Dieser Text wurde ursprünglich am 12. April 2020 von Sirius auf kinder-im-herzen.net veröffentlicht.
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Sirius' Sonntagskiste #26: Mein Kopf platzt

Liebe Leser,

die aktuelle Corona-Krise scheint sich auch auf die Medienlandschaft auszuwirken, und so gibt es momentan kaum noch Berichte zum Thema Pädophilie (was zugegeben nicht unbedingt schlecht ist). Ich habe mich daher entschlossen, meine Sonntagskiste in nächster Zeit nur noch unregelmäßig im etwa zweiwöchentlichen Abstand zu veröffentlichen, bis sich die Lage wieder normalisiert hat.

Für die heutige Ausgabe habe ich einige interessante Themen aus den letzten Wochen gesammelt. So geht es einmal um die Berichterstattung um den kürzlich veröffentlichten Spielfilm "Kopfplatzen", dann gleich zweimal um Kinderbilder auf Instagram, und schlussendlich um ein äußerst verwirrendes Video des Sängers und Verschwörungstheoretikers Xavier Naidoo.

Sirius' Sonntagskiste

Sirius' Sonntagskiste ist mein persönlicher Wochenrückblick zum Thema Pädophilie. Jede Woche möchte ich Fundstücke zum Thema Pädophilie sammeln und meine Kiste mit Nachrichten, Medienartikel, Erlebnissen und Gedanken füllen. Jeden Sonntag werde ich dann an dieser Stelle meine Kiste öffnen um vorzustellen und zu kommentieren, was ich dort gesammelt habe. Das Ergebnis ist eine Reihe von Kommentaren und Gedanken zu aktuellen Themen, bei denen mir die Zeit für einen eigenen Blogbeitrag fehlt oder die einfach nicht umfangreich genug für einen eigenen Beitrag sind.
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  1. Mein Kopf platzt (15/2020)
  2. Ohne Tabus (17/2020)
  3. Verantwortung (19/2020)
  4. Rückkehr zur Tagesordnung (20/2020)
  5. Kinderentführer, Satanisten, Pädophile (21/2020)
  6. Den Pädo-Kriminellen den Kampf ansagen (22/2020)
  7. Hinunter in den Kaninchenbau (23/2020)
  8. Das Nachbeben von Münster (24/2020)
  9. Ja, aber... (25/2020)
  10. Echoes aus der Vergangenheit (26/2020)
  11. Volle Fahrt voraus und Kurs auf's Riff (27/2020)

1. Wenn der Kopf platzt

Am 2.4. hat der Film Kopfplatzen des Regisseurs Savaş Ceviz seine Premiere gefeiert (aufgrund der aktuellen Lage allerdings nur online per Video-on-Demand). In dem Film geht es um Markus, einen pädophilen Architekten (gespielt von Max Riemelt), der eine Freundschaft zu dem Sohn einer neu hinzugezogenen Nachbarin aufbaut und dabei stark mit seinen pädophilen Neigungen zu kämpfen hat.

Da ich den Film noch nicht gesehen habe, werde ich mich dazu selber noch nicht abschließend äußern. Einige Medien haben allerdings bereits über den Film berichtet, und es lohnt sich einen Blick darauf zu werfen, wie er dort aufgenommen wurde.

Filmkritikerin Katja Nicodemus hat sich etwa den ganzen Film über gefragt, ob Markus "einem Kind etwas antun wird", wie sie dem NDR berichtet. Laut Nicodemus "zieht der Film daraus keine billige Spannung. Sondern er zeigt den ernsthaften, verzweifelten Kampf dieses Menschen mit seiner Neigung."

Auf der Seite des Filmverleihers wird Markus selber als "potentieller Täter" bezeichnet und klargestellt, dass es nicht die Intention des Films ist, seine "mögliche Täterschaft" zu verharmlosen, auch wenn er die Perspektive von Markus einnimmt. Auch der Stern und der Volksfreund haben Markus als tickende Zeitbombe verstanden, der von seinen Begierden aufgefressen wird und ständig "kurz vor einem Übergriff" steht.

Damit scheint Markus eindeutig eine geplagte Seele im Sinne meiner Klassifizierung pädophiler Stereotypen zu sein – und es ist klar, dass dieser innere Kampf gegen sich selber und die daraus resultierende Bedrohung von Arthur, dem Jungen mit den Markus sich anfreundet, großes dramaturgisches Potential bietet und daher oft in solchen Geschichten verwendet wird. Problematisch wird es, wenn die Charakterisierung als realistisches Beispiel eines typischen Pädophilen verstanden wird.

Und so scheint der Film leider von vielen verstanden worden zu sein. So schreibt etwa die taz: "Kopfplatzen möchte zeigen, wie so ein Leben mit einem derartigen Dämon aussehen kann. Und er gelangt zu dem Schluss, dass es ein schreckliches ist. Eines, das zwischen Selbsthass, Scham und Einsamkeit changiert." Eine besonders problematische Kritik des Films findet sich auf quotenmeter:

Doch bevor die Macher Gefahr laufen, ihren Film als zu versöhnlich, zu sehr auf Seiten der Täter argumentierend anzulegen, streuen sie auch immer wieder Momente ein, in denen klar wird, was für eine Gefahr von Markus und damit stellvertretend von Pädophilen ausgeht. […] Damit umgeht Savaş Ceviz gekonnt den Fehler, falsche Sympathien für seine Hauptfigur zu schüren, stellt ihn aber auch nicht als Täter bloß, sondern betont zuverlässig die Gefahr der Störung aber auch die dringende Notwendigkeit, sich als Pädophiler dringend in notwendige Behandlung zu begeben.

Aus der Gefahr, die vielleicht von Markus innerhalb der erzählten Geschichte ausgeht wird also direkt eine Gefahr, die von allen Pädophilen ausgeht, die von der "Störung" selber ausgeht.

Mal ganz abgesehen von der massiven Stigmatisierung, die in diesen Zeilen zum Ausdruck kommt, ergibt sich daraus noch ein ganz anderes Problem. Und zwar dienen fiktive Geschichten und Charaktere nicht nur der Unterhaltung, sondern können auch als Leitfaden und Identifikationsfigur für das eigene Leben dienen. Das gilt ganz besonders für Menschen aus stigmatisierten gesellschaftlichen Randgruppen, die sonst keine realen Vorbilder haben. Wenn fiktive Geschichten über pädophile Menschen aber immer nur darum gehen, wie jemand mit sich selber kämpft und in jeder Szene kurz vor einem sexuellen Übergriff steht, dann kann dies dazu führen, dass pädophile Menschen, die sich solche Geschichten auf der Suche nach einer Identifikationsfigur ansehen dies als Selbstbild übernehmen, und sich also selber noch mehr als Gefahr und potentiellen Täter sehen. Das wiederum hat massive negative Auswirkungen auf das eigene Selbstbild, kann zu einer Vielzahl psychischer Probleme führen, und eventuell sogar zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden: wenn man sich immer wieder einredet, eine Gefahr für Kinder zu sein, dann wird man auch irgendwann zu einer Gefahr, alleine deswegen, weil sich die Gedanken immer wieder darum drehen, was man Kindern antun könnte. Diesen Mechanismus habe ich ausführlicher in meinen Beitrag Akzeptanz statt Prävention beschrieben.

Ich als pädophiler Mensch empfinde es außerdem als regelrechte Beleidigung, dass diese Darstellung jetzt als realistisches Porträt eines typischen Pädophilen aufgefasst und akzeptiert wird. Ich kann mich mit den Aspekten aus Markus' Leben, die in der Berichterstattung über den Film erwähnt werden, nicht identifizieren. Aber das scheint niemanden so wirklich zu interessieren. Anstatt, dass mit uns geredet wird, wird wieder einmal nur über uns geredet und eine fiktive dramaturgische Darstellung als Spiegelbild der Lebensrealität pädophiler Menschen akzeptiert, ohne dass nachgefragt wird, ob dies überhaupt so stimmt.

Wer sich den Film ansehen möchte, kann ihn im Salzgeber Club per VOD für 4,90€ streamen.

3. Promi-Paar Pochers PR-wirksame Profilierung mit Pädophilie

Was kann man machen, wenn man prominent ist und mit wenig Aufwand ein bisschen Aufmerksamkeit bekommen und sich positiv darstellen möchte?

Nun, man könnte zum Beispiel auf Instagram gehen, und dort einige Accounts melden, die Bilder von Kindern posten. Und wenn diese dann entfernt und gesperrt werden, könnte man groß verkünden, dass man eigenständig einen wichtigen Etappensieg gegen Pädophile im Netz erkämpft hat und darauf hoffen, dafür von den Medien gefeiert zu werden.

Die Idee hatten wohl auch Comedian Oliver Pocher und seine Frau Amira Pocher, und haben diese auch direkt in die Tat umgesetzt. Und das mit Erfolg: der Stern lobt in gleich zwei Artikeln ihren "Erfolg im Kampf gegen Pädophile", und RTL beschreibt dramatisch, wie die Polizei nach ihrer Initiative sofort eingeschritten ist. Auf t-online.de wird bewundert, wie Amira Pocher bereits seit längeren gegen Pädophile auf Instagram kämpft. Auch web.de und watson.de geben Oliver und Amira Pocher bereitwillig eine Plattform, für einen "ernsten Apell" gegen Pädophile, und auch in der Münchener Abendzeitung dürfen sich die beiden für ihren Erfolg gegen Pädophile selber feiern.

Die Pochers wollen nicht aufhören und weiterhin ihren Kampf gegen Pädophile medienwirksam fortsetzen, "egal was für ein Gegenwind kommen mag", sagt Amira Pocher. Doch was für ein Gegenwind ist schon groß zu erwarten, wenn man sich so heldenhaft und aufopferungsbereit gegen das große Schreckgespenst unserer Zeit engagiert?

4. 21-Jährige wird von Pädophilen belästigt

Bleiben wir bei Instagram und dem heroischen Kampf gegen Pädophile. Vielleicht inspiriert von der PR-Aktion der Pochers, hat die Online-Plattform Chip ihre eigene Investigation auf Instagram gestartet. Unter der hetzerischen Überschrift Wie Pädophile ihre Beute auf Instagram anschreiben wird erklärt, dass Bilder Minderjähriger womöglich in den Händen Pädophiler landen können. Dafür hat CHIP auch direkt ein Beispiel parat und beschreibt das Schicksal von Anna, die gerne Bilder von sich auf Instagram postet und öfter mal anzügliche Kommentare bekommt. Anna ist übrigens 21 – aber irgendwie hat das wohl doch was mit Pädophilie zu tun, denn sie sieht halt "deutlich jünger aus". Anna ist jedenfalls angewidert davon, dass es pädophile Menschen auf Instagram gibt, und möchte von CHIP wissen, was dagegen gemacht wird.

Der Artikel beschreibt dann weiter, dass Bilder von Kindern auf Instagram auch von einer "sehr großen Dunkelziffer" von pädophilen Menschen gesehen werden können, ohne allerdings zu beschreiben, warum das ein Problem ist. Dann wird noch davor gewarnt, dass Jugendliche oft mit sexuellen Absichten angeschrieben werden, ohne allerdings zu beschreiben, was das mit Pädophilie zu tun hat.

Immerhin wird wenigstens erwähnt, dass nicht jeder Missbrauchstäter pädophil und nicht jeder Pädophile ein Missbrauchstäter ist.

5. Die Wirren des Xavier Naidoo

Sänger Xavier Naidoo hat in der Vergangenheit schon öfter negative Schlagzeilen wegen Videos gemacht, in denen er rechtsextreme, antisemitische und homophobe Ansichten geäußert oder Verschwörungstheorien verbreitet hat. Nun mach ein aktuelles Video von ihm die Runde, in dem er vier Minuten lang am Rande eines emotionalen Zusammenbruchs ist, bevor er erklärt: "Wenn ich’s richtig verstehe, werden in diesen Momenten in verschiedenen Ländern der Erde Kinder aus den Händen pädophiler Netzwerke befreit. Aber nicht so, wie ihr denkt."

Sehr ominös. Ich frage mich nur, was man machen muss, um in diese pädophile Netzwerke eingeladen zu werden? Mich hat jedenfalls noch nicht jemand gefragt, ob ich als Teil der satanistisch-pädophilen Verschwörung die Welt beherrschen möchte :(

6. Kriminalisierung pädophiler Menschen in den Medien

Nicht jeder pädophile Mensch wird zum Straftäter, und die meisten Kindesmissbrauchstäter und Konsumenten von Kinderpornographie sind nicht pädophil.

Leider wird diese wichtige Unterscheidung in den Medien oft nicht gemacht, und Pädophilie mit Straftaten oft in einen Topf geworfen. Gerade das trägt aber massiv zur Stigmatisierung pädophiler Menschen bei, da die meisten Menschen so den Eindruck gewinnen, dass Pädophilie und Kindesmissbrauch ein und dieselbe Sache ist. Um auf dieses Problem aufmerksam zu machen, möchte ich hier jede Woche Beispiele für diese Behandlung des Themas Pädophilie in den Medien sammeln.



(fr.de)


(volksfreund.de)


(yahoo.com)


3. Zeig Dich

Im Zuge einer aktuellen Kontroverse um den Rammstein-Sänger Till Lindemann wurde auch erwähnt, dass sich Lindemann in der Vergangenheit mit dem Thema Pädophilie beschäftigt habe. Mit ein bisschen Recherche habe ich herausgefunden, dass sich diese Behauptung wahrscheinlich auf das Lied Zeig Dich des 2019 veröffentlichten Albums Rammstein bezieht.

In dem Lied geht es zwar nicht um Pädophilie, sondern um kirchlichen Missbrauch an Kindern. So heißt es in der letzten Strophe: "Aus Versehen sich an Kindern vergehen, verbreiten und vermehren im Namen des Herren". Aber naja, ich lass das Lied dennoch mal hier zum Abschluss stehen.

Bis zum nächsten Mal,
Sirius