Verehrte Besitzerinnen und Besitzer des "gesunden Volksempfindens",

dem Angeklagten wird im Wiederaufnahmeverfahren "Volk / dreckiger potentieller Kinderficker" vorgeworfen, eine "tickende Zeitbombe" zu sein, eine "Gefahr für sämtliche Kinder in seinem Umfeld". Dies, meine Damen und Herren, ist eine Anschuldigung, die weitreichender nicht sein könnte. Eine Verurteilung ohne hinreichende Beweise kann und darf in einem Rechts- und Sozialstaat nicht stattfinden, und dennoch fand sie statt. Kommt man nun zu dem Schluss, diese Anschuldigungen seien die gesamte Zeit über haltlos und der Angeklagte ohne diese notwendigen Beweise verurteilt worden, so sähen wir uns einem riesigen Skandal von unbegreiflichem Ausmaße entgegenstehen, wie ihn zuletzt die Homosexuellen unter großem Leid ertragen mussten.

Fassen wir einmal zusammen, welche Tatsachen oder auch Aneinanderreihungen von Buchstaben, die als solche bezeichnet werden, der Ankläger bereithält.
Der Angeklagte ist pädophil. Ja, das ist nicht zu leugnen. Die Hetero-, Homo oder Diverssexualität des Herrn Staatsanwaltes auch nicht. Haha, verzeihen Sie mir bitte diese kleine Analogie, Herr Ankläger.
Eine Pädophilie ist eine auf das Alter bezogene Neigung. Es gibt somit eine hetero-, homo- und bisexuelle Pädophilie, vielleicht auch noch diverse andere Ausprägungen. Wer bin ich denn schon, mir anmaßen zu können, potentiellen Betroffenen erzählen zu dürfen, dass ihre Neigung nicht existiert, weil sie nicht in diese drei Schubladen passt? Aber weiter im Text: Auf das Alter bezogen ist die Pädophilie damit am ehesten mit der sogenannten Gerontophilie, einer Vorliebe für Seniorinnen und Senioren, vergleichbar und somit als Chronophilie zu überschreiben. Ich weiß nicht, vielleicht müssen Sie mir da nun behilflich sein, liebes gesund empfindende Volk. Vielleicht findet man gerontophile Menschen etwas seltsam, vielleicht werden sie beschmunzelt, aber würde irgendjemand auf die Idee kommen, diese mit Begriffen wie "pervers", "tickende Zeitbombe" oder ähnlichen Begriffen abzuwerten, ohne sich sofort einem riesigen Shitstorm entgegenstellen zu müssen? Bitte klären Sie mich mit ihren gesunden Empfindungen auf, ich frage mich wirklich: Sagt Ihnen das "gesunde Volksempfinden", dass sich Pädophilie und Gerontophilie objektiv und an reinen Fakten gemessen unterscheiden?
Achso, Gerontophilie darf man legal und moralisch einwandfrei ausleben und darin liegt der Unterschied? Das stimmt. Nein, nein, nein, da haben Sie tatsächlich Recht, das kann ich nicht leugnen. Aber sehen Sie, der Angeklagte tut das genauso wenig. Ich zitiere seine Worte: "Die Neigung ist die Neigung, die Handlung ist die Handlung". Diese beiden Begriffe sind unweigerlich voneinander getrennt. Ein Homosexueller kann genauso mit Frauen schlafen, wenn er sich seine sexuelle Orientierung noch nicht eingestanden hat. Das ist durchaus vorgekommen. Wie ist das nun möglich, wenn Orientierung bzw. Neigung und Handlung so unweigerlich miteinander verbunden sind? Wie erklären Sie sich all die Menschen, die sich "absolute Beginner" nennen, die teilweise mit 50, 60 oder auch 70 noch nie eine sexuelle Handlung an einer anderen Person als sich selbst vollzogen haben? Sind das alles "tickende Zeitbomben" oder ist der Sachverhalt vielleicht doch komplizierter? Ich weiß nicht, ich habe ja ganz offensichtlich dieses "gesunde Volksempfinden" nicht... nicht so wie Sie. Also seien Sie mir doch bitte behilflich: Wie bewerten Sie diese Menschen? Sind "absolute Beginner" nun potentielle Frauen- oder Männermissbraucher, sind sie "tickende Zeitbomben"? Ach, sind sie nicht? Warum? Vielleicht denken Sie nochmal darüber nach.

So, was steht noch auf der unendlichen Liste seltsamer Begründungen für die Verachtung, Ausgrenzung und Verurteilung von Menschen aus Fleisch und Blut und mit Gefühlen?
Was sagen Sie bitte? Pädophile können sich nicht kontrollieren? Achso, ja, natürlich, das wissen Sie aus der Zeitung, denn dort hört man ja fast nur von unkontrollierbaren Pädophilen, die Kinder missbrauchen. Ah, natürlich, deshalb auch der Begriff "tickende Zeitbombe". Jetzt erschließt sich mir plötzlich alles!
Dazu frage ich Sie erneut: Wie machen es eigentlich Menschen, die ihr Leben lang kein Sex haben? Werden diese jeder einzeln zu Vergewaltigern? Oder ist es vielleicht doch möglich, seine Sexualität nur mit sich selbst und seiner Fantasie auszumachen, ohne direkt lechzend am nächsten Kindergartenzaun zu stehen? Und wissen Sie eigentlich dass nicht nur Pädophile Kinder missbrauchen, sondern auch auf Erwachsene ausgerichtete Menschen? Ach, ich bin so überfordert mit der Antwort, ich benötige Sie, Besitzer des "gesunden Volksempfindens": Stehen absolute Beginner mit spätestens 30 vor lauter Teleio-Drang am Zaun des nächsten Hauses, in dessen Garten sich eine Frau sonnt, und lechzen dieser hinterher, bevor sie sich sie schnappen und vergewaltigen? Möglicherweise, aber tun sie es unausweichlich?

Hach, alles Fragen über Fragen. Aber was für ein Glück, dass ich Sie habe, werte hilfsbereite und erfahrene Anwender des "gesunden Volksempfindens": Gehen Sie nun bitte in sich und fragen sich einmal mit all ihrer Menschlichkeit, die Sie noch irgendwo aufkratzen können: Wie begründen Sie nun die massenweise, tagtäglich stattfindende und allgegenwärtig verteidigte Diskrimierung prinzipientreuer Pädophiler, die nichts weiter wollen als nur sie selbst sein zu dürfen, ohne einem Kind zu schaden? Mit dem "gesunden Menschenverstand" und Ihrer "Elternschaft", weil man müsse Pädos ja automatisch hassen, sobald man selber Kinder hat? Wenn Ihre Antwort "Ja, genau" lautet, sollten Sie nicht über meinen Mandanten und seine angeblich potentiellen Taten nachdenken, sondern wie es mit Ihnen menschlich so weit kommen konnte, dass Sie unschuldige Menschen verurteilen und das noch rechtfertigen können. Ich glaube, die Beantwortung dieser Frage könnte für Sie sehr aufschlussreich sein.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

2 Kommentare

Hinweis: um Missbrauch vorzubeugen, werden Kommentare von uns überprüft und manuell freigeschaltet. Neue Kommentare erscheinen deshalb nicht sofort.

Der Seebär

Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man darüber lachen.

Die Frage ist halt nur, wie überzeugt man die Besitzer*innen des "gesunden Volksempfinden" davon, ihren Verstand zu aktivieren und solche Vorurteile ehrlich und offen zu hinterfragen? Und anschließend auch den Mut zu haben zu der neu gewonnenen Erkenntnis zu stehen?

Wie tut man dies bei einer Medienlandschaft, in der man als Pädophiler im positiven Fall maximal Mitleid erwarten kann, aber niemals eine differenzierte Berichterstattung, wenn es um das Thema geht?

Es geht wohl nur Schritt für Schritt, in dem man wieder und wieder versucht die Besitzer*innen des "gesunden Volksempfinden" zu erreichen und aufzuklären. Und vielleicht sollten mehr Pädophile in Nachrichtenredaktionen arbeiten, um ein realistisches Bild projizieren zu können. Aber vermutlich wäre auch dafür die Welt noch nicht bereit und außerdem verkaufen sich ja nicht-reißerische Nachrichten so schlecht...

Aber vielen Dank für den Text, ilytul, ich musste beim Lesen oft mit dem Kopf nicken und auch schmunzeln und am Ende stand seufzend dann lediglich die Erkenntnis: Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man darüber lachen!

ilytul

Danke für das Lob. :) ja, ich finde es auch beschissen. Mit Humor kann man zwar viel kompensieren, aber letztlich bleibt doch der bittere Beigeschmack.

Oh, ich denke sogar, dass durchaus auch in Nachrichtenredaktionen Pädos sitzen. Wir werden von ihnen aber wohl nicht erfahren. Leider. Denn sie würden bei so einer Berichterstattung niemals sagen: "Hier bin ich, jetzt hau ich auf den Tisch". Das ist das Tragische.

Und ich denke, viele wird man auch nicht überzeugen können. Die sind von sich selbst bereits so überzeugt, dass da kein Platz mehr für Anderes ist.

Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag