In Einer Welt

In Einer Welt ist eine Kurzgeschichten-Reihe über den pädophilen Erzieher Benedikt und seinen Alltag in einer uropischen, pädo-freundlichen Welt. Neue Episoden erscheinen unregelmäßig.
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In Einer Welt: Das Große Wiedersehen

Was für ein Tag! Das Wetter ist schön, die Vögel würdigen diesen Umstand mit einem Liedchen und die Kinder begrüßen mich mit langgezogenen Vokalen, noch bevor ich den Eingang zur KiTa "Engelsblick" auch nur vernommen habe.
"Hallo Benedikt".
Das ist Jana. Engagiert, warmherzig und tolerant in jeder nur möglichen Form. Und ja, sie ist eine meiner engsten Freundinnen.
"Hallo Jana", reagiere ich. "Ist heute nicht einer dieser wunderschönen Tage, an denen man einfach nicht anders kann als glücklich zu sein?"
"Ja, finde ich auch. Wie war Dein Wochenende?"
"Das ist eine sehr lange Geschichte."
"Ich steh' auf lange Geschichten."
"Okay, es fing alles am Freitag an."

Freitag, drei Tage zuvor – 14:49 Uhr
Heute ist der Tag X. Der wunderschöne, strahlendblaue und von Vögeln mit einer, eigens für diesen Umstand komponierten, Hymne gefeierte Tag, auf den ich nun seit zwei Wochen warte. Der Tag, der für mich denselben Stellenwert einnimmt wie für ein Kind Geburtstag und Weihnachten und Ostern, nur auf den selben Tag fallend. Gleich wird mein bester Freund Jan vom Urlaub zurückkehren und er wird nicht alleine sein. Er wird Teo dabei haben. Teo – Dieser Name steht für einen sechsjährigen Jungen, für die strahlendblauen Saphire unterhalb seiner Stirn, die selbst die Antarktis lodern lassen, für ein Lachen, das selbst aus dem zynischsten, vom Leben gezeichnetesten Menschen eine tanzende Ballerina werden lässt. Es sind nur drei Buchstaben, doch sie beherbergen Freude und Leben.
Licht.
Zwei Wochen habe ich nun auf diesen einen Moment gewartet. Das sind 336 Stunden. Oder 20160 Minuten. Und die Sekunden werden von so manchem Taschenrechner der Einfachheit halber schon in Potenzen ausgedrückt.
Die Tür hinter sich geschlossen und ins Auto gestiegen, ist es nur noch ein Katzensprung. Ein Blick auf die Tanknadel prophezeit jedoch Schwierigkeiten. Es wird doch nicht der Tank sein, der mich davon abhält, meinen Jungen wiederzusehen? Echt jetzt? Nachdem ich so lange gewartet habe? Ich habe ja schon mit vielem gerechnet: Dass der Flieger aufgrund des Wetters nicht abheben kann, dass der Bus vom Hotel zum Flughafen Verspätung hat, sodass der Flieger nicht mehr erreicht wird, ja selbst einen Vogel im Triebwerk hielt ich für weniger banal als einen leeren Tank. Ich muss mich beeilen, wird Teo von seiner Mutter doch bereits zwei Stunden später abgeholt, bei der er für mich für die nächsten zwei Wochen unerreichbar bleiben wird. Zwei weitere Wochen, die ich ihn nicht sehen kann. Das sind 336 Stunden. Oder 20160 Minuten. Und die Sekunden werden von so manchem Taschenrechner der Einfachheit halber schon in Potenzen ausgedrückt.
So stehe ich also da, den Zapfhahn in den Tank führend und so in Gedanken an Teo versunken, dass ich nicht einmal merken würde, wenn mir just in diesem Moment das Auto gestohlen würde. Ich meine, es ist ein Fiat Panda, das einzige Auto, das ich mir mit meinem Erzieher-Gehalt leisten konnte. Und ein Verlust in diesem Moment wäre nur insofern tragisch, dass ich Teo endgültig verpassen würde.
Das Auto bewegt sich wieder über die Allee. Ich beobachte die strahlende Sonne, die an dem Sichtschutz vorbeilugt, und ich meine, ihn im Horizont bereits sehen zu können. Das ist natürlich Quatsch, da ich mich mittlerweile auf der Autobahn befinde und er ja wohl kaum auf der Spur stehen würde.
Nach wenigen Minuten, die Ausfahrt bereits genommen, schwenkt die Polizei mit Blaulicht vor mir ein und lässt mich rechts ranfahren. Na toll, das hat mir gerade noch gefehlt. Die beiden Beamten steigen aus. Sie zu meiner Linken, die Hand hält den Holster, ihr Partner zu meiner Rechten, die Hand hält den Holster, ich im Wagen, die Hand hält den Lenker. Fest. Ich fühle mich wie in einem Hollywood-Film, solchen, in denen der Deputy den Gesuchten an einer einsamen Landstraße anhält und sich kurz darauf in einer Schießerei befindet. Warum sind die Beiden so vorsichtig?
"Sie wissen, warum wir Sie angehalten haben?", ergreift die Beamtin zu meiner Linken das Wort mit einem Standardsatz. Ich habe mal gelesen, dass man auf diese Frage immer mit Nein antworten solle, da man sich sonst selbst belaste. Doch so weit kommt es erst gar nicht.
"Ähm... Ich... ", köttelt es aus mir raus.
Sie unterbricht mein Stottern: "Wo waren Sie vor 15 Minuten?"
"An einer Tankstelle. Ich habe vergessen zu tanken und bin noch schnell dorthin gefahren"
"Und Ihr Portemonnaie war so leer, dass Sie sich dachten, Sie können einfach losfahren?"
Mir fällt es wie Schuppen von den Augen und stammele ein paar "ähms" heraus, bevor ich endgültig verstumme. Ich habe tatsächlich vergessen zu bezahlen. Wann ist mir das jemals passiert? Und warum gerade heute? Ist das tatsächlich der letzte Stein, der ins Rollen gebracht wird und der mich endgültig für die nächsten Wochen von Teo entfernen wird? "Liefern Sie uns mal bitte eine plausible Erklärung", erhärtet sich ihr Ton.
So erkläre ich ihnen meine Situation. Wie sehr ich mich nach ihm sehne, wie sehr ich ihn vermisse und dass ich mich schon in seinen Armen sehe, verschlungen in dem Gedanken, was ich alles gerne noch mit ihm unternehmen möchte. Ich möchte unbedingt mal mit ihm in den Zirkus gehen, mich mit ihm über die Tiere und die Kunststücke freuen und mit ihm gemeinsam lachen. Das werde ich in den nächsten zwei Stunden natürlich nicht schaffen, aber eine Umarmung, das ist es, wonach ich mich nach dieser langen Zeit sehne. Nach nichts mehr als nur einer Umarmung.
"Oh.", reagiert der Polizist. "Meinem Bruder geht es genauso wie Ihnen. Er hat seinen geliebten Jungen verloren, als dieser mit seinen Eltern ausgewandert ist. Sie sehen sich nur noch zweimal im Jahr, wenn er sie besucht und ich sehe, wie er darunter leidet."
"Ja, ist ja auch verständlich, Martin", entgegnet die Beamtin. "Die Liebe ist schon eine starke Macht und sie erfordert manchmal harte Entbehrungen. Aber heute nicht. Wir eskortieren Sie zu seiner Wohnung".

Zehn Minuten später erreichen wir das Haus von Teo. Diesen wunderbaren Hort der Liebe. Und von weitem könnte man auch meinen, es silhouettiere ein Herz. Und wenn ich klingel, pocht es. Oder ist das doch mein eigenes Herz? Ich warte nun seit Ewigkeiten auf diesen Moment. er ist nun da. Was sage ich ihm?
Wie reagiert er?
Wie reagiere ich?
Hat er mich bereits vergessen?
Die Gedanken kreisen.
Keiner öffnet.
Ist er nicht da?
Möchte er nicht öffnen?
Ist er schon mit seiner Mutter auf dem Weg nach Ichseheihnniewieder?
Was soll ich bloß tun? Das ist der Super-GAU!
Frustriert bewege ich mich zum Straßenrand und setze mich auf die mit Moos bedeckte Mauer. Wolken verstecken mittlerweile den strahlendblauen Himmel und die Vögel komponieren auch nichts mehr. Die Umwelt hat gerade den Charme Tschernobyls im Jahre 1987.
Das war es also nun. Jetzt habe ich so viel Mühe und Kraft investiert und am Ende bleibt doch nur die Sehnsucht. Und mein Auto ist auch noch irgendwo in der Pampa.

Das Taxi ist bestellt, als mich ein Anruf ereilt. Auf dem Display steht "Jan".
"Jan, was gibt's?", stößt es hoffnungsvoll aus meinem Mund.
"Auf welchem Revier bist Du?", fragt er aufgeregt.
"Was meinst Du?"
"Tessa, Teo und ich sitzen hier auf dem Polizeirevier, nachdem sie Dich in einem Streifenwagen vorbeibrausen gesehen hat, aber keiner hier will etwas wissen."
Tessa ist eine gemeinsame Freundin von Jan und mir. Wir kennen uns von einem Kindergeburtstag. Als Teo 4 wurde, hat er mich eingeladen und Tessa ist die große Schwester eines Jungen, der ebenfalls eingeladen war.
"Sag mir einfach, wo Du bist und wir kommen. Wir glauben an Deine Unschuld und stehen hinter Dir. Teo fragt mich die ganze Zeit, wieso man einen Unschuldigen verhaftet. Du, er ist echt fertig. "
"Ich glaube, ich muss da etwas geradebiegen. Ich stehe hier vor Deinem Haus. Wir können uns hier treffen."

Die Zeit geht ins Land und das Warten wird erneut zur Zerreißprobe. Jedes noch so entfernt ähnelnde Auto am Horizont wird als Jans Auto identifiziert, aber es sind dann doch nur irgendwelche Leute, die zufällig hier vorbeifahren. Warum fahren eigentlich alle mit dem blöden Auto? Ist den Leuten die Umwelt scheißegal? Und wenn der Nachbarsgarten nicht bald gemäht wird, suchen sich hier in spätestens 10 Tagen Urwaldbewohner ihre neue Heimat.

Um mich etwas zu beruhigen, beobachte ich die Wolken im Himmel und wie sie durch die leichte Brise, die vorbeizieht, beinahe minütlich neue Gestalten annehmen. Durch Teo habe ich gelernt, die Welt fantasievoller wahrzunehmen, also erkenne ich in ihnen Elefanten, Mäuse und sogar Legosteine und Dinos. Teo liebt Lego und Dinos. Und egal, wann ich ihn und Jan besuche, ich kann mir sicher sein, dass die Legokiste geöffnet neben ihm steht und er mir wieder einen Vortrag über Dinos hält. Das erinnert mich immer wieder an meine eigene Kindheit. Neben all den schmerzlichen Erinnerungen sehe ich trotzdem immer noch den kleinen Benedikt, wie er freudestrahlend in seiner Lego-Kiste wühlt. Liebe ich ihn deshalb so sehr? Weil er für eine glücklichere Version meines inneren Kindes steht?
Ich sehne mich gerade nach nichts mehr als nur danach, ihn zu sehen. Und gleich wird mein Wunsch in Erfüllung gehen. Ich kann es immer noch nicht fassen. So liege ich hier nun und sehe Triceratopse und Lego-Menschen über die Erde schweben als ich plötzlich ein Hupen vernehme.
"Benedikt, was bin ich froh, Dich hier zu sehen"
Ich möchte Jan antworten, doch meine Gedanken und Augen sind längst bei Teo.
"Benedikt, ich habe auf der Fahrt einen Dino gemalt! Möchtest Du ihn sehen? Das ist der größte Dino, den es je gegeben hat", ruft mir Teo stolz und mit langgezogenen Vokalen entgegen.
"Ich tue gerade nichts lieber als das, mein Großer", entgegne ich mit Tränen in den Augen. Mein Mund ist gerade eine sich sonnende Banane und just in diesem Moment vergesse ich, dass das Schicksal heute alles getan hat, um mich von Teo fernzuhalten, doch nun stehe ich hier, Angesicht zu Angesicht, und glaube kaum, dass ich ihn nach all der Zeit und all den Hindernissen doch noch sehen darf. Es fühlt sich so surreal an, als wäre das alles nur ein Traum. Doch es ist Realität. Und ich werde diese Realität die letzten Minuten bis zu seiner Abreise mit ihm genießen.

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