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Review: "Die umstrittene Jagd auf Pädokriminelle"

Von Regenbogenfisch, Rubricappula

Inhaltshinweis

In diesem Artikel werden Fälle von Gewalt sowie Gewaltfantasien gegenüber Pädophilen geschildert.

Disclaimer

In diesem Artikel geht es unter anderem um Maschen, mit denen selbsternannte "Pädojäger" versuchen, Männer in die Falle zu locken, die im Internet Kinder mit dem Ziel anschreiben, sich mit diesen für sexuelle Handlungen zu treffen. Kritik an dem Vorgehen der "Pädojäger" ist nicht gleichbedeutend mit Toleranz oder Verständnis für die Taten dieser Männer. Wir verurteilen sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern sowie Versuche solche anzubahnen scharf.

Im Januar diesen Jahres erreichte uns eine E-Mail des Journalisten und Filmemachers Tobias Dammers, der uns, insbesondere Sirius, bezüglich einer möglichen Mitwirkung an einer Dokumentation über selbsternannte "Pädojäger" anfragte. Er schrieb darin, dass er das Thema gerne aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten und zu dem Zweck auch verschiedene Stimmen zu Wort kommen lassen möchte. Insgesamt machte er den Eindruck, als sei er sich der Problematik des "Pedohuntings" durchaus bewusst und zeigte uns, dass er einige unserer Beiträge zu dem Thema schon kannte. Darunter war auch ein Video von Sirius, in dem dieser sich kritisch mit Aussagen und Behauptungen des "Pädojägers" Marvin Ojaghi auseinandergesetzt und dessen Rolle bei den Angriffen auf unsere Seite Wir sind auch Menschen beleuchtet hatte.

Eben jener Marvin Ojaghi ist der Hauptdarsteller der nun in der ARD-Mediathek erschienenen Dokumentation Dammers, während Sirius, der sich zu einem Interview bereit erklärt hatte, kurzfristig abgesagt wurde - er kommt in der Doku nicht vor. Für uns Grund genug, die Dokumentation mit dem Titel Die umstrittene Jagd auf Pädokriminelle näher unter die Lupe zu nehmen und zu überprüfen, ob Sirius wirklich nichts Relevantes mehr zu dem Thema hätte beitragen können.

Pädophil? Pädokriminell? Der Umgang mit Begriffen und Fakten

Wenn wir Dokumentationen schauen, die sich in irgendeiner Form mit dem Themenkomplex Pädophilie beschäftigen, interessiert uns zuallererst, ob Begrifflichkeiten wie Pädophilie korrekt verwendet werden, ob - auch sprachlich - zwischen Pädophilen und Missbrauchstätern unterschieden wird und ob sonstige Definitionen und Fakten korrekt dargestellt werden. Positiv ist in diesem Zusammenhang, dass Tobias Dammers auf die Wichtigkeit der Unterscheidung zwischen Pädophilen und Pädokriminellen1 hinweist. Er erklärt, dass es sich bei Pädophilie lediglich um die Neigung handelt, welche nicht strafbar ist, während Pädokriminelle sich tatsächlich an Kindern vergehen. Das Problem dabei ist nur, dass Dammers zu diesem Zeitpunkt die Bezeichnung "Pädophile" bereits mehrfach falsch verwendet und als Synonym für Straftäter genutzt hat. So redet er davon, dass Marvin mutmaßliche Pädophile jagd, dass ein mutmaßlicher Pädophiler vor Gericht muss oder dass tausende Menschen im Netz radikale Strafen "gegen Pädophile wie ihn" fordern. Anschließend wird Georg eingeblendet - ein pädophiler Mann, der sexuelle Handlungen mit Kindern ablehnt.

Fairerweise muss man anmerken, dass viele Menschen tatsächlich Strafen für unschuldige Pädophile fordern. Dennoch hätte es hier einer Einordnung bedurft, um klarzustellen, dass es sich bei Georg nicht um einen der Männer, die im Internet sexuelle Kontakte zu Kindern anbahnen, handelt (und nie gehandelt hat).

Als Dammers Marvin darauf anspricht, dass dieser eine Petition bewirbt, die eine "Verschärfung der Strafen gegen Pädophile" fordert, erklärt Marvin, dass "Pädokriminelle" ein zu langes Wort sei, das - im Gegensatz zu "Pädophile" - nicht gut auf das Plakat passen würde, das er mit sich trägt. Eine offensichtlich äußerst dürftige Rechtfertigung, die Tobias Dammers aber nicht weiter kommentiert, ebenso wie die Aussage Marvins, gemeint seien "natürlich diejenigen, die aktiv Straftaten begehen". Ein Blick in Marvins Petition lässt an dieser Behauptung jedoch berechtigte Zweifel aufkommen. So ist darin davon die Rede, dass "pädophile Neigungen (Neigungen, nicht Handlungen, Anm. der Autoren) schwere und irreversible Schäden bei Kindern verursachen" könnten, "Pädophilie nicht nur eine sexuelle Neigung, sondern eine schwere Bedrohung für die körperliche und seelische Integrität von Kindern" sei und "der Kontakt mit einem Pädophilen für Kinder tiefgreifende negative Auswirkungen" habe. Hat Dammers die Petition, bei deren Bewerbung er Marvin begleitet, nicht gelesen, oder hält er diese Aussagen - trotz seinem Hinweis auf die Wichtigkeit der Unterscheidung zwischen Neigung und strafbaren Handlungen - schlichtweg nicht für problematisch?2

In einem Tiktok-Video (das Dammers bekannt ist) zeigt Sirius zudem auf, wie Marvin gegen Pädophile hetzt und dabei unter anderem behauptet, die meisten Pädophilen seien Straftäter, uns auffordert, unsere Webseite (die sich wie alle unsere Projekte klar gegen sexuelle Handlungen mit Kindern und Kinderpornografie ausspricht) zu löschen und Ankündigungen seiner Community, uns Beleidigungen und Drohungen zu schicken, ignoriert oder mit Lachemojis ("😂😂😂😂") kommentiert. Ein kritischer Journalist würde Marvin damit konfrontieren, Dammers erwähnt dies jedoch mit keinem Wort. Spätestens hier ist es zu bedauern, dass Sirius keine Möglichkeit bekommen hat, seine Sicht der Dinge darzulegen, damit zumindest eine Person Marvins Behauptungen widersprechen und diese richtigstellen kann.

Dazu kommt, dass sowohl Marvin als auch die Polizei und der Gewalttäter Alexander, der im weiteren Verlauf der Dokumentation zu Wort kommt, sich nie als Kinder unter 12 Jahren ausgeben, um Männer anzulocken. Damit hat keiner der beschriebenen Fälle überhaupt etwas mit Pädophilie zu tun. Lediglich Georg ist in der Doku ein "echter" Pädophiler. Zur Erinnerung, Pädophilie beschreibt die Anziehung zu vorpubertären Kindern. Der korrekte Begriff in Bezug auf pubertäre Kinder und Jugendliche wäre hier Hebephilie. Jedoch ist dieser in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt und scheinbar nicht nur für Marvin, sondern auch für Tobias Dammers nicht dazu geeignet, genügend Aufmerksamkeit zu generieren. Problematisch ist zudem, dass Fakten, die Dammers nennt, sich explizit auf Pädophilie, nicht auf Hebephilie beziehen. So spricht er davon, dass schätzungsweise 1 % der Männer in Deutschland pädophile Neigungen haben. Hebephilie ist im Vergleich deutlich häufiger. In einer Umfrage gaben etwa ein Drittel der befragten Männer zwischen 40 und 79 Jahren an, sexuelle Fantasien mit pubertären Mädchen zu haben.

Ebenso ist die medizinische Einordnung von Pädophilie als "Verhaltensstörung" gleich in mehrerlei Hinsicht falsch. Selbst wenn wir ignorieren, dass die meisten beschriebenen Fälle mehr mit Hebephilie als mit Pädophilie zu tun haben, wird Pädophilie in der neusten, elften Fassung des ICD (International Classification of Diseases) ebenfalls nicht mehr grundlegend als Störung klassifiziert. Und auch wenn Dammers sich am veralteten ICD-10 orientiert, handelt es sich bei Pädophilie nicht um eine Verhaltensstörung, da sich Pädophilie nicht auf die Ebene des Verhaltens, sondern auf die des persönlichen Erlebens bezieht.

Und um noch einen weiteren Fakt, den Dammers nennt, einzuordnen; er erwähnt eine Umfrage, laut der ein Viertel aller Kinder zwischen 8 und 17 Jahren bereits online sexuell von Erwachsenen kontaktiert worden ist. Zum einen gelten Minderjährige ab 14 Jahren in Deutschland nicht mehr als Kinder, sondern als Jugendliche, zum anderen stellt es offensichtlich einen Unterschied dar, ob ein Erwachsener (der immerhin selbst erst 18 sein kann) 16- oder 17-jährige sexuell anschreibt oder ob er dies bei Kindern unter 14 Jahren tut. In dieser Form sagt diese Zahl erstmal nicht besonders viel aus.3

Die gefährliche Verharmlosung der "Pädojäger" geht in die nächste Runde

Bevor wir uns weiter mit der vorliegenden Dokumentation beschäftigen, sollten wir an dieser Stelle vielleicht einmal erklären, was die sogenannten "Pädojäger" überhaupt sind, wie diese vorgehen und was an ihnen so problematisch und gefährlich ist.4 Es handelt sich hierbei um ein erstmals in den 2000er Jahren in den USA aufgetretenes und inzwischen weltweit verbreitetes Phänomen, bei dem sich Gruppen selbsternannter "Pädojäger" bilden, um vermeintliche Pädophile zu "jagen" und zu "bestrafen". Dabei geben sie sich meist im Internet als minderjährige Mädchen aus, um Treffen mit erwachsenen Männern zu vereinbaren. Am Treffpunkt warten die "Pädojäger", um die Männer in einigen Fällen Social Media-wirksam an die Polizei zu übergeben, in vielen Fällen aber auch um Selbstjustiz zu verüben. So häufen sich Fälle, in denen gewaltbereite Mobs Personen, von denen sie behaupten sie seien pädophil, ausgeraubt, erniedrigt, krankenhausreif geschlagen oder sogar zu Tode gefoltert haben.

Britische Forscher sahen in dem Trend der „Pädojäger“ schon 2020 Menschenrechtsverstöße, die gesellschaftlich nicht akzeptiert werden dürfen. In Luxemburg wird inzwischen über ein Gesetz diskutiert, das es der Polizei erlaubt, besser gegen jene selbsternannten "Pädojäger" vorzugehen. Und auch in Deutschland hat der Verfassungsschutz mittlerweile darauf hingewiesen, dass Rechtsextreme verstärkt auf das Thema "Pädophilie" und "Pedohunting" setzen, um neue gewaltbereite Mitglieder zu rekrutieren. Das Thema "Pädophilie" eignet sich hierbei deshalb so gut, weil Pädophile aus gesellschaftlicher Sicht als vogelfrei gelten und alleine der Hinweis auf eine mögliche pädophile Neigung für viele ausreicht, um selbst schwerste Gewalt zu rechtfertigen.

Neben denjenigen "Pädojäger"-Gruppen, die offensichtliche Straftaten begehen, gibt es auch solche, die (obwohl sie wie Marvin in der Vergangenheit mitunter bereits strafbare Selbstjustiz verübt haben) von sich behaupten, sich im legalen Bereich zu bewegen und die Männer am Treffpunkt lediglich an die Polizei zu übergeben. Dabei filmen sie die Konfrontationen oftmals oder streamen sie direkt live für tausende von Zuschauern auf den sozialen Medien. Ob sie sich damit tatsächlich im legalen Bereich bewegen, ist zumindest fraglich. Bei der Art wie diese "Pädojäger" die Männer, die ihnen in die Falle gegangen sind, an der Flucht hindern und einschüchtern, handelt es sich wahrscheinlich durchaus um strafrechtlich relevante Nötigung. In jedem Fall teilen sie die gleiche undifferenzierte und menschenverachtende Sicht auf Pädophile, als eine zu jagende Personengruppe, und erhöhen im Sinne eines stochastischen Terrorismus die Wahrscheinlichkeit, dass sich unter ihren Nachahmern auch solche befinden, die zu Gewalt bereit sind. So gaben in der vorliegenden Dokumentation mehrere wegen schwerer Körperverletzung, versuchten Mordes und räuberischer Erpressung angeklagte bzw. verurteilte Männer an, von "Pädojägern" auf Social Media zu ihren Taten inspiriert worden zu sein.

Zurück zur Dokumentation: Tobias Dammers klärt darin über die Vereinnahmung des Themas "Pädophilie" durch rechtsextreme Kräfte auf und zeigt, wie diese Hass und Hetze verbreiten, radikale Strafen fordern und auch auf den Trend des "Pedohuntings" setzen - einer der wenigen uneingeschränkt guten Momente der Doku. Während Marvin auf der Straße unterwegs ist, um seine Petition zu bewerben, wird auch er von einem Passanten als "Nazi" bezeichnet. Marvin erwidert hier, dass das Narrativ, dass "Pädojäger" aus der "rechten Ecke" kommen, lediglich von den Medien stammen würde und er selbst keiner politischen Richtung angehöre. Auch diese Aussage würden wir zumindest mit einem Fragezeichen versehen, immerhin hat Marvin auf seinen Kanälen bereits wiederholt gegen die Grünen gehetzt und behauptet, diese würden Kindesmissbrauch legalisieren wollen - ein typisch rechtes Narrativ.5

In einem Gespräch mit der Polizistin Jessica Bauschke erfährt Tobias Dammers, dass die Aktionen der "Pädojäger" die Bemühungen der Polizei, Sexualstraftäter zu fassen, im besten Fall erschweren und ihre Arbeit im worst case komplett zunichte machen. Sie betont, dass es sich um eine Arbeit handelt, die die Polizei machen sollte und dass sie die Effekthascherei und Selbstjustiz der "Pädojäger" nur massivst ablehnen könne. Marvin sieht dies selbstredend komplett anders und prahlt im Laufe der Dokumentation damit, dass es im Zuge seiner "Arbeit" zu 18 oder 19 Verurteilungen gekommen sei. Dammers Recherchen zufolge gibt es allerdings lediglich vier bestätigte Verurteilungen. Zudem merkt er an, dass ihn Marvins Hang zur Selbstinszenierung irritiere. Hier wird er zumindest ein wenig kritisch.

Es werden auch Videoausschnitte von Marvin eingeblendet, die zeigen wie er eines seiner Opfer schlägt sowie damit droht, jemanden so lange zu schlagen bis er sein Geschlecht wechselt.6 Zudem erwähnt Tobias Dammers, dass Marvin bereits wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe verurteilt wurde und verschiedene Sicherheitsbehörden ihn wegen Mobbings und Bedrohungen auf dem Schirm haben. Marvin selbst betont, er würde Gewalt ablehnen. Daraufhin fährt Dammers fort und redet davon, dass im Gegensatz dazu andere "Pädojäger" deutlich weiter gehen. Ohne Frage gibt es "Pädojäger, die weiter gehen als Marvin es tut, aber Dammers tut geradewegs so als hätte er die Videoauschnitte, die noch Sekunden zuvor eingeblendet wurden und ganz eindeutig Marvins Gewaltbereitschaft belegen, nicht gesehen.

Anschließend besucht Tobias Dammers einen Prozess, bei dem vier selbsternannte "Pädojäger" zwischen 18 und 20 Jahren unter anderem wegen versuchten Mordes angeklagt sind. Einer der Angeklagten soll durch "Pädojäger" auf Social Media inspiriert worden sein und in den Videos eine moralische Rechtfertigung für sich gesehen haben, diese Taten ebenfalls zu begehen und Pädophile zu "bestrafen".

Dammers besucht auch den wegen Raub, Menschenraub und Körperverletzung zu sieben Jahren Haft verurteilten "Pädojäger" Alexander im Gefängnis. Dammers spricht vor dem Gespräch davon, dass er über Alexander gar nicht so viel wisse, außer dass er Pädophile ausgeraubt hat und spricht später davon, dass seine Masche hier ebenfalls gewesen sei, sich als 13-jähriges Mädchen auszugeben. Vielleicht wäre es an der Stelle gar nicht so schlecht gewesen, Dammers hätte sich ein wenig über Alexander informiert. Tatsächlich hat es nur in vier der acht Taten, für die Alexander angeklagt wurde, überhaupt einen minderjährigen Lockvogel gegeben. In drei Fällen hat es sich um "„sehr junge, aber volljährige" Frauen gehandelt, als die er sich ausgegeben hat, um seine Opfer zu den Treffen zu locken, in einem Falls sei es sogar eine reine Zufallsbekanntschaft gewesen.

Mit Pädophilie und auch mit Hebephilie hatten also allenfalls die Hälfte der Fälle, für die er angeklagt wurde, überhaupt etwas zu tun. Vielmehr hat Alexander das Stigma gegenüber Pädophilen genutzt, um sich selbst zu bereichern und Gewalt auszuüben. Das Gespräch selbst bietet quasi keine für die Dokumentation relevanten Informationen, Alexander nutzt die Zeit vor der Kamera vor allem, um sich einen abzulachen und mehr oder weniger direkt zu verstehen zu geben, dass er seine Taten nicht bereut und sich nach wie vor für einen ziemlich geilen Typ hält, sowie um zu behaupten, dass es ihm einfach darum gegangen sei, Pädophilen einen Denkzettel zu verpassen und es dann "etwas ausgeartet" sei (so nennt man das also, wenn man Menschen mit einer Waffe bedroht). Außerdem wurde natürlich auch er von "Pädojägern" auf Social Media inspiriert. Dammers sagt dazu, dass er Alexander nicht abkaufe, dass es ihm nur darum ging, Pädophile einzuschüchtern. Was die Frage aufwirft, wäre es denn in Ordnung gewesen, wenn es ihm nur darum gegangen wäre?

Tobias Dammers weiß also um die Verbindung zwischen "Pädojägern" und der rechtsextremen Szene, die Tatsache, dass Täter, die schwerste Gewalt gegen ihre Opfer anwenden, durch Online-"Pädojäger" inspiriert wurden, dass die Polizei die Aktionen der "Pädojäger" als kontraproduktiv für ihre Arbeit einschätzt und dass Marvin durchaus gewaltbereit ist. Dennoch begleitet Dammers Marvin auf einer seiner Menschenjagden, legitimiert diese auf die Weise und macht damit jede leise kritische Einordnung, die es im Verlauf der Dokumentation gegeben hat, wieder zunichte. Denn wer würde an einer Aktion teilnehmen, die er für ernsthaft problematisch und ethisch nicht vertretbar hält? Gerade weil er weiß, dass "Pädojäger" wie Marvin Nachahmer inspirieren, die ggf. noch gewaltbereiter als er sind, ist dieses Verhalten absolut unverantwortlich und muss deutlich kritisiert werden.

Georgs dreieinhalb Minuten

Wie bereits kurz erwähnt hat auch Georg, ein pädophiler Mann, einen Auftritt in der Dokumentation, um den von Dammers in seiner Mail erwähnten anderen Blickwinkel beizusteuern. Dabei fällt auf, dass der Abschnitt der Dokumentation, in dem es um Georg geht, wesentlich geringer ist als der, in dem es um Marvin geht. Knapp 40 % der Dokumentation nimmt Marvin ein, beim Gewalttäter Alexander sind es 12 % und bei Georg etwa 11 % (3:30 Minuten). Das heißt, die beiden selbsternannten "Pädojäger" haben zusammen etwa fünfmal so viel Zeit, ihre Sichtweise darzulegen wie Georg. Nach einer ausgeglichenen Dokumentation sieht das für uns nicht aus (zumal es zu Personen, die Menschenjagd betreiben, gar keine zwei Sichtweisen geben sollte). Dazu kommt, dass ein Teil von Georgs "Screentime" davon eingenommen wird, zu erwähnen, welche Bilder sich Georg vor 30 Jahren angesehen hatte, dass er anschließend in Therapie war sowie mit der (sachlich falschen) Einordnung von Pädophilie als Verhaltensstörung.

Dennoch sorgt Georg für den vielleicht besten Moment der Doku, als er nämlich straffällige von nicht straffälligen Pädophilen abgrenzt und letztere dabei als "normale Pädophile" bezeichnet. Er widerspricht damit deutlich dem unter anderem von Marvin propagierten Narrativ, die meisten Pädophilen seien Straftäter. Zudem spricht er davon, dass selbsternannte "Pädojäger" das Stigma gegenüber Pädophilen verstärken, indem sie von Pädophilen sprechen, aber Missbrauchstäter meinen. Hier müssen wir Georg allerdings dahingehend verbessern, dass viele "Pädojäger" nicht nur Missbrauchstäter meinen. Marvin hat, wie oben bereits erwähnt, wiederholt deutlich gemacht, wie sehr er alle Pädophilen verachtet. Andere "Pädojäger" wie Alexander nutzen das Stigma gegenüber Pädophilen gezielt, um sich selbst zu bereichern und zum Teil brutale Gewalt vor sich und anderen zu rechtfertigen.

Dass Georg die "Arbeit" der auf den Social Media aktiven "Pädojäger" schätze, solange sie Kriminelle der Polizei übergeben, halten wir für kritisch. Wie wir bereits eingeordnet haben, bewegen auch diese "Pädojäger" sich oftmals in einem juristischen Graubereich, behindern die Arbeit der Polizei und inspirieren möglicherweise gewaltbereite Nachahmer. Hier hätten wir uns gewünscht, dass Georg klare Worte findet und das Phänomen "Pädojäger" egal unter welchem Namen ablehnt.

Eindrücklich ist dann wieder, als Georg aufzählt, auf welche brutalen Arten sich Menschen seinen Tod wünschen: "Zerstückeln, Gaskammer, Aufhängen, Erschießen, an die Wand stellen, Verbrennen".7 Absurd, welche Gewaltfantasien alleine die Existenz pädophiler Menschen in vielen Leuten auslöst. Absurd auch, dass das, was Tobias Dammers an dem Gespräch mit Georg am meisten mitgenommen hat, nicht der Hass gegenüber Pädophilen ist, sondern die Tatsache, dass er gerade mit einem Pädophilen gesprochen hat. Im Vergleich dazu zeigt er nach dem Gespräch mit dem verurteilten Gewalttäter Alexander keine vergleichbare emotionale Betroffenheit. Ist es wirklich belastender mit einem Pädophilen zu sprechen als mit einem Gewalttäter, der Menschen ausgeraubt und mit einer Waffe bedroht hat?

Zudem darf Georg keine Werbung für Projekte, an denen er beteiligt ist, wie Schicksal und Herausforderung oder gar für Wir sind auch Menschen, machen. Marvin dagegen kann in der Dokumentation sowohl seine Tiktok- und Instagram-Accounts als auch seine Petition bewerben. Hier ist ebenfalls eine klare Ungleichbehandlung des "Pädojägers" Marvin auf der einen und des Pädophilen Georg auf der anderen Seite im Rahmen der Dokumentation bemerkbar.

Fazit

Eingangs haben wir die Frage gestellt, ob Sirius tatsächlich nichts Relevantes zu der vorliegenden Dokumentation mehr hätte beitragen können und ob die Absage des Interviews mit ihm durch Tobias Dammers damit gerechtfertigt gewesen ist. Wir haben es bereits anklingen lassen, aber Sirius Beitrag zu der Dokumentation wäre nicht nur sinnvoll, sondern absolut notwendig gewesen. Er hätte spezifisch Marvins Behauptungen, dass es ihm nur um Straftäter ginge oder er Gewalt ablehne, widersprechen können sowie wertvolle Hintergrundinfos zu "Pädojägern" sowie der Gefährlichkeit auch von semi-legal agierenden "Pädojägern" liefern können. Etwas, das Georg, auch weil er schlichtweg nicht so tief in dem Thema steckt wie Sirius, so nicht getan hat.

Zudem hätte Sirius Beitrag zu der Dokumentation zu einer besseren Ausgewogenheit der Darstellungen geführt, da in der vorliegenden Form, die "Pädojäger" Marvin und Alexander nicht nur zahlenmäßig in der Mehrheit sind, sondern insbesondere was ihre Redeanteile innerhalb der Dokumentation angeht, etwa fünfmal so viel Zeit bekommen wie Georg. Hier hat Tobias Dammers die Gelegenheit verpasst, wirklich die von ihm angekündigten verschiedenen Stimmen und Blickwinkel annähernd gleichberechtigt zu Wort kommen zu lassen.

Und um Dammers Arbeit allgemein zusammenzufassen: Es gibt gute Momente in der Dokumentation, etwa wenn er die Verbindung der "Pädojäger" und der rechtsextremen Szene beleuchtet, leider kann er jedoch viel zu oft seine eigenen Vorurteile gegenüber Pädophilen nicht ablegen, seine Recherchen sind schlampig, er hinterfragt insbesondere Marvins Aussagen viel zu selten, und - und das ist das schlimmste - er beteiligt sich wider besseren Wissens an einer von Marvins Jagden und gibt dieser somit eine Legitimation. Man kann es nicht oft genug betonen, wie menschenverachtend es ist, Jagd (!) auf Menschen zu machen und wie gefährlich es ist, dass "Pädojäger" wie Marvin gewaltbereite Nachahmer inspirieren können. Schon jetzt sind unter einem Reel der ARD-Mediathek auf Instagram über die Dokumentation zahllose Kommentare von Personen zu lesen, die Marvin feiern. Möglicherweise ist unter ihnen jemand, der sich dazu veranlasst fühlt, selbst auf die Jagd zu gehen und in Zukunft Gewalt gegen Personen ausübt, die er für pädophil hält. Es lässt sich nicht ausschließen.


  1. Genau genommen ist auch "Pädokrimineller" ein unpassender Begriff, da er Kindesmissbrauch in die Nähe von Pädophilie rückt und damit impliziert, Täter von sexuellem Kindesmissbrauch seien zwangsläufig pädophil. Dies ist nicht der Fall. Mehr als die Hälfte der Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch gehen nicht von Pädophilen (und auch nicht von Hebephilen), sondern von sogenannten Ersatzhandlungstätern aus. Auch im Falle von Männern, die im Internet sexuelle Kontakte zu Kindern anbahnen wollen, ist anszunehmen, dass zumindest ein Teil dieser entweder grundsätzlich alle weiblichen Personen solcher Chats und nicht explizit nur Kindern anschreibt oder aber sich aus dem Grund auf Kinder fokussiert, weil er diese für naiver und seine "Erfolgschancen" für größer halt.  

  2. Die Petition ist allgemein eine einzige Katastrophe. Sie fordert absurd hohe Mindeststrafen für sexuellen Kindesmissbrauch, die keine Orientierung am tatsächlichen Unrechtsgehalt der Tat zulassen (so begeht auch ein 15-jähriger, der seiner 13-jährigen Freundin die Brust über dem Pullover streichelt, juristisch gesehen Kindesmissbrauch), die grundsätzliche Einstufung von Kinderpornografie als Verbrechen (ebendiese Einstufung hatte zu massiven Problemen in der Praxis und zur Überlastung der Justiz geführt, sodass 2024 wieder eine Herabstufung zum Vergehen erfolgte) und fordert ein verfassungswidriges Petitionsverbot für bestimmte Personengruppen.  

  3. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen, um das Ausmaß des Problems deutlich zu machen. Ein Blick in die erwähnte Umfrage zeigt nämlich, dass über 20 % der Kinder zwischen 8 und 12 Jahren bereits Groomingerfahrungen machen mussten. Eine Zahl, die viel eindrücklicher als die von Dammers zitierte ist, da sie sich explizit auf Kinder bezieht. 

  4. Sirius hat in der Vergangenheit bereits einen ausführlich Artikel zu dem Thema veröffentlicht. 

  5. Ist es noch notwendig zu erwähnen, dass Tobias Dammers hier nicht weiter nachfragt, sondern behauptet, Marvins Aussage würde sich auch mit seiner Recherche decken?  

  6. Ehrlicherweise eine ziemlich transfeindliche Aussage. Aber Marvin ist ja nicht rechts.  

  7. Wir zitieren hier einmal Marvin in einem Interview mit FFH: "Ich weiß, wir haben alle dieses Gedankengut, dass wir die schlagen möchten, dass wir sie verbrennen möchten, was auch immer."