Dieser Text wurde ursprünglich am 6. Dezember 2020 von Ruby auf kinder-im-herzen.net veröffentlicht.
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Die unüberwindbare(?) Ohnmacht

Wenn ich sage, dass ich zutiefst enttäuscht von der Menschheit bin, klingt das erstmal ziemlich abgedroschen. Eine schwache Aussage, die schon viel zu oft genutzt wurde. Sie kann einfach nicht all die Emotionen ausdrücken die damit verknüpft sind - aber das ist wohl wie man am besten zusammenfassen kann, was ich zur Zeit fühle. Ich bin regelrecht angewidert - von allem und jedem. Ich bin wütend, empfinde Angst, hege Zweifel an dem was ich tue, spüre wie ich zunehmend zynischer werde. Die Enttäuschung macht mich fassungslos und lähmt mich.

Viele von uns haben es aufgegeben, etwas verändern zu wollen. Und ich kann es ihnen nicht einmal verdenken - Es erfordert einfach zu viel Kraft sich nicht von all dem Schlechten das man erlebt und hört in den Abgrund ziehen zu lassen. Machen wir uns nichts vor: Es ist nicht fair wie mit pädophilen Menschen im Allgemeinen umgegangen wird. Wie über uns statt mit uns gesprochen wird, selbst wenn wir direkt daneben stehen. Entweder wird uns der Mund verboten oder unsere Aussagen werden gefiltert wiedergegeben und jede andere Stimme hat mehr Gewicht als unsere.

Es ist nicht richtig, dass wir kaum eine Chance haben uns dagegen zu wehren. Dass wir die einzige Minderheit sind, die von sämtlichen Gesetzen die Minderheiten schützen und ihnen helfen sollen, ausgenommen sind. Und ich fühle mich ebenso hilflos, wenn ich an die Zukunft denke und nicht weiß was sich Politiker nun wieder einfallen lassen um erneut, und diesmal noch ein wenig fester, auf uns drauftreten zu können. Gleichzeitig blicke ich mich um und sehe: Wir stehen alleine hier. Unterstützer sind rar.

Die Gesellschaft hat kaputte, einsame Wölfe geschaffen, kaum mehr fähig zu einem respektvollem Austausch und erst Recht nicht zu einer positiven Zukunftsperspektive. Die Hoffnung ist erloschen, nun geht es nur noch darum seinem Frust Luft zu machen, sich über andere zu erheben und sich selbst dadurch vielleicht einen kurzen Moment weniger wie der letzte Dreck zu fühlen. Aggressionen als Selbstschutz getarnt. Ein harter Panzer mit einem extrem verletzlichem Inneren...Denn anschließend wird gejammert und im Selbstmitleid gebadet. Andere haben zu große Angst, ziehen sich lieber komplett zurück und schweigen...oder versinken im Selbsthass.

Sie alle wollen irgendwo, dass sich etwas ändert, aber sie wollen dafür nicht selbst aktiv werden und schon gar nicht den schützenden Panzer verlieren. Wie gemütlich ist es, lieber im Sessel daheim zu sitzen und auseinanderzunehmen was andere versuchen auf die Beine zu stellen oder es schlichtweg zu ignorieren, zu beobachten und auf das beste (oder schlechteste) zu hoffen. Wie einfach ist es, sich darüber auszulassen, dass ja keiner etwas tut, wenn man jeden Versuch im Keim erstickt. Ja, wollen tun die Leute vieles. „Gute Idee“ heißt es dann. Helfen, selbst etwas beitragen, möchte dennoch kaum jemand. Gibt man ihnen die Chance, lehnen sie dankend ab und schicken andere vor. „Zu riskant“. Ja, der Aktivismus war nie einfach. Schon gar nicht, wenn es dabei um Themen geht, von denen die Mehrheit eine gänzlich andere Meinung hat als die für die man sich einsetzt. Für diejenigen die sich beteiligen ist es nicht weniger gefährlich.

Aber wir alle müssen uns bewusst machen, dass Einzelne die Gesellschaft, in der wir alle leben, nicht verändern werden können, wenn sie am Ende alleine dastehen. Ihre Energie, egal wie engagiert sie auch sein mögen, verpufft eines Tages. Es wird keine Hoffnung für zukünftige Generationen pädophiler Menschen geben, die sich noch nicht in ihrer Verbitterung oder ihrem ganz persönlichem Nihilismus verloren haben. Es wird keine Zukunft für sie geben können, wenn wir sie nicht schaffen.

Allerdings bin ich noch nicht bereit diese Generationen entgültig aufzugeben. Oder meine eigene Zukunft. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, eine bessere Gesellschaft zu hinterlassen. Aber ich werde nicht soweit gehen mein Leben für Menschen wegzuwerfen, die nicht an meiner Seite stehen, wenn es darauf ankommt.

Aber vielleicht täusche ich mich ja auch in meinem eigenen Pessimismus. Vielleicht gibt es ja irgendwo da draußen noch Menschen die tatsächlich etwas tun wollen, aber nicht wissen wie. Nun, vielleicht ist es für diese an der Zeit, sich bemerkbar zu machen. Wann, wenn nicht jetzt, ist dafür der richtige Moment gekommen?