Auf anwalt.de, einer Seite, die sich um rechtliche Themen dreht, wurde ein Kommentar über das kürzlich verabschiedete Gesetz zum Thema Cybergrooming veröffentlicht.
Sirius hat diesen Artikel kurz in seiner Sonntagskiste von letztem Sonntag angeschnitten, weswegen ich mir hier gerne die Zeit nehmen möchte, mich etwas ausführlicher mit dem Inhalt zu befassen. Kleiner Spoiler: Auch wenn ich nicht mit allem übereinstimme und auch hier Vorurteile zu erkennen sind, wird dieser Kommentar die Rolle des ersten Positivbeispiels, das ich in dieser Medienkritikreihe behandle, einnehmen. Doch ganz von vorne.

Der Artikel beginnt ganz sachlich. Die Autorin benennt kurz und knapp die Änderungen, die vom Bundestag verabschiedet wurden. Darunter die unsägliche Befugnis der Polizei, Straftaten zu begehen, Materialien, nein... Kinderpornographie zu produzieren, mit der man in unseren Händen ganze Schwadronen an Anklageschrift-Seiten füllen würde. Aber dazu später mehr.

In Dubio Pro Pädo

In Dubio Pro Pädo ist die Medienkritik-Kolumne von Ilytul. Journalistische Erzeugnisse, die sich undifferenziert oder gar böswillig gegenüber Pädophile äußern, werden hier analyisert und kritisiert. Aber auch positive Erzeugnisse werden hier analysiert. Solltest Du einen Artikel haben, der Deiner Ansicht nach analysiert gehört, kannst Du Dich hier melden.
Alle Artikel

In Dubio Pro Pädo | Focus über Pädophile
In Dubio Pro Pädo | Tutorial: Wie man einen sachlich korrekten Beitrag zum Thema Pädophilie verfasst
In Dubio Pro Pädo | Zeitreise Spezial: Falsche Erwachsenenliebe
In Dubio Pro Pädo | Wahrheitsgehalt-steigerndes Medikament Framenix wirkt gegen Framing-Störung
In Dubio Pro Pädo | Ich hatte es ja schon gar nicht mehr erwartet
In Dubio Pro Pädo | Wertvolle Diskriminierung

Der Artikel stellt dieses Problem nicht direkt dar, sondern geht eher auf die Gefahr ein, dass die Polizei damit das Treiben der Täter*innen ankurbelt:

Die Gefahr dabei ist allerdings, dass hier eine gefährliche der „Zweck-heiligt-alle-Mittel“-Überzeugung Platz greift. Was bewirkt es, wenn der Staat selbst als Agent Provocateur auftritt und pornografisches Material her stellt? Er kann nicht ausschließen, dass von diesem Material weitere Gefährdung ausgeht. Für die Polizei wird das Hochladen zum moralischen Problem, denn damit bringt sie weiteres kinderpornografisches Material in Umlauf, das wiederum dazu provozieren kann, dass noch mehr und noch drastischere Bilder und Filme erzeugt und geteilt werden.

Hier wird eine Korrelation aufgebaut: Fiktive Kinderpornographie wird hochgeladen, also bietet das den Grundstein für immer härtere Materialien. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass sich mir diese Logik nicht erschließt. Vielleicht bin ich aber auch bloß noch nicht auf den Trichter gekommen. Falls es jemand versteht, gerne in die Kommentare.
Allerdings ist ein Satz hier von großer Bedeutung:

Die Gefahr dabei ist allerdings, dass hier eine gefährliche der „Zweck-heiligt-alle-Mittel“-Überzeugung Platz greift.

Und genau damit haben wir es zu tun: Die Polizei tut hier etwas, völlig legal, das von uns begangen eine Straftat wäre. Ich bin kein Anwalt, aber meinem Rechtsverständnis zufolge, wird hier mit zweierlei Maß gemessen. Der Grundsatz "Vor dem Gesetz ist jeder gleich", der vor jedem Gericht mit einer blinden Justitia so anmutig präsentiert wird, bekommt mit diesem Gesetz nur noch den bloßen Status inhaltsleerer Worte. Zumindest, was dieses Gesetz angeht. Sollte Göttin Justitia gerade von irgendwo das Geschehen beobachten, so müsste sie sich eigentlich vollkommen verarscht vorkommen. Vielleicht mag es auf den ersten Blick übertrieben klingen, wenn ich sage, hier wird das Grundgesetz ausgehebelt, aber man muss sich das mal vorstellen: Da sitzt ein Ermittler, führt eine Hausdurchsuchung bei einer Person durch, die gezeichnete, rein fiktive Kinderpornographie, besitzt oder vielleicht geteilt hat, kurz bevor er sie durch die IT-Abteilung selbst produzieren lässt und sich damit in Foren Zutritt erwirbt. Und verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin absolut für jede Maßnahme, die im Kampf gegen Kindesmissbrauch ergriffen wird, aber hier werden Grundsätze der deutschen Verfassung ausgehebelt. Von Exekutive sowie Legislative. Für mich persönlich hat der Staat hier an Respekt eingebüßt. Ich habe ihn immer bewundert für sein Recht, dafür, dass vor dem Gesetz jeder gleich ist. Seitdem ich mich mit dem Thema Pädophilie, dem Umgang mit uns und ähnlichen Themen auseinandersetze, verliere ich den Glauben an unseren Rechtsstaat. Und auch das hier holt dieses Vertrauen nicht zurück. Jeder Mensch, der etwas auf sich hält, sich als moralisch betrachtet, sollte sich fragen, ob er sowas gutheißt. Allen voran die Verantwortlichen.

Das neue Gesetzespaket folgt einem Denken, das den Pädophilen von vorneherein zum Monstrum und Scheusal erklärt. Diese Denkart ist in der Bevölkerung weit verbreitet. Kaum ein Vergehen wird mehr tabuisiert und mit mehr Abscheu und Widerwillen begegnet.

Auch hier wird Pädophilie als "Vergehen" bezeichnet. Aufgrund der übrigen Aussagen, deute ich das aber als nicht gewollt. Ansonsten: Danke! Einfach nur danke!

Sexualwissenschaftler, Therapeuten weisen darauf hin – und dem kann ich mich aus meiner Praxis als Fachanwältin für Strafrecht und überzeugte Strafverteidigerin spezialisiert auf Sexualdelikte nur anschließen – dass gerade eine solche unreflektierte und hysterische Denkart gegenüber der Pädophilie dazu beiträgt, dass Pädophile für sich selbst und andere zum Problem werden.

Der Annahme bin ich auch. Es kann für einen Menschen nicht gut sein, psychisch instabil zu sein. Das gilt für Betroffene aller Sexualitäten, also auch für Pädophile. Wohin das führt, sieht man an den Pro Contactern, also Pädophilen, die, anders als wir, Sex mit Kindern als möglich betrachten und ihn möglicherweise sogar ausleben (also Kinder missbrauchen): Die Gesellschaft grenzt uns aus, wir sind kein wirklicher Teil der Gesellschaft. Also machen sich manche ihre eigenen Regeln und verfallen in kognitive Verzerrungen. Sie glauben ehrlich und wahrhaftig, dass sie den Kindern damit Gutes tun. Eindrucksvoll daran zu sehen, wenn mal wieder ein*e Täter*in vor Gericht die Seelenzerstörung rechtfertigt: "Ja, aber er / sie wollte es doch auch, da waren Signale".
Die Gesellschaft sollte uns Pädophilen die Möglichkeit geben, unsere Identität zu leben, ohne Kinder zu missbrauchen (direkt durch Missbrauch sowie indirekt durch den Konsum von Missbrauchsabbildungen). Sie sollte uns endlich akzeptieren und uns dieselben Rechte zusprechen, die jeder andere Mensch hat. Nur so trägt man zum Kinderschutz bei.
Die Autorin führt ihre These übrigens selbst noch aus:

Sie fechten einen permanenten schmerzlichen Kampf mit sich selbst aus, bei dem die meisten von ihnen alleingelassen sind und schon aus Angst vor gesellschaftlicher Stigmatisierung sich in völliger emotionaler Isolation bewegen, was die Problematik nur verschärft. So könnten aus einer pädophilen Veranlagung weitaus weniger sexuelle Übergriffe auf Kinder- und Jugendliche entstehen, wenn in der Öffentlichkeit und in den Medien anstelle diffuser Angst ein Klima vorhanden wäre, das dem Pädophilen Hilfe und Unterstützung zubilligt. [...] Mehr Offenheit im Umgang mit der Pädophilie könnte hier sicher mehr helfen als eine drastische Verschärfung der Gesetze, die über das normale moralische Maß hinausgeht.

Im Ernst, auf diese Erkenntnisse kommt so mancher nicht in 20 Leben. Danke dafür!
Es gibt auch Pädophile, die gut mit ihrer Neigung zurecht kommen. Manche auch schon seit jeher, weil sie stark genug waren, sich dem Denken der Gesellschaft entgegenzustellen. Andere wiederum, wie ich, mussten jahrelang kämpfen, um an diesen Punkt anzukommen. Und wiederum andere verzweifeln ihr Leben lang.

Hingegen ist wissenschaftlich bewiesen, ein Pädophiler kann zwar nicht „geheilt“ werden, aber durchaus lernen, seine Neigung zu kontrollieren.

Und dann gibt es auch solche, die das nicht lernen müssen, weil es für sie selbstverständlich ist. Ja, auch der positivste Artikel kommt offenbar leider nicht ohne solche Annahmen aus.

Aus meiner Tätigkeit als Strafverteidigerin und aufgrund jahrelanger und zahlreicher Bearbeitung von Verfahren und Anklagen wegen dem Vorwurf sexueller Missbrauch von Kindern sowie Besitz und Verbreitung von Kinderpornographie weiß ich: Die meisten Pädophilen führen in der Mehrzahl der Fälle ein verzweifeltes Dasein.

Richtig, weil ihnen seit Kindheitstagen an erklärt wurde, was für furchtbare Menschen sie doch seien und zwangsläufig an der nächsten Ecke ein Kind überfallen müssen. Und nicht wenige finden keinen Weg aus diesem Verließ heraus. Das muss doch jedem empathischen Menschen an die Nieren gehen.

Wie es das Präventionsnetzwerk beschreibt, kennzeichnet Pädophile der innere Widerspruch, dass sie Kinder mehr lieben, als ihnen selbst lieb ist.

Ja, sehr vielen geht es definitiv so. Weil ihnen immer und immer wieder eingetrichtert wird, dass die Liebe zu Kindern etwas ganz Furchtbares ist. Sowas dürfen nur Eltern spüren. Und auch sonstige Anmaßungen, uns zu erzählen, was wir doch bitte zu fühlen haben und was nicht.

Pädophile sind also erstens nicht per se "Kinderschänder" und zweitens sind sie in der Regel gerade nicht die Produzenten der im Netz verbreiteten Kinder- und Jugendpornografie.

Amen.

3 Kommentare

Hinweis: um Missbrauch vorzubeugen, werden Kommentare von uns überprüft und manuell freigeschaltet. Neue Kommentare erscheinen deshalb nicht sofort.

Sirius

Fiktive Kinderpornographie wird hochgeladen, also bietet das den Grundstein für immer härtere Materialien. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass sich mir diese Logik nicht erschließt. Vielleicht bin ich aber auch bloß noch nicht auf den Trichter gekommen. Falls es jemand versteht, gerne in die Kommentare.

Ich verstehe den Satz so: Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass fiktive Pornographie das Verlangen nach realer Pornographie oder gar realen Missbrauch steigert (ähnlich wie bei Sexpuppen gibt es hier keine Datenlage dazu). Das bildet ja die Grundlage dafür, dass fiktive Kinderpornographie überhaupt verboten ist. Wenn man die Möglichkeit aber für so real hält, dass man damit sogar einen gesetzlichen Eingriff in die Freiheitsrechte der Bürger rechtfertigt, dann ist es mehr als fahrlässig und gefährlich, wenn die Polizei selber solche Materialien auch noch erstellt und in Umlauf bringt.

ilytul

Ah, jetzt verstehe ich. Zumindest die Logik dahinter. Danke. Richtig, die Polizei würde somit mit jeder HD wegen solcher Materialien zugeben, dass sie selbst Straftaten begeht. Eigentlich müsste man die mal darauf aufmerksam machen. 😬

Dieter Gieseking

Die Legalisierung von künstlich hergestellten Kinderpornos nur zu Ermittlungszwecken ist verfassungsrechtlich stark bedenklich. Diese Bedenken wurden auch im Rechtsausschuss des Bundestages debattiert. Jedoch hatte die Bundesregierung aus CDU/CDU & SPD bekanntlich die Mehrheit und damit wurden diese Bedenken bei Seite geschoben. Bleibt also nur noch die Verfassungsbeschwerde. Diese kann aber nur von einem Betroffenen beim BVerfG eingereicht werden. Man kann nur hoffen, dass dies auch geschehen wird. Zumindest hätte man es versucht, diese Legalisierung zu kippen....

Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag