Dieser Text wurde ursprünglich am 18. März 2021 von Niv auf kinder-im-herzen.net veröffentlicht.
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"Das fremde Kind" - eine Fabel

In einem kühlen Frühlingsmonat wird auf einem Bauernhof ein rot getigertes Kätzchen geboren. Zusammen mit seiner Mutter und den Geschwistern lebt es im Stroh in der Scheune, wo es warm und geborgen ist. Eines Tages ist das Katzenjunge dem vielen Spielen mit seinen Geschwistern überdrüssig und so tapst es heimlich aus der Scheune, um die Welt darum herum zu entdecken. Das Katzenkind begegnet einem wunderschönen Schmetterling, dem es folgt, und ein paar Blätter die es versucht zu fangen. Als sich die Sonne schon dem Horizont zuneigt wird das Kätzchen müde und sehnt sich wieder nach der Nähe und der Milch seiner Mutter. Aber als die kleine Katze sich umsieht muss sie festellen, dass sie den Bauernhof mit den Schafen und dem roten Scheunentor aus den Augen verloren hat. Verängstigt irrt das Kätzchen also umher, um den Weg zurück zu seiner Mutter zu finden. Die Pfoten des kleinen Tieres führen es dabei tief in einen Wald.

Vor einem Erdloch sinkt es erschöpft zusammen. Da streckt ein Fuchspapa seinen Kopf aus dem Erdloch, der seine Neugeborenen und deren Mutter in ihrem Bau bewacht. "Nanu?" wundert er sich. "Was macht denn ein so junges Katzenkind hier, tief im Wald?" "Hast du meine Mama gesehen?" maunzt das Kätzchen kläglich. Der Fuchs schüttelt seinen Kopf. "Ich habe Angst und mir ist fürchterlich kalt." klagt das Kätzen weiter. Da werfen sich die Fuchseltern bedrückte Blicke zu. "Also gut. " spricht die Fuchsmutter. "Diese Nacht darfst du dich bei mir wärmen. Aber morgen musst du weiter ziehen." Dankbar tappst das Kätzchen in den Fuchsbau und kuschelt sich in das weiche Bauchfell, welches weiß ist wie seine Mutter.

Bei Tagesanbruch zieht das Kätzchen orientierungslos weiter. Da entdeckt es plötzlich einen zerzausten Wolf, der einsam seiner Wege geht. Erschrocken versteckt sich das kleine Tier hinter einem Stamm, aber es war nicht schnell genug. "Nanu?" wundert sich der Wolf, als er näher tritt. "Was macht denn ein so junges Katzenkind hier, tief im Wald?" "Ich habe meine Mama verloren." maunzt das Kätzchen ängstlich. "Wir leben in der Scheune eines Bauernhofs, aber ich habe mich verlaufen." "Der Bauernhof mit den Schafen und der roten Scheunentür?" erkundigt sich der Wolf. "Ich weiß, wo das ist. Folge mir, dann bringe ich dich nach hause." Dankbar tapst das Kätzchen dem Wolf also hinterher. So streifen sie über Felder mit hohem Gras und über schmale Pfade zwischen dichtem Unterholz. Der Wolf geht sehr gemächlich voraus, damit das Katzenkind mit ihm mithalten kann. Als sie die Silouetten des Bauernhofs schon sehen können, bleibt der Wolf stehen. "Den Rest musst du allein gehen. Ich traue den Menschen nicht."

So bedankt sich das Kätzchen und tapst voller Freude hinüber zur Scheune. Dort entdeckt es auch schon seine Mutter und die Geschwister, die faul in der Sonne liegen. Aber als sich das Katzenkind nähert, springt die Mutter erschrocken auf. "Fuchs!" faucht sie und baut sich schützend vor ihren Jungen auf. "Ich bin es doch, Mama, ich habe mich nur verlaufen!" klagt das Kätzchen traurig. Aber die Katzenmutter erkennt ihr Kleines nicht wieder. "Du riechst nicht nach mir, du riechst nach Fuchs!" faucht sie nur. "Ich hasse Füchse." Eilig sammelt sie ihre Kinder ein und verschwindet in der Scheune. Das rot getigerte Katzenkind lässt sie völlig erschüttert zurück. Lange bleibt es vor der Scheune sitzen, aber die Mutter kommt nicht mehr hinaus. Da tappt es weinend in den Wald zurück. "Ich brauche doch eine Mama." denkt es sich. "Vielleicht nehmen mich die Füchse auf. Schließlich habe ich auch ein rotes Fell und einen weißen Bauch."

Mit einem Fünkchen Hoffnung wandert das Katzenkind den ganzen Weg bis zum Fuchsbau zurück. Als es davor stehen bleibt, streckt wieder der Fuchspapa seinen Kopf hinaus. "Katzenkind! Wenn du deine Mutter suchst, bist du im Kreis gelaufen." begrüßt er es. Da sieht er die Tränen in den Katzenaugen. "Meine Mama hat mich verstoßen, weil ich nach Fuchs rieche. Könnt ihr meine neuen Elten sein?" maunzt es kläglich. Die Fuchseltern sehen sich bedrückt an. "Wir können nur für unsere eigenen Kinder sorgen." erklärt die Mutter. "In unserem Bau ist es so schon fast zu eng." ergänzt der Vater. "Die Liebe und Fürsorge die du brauchst können wir dir nicht geben. Wir fangen dir eine Maus, aber dann musst du weiter ziehen. Gib nicht auf, kleines Tigerkätzchen."

Gesättigt, aber demprimiert zieht das Katzenkind weiter. Getrieben von seinem Durst, nähert es sich einem See. Da entdeckt das Kätzchen zwei Erpel, die gemächlich am Ufer entlang schwimmen. Ihnen folgen sieben fröhlich schnatternde Küken. Sie sind schwarz und sehen ganz anders aus als die Erpel. "Hallo liebe Enten." grüßt das Kätzchen höflich. "Sind das eure Kinder?" "Aber ja" schnattern die Erpel. "Als der Winter weiter gezogen ist, haben wir ein verlassenes Nest gefunden. Drei Tage und drei Nächte haben wir die Eier gewärmt und darauf gewartet, dass ihre Eltern zurück kommen. Aber das ist nicht geschehen. Also haben wir sie mitgenommen und selbst ausgebrütet. Jetzt sind sie unsere Kinder." "Oh, das ist aber schön." freut sich das Kätzchen und ergreift etwas Hoffnung. "Meine Mama hat mich verstoßen. Kann ich auch euer Kind sein?" Die Entenväter werfen sich einen bedrückten Blick zu. "Aber wir haben dich doch gar nicht ausgebrütet." Argumentiert der eine. "Wir haben so schon genug Schnäbel zu füttern." Quakt der andere. "Außerdem kannst du weder Fliegen noch schwimmen. Die Liebe und Fürsorge die du brauchst, können wir dir nicht geben. Wir fangen dir einen Fisch, aber dann musst du weiterziehen. Gib nicht auf, kleines Tigerkätzchen."

Niedergeschlagen verabschiedet sich das Kätzchen von den Erpeln und zieht weiter. Als es hungrig wird, frisst es den Fisch und übernachtet in einer feuchten Wurzelhöhle. Nach einer weiteren, langen Wanderung erreicht das Katzenkind ein fremdes Dorf. Dort entdeckt es einen feinen Kater, der auf einem Zaun hockt und sein glänzendes Fell pflegt. "Nanu, was macht so ein junges Katzenkind in meinem Territorium?" wundert er sich. "Ich habe meine Mama verloren." maunzt das Kätzchen erschöpft. "Willst du mein Papa sein?" Aber der Kater reckt nur sein Kinn. "Du bist nur irgendein Kätzchen, nicht mein Kind. Warum sollte ich meine Zeit für dich opfern und meine Beute mit dir teilen? Dich kann ich nicht lieben und umsorgen. Und nun raus aus meinem Revier!"

Hoffnungslos macht das Tigerkätzchen kehrt und tappt in den Wald zurück, wo es sich kraftlos auf dem nadeligen Boden einrollt und weint. Doch plötzlich hört es eine bekannte Stimme. "Nanu? Hast du dich schon wieder verlaufen, kleines Katzenkind?" es ist der zerzauste Wolf. "Meine Mama hat mich verstoßen, weil ich nach Fuchs rieche." erklärt das Kätzchen schwach. "Die Fuchseltern haben nicht genug Platz für mich in ihrem Bau. Die Erpel wollen mich nicht, weil sie mich nicht ausgebrütet haben. Und der Kater sieht keinen Grund, sich um mich zu sorgen. Ich bin so allein. Ich brauche doch ein Familie." "Ja, das brauchst du. Komm mit mir. Ich helfe dir, eine neue Familie zu finden." verspricht er.

Also folgt das Kätzchen dem zerzausten Wolf. Nachts wärmt er das Kätzchen, morgens teilt er seine Beute mit ihm und tagsüber ziehen sie durch das ganze Land und fragen alle Tiereltern, ob sie das Kätzchen aufnehmen wollen. Aber niemand will sich um das Katzenkind sorgen. Viele Tiere laufen sogar fort, bevor die kleine Katze fragen kann, weil sie nun nach Wolf riecht.

So ziehen die Wochen ins Land. Eines Abends fängt das Kätzchen wieder zu weinen an. "Keine Familie wird mich aufnehmen, oder?" fragt es den Wolf. "Wir geben nicht auf zu suchen." grummelt dieser und putzt das Katzenkind tröstend. "Warum hast du eigentlich keine Familie?" fragt es da. "Als ich zu alt wurde, musste ich das Revier meiner Eltern verlassen. Sie wollten dass ich eine Wölfin finde und mein eigenes Rudel gründe. Aber ich konnte keine Wölfin lieben, so schön sie auch waren." "Dann sind wir beide einsam." maunzt das Kätzchen.

Der Wolf hält sein Versprechen und so ziehen sie immer weiter durch die Wälder. Eines Tages stoßen sie auf eine Jagdhütte. Mit großen Abstand bleibt der Wolf davor stehen, aber das Kätzchen möchte näher heran gehen. "Ich traue den Menschen nicht. Sie mögen mich nicht." erklärt der Wolf. "Aber es riecht dort so lecker!" maunzt das Kätzchen. Leise schleicht es sich an die Jagdhütte heran. Neben der Türschwelle findet es eine Schale voll herrlich duftendem Katzenfutter. Gierig macht das Junge sich darüber her. Als sich plötzlich die Tür öffnet, will es die Flucht ergreifen, denn es fühlt sich des Diebstahls schuldig. Aber der Menschenmann hält das Katzenkind mit seinen warmen Händen auf. "Warte Kätzchen! Du bist viel zu jung um ohne Mutter im Wald zu leben. Bleib hier, du sollst stets das leckerste Futter bekommen und einen warmen Platz am Kamin." Das Kätzchen reckt sein Köpfchen, um sich streicheln zu lassen. Als der Mann sich wieder aufrichtet, wirft die junge Katze noch einen traurigen Blick hinüber zum Wolf und folgt dem Mann in seine Hütte.

Der Wolf in der Ferne sieht zu und versucht sich zu freuen, dass das verstoßene Kind endlich ein Zuhause gefunden hat. Aber eigentlich zerreißt es dem zerzausten Streuner das Herz. Die ganze Nacht streift er um die Jagdthütte, denn ohne das warme Kätzchen an seiner Brust findet er keinen Schlaf mehr. Als der Morgen graut, entdeckt er eine Frau, die sich der Jagdhütte nähert. Sie trägt einen gar edlen Mantel aus rot-getigertem Katzenpelz. Nur eine passende Fellmütze fehlt ihr noch. Da stößt der Wolf sein fürchterlichstes Brüllen aus und stürzt durch die splitternde Fensterscheibe in die Jagdhütte. Er schnappt sich das Kätzchen, welches reglos auf dem Holztisch liegt und flieht. Mit blutigem Fell und dem Katzenkind in seinen Fängen hetzt er durch den Wald und rennt um ihr Leben. Erst als sie das Gebiet des Jägers längst hinter sich gelassen haben, bricht er kraftlos im Unterholz zusammen. Dort hält er das verängstigte Kätzchen an sich. "Du kannst niemandem trauen." winselt er. "Niemand hat ein Herz für ein fremdes Kind. Nicht einmal ich könnte dir ein Vater sein. Aber, kleines Tigerkätzchen, ich habe mich aus ganzem Herzen in dich verliebt. Bleib bei mir und ich werde dir alles geben was du brauchst!"