophilie und sexuellem Kindesmissbrauch ein „fundamentales Missverständnis in der öffentlichen Debatte“ sei, sind aber gleichzeitig unfähig sich selber zu reflektieren und zu hinterfragen, wie sehr die ständige gemeinsame Betrachtung beider Themen etwa in Fachbüchern zu diesen Falschannahmen beiträgt.

Wie sehr die Autoren einen Ansatz befürworten, der Pädophile pauschal unter Generalverdacht stellt, wird in folgendem Zitat besonders deutlich, in dem es sogar um die Behandlung pädophiler Jugendlicher, also einer besonders vulnerablen Gruppe, geht:

Das BEDIT-A arbeitet primär mit Jugendlichen aus dem sogenannten »juristischen Dunkelfeld«, also mit Personen, die noch keine Übergriffe begangen haben, aber aufgrund ihrer sexuellen Präferenz gefährdet sind. Diese präventive Ausrichtung unterscheidet das Programm von vielen anderen Interventionen, die erst nach einem Übergriff ansetzen. (5.4.1 Grundlegende Behandlungsprinzipien und Unterschiede zur Behandlung Erwachsener)

Hier werden explizit pädophile Menschen pauschal als zum Missbrauch „gefährdet“ bezeichnet. Jugendliche, die trotz dieser „Gefährdung“ sich nicht straffällig gemacht haben, haben lediglich „noch“ keine Übergriffe begangen. In dem „noch“ schwingt mit, dass Übergriffen in der Zukunft zu erwarten sind, zumindest wenn sich die betroffenen Jugendlichen nicht schleunigst in Therapie begeben. Dieser Vorwurf wird jeder pädophilen Person, die (zumindest im Netz) offen mit ihrer Pädophilie umgeht, bekannt vorkommen. Es handelt sich um eine verbreitete Narrative, mit der unschuldige Menschen regelmäßig auf eine Stufe mit schlimmsten Straftätern gestellt wird: „nur weil ein Pädophiler noch kein Kind missbraucht hat, heißt das nicht, dass er das nicht bei nächster Gelegenheit tun wird“. So können selbst drastische Forderungen nach Inhaftierung bis hin zu Mord zu einem Akt gesellschaftlicher Prävention umgedeutet, damit positiv besetzt und legitimiert werden. Es ist erschreckend, solche Sätze nun auch in einem Fachbuch lesen zu müssen, das sich an Fachkräfte im psychosozialen Bereich richtet und ihnen einen „inneren Leitfaden zum Umgang mit Pädophilie“ vermitteln möchte.

An anderer Stelle wird Pädophilen ebenso pauschal unterstellt, von kognitiven Verzerrungen betroffen zu sein und die Folgen von sexuellen Handlungen für die Kinder nicht zu verstehen. Dies müsse daher von Fachpersonal in Therapien unbedingt bearbeitet werden.

Oft neigen Menschen mit pädophiler Neigung dazu, freundliches Verhalten von Kindern als sexuelles Interesse misszuverstehen oder zu sexualisieren. Die Therapie hilft, diese Fehlinterpretationen zu erkennen und zu korrigieren. […] Ein weiteres Ziel ist die Entwicklung von Empathie für potenzielle Opfer, indem die tatsächlichen Folgen sexueller Übergriffe für Kinder verdeutlicht werden. (5.3.7 Therapiemöglichkeiten bei Pädophilie: Eine Übersicht)

Als besonders verdächtig dargestellt werden Pädophile, die eine auf Prävention fokussierte Therapie nicht in Anspruch nehmen (wollen) oder sich dagegen wehren, aufgrund ihrer Sexualität als gefährlich dargestellt zu werden. Hierzu sagen die Autoren:

Zweifelsohne gibt es aber Menschen mit sexuellen Präferenzbesonderheiten, die unter diesen nicht leiden, selbst wenn mit ihrem Ausleben Fremdgefährdung verbunden wäre. Entsprechend werden sie keinen Anreiz haben, ambulante Behandlungsangebote in Anspruch zu nehmen. Hier ist es Aufgabe der Ermittlungsbehörden, straffällige Personen zu überführen. (4.6.3 Umgang mit Widerständen)

Dass es Pädophile gibt, die auch ohne Therapie straffrei leben, scheint unmöglich oder zumindest äußerst unwahrscheinlich (ironischerweise gibt es dabei auch nach 20 Jahren bis heute keinen einzigen Beweis dafür, dass die Therapie Kein Täter Werden tatsächlich Taten verhindern kann).

Zentrales Instrument, mit dem der Generalverdacht gegenüber Pädophilen in dem Fachbuch formalisiert wird, ist die sogenannte „Dissexualitäts-Checkliste“. Die Anwendung dieses Instruments empfehlen die Autoren Fachpersonal grundsätzlich bei „Vermutungen oder begründeten Annahmen über eine sexuelle Ansprechbarkeit für das kindliche Körperschema im sozialen Umfeld“. Dabei gehen die Autoren davon aus, dass es in diesem Fall automatisch „möglicherweise geschädigte Personen“ geben muss. Die Dissexualitäts-Checkliste fragt neben der genauen sexuellen „Präferenzbesonderheit“ dann Aspekte ab wie das Alter möglicher Opfer, Selbsteinschätzungen zu strafrechtlichen Vorwürfen, die kriminelle Vorgeschichte und antisoziale Tendenzen (wozu auch „fehlende Mitarbeit mit Behörden“ gezählt wird). Dabei ist in dem Kapitel allerdings nicht ganz klar, ob es um „Verdachtsfälle“ von Pädophilie, oder doch von Kindesmissbrauch geht. So sehr die Autoren an einigen Stellen die Differenzierung dieser beiden Konzepte fordern, so sehr verwischen sie selber an anderen Stellen die Grenzen wieder.

2. Pädophilie als Problem in der Gesellschaft

In einem Unterkapitel mit dem Titel „Risikokontexte“ finden sich einige bemerkenswerte Rechnungen, wie zum Beispiel diese hier:

In Deutschland gab es im Jahr 2022 etwa 239.000 alleinerziehende Väter, die mit minderjährigen Kindern im gemeinsamen Haushalt leben (Statistisches Bundesamt, 2023). Dies entsprach rund 15 % aller Alleinerziehenden – vor zehn Jahren waren es erst 10 % (ca. 166.000 Väter im Jahr 2012). Davon müssten rein rechnerisch also 2390 Väter eine pädophile Sexualpräferenz aufweisen. (4.2.1 Alleinerziehende Väter)

Was hat so eine Rechnung in Verbindung mit dem Begriff „Risikokontexte“ zu suchen? Die Implikation ist eindeutig: jeder alleinerziehender pädophile Vater (2390 nur in Deutschland!) ist ein Risiko für die Kinder, die sie erziehen. Laut Aussage der Autoren sollen diese Zahlen verdeutlichen, „in welchem Umfang die Gesellschaft mit der Problematik konfrontiert ist“. Pädophile Männer (von alleinerziehenden Müttern wird pauschal angenommen, dass sie nicht pädophil sein können – dazu später mehr) werden also ausdrücklich als Problem verstanden, insbesondere dann, wenn sie Umgang mit Kindern haben.

Und weil es nicht reicht, alleinerziehende Väter unter Generalverdacht zu stellen, rechnen die Autoren die gleiche Zahl noch einmal in anderen Kontexten vor, in denen Männer mit Kindern in Berührung kommen. Ich zitiere die Rechnungen für die verschiedenen „Risikokontexte“ hier einmal in Gänze, weil nur das die Perfidität dieser Darstellungen vollständig transportieren kann.

200 pädophile Männer in der Kinder- und Jugendhilfe:

Laut der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik (Einrichtungen und tätige Personen – ohne Tageseinrichtungen für Kinder – 2020) waren zum Stichtag 31.12.2020 in der Heimerziehung (stationäre Hilfen zur Erziehung) bundesweit insgesamt rund 24.000 männliche Fachkräfte beschäftigt (Statistisches Bundesamt, 2022a). Davon arbeiteten etwa 20.636 Männer direkt im Gruppendienst oder in betreuten Wohnformen (zum Beispiel in Wohngruppen) und weitere 3.340 Männer in gruppenübergreifenden Diensten der Heimerziehung. Dies entspricht etwa 29 % des Personals in diesem Bereich (zum Vergleich: 58.531 weibliche Fachkräfte). Davon müssten rein rechnerisch also 200 männliche Betreuer eine pädophile Sexualpräferenz aufweisen. (4.2.2 Männliche Betreuer in der stationären Kinder- und Jugendhilfe)

665 pädophile Männer in Kindertageseinrichtungen:

Laut Statistischem Bundesamt (Destatis) waren zum Stichtag 1. März 2024 etwa 66.500 Männer im Bereich der Kindertagesbetreuung tätig. Dies umfasst männliche Fachkräfte im pädagogischen Dienst sowie in Leitungs- und Verwaltungsfunktionen in Kindertageseinrichtungen (Kitas) – inklusive Tagesväter. Ihr Anteil an allen Beschäftigten in diesen Bereichen lag bei rund 8,1 %. Zum selben Zeitpunkt waren insgesamt rund 778.241 Personen (Männer und Frauen) in Kitas beschäftigt (Statistisches Bundesamt, 2025). Davon müssten rein rechnerisch also 665 männliche Betreuer eine pädophile Sexualpräferenz aufweisen. (4.2.3 Männliche Betreuer in der Kindertagespflege)

3000 pädophile Männer in der ehrenamtilchen Kinderbetreuung:

Die Mehrheit der ehrenamtlichen Trainer ist männlich. Eine genaue Zahl nennt der DOSB zwar nicht, aber da Frauen im freiwilligen Sport seltener in solchen Rollen vertreten sind, dürfte die Zahl der männlichen Volunteer-Trainer in Hunderttausenden liegen (eine grobe Abschätzung: > 300.000). Insgesamt engagieren sich etwa acht Millionen Ehrenamtliche im Sport – darunter ca. 950.000 Personen in ausführenden Funktionen wie Trainerinnen, Übungsleiterinnen oder Schiedsrichter:innen (DOSB, o. J.). Ausgehend von der Schätzung (300.000 ehrenamtlich tätige männliche Betreuer für Kinder) müssten rein rechnerisch also 3000 männliche Betreuer eine pädophile Sexualpräferenz aufweisen. (4.2.4 Ehrenamtliche männliche Betreuer von Kindern)

10000 pädophile männliche Jugendliche mit jüngeren Geschwistern:

Geht man davon aus, dass Geschwisterkinder ungefähr zur Hälfte ältere Brüder oder ältere Schwestern haben, lässt sich grob abschätzen, dass über eine Million männliche Jugendliche (im Teenageralter) in Deutschland mindestens ein jüngeres Geschwisterkind haben. Eine genaue Zahl liegt nicht offiziell vor, daher handelt es sich um eine Näherung (Statistisches Bundesamt, 2022b). Ausgehend von der Schätzung müssten rein rechnerisch also 10.000 männliche Jugendliche mit jüngerem Geschwisterkind im gleichen Haushalt eine pädophile Sexualpräferenz aufweisen. (4.2.5 Männliche Jugendliche mit jüngeren Geschwistern)

Zu Illustrierung führen die Autoren außerdem für fast jeden dieser „Risikokontexte“ ein Fallbeispiel an:

  • ein Vater, der Missbrauchsabbildungen von Mädchen im Alter seiner Tochter konsumiert;
  • ein Erzieher, der heimlich Bilder von Mädchen macht und sie am Rechner per Bildbearbeitung digital auszieht;
  • ein Sportlehrer, der seit er fünfzehn ist Mädchen missbraucht und seine Schülerinnen zu sexuellen Handlungen manipuliert;
  • und schließlich ein jugendlicher Schüler, der Missbrauchsabbildungen nutzt und seinen jüngeren Bruder sexuell missbraucht hat.

Es wird der Eindruck erweckt, als seien dies typische Beispiele für Pädophile, die in den jeweiligen Konstellationen Umgang mit Kindern haben. Beispiele für Pädophile, die einen Umgang mit Kindern haben, der für beide Seiten positiv ist, fehlen in dem Fachbuch völlig.

Die Zitate in ihrer Fülle vermitteln hoffentlich den Eindruck, wie schäbig diese Darstellungen sind. Die 665 pädophile Männer, die sich in der Kindertagespflege engagieren, oder die 3000 männlichen Betreuer werden nicht als wichtige Ressource gesehen, die mit ihrer Arbeit dazu beitragen, dass die Kinderbetreuung in diesem Land funktioniert, sondern als Problem, mit dem die Gesellschaft konfrontiert wird. Selbst Minderjährige werden zu einer potenziellen Gefahr degradiert, sobald sie jüngere Geschwister haben.

Diese Haltung versuchen die Autoren, noch tiefer in der Gesellschaft zu verankern. In einem Aufklärungstext, der sich an Angehörige pädophiler Menschen richtet, fordern die Autoren etwa eine sofortige „Gefahrenanalyse“, sobald sich im Umfeld der pädophilen Person ein Kind befindet:

Wenn sich im Umfeld Kinder befinden, ist eine fundierte Gefahrenanalyse im Sinne aller Beteiligten erforderlich, die Grundlage für gegebenenfalls notwendige Maßnahmen wäre. (7.2 Aufklärungstext im Sinne der selektiven Prävention – Informationen für Angehörige)

Im ganzen Buch hinweg betonen die Autoren immer wieder die „Bedeutung der sexuellen Präferenz als Risikofaktor“, die bei Pädophilen „besonders relevant“ sei und das Missbrauchsrisiko „erheblich“ steigern würde. An anderer Stelle empfehlen die Autoren einen „Risikoblick“ auch auf Einrichtungen der Sozialen Arbeit selbst, da „die Pädophilie auch unter psychosozialen Fachkräften vorkommt“. Auch Pädophile, die im psychosozialen Bereich arbeiten, werden so zu einem Problem deklariert. Und da die Autoren Pädophile vor allem als Gefahr betrachten, sind auch ihre Ratschläge an Fachpersonal vor allem darauf gerichtet, in Pädophilen vor allem einen Risikofaktor zu sehen. Das fängt schon in der Diagnostik an:

Die Einschätzung des Risikos für sexuelle Übergriffe stellt einen wichtigen Bestandteil der Diagnostik dar. Personen mit einer pädophilen Sexualpräferenz haben ein erhöhtes Risiko für sexuellen Kindesmissbrauch. (5.3.6 Risikobewertung)

Therapiemöglichkeiten, insbesondere Medikamente, werden wiederum vor allem danach bewertet, wie sehr sie das vermeintlich von Pädophilen ausgehende Risiko reduzieren können:

Medikamente zur Entdynamisierung sexueller Impulse sind aus der Therapie der Dissexualität und der Paraphilien als zusätzliche Behandlungsoptionen nicht mehr wegzudenken. Sie bieten große Chancen für die psychosoziale Stabilisierung der Betroffenen und mindern zugleich die Gefahren für potenzielle Opfer. (5.3.7 Therapiemöglichkeiten bei Pädophilie: Eine Übersicht)

Und auch eine abgeschlossene Therapie bedeutet nicht, dass Pädophilen vertraut werden dürfe, oder sie nicht mehr fundamental ein Risiko für die Gesellschaft seien. So sollen Klienten auch noch in der Nachsorge ständig nach der von ihnen angeblich ausgehenden Gefahr bewertet werden:

Ein zentraler Bestandteil der Nachsorge ist die kontinuierliche Risikobewertung. […] Dies beinhaltet die Überprüfung ihrer Selbstkontrollfähigkeiten bezüglich des Sexualverhaltens sowie die Identifikation aktueller Risikosituationen und -faktoren. Diese fortlaufende Bewertung ermöglicht es, frühzeitig auf Veränderungen zu reagieren und die Behandlung entsprechend anzupassen. (5.3.9 Verlauf und Langzeitbegleitung)

Nun ist es für die Allianz zwischen Klienten und behandelnder Person, die Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung sind, nicht gerade förderlich, wenn die behandelnde Person den Klienten wie eine tickende Zeitbombe behandelt. In einem seltenen Moment der Klarheit erkennen die Autoren das auch selber:

Diese [Verhaltensabstinenz] wird aber bei einem Menschen mit pädophiler Sexualpräferenz grundsätzlich infrage gestellt, weshalb die Betroffenen davon ausgehen, dass ihnen sofort eine Gefährlichkeit für Kinder unterstellt wird, wenn sie die Ansprechbarkeit zugeben. Man wird also als Fachperson Verständnis dafür entwickeln und kommunizieren müssen, dass Betroffene große Sorgen bezüglich ihrer drohenden sozialen Ausgrenzung haben, wenn ihre Neigung bekannt würde. (4.6.2 Motivierende Gesprächsführung)

Wie soll das aber gehen: auf der einen Seite Hilfe suchende Personen als Gefahr zu sehen und als Erste Amtshandlung das von ihnen ausgehende Risiko zu analysieren, und gleichzeitig sie nicht zu verschrecken, wenn sich bewahrheitet, was sie befürchten (nämlich dass ihnen eine Gefährlichkeit für Kinder unterstellt wird)? Im Grunde muss es auf eine Art Täuschung hinauslaufen: Die Fachperson muss zum „Vertrauensaufbau“ so tun, als wäre sie an dem Menschen und seinem Wohlbefinden interessiert, aber in Wirklichkeit in erster Linie eine Gefahrenanalyse machen.

Es ist bekannt, dass es Menschen gibt, die eine Ansprechbarkeit für das kindliche Körperschema haben, und auch, wie groß ihre Angst ist, dass sie damit auffallen und in ihrem sozialen Umfeld gebrandmarkt werden. Gleichwohl ist es wichtig, in Erfahrung zu bringen, wie diese Ausrichtung genau ist, weil man nur dann Gefahrensituationen adäquat abschätzen kann und entsprechend zu reagieren vermag. (4.6.1 Vertrauensaufbau)

Das Ganze ist nebenbei bemerkt auch andersherum problematisch: wenn nämlich Menschen, die sich übergriffig verhalten haben als weniger gefährlich gesehen werden, weil sie nicht pädophil seien. Zu dem Fallbeispiel eines Grooming-Täters erwähnen die Autoren die Vermutung, dass der Täter nicht pädophil sei explizit als besonders wichtiges Argument, das dafür spricht, den Täter wieder mit seinen Kindern zusammenzubringen.

Der problematische Chatkontakt mit der 11-Jährigen ereignete sich in einer akuten familiären Belastungssituation (Risikoschwangerschaft der Partnerin). Besonders wichtig für die Einschätzung ist, dass keine grundlegende sexuelle Präferenzstörung vorliegt – seine bisherige Beziehungsgestaltung war ausschließlich auf erwachsene Partnerinnen ausgerichtet. (4.4.5 Anwendungsbeispiele)

Fehlen darf bei der Betrachtung natürlich auch nicht der von Beier so beliebte Pandemie-Vergleich, um das Ausmaß des „Problems“ Pädophilie besonders dramatisch auszudrücken:

Deshalb kann bei Kindesmissbrauch und Pädophilie von einem umfassenden gesamtgesellschaftlichen Problem ausgegangen werden, das nahezu jede:n angeht und das alle Kennzeichen einer Pandemie aufweist. (Vorwort: Ein Prozent kann sehr viel sein)

Insgesamt arbeiten die Autoren aktiv daran, dass alle Stellen, an denen Pädophile nach Hilfe und Unterstützung suchen könnten – vom niedergelassenen Therapeuten bis hin zur eigenen Familie – sie in erster Linie als Risiko für Kinder sehen, und geben dieser menschenverachtenden Sicht eine scheinbare fachliche Legitimation. Dass an anderer Stelle dann wieder Stigma-Forschung zitiert und die „Wahrnehmung von Gefährlichkeit und mangelnder Kontrollfähigkeit“ als „problematischer Aspekt“ benannt wird, wirkt danach nur noch wie blanker Hohn.

Eine ganze Minderheit als „Problem“ zu deklarieren, das die Gesellschaft bedroht, sie mit einem gefährlichen Virus zu vergleichen und ausführlich vorzurechnen, wie viele dieser Menschen es gibt um das „Ausmaß des Problems“ zu illustrieren wirkt wie ein Albtraum aus den dunkelsten Kapiteln deutscher Geschichte. Hinter den gehobenen und nüchtern wirkenden Worten der Autoren steckt ein zutiefst verwerfliches und hochgefährliches Menschenbild, dessen Problematik man in Deutschland eigentlich niemanden mehr erklären müsste.

3. Therapie nur zum Kinderschutz

Wenig überraschend sehen die Autoren vor allem präventive Therapien, wie sie diese selber anbieten, als wichtigstes Werkzeug, um die Gefahr, die angeblich von Pädophilen ausgehen soll, so halbwegs in den Griff zu bekommen. Fragwürdig ist, dass sie dabei einen grundsätzlichen Konflikt zwischen den Bedürfnissen der Hilfesuchenden und dem Kinderschutz konstruieren, und die Behandlung Pädophiler pauschal als ethische Gratwanderung beschreiben.

Die erfolgreiche therapeutische Arbeit mit Menschen mit pädophiler Neigung erfordert einen ausgewogenen Umgang mit den verschiedenen Anforderungen von Schweigepflicht und Kinderschutz. Der Aufbau einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung muss dabei mit der klaren Haltung zum Kinderschutz vereinbart werden. […] Zunächst gilt es also abzuwägen, durch welche Maßnahmen die Gefahr abgewendet und ein potenzielles Opfer am besten geschützt werden kann. (1.5.6 Fazit für das Risikomanagement)

Die therapeutische Arbeit mit Menschen mit pädophiler Neigung stellt Behandelnde vor besondere ethische und rechtliche Herausforderungen. Wir zeigen im Folgenden, dass im Spannungsfeld zwischen therapeutischer Vertraulichkeit und aktivem Kinderschutz eine Balance zwischen Therapiebeziehung und Schutzauftrag möglich ist. (1.5 Kinderschutz, Schweigepflicht und Meldepflicht im Kontext der Behandlung von Menschen mit pädophiler Störung)

Dieser „Schutzauftrag“ offenbart auch schon, in welcher Rolle die Autoren die Behandelnden sehen, nämlich in erster Linie als Akteure des Kinderschutzes, deren Hauptaufgabe es ist, ihre Klienten weniger gefährlich zu machen. Entsprechend finden sich in dem Buch auch kaum Überlegungen, wie Belastungen, die zum Beispiel durch das Stigma oder durch Liebeskummer entstehen können, bearbeitet werden sollen. Wenn vom psychischen Leidensdruck pädophiler Menschen überhaupt die Rede ist, dann meist in dem Zusammenhang, dass Leidensdruck Pädophile noch gefährlicher machen würde, als sie ohnehin schon seien, und Belastungen deshalb zum Wohle der Kinder bearbeitet werden muss.

Dass nicht ihr Wohlbefinden, sondern der Schutz angeblich durch den Klienten gefährdeter Kinder im Fokus steht, soll den Klienten schon von der ersten Sitzung an unter die Nase gerieben werden:

Die Therapieteilnehmenden müssen von Anfang an wissen, dass der Schutz gefährdeter Kinder eine hohe Priorität hat. (1.5.3 Konkrete Handlungsempfehlungen).

Dabei wird kein Zweifel daran gelassen, dass das Ziel des Therapeuten immer sein muss, dass der Klient kein Täter wird. Dafür, dass dies für den Klienten vielleicht gar kein Thema ist, wird kein Raum gelassen.

Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Klärung von Zielen und Werten zu Beginn und während der gesamten Therapie. Der Therapeut hat zwar ein übergeordnetes Therapieziel (»Kein Täter werden«), aber die individuellen Teilziele werden gemeinsam entwickelt. (5.3.8 Beziehungsgestaltung in der Therapie)

Es wird somit der Eindruck vermittelt, dass „Risikomanagement“ ohne Ausnahme in der Therapie mit Pädophilen immer ein wichtiges, wenn nicht gar das wichtigste Thema sein muss. Auch hier offenbart sich die Haltung der Autoren, Pädophile vor allem als kognitiv verzerrte Gefahr für die Gesellschaft zu sehen.

Das übergeordnete Ziel der Nachsorge, wie es im BEDIT-Manual beschrieben wird, besteht in der Aufrechterhaltung und Steigerung der Selbstkontrolle in Bezug auf das Sexualverhalten, insbesondere hinsichtlich direkten und indirekten Missbrauchs. Die einzelnen Module des Manuals ergänzen sich und bauen aufeinander auf, da sie verschiedene Risikodimensionen adressieren und diese in die Module zu Zukunftsplanung und Schutzmaßnahmen integrieren. (5.3.9 Verlauf und Langzeitbegleitung)

Konkret auf die Langzeitbegleitung und Nachsorge bezogen, nennen die Autoren unter anderem diese Aspekte als relevante Inhalte:

  • Erkennen eigener kognitiver Verzerrungen,
  • kognitive Umstrukturierung,
  • Vermittlung korrektiver Informationen,
  • kontinuierliche Risikobewertung,
  • Überprüfung der Selbstkontrollfähigkeiten bezüglich des Sexualverhaltens,
  • Identifikation aktueller Risikosituationen und -faktoren,
  • Rückfallprävention,
  • Aufrechterhaltung und Steigerung der Selbstkontrolle,
  • Risikomanagement in kritischen Situationen,
  • Erlernen konkreter Bewältigungsstrategien einschließlich medikamentöser Optionen.

Das therapeutische Playbook wirkt so, als sei es für die Behandlung von Hochrisiko-Serientätern gedacht, wird aber so beschrieben, dass es bei der Behandlung Pädophiler immer zum Einsatz kommen soll.

In der Realität gibt es viele pädophile Menschen, die kein Problem damit haben, Kindern gegenüber nicht übergriffig zu werden, aber unter schlimmen Problemen wie Depression und Suizidalität leiden und deswegen Unterstützung benötigen. Es ist schlimm genug, dass es abgesehen von Selbsthilfeangeboten, die man nur mit viel Glück findet, keine Anlaufstellen für diese Menschen gibt, da sämtliche Anlaufstellen für Pädophile die Prävention von sexualisierter Gewalt gegen Kinder im Fokus haben. Für Betroffene bleibt somit nur der Weg, sich an niedergelassene Therapeuten zu wenden und zu hoffen, eine Person zu finden, die Verständnis hat und von dem Stigma nicht so weit beeinflusst ist, dass sie einen direkt wegschickt oder als tickende Zeitbombe behandelt. Genau diese Behandelnden werden von dem Fachbuch angesprochen und bekommen dort nun vermittelt, dass sie Pädophile Klienten eben doch nur als potenzielle Gefahr betrachten sollen und es ihre Aufgabe sei, diese zu entschärfen und potenziellen Missbrauch zu verhindern.

Das ist der Punkt, der mich an dem Buch am meisten ärgert. Kompetente und empathische Hilfe zu finden, wenn man pädophil ist und keine Probleme mit der Selbstkontrolle hat, ist jetzt schon eine große Herausforderung. Die Autoren nehmen ihren Therapieansatz, der Pädophile vor allem als potenzielle Täter behandelt, und versuchen diesen rücksichtslos weiter im psychosozialen Bereich zu verbreiten. Wenn sich Behandelnde in diesem Leitfaden informieren und die dort vermittelten Inhalte ernst nehmen, wird dies dazu führen, dass es immer weniger Behandelnde gibt, die Pädophilen offen und vorurteilsfrei begegnen und sich die ohnehin schon knappe Versorgungssituation noch mehr verschärft.

4. Ethisch fragwürdige Behandlungsmethoden

Wenn Pädophile als tickende Zeitbomben gesehen werden, die in der Therapie entschärft werden müssen, ist der Weg zu sogenannten triebdämpfenden Medikamenten als Behandlungsmethode nicht weit weg, die von handelsüblichen Antidepressiva bis hin zu chemischer Kastration reichen können. Auch die Autoren sind Fan dieser Methode und weisen immer wieder auf die Möglichkeit dieser Behandlungsmethode hin. Selbst bei Minderjährigen wird die „medikamentöse Unterstützung bei der Therapie“ in manchen Fällen empfohlen, auch wenn in den Fällen immerhin noch für eine „besonders sorgfältige Abwägung der Risiken für die körperliche Entwicklung“ plädiert wird. Teilweise wirkt es allerdings, als bedauern die Autoren, dass es beim Einsatz hoch invasiver Medikamente bei Kindern und Jugendlichen höhere ethische Barrieren gibt, die man beachten muss.

Medikamente zur Entdynamisierung sexueller Impulse sind aus der Therapie der Dissexualität und der Paraphilien als zusätzliche Behandlungsoptionen nicht mehr wegzudenken. Sie bieten große Chancen für die psychosoziale Stabilisierung der Betroffenen und mindern zugleich die Gefahren für potenzielle Opfer. (5.3.7 Therapiemöglichkeiten bei Pädophilie: Eine Übersicht)

Zwar betonen die Autoren auch, dass die „medikamentöse Behandlung durch Gespräche begleitet werden sollte“, Medikamente alleine also nicht die „Lösung“ für das „Problem“ Pädophilie sind. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass der Griff zu Medikamenten zu schnell empfohlen wird, die pädophilen Klienten eher dazu gedrängt und die Einnahme in einer Therapie mehr die Regel als die Ausnahme darstellen sollte. An mehreren Stellen werben die Autoren sehr explizit dafür:

Die Therapie bei Pädophilie stellt einen komplexen und herausfordernden Prozess dar, der nicht auf eine Veränderung der sexuellen Orientierung abzielt, sondern auf einen verantwortungsvollen Umgang mit dieser. […] Dabei werden die Möglichkeiten einer zusätzlichen medikamentösen Behandlung immer noch weitgehend unterschätzt, obschon diese für die Betroffenen eine enorme Entlastung darstellen kann, insbesondere wenn antiandrogen wirkende Medikamente eingesetzt werden. (5.3.7 Therapiemöglichkeiten bei Pädophilie: Eine Übersicht)

Antiandrogen wirkende Medikamente beinhalten übrigens das, was landläufig als „chemische Kastration“ bezeichnet wird. Während die angeblichen Vorzüge von Medikamenten in mehreren langen Absätzen beschrieben werden, bleibt für die teils sehr drastischen Nebenwirkungen am Ende nur ein kurzer Satz übrig, der auch direkt danach schon relativiert wird:

Allerdings kann es mitunter zu unerwünschten körperlichen Nebenwirkungen der Medikamente kommen, zum Beispiel Gynäkomastie, Müdigkeit oder Gewichtszunahme. Alle eingesetzten Medikamente werden aber seit vielen Jahren angewendet und in der Regel gut vertragen. (5.3.7 Therapiemöglichkeiten bei Pädophilie: Eine Übersicht)

Am Ende des Buches findet sich außerdem eine Reihe von Patientenberichten, die überschwänglich positiv über die Verwendung von Medikamenten sprechen und sich teils so lesen, als wären sie direkt aus einem Werbeprospekt entnommen:

  • „Ich bin ganz überrascht über die interessanten Aktivitäten, die ich entdeckt habe, seit ich Medikamente nehme.“
  • „Seitdem ich Medikamente nehme, bin ich total entspannt und kann sehen, was sonst noch so passiert.“
  • „Seit Beginn der medikamentösen Behandlung habe ich zum ersten Mal einen klaren Kopf.“
  • „Ich würde die Medikamente immer wieder nehmen, weil man einfach ein bisschen Ruhe und Frieden hat.“

Kritische Stimmen und negative Erfahrungsberichte kommen bei dem Thema gar nicht zu Wort, und ich bin mir recht sicher, dass dies nicht daran liegt, dass es solche nicht gibt, sondern daran, dass die Autoren sich entschieden haben, diese nicht zu Wort kommen zu lassen.

Egal, wie man persönlich zu Medikamenten steht, als Mindeststandard sollte zumindest klar sein, dass die Einnahme von Medikamenten nur freiwillig, mit dem informierten Einverständnis des Klienten geschehen darf. Gleichzeitig sollten sie nur dann verschrieben werden, wenn es gar nicht anders geht, einmal aufgrund der teils drastischen (und in manchen Fällen permanenten!) Nebenwirkungen, aber auch, weil die intendierte triebdämpfende Wirkung das Erleben einer gesunden Sexualität zum Beispiel in einer Partnerschaft massiv erschwert. Aber selbst in diesen Punkten gibt es einige fragwürdige Aspekte in dem Buch. So wird auf die Option, Medikamente einzunehmen auch in dem Aufklärungstext verwiesen, der speziell für Angehörige von pädophile Menschen geschrieben wurde. Dabei entsteht der Eindruck, dass medikamentöse Behandlung für Pädophile eher die Regel statt die Ausnahme sein sollte, während Nebenwirkungen und Nachteile unerwähnt bleiben:

[Eine passende Lösung] kann darin bestehen, dass Betroffene gezielt psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen, die zu mehr Sicherheit in der Auseinandersetzung mit den eigenen sexuellen Fantasien und dem diesbezüglichen Verhalten verhilft und auf diese Weise den Leidensdruck mindert. Hierzu können auch Medikamente beitragen, welche die Intensität sexueller Bedürfnisse verringern und die damit verknüpfte Stressbelastung reduzieren. (7.2 Aufklärungstext im Sinne der selektiven Prävention – Informationen für Angehörige)

Die Gefahr besteht, dass überforderte Angehörige auf der Suche nach Informationen dies lesen und daraufhin Druck auf ihren pädophilen Bekannten ausüben, sich medikamentös behandeln zu lassen, weil laut der „Experten“ dies vonnöten sei, um „die Intensität sexueller Bedürfnisse zu verringern“.

Besonders erschreckend ist aber eine Infobox, welche die Dosierung der Medikamente in unterschiedlichen Situationen erklärt. Dort wird erklärt, wie abhängig von der Symptomatik, insbesondere dem eingeschätzten Risiko für Fremdgefährdung unterschiedliche Medikamente in abgestufter Dosierung verschrieben werden sollen. Das gilt allerdings nur bei vorhandener Therapietreue. Verschließt sich der Klient aus Sicht des Behandelnden der Therapie, soll direkt mit der Hochdosis eines triebdämpfenden Medikamentes gestartet werden – und zwar als Spritze verabreicht, wohl damit der Klient die Tabletten zu Hause nicht das Klo herunterspülen kann. Wer nicht macht, was der Therapeut von ihm verlangt, soll also per Spritze ruhiggestellt werden?

Im Zusammenhang mit dem, was wir vorher gesehen haben, ergibt sich ein ziemlich hässliches Bild. Wenn Pädophile überwiegend als Gefahr, als potenzielle Täter gesehen werden, liegt der Verdacht nahe, dass dieser starke Fokus auf Medikamente nicht ausschließlich zum Wohl des Klienten geschieht. Zwar versuchen die Autoren es so darzustellen, dass Medikamente auch positive Wirkungen für die Klienten haben (siehe die vielen positiven Erlebnisberichte), betonen aber gleichzeitig von Anfang an, dass diese „zugleich die Gefahren für potenzielle Opfer“ reduzieren würden.

5. Coming-out als Kontrollmechanismus

Nicht nur auf Medikation, sondern auch auf Outings im sozialen Umfeld drängen die Autoren. In dem Aufklärungstext, den die Autoren spezifisch für Pädophile geschrieben haben, steht diesbezüglich explizit der Appell:

Verschließen Sie nicht davor die Augen, sondern wagen Sie den Schritt, sich gegenüber Vertrauenspersonen zu öffnen. (7.3 Aufklärungstext im Sinne der indikativen Prävention – Informationen für Betroffene)

Gleichzeitig werden Ängste und Befürchtungen als unbegründet und irrational abgetan:

Wir wissen, dass Betroffene vertrauten Personen nur höchst ungern Mitteilung über diese Fantasieinhalte machen – denn dies ist ein Indiz dafür, dass man sich hier nicht der Mehrheit zuordnet, sondern sich als Teil einer Minderheit sieht und die Sorge hat, aufgrund dessen sozial ausgegrenzt zu werden. Gegen diese Vorbehalte spricht, dass nach klinischer Erfahrung es in hohem Maße stabilisierend ist, zu wissen, dass es einen anderen Menschen gibt, der einen in seiner Gesamtheit, also einschließlich seiner pädophilen Sexualpräferenz nicht ablehnt, sondern als Mensch akzeptiert, was umso mehr eintreten wird, umso mehr Betroffene verdeutlichen, dass sie es als ihre Verantwortung ansehen, eine dauerhafte und vollständige Verhaltenskontrolle sicherstellen zu wollen. (7.3 Aufklärungstext im Sinne der indikativen Prävention – Informationen für Betroffene)

Und ja, natürlich kann es in hohem Maße stabilisierend sein, vollumfänglich akzeptiert zu werden. Es gibt aber keine Garantie dafür, dass das Gegenüber einen auch wirklich vollumfänglich akzeptiert, und nicht im Gegenteil nach dem Outing ablehnt. Wir leben in einer Gesellschaft, in der jeder zweite Mensch Pädophile am liebsten lebenslang präventiv wegsperren möchte. Outings können, man muss es so klar sagen, existenzbedrohend sein, die möglichen Vor- und Nachteile sowie potenzielle Risiken müssen immer im Einzelfall abgewogen werden. Pauschal zu Outings zu raten, ohne auf mögliche Risiken hinzuweisen und einen Fahrplan zu vermitteln für den Fall, dass das Outing schlecht abläuft, halte ich für absolut verantwortungslos.

Im Rest des Fachbuchs, der sich nicht an Pädophile, sondern an Fachpersonal richtet, wird darüber hinaus ganz anders über Outings geschrieben, nämlich weniger als Maßnahme zur psychischen Stabilisierung und eher als Kinderschutzmaßnahme. An einer Stelle wird etwa die Einbeziehung des Umfelds für die Fälle, in denen der Behandelnde eine Situation als gefährlich bewertet als „konkrete Maßnahme zur Risikominimierung für das Kind“ beschrieben:

Sofern das Kind beispielsweise im Nahraum des (potenziellen) Täters lebt, müssen die Einbeziehung der Partnerin (oder anderer Personen) zur Erhöhung der sozialen Kontrolle oder aber ein Auszug des (potenziellen) Täters aus der gemeinsamen Wohnung erwogen werden. Dieses Vorgehen entspricht dem Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz (KKG) (Bundeskinderschutzgesetz [BKiSchG], Art. 1, § 4[1]). (1.5.6 Fazit für das Risikomanagement)

In einem Fallbeispiel aus der Therapie eines 18-jährigen Pädophilen wiederum beschreiben die Autoren das Hinarbeiten auf ein Outing explizit als Opferschutzmaßnahme (der Schüler in dem Beispiel hat dabei laut Beschreibung weder einen Missbrauch begangen, noch Missbrauchsabbildungen konsumiert):

Therapeutisch kam es deshalb vor allem darauf an, das »Coming-out« des Patienten zu begleiten, um über die Stärkung von Verantwortungsbewusstsein und Gewissensinstanzen sowohl potenzielle Opfer als auch das eigene Wohl gegenüber den andrängenden Triebwünschen zu schützen. (1.4.4 Abgrenzung zum sexuellen Kindesmissbrauch)

Und bei der Therapie von Minderjährigen sollen gar regelmäßig die Eltern über den therapeutischen Fortschritt informiert werden. Dabei wird sogar eine angebliche „Informationspflicht“ erfunden, die Behandelnde gegenüber Sorgeberechtigten haben sollen, welche es in Deutschland zumindest für geistig zurechnungsfähige Jugendliche ab 14 Jahren aber gar nicht gibt. Der Informationsaustausch mit den Sorgeberechtigten wird auch hier ausdrücklich als Maßnahme der Risikominimierung beschrieben.

Regelmäßige Gespräche mit den Bezugspersonen, insbesondere den Eltern oder Sorgeberechtigten, sind ein wesentlicher Bestandteil der Therapie. Diese Gespräche dienen dazu, das soziale Umfeld in den therapeutischen Prozess einzubeziehen und dadurch Risikofaktoren zu reduzieren. (5.4.2 Therapeutische Rahmenbedingungen und Methodik)

Gegenüber Fachpersonal wird die Einbeziehung des sozialen Umfelds also vor allem als Maßnahme der sozialen Kontrolle besprochen, die vermeintlich von Pädophilen ausgehende Risiken für Kinder minimieren soll. Gleichzeitig werden Pädophilen selber gegenüber Outings als großartige Maßnahme beworben, um gesellschaftlich Akzeptanz zu erfahren, während mögliche Risiken nicht erwähnt oder kleingeredet werden. Zusammen genommen ergibt sich der Verdacht, dass Pädophile dazu manipuliert werden sollen, sich ungeachtet möglicher persönlicher Konsequenzen möglichst weitläufig zu outen, um durch fortlaufende misstrauische Beobachtung des Umfeldes besser kontrolliert werden zu können.

6. Weitere Entwürdigungen

Insgesamt ist das Buch ein bemerkenswertes Zeugnis dafür, was für eine Ansicht die Autoren eigentlich über Pädophile haben. Diese ist nicht etwa von Respekt, Empathie und Rücksichtnahme geprägt, sondern lässt sich vor allem als entwürdigend bezeichnen. Entwürdigend ist es schon, dass über Pädophile vor allem als Gefahr und Risiko gesprochen wird. Die entwürdigende Geisteshaltung der Autoren wird aber auch an anderen Stellen deutlich, wobei ich einige Aspekte noch einmal exemplarisch erwähnen möchte.

Über, aber nicht mit uns. Viele Aussagen aus dem Buch werden so getroffen, als treffen sie auf alle Pädophile pauschal zu. Dass so viel davon nicht stimmig ist und klaffende Leerstellen übrig lässt, liegt auch daran, dass Betroffene selber nie zu Wort kommen. Statt mit Pädophilen zu reden – auf Augenhöhe, mit Empathie und Respekt – haben sich die Autoren dazu entschieden, ausschließlich über Pädophile zu reden. Was das für Auswirkungen hat, zeigt dieses Zitat beispielhaft:

Imhoff (2015) sowie Imhoff und Jahnke (2018) wiesen nach, dass die Verwendung des Begriffs »Pädophiler« im Vergleich zu einer neutraleren Beschreibung wie »Menschen mit sexuellem Interesse an Kindern« zu stärkeren negativen Reaktionen führt. Dies unterstreicht die Bedeutung einer bewussten Sprachverwendung im professionellen Kontext – wobei die reflektierte Verwendung klinisch etablierter Begriffe ratsamer ist, als neue Begriffe zu etablieren, die entweder ungenau sind oder das Risiko bergen als verharmlosend aufgefasst zu werden. (3.1 Gesellschaftliche Haltungen und Vorurteile: Stigmatisierung)

Anstatt Pädophile zu fragen, wie sie genannt werden wollen und ob sie sich mit dem Wortsalat „Menschen mit sexuellem Interesse an Kindern“ identifizieren wollen (ich kann es nicht), bestimmen die Autoren von oben herab, dass dies die Bezeichnung ist, die in dem Kontext zu wählen ist. Darüber hinaus ist der letzte Satz wohl auch als versteckter Seitenhieb auf den Begriff MAP (minor-attracted person) zu interpretieren, was ein Sammelbegriff für pädo-, hebe- und ephebophile Menschen ist, der von einem großen Teil der Betroffenen als Selbstbezeichnung adaptiert wurde. Um es klar zu sagen: einzig Pädophile haben das Recht zu entscheiden, wie sie genannt werden wollen. Es ist anmaßend, fremdbestimmt Bezeichnungen aufzwingen zu wollen und gleichzeitig selbst gewählte Bezeichnungen als (wie sollte es auch je anders sein) „verharmlosend“ und damit gefährlich zu denunzieren.

Anstelle von Bemühungen um einen partizipativen Umgang mit Pädophilen findet sich in dem Buch lediglich eine Reihe von Fallbeispielen (vermeintlich) pädophiler Männer. Dies ist aber schon deshalb keine wirklich gleichberechtigte Herangehensweise, da letzten Endes die Autoren entscheiden, welche Fälle ausgewählt werden und wie diese Fälle zu verstehen und interpretieren sind. Die Deutungshoheit bleibt also einseitig bei den Autoren. Im Buch werden Fallbeispiele letzten Endes vor allem genutzt, um die Aussagen der Autoren zu belegen, und sind dementsprechend auch ausgewählt (wie zum Beispiel die einseitig positiven Berichte von Betroffenen zu medikamentösen Behandlungen). Von sieben bis acht Fallbeispielen pädophiler Menschen (ein Fall ist nicht ganz klar) sind zudem fünf, also der überwiegende Teil, Täter. Somit ist die Auswahl der Fallbeispiele auch kein repräsentativer Querschnitt pädophiler Menschen, sondern zu Gunsten klinisch-forensischer Fälle verzerrt.

Pädophilie als etwas Schlimmes. Im ersten Kapitel geben die Autoren gängige Hypothesen über die Ursachen von Pädophilie wider. Die Art der Beschreibung zeigt dabei, dass die Autoren sogenannte „Präferenzbesonderheiten“ wie zum Beispiel Pädo- und Hebephilie vor allem als etwas Schlimmes betrachten:

So könnte zum Beispiel eine angeborene Vulnerabilität (biologische Prädisposition) durch ungünstige psychosoziale Erfahrungen (etwa soziale Isolation oder frühe Konditionierung) in der Pubertät (sensible Entwicklungsphase) zur Ausprägung einer spezifischen sexuellen Ansprechbarkeit beitragen. (1.3 Störungsmodelle)

Dies illustriert eine sehr heteronormative Sicht der Autoren, in der jegliche Abweichung einer „gesunden“ Heteroteleiophilie das Ergebnis „ungünstiger“ Erfahrungen sein muss. Zwar erklären die Autoren an anderer Stelle, dass Pädophilie nicht grundsätzlich eine behandlungsbedürftige Störung ist, legen aber dennoch nahe, dass irgendetwas in der Entwicklung eines Menschen schiefgelaufen sein muss, damit jemand so wird.

Alle gehören in Therapie? Auch an ihrer eigenen Aussage, dass Pädophilie nicht immer „behandlungsbedürftig“ sei, scheinen die Autoren nicht so recht zu glauben. So wird Pädophilen, die keine Behandlung in Anspruch nehmen, grundsätzlich unterstellt straffällig zu sein. Wer nicht in Therapie geht, soll mit der vollen Härte des Gesetzes in Schach gehalten werden:

Zweifelsohne gibt es aber Menschen mit sexuellen Präferenzbesonderheiten, die unter diesen nicht leiden, selbst wenn mit ihrem Ausleben Fremdgefährdung verbunden wäre. Entsprechend werden sie keinen Anreiz haben, ambulante Behandlungsangebote in Anspruch zu nehmen. Hier ist es Aufgabe der Ermittlungsbehörden, straffällige Personen zu überführen […]. Es besteht aus diesem Grunde kein Widerspruch zwischen der Etablierung von sowohl präventiven als auch repressiven Maßnahmen, um Kinder zu schützen, also ein möglichst funktionsfähiges Justizsystem vorzuhalten, das in der Lage ist, Täter zu überführen, zu verurteilen und gegebenenfalls zu sichern. (4.6.3 Umgang mit Widerständen)

Wer gar behauptet, „vollständige Verhaltenskontrolle“ ohne Therapie garantieren zu können, dem wird wiederum subtil unterstellt, auf einer Stufe mit Pro-Cs zu stehen und sich selbst zu belügen.

Menschen mit pädophiler Neigung stellen sich gelegentlich in Spezialambulanzen mit dem Ziel vor, sich für ihr Selbstbild (kein Täter zu sein) Bestätigung zu holen, indem auf »stets gewaltfreies« Vorgehen und »Initiative des Kindes« verwiesen wird sowie die Versicherung erfolgt, dass man stets die Grenzen wahre, die bei Überschreiten zu Schäden für das Kind führen könnten. Man erkennt hier schnell die Unsicherheit und den enormen Energieaufwand, der erforderlich ist, um einen überkompensatorisch gefestigten Eindruck zu hinterlassen. Gelegentlich wird vorgetragen, dass man in der Lage sei, vollständige Verhaltenskontrolle sicherzustellen, ohne spezialisierte Behandlungsprogramme in Anspruch nehmen zu müssen, etwa durch besondere Meditationstechniken oder andere in Eigenregie umsetzbare Strategien. (4.6.3 Umgang mit Widerständen)

Dazu passt, dass die Autoren es bedauern, „leider“ nicht alle Betroffene erreichen zu können und dies vor allem auch wieder mit Prävention und Kinderschutz begründen:

Leider muss an dieser Stelle gesagt werden, dass man mit einer kenntnisreichen und gegebenenfalls motivierenden Gesprächsführung niemals alle Betroffenen erreichen wird, sondern nur diejenigen, die sich auch erreichen lassen (wollen). Für diese dann allerdings präventiv wirksame Weichen zu stellen, ist nicht nur eine große Hilfe für die Betroffenen, sondern zugleich für den Kinderschutz und somit ein Ziel, das sich zu erreichen lohnt. (4.6.3 Umgang mit Widerständen)

Frauen gibt es nicht. Wem aufgefallen ist, dass bisher ausschließlich die männliche Formulierung verwindet wurde, dem sei gesagt: Das ist kein Versehen. Die Autoren sind der Ansicht, dass Pädophilie im Grunde ein rein männliches Phänomen ist und haben sich bewusst dafür entschieden, die Existenz pädophiler Frauen schon auf sprachlicher Ebene nicht anzuerkennen:

Da dieses Buch primär die Phänomene Pädophilie und Hebephilie behandelt, wird vorwiegend die männliche Form verwendet. (Vorwort)

An anderer Stelle behaupten die Autoren ganz konkret, dass Pädophilie im Grunde fast ausschließlich bei Männern vorkomme:

Der gesamte Bereich der sexuellen Paraphilien scheint nach aktueller Literatur eine primär männliche Domäne zu sein, so auch im Bereich der Pädophilie und Hebephilie. (2.1 Prävalenz der Pädophilie in der Allgemeinbevölkerung)

Frauen werden durch die Autoren dadurch zu Ausnahmefällen degradiert, die im Grunde so selten sind, dass man sich nicht weiter mit ihnen beschäftigen muss. Lediglich einen Unter-Unterabschnitt widmen die Autoren dem Thema weiblicher Pädophilie, und sie betiteln den Abschnitt mit der Überschrift „Pädophilie und sexueller Kindesmissbrauch bei Frauen“. Obwohl Frauen so wenig Raum in dem Fachbuch bekommen, schaffen es die Autoren also trotzdem, weibliche Pädophilie noch mit Missbrauch in Verbindung zu bringen. Pädophile Frauen kommen in dem ganzen Buch somit lediglich als Täterinnen vor.

Weibliche Pädophilie und die Beteiligung von Frauen an sexuellem Kindesmissbrauch stellen Phänomene dar, die sich nicht nur durch eine deutlich geringere Prävalenz pädophiler Neigungen auszeichnen, sondern auch durch spezifische Tatmuster, Motivationslagen und eine häufig andere Rolle im Tatgeschehen. (2.1.3 Pädophilie und sexueller Kindesmissbrauch bei Frauen)

7. Perspektivlosigkeit

Vielleicht bin ich naiv, aber aus meiner Sicht sollte eine Therapie immer auch das Wohlbefinden des Klienten im Blick haben und ihn im Idealfall mit positiven Zukunftsperspektiven entlassen. Entsprechend würde ich erwarten, dass ein Fachbuch für behandelnde Fachpersonen auch Hilfestellungen enthält, wie so eine positive Zukunftsperspektive für die Klienten aufgebaut werden kann. Gerade hier enthält das Buch aber eine erschreckende Leerstelle.

Das einzige, was die Autoren versprechen, ist, dass eine „Verhaltenskontrolle“ möglich sein kann, dass man als Pädophiler also nicht zu Straftaten prädestiniert ist. Diese Botschaft ist zwar nicht unwichtig, „Kein Täter Werden“ ist aber für sich genommen noch keine positive Zukunftsperspektive. Gleichzeitig ist es den Autoren wichtig, jegliche Hoffnung zu zerstören, dass die Pädophilie irgendwann mit Therapie oder von alleine wieder weggehen können. In ihrem Aufklärungstext, der sich an Pädophile, schreiben sie daher:

Es geht um die Einsicht und bedingungslose Akzeptanz, dass die andere Personen gefährdenden sexuellen Fantasien nicht verschwinden werden und niemals ausgelebt werden dürfen – mit der zwingenden Maßgabe, diesbezügliche Verhaltenskontrolle sicherzustellen. (7.3 Aufklärungstext im Sinne der indikativen Prävention – Informationen für Betroffene)

Dafür, dass es in dem Buch fast ausschließlich um Risikominimierung und Verhaltenskontrolle geht, also darum, mit den „andere Personen gefährdenden Fantasien“ umzugehen, ohne Anderen zu schaden, gibt es in dem Buch überraschend wenig Erklärungen, wie genau so ein Umgang aussehen kann. Das, was einer Antwort noch am nächsten kommt, sind die wiederholten Verweise auf die Möglichkeit einer Behandlung mit triebdämpfenden Medikamenten. Medikamente sind aber im besten Fall, wie die Autoren selber auch betonen, eine ergänzende Maßnahme. Medikamente schalten die Fantasien ab bzw. reduzieren sie signifikant, zeigen alleine aber keinen Weg, wie ein gesunder Umgang mit Sexualität für Menschen aussehen kann, die fundamental keinen Sex mit den von ihnen präferierten Personen haben können.

Anstelle einer tatsächlichen Auseinandersetzung mit den eigenen sexuellen Wünschen scheint der präferierte Weg also eher Unterdrückung und Vermeidung zu sein. Dazu passt auch, dass den Autoren zufolge „die mögliche Stärkung einer vorhandenen sexuellen Ansprechbarkeit für Erwachsene“ in einer Therapie angestrebt werden solle, und die Bedeutung intimer Beziehungen besonders hervorgehoben wird:

Wissenschaftliche Studien legen nahe, dass die Wahrscheinlichkeit, den »bestmöglichen Gesundheitszustand« zu erreichen, mit dem Ausmaß positiv erlebter intimer Beziehungen wächst, also solcher, welche körperliche Nähe möglich machen und auf diese Weise immunisieren. In großen internationalen Untersuchungen konnte eindrucksvoll belegt werden, dass Mangel an menschlicher Nähe, Einsamkeit und soziale Introversion (eine nach innen gerichtete Haltung) unabhängig von Alter, Geschlecht und sozioökonomischem Status die Entwicklung der verschiedensten Krankheiten fördern, während Nähe, Bindung und Liebe mächtige schützende Faktoren sind. (1.1 Prävention und sexuelle Gesundheit)

Schön und gut, aber auch durch eine erwachsene Partnerschaft verschwindet eine Pädophilie und damit einhergehende Fantasien nicht, sodass auch dann ein guter und gesunder Umgang damit gefunden werden muss. Zudem steht die Option für eine intime Beziehung zu Erwachsenen sowieso nur nicht-exklusiven Pädophilen zur Verfügung; wer sich ausschließlich zu Kindern hingezogen fühlt, muss nach den obigen Worten zwangsläufig zu dem Schluss gelangen, nie den „bestmöglichen Gesundheitszustand“ erreichen zu können.

Auch dazu, wie gerade exklusiv pädophile Menschen dahin kommen können, nicht an der Unmöglichkeit intimer partnerschaftlicher Beziehungen zu verzweifeln, schweigen sich die Autoren weitestgehend aus. Konsistent damit, wie sie Pädophile insgesamt sehen, gelten exklusiv Pädophile für sie in erster Linie als Menschen mit einem noch höheren Missbrauchsrisiko.

In der klinischen Einschätzung ist zu differenzieren, ob es sich um einen exklusiven Typus (sexuelle Ansprechbarkeit ausschließlich auf das kindliche Körperschema) oder einen nicht exklusiven Typus (Ansprechbarkeit auf kindliche und erwachsene Körperschemata) handelt. Diese Unterscheidung hat wichtige Implikationen für die Einschätzung von Risiken und möglichen Ressourcen im therapeutischen Kontext. (5.3.2 Umfassende Betrachtung der Sexualpräferenz)

Da sich Beier in der Vergangenheit immer wieder ablehnend gegen Ersatzmaterialien wie Zeichnungen oder (inzwischen verbotene) Puppen geäußert hat, ist es nicht verwunderlich, dass sich zu solchen Alternativen nichts im Buch findet und es zum Thema künstlich generierter Kinderpornografie nur die vage Forderung gibt, „effektive rechtliche, technische und therapeutische Strategien zum Schutz von Kindern“ zu entwickeln. Zu der Frage, wie Pädophile trotz allem einen guten und erfüllenden Umgang mit Sexualität finden können, und wie Fachpersonal ihre Klienten dabei unterstützend begleiten können, findet sich nichts im Buch. Stattdessen fokussieren die Autoren sich vor allem auf Verbote, also auf das, was Pädophile auf keinen Fall tun dürfen, zusammen mit der Androhung erbarmungsloser Strafverfolgung und harter Strafen beim ersten Fehltritt. Eine positive Zukunftsperspektive sieht anders aus.

8. Fazit

Das Buch ist wohl am besten als Offenbarungseid zu verstehen, der die menschenverachtende Gesinnung der Autoren und damit auch der Kernideologie von „Kein Täter Werden“ in seiner ganzen Hässlichkeit präsentiert. Pädophile werden vor allem als Problem gesehen, als Risiko und Gefahr für Kinder, die irgendwie entschärft werden muss. Therapie gilt als fast schon verpflichtend, und jede therapeutische Maßnahme muss das Ziel vor den Augen haben, das vermeintlich von Pädophilen ausgehende Risiko zu reduzieren – notfalls mit Medikamenten und sozialer Kontrolle durch Einbeziehung des Umfeldes. Das Wohlbefinden und die Lebenszufriedenheit pädophiler Klienten findet nur soweit Beachtung, wie es zur „Risikominimierung“ notwendig ist.

Die ideale Art, wie die Gesellschaft mit Pädophilen umgehen soll, besteht in der Ansicht der Autoren aus präventiven Therapien auf der einen Seite, und harten Strafandrohungen auf der anderen:

Die besondere Stärke des deutschen Ansatzes liegt in der Verzahnung von Strafandrohung (Generalprävention) mit individuellen Maßnahmen zur Rückfallvermeidung (Spezialprävention), ergänzt durch gesellschaftliche Aufklärung und niederschwellige Hilfsangebote für potenzielle Täter. (2.3.2 Internationaler Vergleich)

Gleichzeitig kommen die Probleme und Belastungen pädophiler Menschen, die kein Problem mit der „Verhaltenskontrolle“ haben praktisch nicht vor. Auch das Stigma wird nur soweit als Problem gesehen, wie es die Arbeit von präventiv arbeitenden Behandelnden erschwert oder Pädophile abhält, in Therapie zu gehen.

Überraschend ist das vielleicht nicht, trägt das Buch doch selber zu der fortlaufenden Stigmatisierung Pädophiler bei, da darin Pädophile vor allem als potenzielle Täter gezeichnet werden. Hier lässt sich nur hoffen, dass die fast unangefochtene Deutungshoheit insbesondere von Beier in der Zukunft mehr infrage gestellt wird. Ausgerechnet der (zu Recht) in Ungnade gefallene Zunftkollege Beiers erinnert uns daran, wie schnell sich die Interpretation vermeintlicher Fakten ändern kann:

Sogar für wissenschaftliche Abhandlungen kann gelten, daß die Wahrheiten von heute die Lügen von morgen sind.
Helmut Kentler, „Sexualwesen Mensch“ (1984)

CC BY-SA

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2 Kommentare

Danke für diesen Einblick. Ich habe mich dazu entschlossen der Aufklärung auf Ewig fernzubleiben, da eine Person der ich vertraut habe meine Lebensweise in Frage gestellt hat. Als Quellen kam die Person mit eigenen Erfahrungen und lächerliche Quellenangaben irgendwelcher Anwaltsseiten, welche die Rechtslage unvollständig wiedergeben.

Gesetzesbegründungen, Urteile höherer Instanzgerichte wurden ignoriert und einem Anwalt mit KI-generierten Müll-Inhalten mehr vertrauen geschenkt.

Ich nehme das als eine Form der Diskriminierung wahr. Nach dem Motto; "es kann kein Unrecht geben, sondern du liegst falsch" auch wenn die Rechtslage klar ist. Das in diesem Bereich die Wahrscheinlichkeit einfach größer ist das Rechtstaatlichkeit vernachlässigt wird, wird verkannt. "Wirklichkeitsnah" wurde 3-4x vom Gesetzgeber definiert und daher zu sagen es gebe keine "Vorgabe", obwohl er selbst Comics und " Fiktion" von "wirklichkeitsnah und tatsächloch" abgrenzt indem er Comics von diesen beiden Begriffen abgrenzt ("nicht in gleicherweise notwendig WIE...").

Ich habe diese Diskussion schon mehrmals in meinem Leben geführt inkl. der Polizei und Ende immer Recht bekommen, aber dann von so einer Person verneint zu werdem tut weh. Wie vielen mit solchen Märchen geschadet wurde will ich gar nicht wissen. Die Wiedergabe der tatsächlichen Rechtslage scheint egal zu sein, so dass Betroffene weiter in eine Falle emotionaler Hoffnungslosigkeit getrieben werden. Eine für mich als eine schlimmste Form der Diskriminierung.

Euch weiterhin viel Glück. War schön mit Euch.

Das tut mir Leid für dich UwU. Ich finde das sehr schade und hätt dich gern irgendwann wieder bei uns gesehen. Alles Gute wünsche ich dir.

Sirius

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Mein Name hier ist Sirius – angelehnt an den Doppelstern im Großen Hund. Ich bin etwa Anfang 30, und studierter Informatiker. Seit meiner Jugend weiß ich, dass ich mich zu Kindern besonders hingezogen fühle. Und auch wenn der Umgang damit nicht immer einfach war, so hat es mich doch auch unter anderem zu meinem Rotkäppchen geführt, mit der ich in einer glücklichen Beziehung lebe. In meiner Freizeit versuche ich einen Beitrag zur Aufklärung über Pädophilie zu leisten, mache gerne Musik und verzweifle gelegentlich an der Gesellschaft.

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Das tut mir Leid für dich UwU. Ich finde das sehr schade und hätt dich gern irgendwann wieder bei uns gesehen. Alles Gute wünsche ich dir.
Danke für diesen Einblick. Ich habe mich dazu entschlossen der Aufklärung auf Ewig fernzubleiben, da eine Person der ich vertraut habe meine Lebensweise in Frage gestellt hat. Als Quellen kam die Person mit eigenen Erfahrungen und lächerliche Quellenangaben irgendwelcher Anwaltsseiten, welche die Rechtslage unvollständig wiedergeben. Gesetzesbegründungen, Urteile höherer Instanzgerichte wurden ignoriert und einem Anwalt mit KI-generierten Müll-Inhalten mehr vertrauen geschenkt. Ich nehme das als eine Form der Diskriminierung wahr. Nach dem Motto; "es kann kein Unrecht geben, sondern du liegst falsch" auch wenn die Rechtslage klar ist. Das in diesem Bereich die Wahrscheinlichkeit einfach größer ist das Rechtstaatlichkeit vernachlässigt wird, wird verkannt. "Wirklichkeitsnah" wurde 3-4x vom Gesetzgeber definiert und daher zu sagen es gebe keine "Vorgabe", obwohl er selbst Comics und " Fiktion" von "wirklichkeitsnah und tatsächloch" abgrenzt indem er Comics von diesen beiden Begriffen abgrenzt ("nicht in gleicherweise notwendig WIE..."). Ich habe diese Diskussion schon mehrmals in meinem Leben geführt inkl. der Polizei und Ende immer Recht bekommen, aber dann von so einer Person verneint zu werdem tut weh. Wie vielen mit solchen Märchen geschadet wurde will ich gar nicht wissen. Die Wiedergabe der tatsächlichen Rechtslage scheint egal zu sein, so dass Betroffene weiter in eine Falle emotionaler Hoffnungslosigkeit getrieben werden. Eine für mich als eine schlimmste Form der Diskriminierung. Euch weiterhin viel Glück. War schön mit Euch.
Habe das meiner Schwester gezeigt und ihre Reaktion war "das ist doch krank, oder was meinst du?". Hab dann gesagt das Gedankenverbrechen und die Gleichsetzung mit CSAM krank ist. Hat mir dann geantwortet das es ihr eig. egal ist solange es KI ist. Hab mich über die erste Reaktion gewundert, weil sie zu Besuch eig. immer meine Anime-Sammlung sieht...
Großartiger, sehr offener Bericht! Danke dir!
Der Fall ist ein weiteres Paradebeispiel dafür, dass sich Pädophile überhaupt nicht auf die Rechtsstaatlichkeit verlassen können; auch komplett legales Verhalten schützt uns nicht vor Verfolgung. Schon die Weitergabe der Daten von der Agentur für Arbeit an die Kripo war m. E. klar rechtswidrig, da Behörden sehr strengen Datenschutzregelungen unterliegen, und es in diesem Fall null Anzeichen für eine Straftat gab.