Als die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ am 10. Dezember 1948 verkündet wurde, war dies ein Meilenstein in der Menschheitsgeschichte. Nach all den Kriegen, den zahllosen Konflikten und zuletzt den Grauen des Zweiten Weltkrieges wollte man eine Grundlage für ein friedliches Zusammenleben schaffen.

 Ja, man könnte bemängeln, dass die Charta zwar von verschiedenen Staaten ratifiziert wurde, aber für diese nicht rechtlich bindend ist. Zudem gibt es auch Staaten, die die Charta zwar ratifiziert haben, aber trotzdem erhebliche Verstöße gegen das Menschenwohl zu verbuchen haben. Dennoch ist sie eine wichtige Grundlage für ein friedliches und respektvolles Miteinander.

 Beim Lesen im „Pädo-Universum“ fiel mir auf, dass oft hitzig über Stigma und Kinderrechte debattiert wird. Oftmals wird das Kindeswohl dem Wohl pädophiler Menschen gegenübergestellt. Ganz so, als ob immer eine der beiden Parteien leiden müsse, wenn die jeweils andere profitieren würde.

 Für mich ist das unverständlich. Denn: wenn wir die Menschenrechte ernst nehmen, dann ergibt sich unweigerlich der Schutz von Kindern und Jugendlichen daraus. Und auch das Wohl pädophiler Menschen.

 Wenn wir als Menschen mit ethischem Leitmotiv zusammenleben wollen, dann muss uns das Wohl jener am Herzen liegen, die einen schweren Stand im Leben haben. Menschen also, die aufgrund physischer und/oder psychischer Umstände als gefährdet gelten, von stärkeren, mächtigeren Personen ausgebeutet zu werden. Leider ist es so, dass daher besonders Frauen, Kinder und Menschen mit Behinderungen in Gefahr sind ob dieser Merkmale benachteiligt, gefährdet, bedroht oder ausgebeutet zu werden. Die Frau aus dem Kriegsgebiet und das Kind, welches nach Liebe und Zuwendung sucht, haben also etwas gemeinsam: beide brauchen Sie einen besonderen Schutz und laufen Gefahr, aufgrund der Umstände von einem Täter ausgenutzt zu werden.

 Um nicht zu weit auszuholen: beim Kind ist es so, dass es aufgrund seines psychischen und physischen Entwicklungsstadiums einem Erwachsenen unterlegen ist. Das soll nicht abwertend klingen. Man muss sich dessen nur bewusst werden – das Kind sieht im Erwachsenen eine Autorität, eine Person die über Macht verfügt aber auch über Wissen und die im Augen des Kindes moralisch richtig handelt. Wie viele andere Kinder dachte ich früher auch, dass die Erwachsenen schon alles wissen, keine Ängste haben und richtig handeln. Nur Kinder machen Fehler.

 Das ist natürlich ein Irrglaube. Wir alle sind Menschen, egal welchen Geschlechts, Alters, ethnischer Zugehörigkeit oder ob mit oder ohne Behinderungen. Aber bedenke: so sind wir zwar alle Menschen, aber alle verschiedene Menschen.

 Wir müssen also zwischen „Gleichbehandlung“ und „fairer Behandlung“ unterscheiden. Im Englischen spricht man von "equality vs equity". Denn wenn wir alle Menschen genau gleich behandelten, wäre dies in hohem Maße ungerecht. Ich denke da gerne an eine Illustration zurück, wo drei verschieden große Personen über einen Zaun schauen wollen; zunächst werden drei Kisten derselben Größe platziert. Diese nützt aber nur eine der drei Personen. Dann werden verschieden große Kisten platziert: die kleinste Person bekommt die größte Kiste, die größte die kleinste. Auf diese Weise werden die Differenzen ausgeglichen und jeder kommt auf seine Kosten.

 Um den speziellen Bedürfnissen mancher Menschen gerecht zu werden, gibt es zusätzlich zu der Allgemeinen Menschenrechtserklärung noch die UN-Kinderrechtskonvention (1989) und die UN-Behindertenrechtskonvention (2006). Besonders schön finde ich die 10 Grundrechte, die als Leitfaden für einen respekt- und würdevollen Umgang mit Kindern herangezogen werden sollten.

 Die sexuelle Ausbeutung von Kindern steht also diesen ethischen Grundsätzen gegenüber. Zwar sind Kinder genau so wie Erwachsene Menschen; aber sie haben andere Bedürfnisse. Neben der Schnittmenge an Rechten mit den Erwachsenen brauchen sie daher zusätzliche Rechte. Sie befinden sich in einer Entwicklungsphase und haben ein Recht auf Kindheit ohne finanzielle Ausbeutung, ohne Krieg, Gewalt und Armut. Und auch ohne sexuellen Missbrauch. Man muss sich das so vorstellen: wenn ein Einvernehmler damit argumentieren würde, dass Kinder genau dieselben Rechte wie Erwachsenen haben („sexuelle Teilhabe“), dann wäre es so, als stellte man der kleinen Person dieselbe Kiste wie der großen Person hin (also nur eine kleine Kiste) und diese kann dann nicht über den Zaun schauen. Es passt einfach nicht. Dies rein aus der Systematik betrachtet, da sind die etwaigen körperlichen und vor allem psychischen Schäden noch gar nicht miteinbezogen.

 Pädophile Menschen, zu denen ich auch gehöre, sind in meinen Augen ebenfalls besonders schutzbedürftig. Das mag in den Ohren mancher etwas verwundern, da Pädophilie sehr oft mit Täterschaft gleichgesetzt wird. Dabei ist Pädophilie eine Sexualpräferenz wie jede andere auch. Das seelische Leiden, die Angst und die Auswirkungen des Stigmas stellen eine Gefahr für die seelische und auch die körperliche Gesundheit pädophiler Menschen dar. Angsterkrankungen, Suchterkrankungen, Depression und Suizidalität sind für viele Pädophile ständige Begleiter. Es ist auch nicht erforscht, wie sich der Dauerstress auf das Gehirn und die Herzfunktion pädophiler Menschen auswirkt. Man kann also nur Mutmaßen, was die Folgen davon sind.

 Wenn wir die Menschenrechte also ernst nehmen, dann haben auch Pädophile ein Recht auf eine gesunde Entwicklung, ein glückliches Leben und gesellschaftliche Teilhabe. Sie brauchen ebenfalls Unterstützung. Um nochmal auf das Bild mit den Kisten zu kommen: jeder braucht seine spezielle Kiste, um über diesen Zaun schauen zu können. Kinder brauchen die ihre, wir brauchen die unsere. 

Wenn wir uns auf diese großartigen Gesetzestexte berufen, dann können diese uns einen guten Leitfaden für ein friedliches, respektvolles und glückliches Miteinander liefern.