Ich solle meinen Netflix-Account kündigen, haben sie gesagt.
Es sei ein Pädophilie-Skandal, haben sie gesagt.
Kindesmissbrauch und Pädophilie sollen normalisiert werden, haben sie gesagt.

STOP! Das klingt ja schlimm. Verdammt schlimm.

Ich verabscheue jeglichen Missbrauch gegenüber Kindern, ganz egal, ob es sich dabei um sexuelle, physische oder psychische Gewalt handelt. Grundsätzlich verabscheue ich jeglichen Missbrauch und Gewalt gegenüber anderen Menschen, ungeachtet des Alters - doch dies hier nur am Rande, da es für meinen Beitrag eigentlich keine Rolle spielt.

Neuerdings bekomme ich bei dem Begriff „Pädophilie-Skandal“ allerdings schon nervöses Augenzucken, da dieser Begriff in jüngster Zeit inflationär verwendet wird und in den meisten Fällen - bei näherem Hinsehen - nichts mit Pädophilie zu tun hat oder in Realität gar kein wirklicher Skandal ist.

Und so wollte ich nun auch hier wissen, was denn wirklich an diesen Vorwürfen dran ist, ob ich doch meinen Netflix-Account kündigen sollte und habe mir daher nun einmal den Film „Cuties“, der im deutschen Angebot, wie im französischen Original eigentlich „Mignonnes“ heißt, angesehen.

Zwei Dinge möchte ich direkt vorwegnehmen:

  1. Nein, ich werde meinen Netflix-Account nicht kündigen.
  2. Und ja, es ist meiner Meinung nach ein Skandal. Allerdings ist es ein Skandal, wie manche Menschen schon wieder beginnen völlig zusammenhangslos und sinnfrei das Wort „Pädophilie“ einzusetzen bzw. pauschal und ohne wirkliche Grundlage gegen pädophile Menschen zu hetzen.

Aber der Reihe nach.

Noch ein Hinweis vorab: da ich kurz beschreiben werde, worum es in dem Film geht, empfehle ich nicht weiterzulesen, sollte man geplant haben, den Film noch unvoreingenommen selbst zu sehen.


Der Film erzählt aus dem Leben der 11-jährigen Amisanta „Amy“ Diop, einem Mädchen aus dem Senegal, welches nun mit ihrer Mutter und ihren zwei kleinen Brüdern in einem sozialen Brennpunkt in Paris leben. Wie man erfährt, befindet sich der Vater derzeit noch im Senegal und hat dort eine zweite Ehefrau gefunden, die er plant, demnächst mit in die Pariser Heimat zu nehmen und zu heiraten (interessanterweise habe ich bislang noch keine Beschwerden über die Thematik der Polygamie bzw. Mehrehen gefunden).

Da die Familie erst vor Kurzem in Frankreich angekommen ist, wirkt es so, als hätte Amy keine Freunde und wäre sozial isoliert. Dazu wird sie nach strengen religiösen und traditionellen Werten und Regeln erzogen und muss sich die meiste Zeit um den älteren der beiden kleinen Brüder kümmern.

Sie erweckt dabei nicht den Eindruck, als sei sie glücklich. Vermisst sie anfangs noch sehr ihren Vater, ändert sich dies schlagartig, als sie zufällig mitbekommt, dass er sich eine zweite Frau genommen hat, wodurch sie fortan tief verletzt wirkt und ihn am liebsten nie mehr sehen möchte. Mehr und mehr beginnt sie sich nun aufzulehnen und zu rebellieren. Dies zeigt sich zunächst durch kleinere Diebstähle, später mehr und mehr durch ihre Faszination an einer Gruppe gleichaltriger Mädels, die sie aus der Schule kennt und diese zunächst heimlich bei deren Tanzübungen beobachtet. Sehr deutlich bemerkt man ihre Sehnsucht aus ihrer sozialen Isolation auszubrechen, um ein, ihrer Ansicht nach, normales Leben für ein Mädchen in ihrem Alter leben zu können und einfach zu den anderen dazugehören zu dürfen.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten schafft sie es auch den Anschluss an diese Mädchen-Clique zu erreichen und man bemerkt den damit einhergehenden, stetig wachsenden Konflikt zwischen ihrem traditionellen Leben zu Hause und ihrem Traum, mit ihren neu gewonnenen Freundinnen eine gute Tänzerin zu werden.

Ihre ganze Erscheinung und Verhalten wandelt sich mit der Zeit. Ist sie zu Beginn noch ein zurückhaltendes, schüchternes Mädchen, welches sich auch die meiste Zeit bedeckt und traditionell kleidet, entwickelt sie sich zu einem Mädchen, dass nun Freude daran findet, sich „leicht“ zu bekleiden und mehr und mehr auf die „schiefe Bahn“ gerät, sehr zum Leidwesen ihrer Familie.

Um das Ziel, eine gute Tänzerin zu werden, zu erreichen, arbeiten die Mädchen gemeinsam daran, erfolgreich an einem lokalen Tanzwettbewerb - eine klassische Castingshow - teilzunehmen und schaffen es mit Amys Hilfe auch tatsächlich in die Finalrunde.

Der vermeintliche Erfolg hat jedoch einen hohen Preis, da sie immer mehr in einen Konflikt zu Hause gerät und gleichzeitig den Erfolg so sehr erzwingen will, dass es selbst innerhalb der Clique anfängt zu „krachen“.

Am Ende platzen dann die Träume und vermutlich auch die Freundschaften und es scheint, als würde Amy bewusst werden, dass diese Besessenheit von Ruhm und Erfolg - oder man könnte auch sagen von Likes und Kommentaren - eben doch nicht das erstrebenswerte Ziel ist.


Alles in allem ist es, wie ich finde, ein mehr oder weniger typischer Teenie-Film mit zwei Ausnahmen:

  • Fürs erste handelt es sich bei den meisten typischen Teenie-Filmen wohl um mehr oder weniger alberne Komödien. „Cuties“ ist dies definitiv nicht, ganz im Gegenteil ist es eher als ein gesellschaftskritisches Jugenddrama einzustufen.
  • Und zum anderen ist es natürlich auch ein Fakt, dass es sich bei den Mädchen noch nicht um Teenager handelt, auch wenn sie sich bereits wie welche verhalten. Dennoch ist die Handlung vom „Erwachsen werden“ (Coming-of-Age) identisch und wenn man bedenkt, dass heutige Kinder auch im Schnitt immer früher die Pubertät erreichen, ist dies meiner Meinung nach dann auch zu vergleichen. Vor einigen Jahrzehnten begann die Kategorie „Jugendfilm“ noch ab ca. 15, mittlerweile wird es mit ungefähr 12 Jahren definiert, sodass auch dieser Film, zumal die beteiligten Kinder sich alle bereits in der Pubertät befinden, in diese Kategorie eingestuft werden kann.

Zusammenfassend fühlte ich mich die 1,5 Stunden gut unterhalten und wurde auch durchaus zum Nachdenken gebracht. Ich empfehle den Film auf jeden Fall weiter. Es ist nun zwar auch kein Film, den man in seinem Leben unbedingt gesehen haben muss, aber es ist durchaus einer der besseren Filme, wie ich finde.

Ach ja, da war ja noch was. Was hat dies alles denn nun eigentlich mit Pädophilie und dem angeblichen Skandal zu tun? Nun ja, um es mit einem Wort zusammenzufassen: NICHTS!

Ja, der Film zeigt das Leben eines 11-jährigen Mädchens, die zusammen mit den gleichaltrigen Freundinnen eine Tanzchoreografie einstudiert. Aber, die Mädchen sind vom Körperschema her nicht mehr als vorpubertär zu bezeichnen und würden daher, wenn überhaupt hebephile und nicht pädophile Menschen ansprechen.

Ja, diese Tanzchoreografie und die verwendeten Outfits würden manchen Eltern möglicherweise einen Herzinfarkt bescheren. Doch ist dies ja nicht deswegen so gewählt worden, um die Zuschauer in Erregung zu versetzen, sondern es zeigt dadurch die grundsätzliche Problematik der heutigen Sexualisierung in den Medien, zum Beispiel in modernen Musikvideos. Dies hat dann natürlich eine Vorbildfunktion für Heranwachsende, sodass sie dies nachahmen werden, um - wo wir bei einem weiteren Problem unserer Zeit wären - massenhaft Likes und positive Kommentare in den sozialen Medien zu erhalten. Ich denke, man muss sich nur einmal 15 Minuten lang durch YouTube, Instagram oder TikTok wühlen, um zu sehen, dass dieses Verhalten auch für Mädchen in diesem Alter heutzutage bereits „normal“ ist. Ob das nun „gut“ oder „richtig“ ist, sei einmal vollkommen offen hingestellt, aber es ist eben nichts, was in diesem Film übertrieben dargestellt oder gar verherrlicht wird, sondern ganz im Gegenteil eher als Fingerzeig zu verstehen ist, dass man darüber vielleicht ein wenig nachdenken sollte. Meiner Meinung wird durch die Szene der Finalrunde des Tanzwettbewerbs deutlich gezeigt, dass das Publikum dann eben keine Akzeptanz für diese Art Darbietung von Mädchen in diesem Alter zeigt und es dann eben vielleicht doch nicht so erstrebenswert ist, sich so zu präsentieren.

Wenn man sich jetzt jedoch hinstellt und behauptet, der Film würde Menschen dazu ermutigen, sexuellen Kontakt zu Mädchen in diesem Alter herzustellen, weil sie sich so aufreizend kleiden und bewegen, sind das vermutlich auch diese Menschen, die später einmal behaupten „Die Frau hat sich doch so sexy angezogen, sie wollte doch den Sex mit mir haben!“. Das sind meiner Meinung nach völlig verquere Gedankenmuster und entlarven, wie ich finde, die Kritiker, dass sie den Film und die aufgezeigten Verhalten nicht wirklich verstanden haben und/oder eine sehr seltsame Weltanschauung besitzen.

Also, wieso dann überhaupt diese ganze Aufregung?

Für mich ergeben sich eigentlich nur zwei Erklärungen, wieso dies angeblich alles so skandalös sein soll:

  1. Der Film wurde nicht gesehen oder nicht verstanden. Es wurde nur wahrgenommen, dass in dem Film „halb nackte Kinder die Sexbewegungen nachstellen“ zu sehen sind, also muss durch den Film ja Missbrauch an Kindern gefördert werden, in dem pädophile Menschen dazu animiert werden (die, wie bereits erwähnt, im Normalfall aber überhaupt kein Interesse an den Protagonisten haben - aber das spielt ja keine Rolle). Bei dieser Logik frage ich mich allerdings auch ein wenig provokant, wie exorbitant hoch die Zunahme von Vergewaltigungen sein muss, seitdem es in Musik-Videos „in“ ist, lasziv rekelnd in „Unterwäsche“ aufzutreten und eben dieselben „Sexbewegungen“ zu zeigen, da dies dann ja doch eigentlich auch alle Hetero-Männer vollkommen willenlos machen muss?!
  2. Es wird durch die Art und Weise der Kritik bewusst versucht, einen moralischen "Wunschstaat" zu erschaffen, wie es ja auch manche Kräfte in den USA versuchen zu erreichen. Sexualität ist grundsätzlich etwas Böses und darf nur innerhalb der Ehe einmal im Jahr im Zuge der Fortpflanzung und nur bei ausgeschaltetem Licht geschehen, die Frau gehört zu Hause hinter den Herd, homosexuelle Menschen sind Abschaum und sollten aus der Gesellschaft ausgestoßen werden.

Und Pädophile? Na ja, pädophile Menschen haben da natürlich überhaupt keine Existenzberechtigung und man muss auf „Teufel komm raus“ gegen sie hetzen, wo man nur kann, damit der Hass und Engstirnigkeit idealweise auf jeden anderen Menschen übergeht. Hierzu ist dann natürlich jedes Mittel recht, selbst wenn man hier einen Film instrumentalisiert, der meiner Meinung nach zurecht von Kritikern hochgelobt wurde.

Vielleicht wurden die Kritiker auch dadurch getriggert, dass im Film in einer Szene sogar tatsächlich die Wörter „pädophil“ und „Pädophiler“ verwendet werden. Allerdings ohne wirklichen Bezug zu der Thematik, lediglich als Drohung der Mädchen Wachpersonal gegenüber, um sich vor einer drohenden Strafe zu schützen.

Ach ja, und sollte noch jemand versuchen mit dem Argument zu kommen, dass der Film ja trotzdem einen schlechten Einfluss auf Mädchen in diesem Alter haben könnte, dem muss ich „leider“ mitteilen, dass der Film eine Altersfreigabe von 16 Jahren hat, dieses Argument daher auch nicht zählt.

Abschließend möchte ich nur noch sagen, dass hoffentlich noch sehr viele Menschen sich diesen Film ansehen werden und sich nicht von der vollkommen unpassenden Kritik abschrecken oder gar anstecken lassen. Gerade die jungen Schauspielerinnen, die meiner Meinung nach einen hervorragenden Job gemacht haben, haben es verdient, dass der Film auch entsprechend gesehen und gewürdigt wird. Natürlich erfordert ein Film wie dieser einen offene Geist und eine gewisse Intelligenz, doch noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass dies bei durchaus vielen Menschen vorhanden ist.

2 Kommentare

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Regenbogenfisch

Natürlich erfordert ein Film wie dieser einen offene Geist und eine gewisse Intelligenz, doch noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass dies bei durchaus vielen Menschen vorhanden ist.

Du bist aber optimistisch! ^^ Wenn ich sehe, wie viele Leute jeden Schund nachplappern, den sie irgendwo mal aufgeschnappt haben - z.B. dass dieser Film Missbrauch verherrlichen soll - ohne das im Geringsten zu hinterfragen, bin ich mir da nicht so sicher.

Ansonsten eine interessante, lesenswerte Kritik!

Schneeschnuppe

Der Skandal wurde durch das Poster getriggert, das Netflix für die Veröffentlichung gewählt hat.

Das Originalkinoposter ist unverdächtig. Ein paar Mädchen, die mit Tüten vom Shopping zurückkommen. Auf dem Netflix-Poster posieren die Mädchen in leichter Tanzbekleidung, die viel nackte Haut zeigt.

Das Bild könnte, wenn man es bei einem Pädophilen oder Hebephilen findet zu Diskussionen wegen Kinderpornographie führen, denn seit 2015 reicht dafür die "Wiedergabe eines ganz oder teilweise unbekleideten Kindes in unnatürlich geschlechtsbetonter Körperhaltung". Ganz unbekleidet sind die Mädchen freilich nicht. Aber man sieht im Bereich Oberschenkel und Bauch nackte Haut. Reicht. Auch die Körperhaltung kann man unnatürlich geschlechtsbetont finden, wenn man es möchte.

Da es sich um das Plakat zu einem preisgekrönten Kinofilm handelt dürfte niemand ein Problem bekommen. Wenn die selben Aufnahmen privat in irgend einem Keller entstanden wären aber schon.

Letztlich eifern die Mädchen mit ihren Posen Musikvideos etc nach, die geschlechtbetont und provokant einsetzen, um die Klick- bzw. Verkaufszahlen zu erhöhen. Wenn sich die Sexualisierung durch die ganze Gesellschaft zieht, muss man sich nciht wundern, wenn sich Kinder sexualisiert darstellen, die als erwachsen wahrgenommen werden wollen und denen es damit gar nicht schnell genug gehen kann oder die eben auch viele Klicks und Likes bekommen möchten. Das ist ja - wie von Autor des Artikels beschrieben - gerade ein gesellschaftskritischer Aspekt des Films.

In der Werbewelt wird oft provoziert. Provokation bringt Aufmerksamkeit und wer etwas verkaufen will muss erst einmal wahrgenommen werden. Benneton hat jahrelang auf Provokationswerbung gesetzt. Die Provokation geht aber immer wieder auch nach hinten los und wird dann neuerdings verstärkt mit dem Mittel der "cancel culture" bestraft. So erging es hier Netflix.

Der Vorfall ist eigentlich ein Werbeskandal, keine Pädophilieskandal. Den Film selbst betrifft er im Grunde nicht, er wird nur auf ihn übertragen. Wer den Skandal beim Film ansiedelt, hat den Film nicht gesehen, sondern nur das Netflix Poster - oder nicht einmal das, sondern nur von Hörensagen, dass es angeblichen einen bösen, Pädophilie-verherrlichenden, Kinder sexualisierenden Film gäbe.

Für den Schuldigen (=> Netflix) ist das günstig. Dort tut man so als wäre man nur zufällig in der Schusslinie. Wenn sich die Wellen geglättet haben, macht man dann wieder ungeniert weiter Werbung. Bis man (vielleicht) wieder auf die Schnauze fällt.

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