Dieser Text wurde ursprünglich am 5. Januar 2020 von Sirius auf kinder-im-herzen.net veröffentlicht.
Der Beitrag kann unter dieser URL aufgerufen werden: https://kinder-im-herzen.net/blog/sirius-sonntagskiste-nr-14-2020.

Sirius' Sonntagskiste #14: 2020!

Liebe Leser,

ich hoffe, Ihr seid gut ins neue Jahr gerutscht und nun bereit, mit mir die erste Sonntagskiste des Jahres 2020 zu öffnen. Wie immer habe ich auch diesmal ein paar interessante Fundstücke mitgebracht. Auch diese Woche sind das leider hauptsächlich stigmatisierende und reißerische Berichte und Artikel zum Thema Pädophilie. Darunter findet sich aber auch eine umso bemerkenswertere Ausnahme eines Spiegel-Kolumnisten, der es schafft die Medienhetze kritisch zu hinterfragen.

Sirius' Sonntagskiste

Sirius' Sonntagskiste ist mein persönlicher Wochenrückblick zum Thema Pädophilie. Jede Woche möchte ich Fundstücke zum Thema Pädophilie sammeln und meine Kiste mit Nachrichten, Medienartikel, Erlebnissen und Gedanken füllen. Jeden Sonntag werde ich dann an dieser Stelle meine Kiste öffnen um vorzustellen und zu kommentieren, was ich dort gesammelt habe. Das Ergebnis ist eine Reihe von Kommentaren und Gedanken zu aktuellen Themen, bei denen mir die Zeit für einen eigenen Blogbeitrag fehlt oder die einfach nicht umfangreich genug für einen eigenen Beitrag sind.
Alte Kisten
2019

[#1] [#2] [#3] [#4] [#5] [#6] [#7] [#8] [#9] [#10] [#11] [#12] [#13]

2020

[#14] [#15] [#16] [#17] [#18] [#19] [#20] [#21] [#22] [#23] [#24] [#25]

  1. Mein Kopf platzt (15/2020)
  2. Ohne Tabus (17/2020)
  3. Verantwortung (19/2020)
  4. Rückkehr zur Tagesordnung (20/2020)
  5. Kinderentführer, Satanisten, Pädophile (21/2020)
  6. Den Pädo-Kriminellen den Kampf ansagen (22/2020)
  7. Hinunter in den Kaninchenbau (23/2020)
  8. Das Nachbeben von Münster (24/2020)
  9. Ja, aber... (25/2020)
  10. Echoes aus der Vergangenheit (26/2020)
  11. Volle Fahrt voraus und Kurs auf's Riff (27/2020)

1. Hinterfragen, was kaum hinterfragt wird

(spiegel.de, 2.1.2020)

Der ehemalige Vorsitzende des Bundesgerichtshofs, Thomas Fischer, hat einen sehr lesenswerten Kommentar im Spiegel über die vorgeschlagene Gesetzesänderung verfasst, die es Ermittlern erlauben soll fiktive Kinderpornographie einzusetzen (ich habe in meiner Sonntagskiste #8 ebenfalls darüber geschrieben). In seinem Kommentar kritisiert Fischer unter anderem die reißerische Berichterstattung zu dem Thema, die mit Worten wie "abscheulich" oder "fürchterlich" um sich wirft und durch diese Dramatisierung wichtige Differenzierungen verschwinden lässt. Außerdem stellt er eine sehr richtige Frage:

Wenn bei fiktivem Material "die Betroffenheit von Rechtsgütern Dritter (gemeint: von Kindern) ausgeschlossen" wäre, so wäre gar nicht erklärbar, warum das Verbreiten überhaupt strafbar sein soll. Es ist nicht nachvollziehbar, dass Material, durch das gar keine Rechtsgüter verletzt oder gefährdet werden, nur Polizisten und Staatsanwälte verbreiten dürfen sollen, während alle anderen für dieselbe ungefährliche Handlung bestraft werden. Und warum soll Bezug und Besitz von Material, das keine Gefahr für fremde Rechtsgüter birgt, nicht Personen erlaubt sein, die zwar pädophil sind, aber keine Missbrauchstaten begehen wollen? Für solche Menschen hält die Rechtsordnung heute allein die Auskunft bereit, dass alles, was sie jemals zur Verwirklichung ihrer sexuellen Fantasien tun könnten, mit Freiheitsstrafe oder lebenslanger Unterbringung bestraft wird, selbst wenn es "rein fiktiv" ist. Der heterosexuelle oder homosexuelle Mensch fände das, wenn man es ihm zum 14. Geburtstag offenbaren würde, ziemlich unmenschlich.

Auch wenn der Kommentar etwas länger ist, kann ich nur empfehlen ihn in seiner Gänze zu lesen.

2. BLICK macht Missbrauch zum "Pädo-Skandal"

(blick.ch, 4.1.2020)

Einen besonders reißerischen Artikel möchte ich diese Woche separat erwähnen. Wie immer lohnt es sich, in solchen Fällen erst einmal die Fakten aufzuzählen: einem Betreuer in einer KiTa wird der Besitz von Kinderpornographie und der Missbrauch mehrerer Kinder vorgeworfen, wovon er zum Teil auch Aufnahmen angefertigt haben soll. Der Prozess gegen ihn beginnt Ende Januar.

Und der Blick macht daraus:

Nicht nur, dass der Blick die rechtstaatlichen Grundprinzipien völlig ignoriert und noch vor einem rechtskräftigen Urteil von den Anklagepunkten gegen den Betreuer so spricht, als wären es Taten für die er verurteilt wurde (daran ändert auch ein nachgeworfenes "Es gilt die Unschuldsvermutung." nichts). Mit schon böswillige anmutender Konsistenz betont der Blick die angebliche Pädophilie des Angeklagten, redet von "Kita-Pädo", "Pädo-Betreuer", "pädophiler Kita-Betreuer", "Pädo-Seiten" oder "Pädo-Skandal".

4. Straftaten gegen Jugendliche und Pädophilie: der dritte Teil

In letzter Zeit scheinen sich Medienberichte zu häufen, die nicht nur Straftaten gegen Kinder mit Pädophilie gleichsetzen, sondern allgemein Straftaten gegen Minderjährige – also auch Jugendliche, welche die Pubertät schon erreicht haben und damit für einen pädophilen Menschen schon per Definition uninteressant sind. Schon in meinen letzten beiden Sonntagskisten habe ich Beispiele darüber erwähnt. Diese Woche gibt es noch weitere Berichte, die in diese Richtung gehen.

So sorgte ein neues Buch der Autorin Vanessa Springora, in dem sie über eine Beziehung schreibt die sie als 14 mit dem damals 50-jährigen Gabriel Matzneff hatte, dafür dass Medien wie nau.ch oder die Saarbrücker Zeitung von "Pädophillie-Vorwürfen" gegen Matzneff schreiben.

Auf ähnliche Art wurde auch die Frage nach einer pädophilen Neigung in einem Prozess um die Vergewaltigung und Ermordung einer 14-jährigen gestellt. Darüber berichtet der Tagesspiegel und der RBB. Für den Tagesspiegel ist eine pädophile Neigung sogar eine hinreichende Erklärung für den Mord an einer 14-jährigen: "Pädophilie oder skrupelloser Gewalttäter" sind für ihn die einzigen möglichen Erklärungen für so eine Tat. Immerhin erwähnt der Gutachter des Angeklagten, dass man nicht pädophil sein müsse, um derartige Taten zu begehen…

5. Kriminalisierung pädophiler Menschen in den Medien

Nicht jeder pädophile Mensch wird zum Straftäter, und die meisten Kindesmissbrauchstäter und Konsumenten von Kinderpornographie sind nicht pädophil.

Leider wird diese wichtige Unterscheidung in den Medien oft nicht gemacht, und Pädophilie mit Straftaten oft in einen Topf geworfen. Gerade das trägt aber massiv zur Stigmatisierung pädophiler Menschen bei, da die meisten Menschen so den Eindruck gewinnen, dass Pädophilie und Kindesmissbrauch ein und dieselbe Sache ist. Um auf dieses Problem aufmerksam zu machen, möchte ich hier jede Woche Beispiele für diese Behandlung des Themas Pädophilie in den Medien sammeln.

(aargauerzeitung.ch)


(tagesspiegel.de)


(zdf.de)


6. Fisch und Vogel

Es gibt nur wenige Lieder, in denen es explizit um Pädophilie geht, und die sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigen. Viele Lieder lassen sich zwar irgendwie auch in dem Kontext interpretieren, aber es erfordert eben eine Interpretation. Fish and Bird von Tom Waits ist eines dieser wenigen Ausnahmen. Das Lied stammt aus dem Album "Alice", welches wiederum auf einem Theaterstück über Charles Dodgsons (besser bekannt als Lewis Carroll) Liebe zur 7-jährigen Alice Liddell beruht, für das Waits die Musik geschrieben hat. "Fish and Bird" beschreibt also Dodgsons Sehnsucht zu Alice; eine Sehnsucht, die letzten Endes unerfüllt bleiben muss, weil er – als erwachsener Mann – und sie – als junges Kind – in unterschiedlichen Welten leben, eben wie ein Fisch im Meer und ein Vogel in der Luft. Zu versuchen, diese Barriere zu durchbrechen und sich zu vereinigen kann nur zu Verletzung führen.


Bis zum nächsten Sonntag,
Sirius